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Marielle_liest

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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 19.08.2026

Starke Frauen

Wachs
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Marie braucht Leichen. Sie will nämlich der beste Anatom von Paris werden - gendern findet sie nicht nötig, denn sie will auch besser sein als alle Männer auf diesem Gebiet. Madeleine hat als Zeichnerin ...

Marie braucht Leichen. Sie will nämlich der beste Anatom von Paris werden - gendern findet sie nicht nötig, denn sie will auch besser sein als alle Männer auf diesem Gebiet. Madeleine hat als Zeichnerin der Botanik bereits alles erreicht. Sie zeichnet im Jardin du Roi, im Königlichen Garten, und hat die männliche Konkurrenz längst hinter sich gelassen.

Wir begleiten die beiden Frauen vom Anfang des 18. Jahrhunderts bis mitten in die Französische Revolution auf ihrem Lebensweg.

🌿

Die beiden Frauen Marie Marguerite Bihéron und Madeleine Françoise Basseporte erwachen in diesem historischen Roman zum Leben. Sie führen eine queere Liebesbeziehung und sind ihrer Zeit weit voraus. Ich finde es grandios, dass es einen wahren Hintergrund dieser Geschichte gibt. Und auch wenn die Autorin angibt, dass große Teile erfunden sind, macht es mir beim Lesen eine riesige Freude, zu spekulieren, was vielleicht doch auf diese oder jene Weise passiert sein könnte.

Der Sprachstil ist passend zum zeitlichen Bezug gewählt und wunderbar morbide. Auch das französische Flair im Zeitalter der Aufklärung sowie die stark beschriebenen Sinneseindrücke geben mir „Das Parfum“-Vibes - was ebenfalls Anfang des 18. Jahrhunderts spielt. Christine Wunnicke würzt alles noch mit subtilem Humor und unbeirrbarem Feminismus.

Ich finde zudem, dass Maries Zieh-Enkel Edmé die Handlung sehr bereichert. Über ihn musste ich immer wieder schmunzeln und er hat mich an mehreren Stellen überrascht. Da ist die Bezeichnung „Nichtsnutz“ auf dem Klappentext doch ein bisschen fies.

Die Kapitel springen kreuz und quer durchs 18. Jahrhundert, lassen sich aber nach ein paar Absätzen durch Jahreszahlen oder geschichtliche Ereignisse schnell zuordnen.

Ingesamt bin ich rundum begeistert. Ich könnte mir den Roman durch seine so aktuellen Themen und seinen gleichzeitig historischen Hintergrund ganz prima auch im Deutschunterricht vorstellen. Habe ich so gern gelesen und werde es im Regel neben „Das Parfum“ stellen. 🖤

Veröffentlicht am 13.08.2026

Kammerspiel zwischen Mittsommer-Flair, Sehnsucht, Freundschaft und Liebe 🇩🇰🍋‍🟩

Fast Abend, immer noch hell
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Sylvia, Kvæde, Gyr, Esben und Karen sind Freundinnen seit der Uni. Doch die Zeit und das Leben hat die fünf voneinander entfernt - wie es eben so ist - trotzdem ein bisschen ungleichmäßig, manche von ihnen ...

Sylvia, Kvæde, Gyr, Esben und Karen sind Freundinnen seit der Uni. Doch die Zeit und das Leben hat die fünf voneinander entfernt - wie es eben so ist - trotzdem ein bisschen ungleichmäßig, manche von ihnen sind sich immer noch sehr nah, andere weniger. Dazu kommt Charlie, Sylvias Partnerin und Adam, Gyrs Partner, die gemeinsam zwei Kinder haben.


Fast wie früher verbringen sie nun alle zusammen eine Woche in einem Ferienhaus am See. Der dänische Mittsommer ist omnipräsent, was für ein Sommernachtstraum, was für ein Skandi-Flair, was für ein Lifestyle. Und alle sind so instagramable, so attraktiv und so zufrieden mit sich selbst.


Doch dann schauen wir nacheinander in alle Köpfe, in alle Seelen und stellen fest, dass vieles außen glänzt und innen bröckelt. Die Wünsche und Lebenskonzepte der einzelnen passend gar nicht so sehr zu denen der anderen. In den Beziehungen steckt viel mehr Reibung, als wir von außen betrachtet vermuten.


Ich mochte die sorgfältig entwickelten Figuren sehr. Der Roman ist ein Kammerspiel. Alles spielt sich zwischen Ferienhaus und See ab, in märchenhafter Kulisse. Doch da sind Abgründe, tabulose Gedanken, ganz viel Leidenschaft und Sehnsucht. Zwischen teigig tropfenden Holunderblüten und zerquetschtem Pfirsich wanken die Freund
innen verführerisch und sinnlich aufeinander zu. Platonisch oder intim, wer weiß das schon? Und dann muss nur noch entschieden werden, was davon Träumerei bleibt, was man sich selbst wünscht und was man bereit ist, dafür aufzugeben.


Große Empfehlung für alle, die gerne über komplizierte Beziehungen lesen, die sich Gedanken machen über das innerste Verlangen und den Unterschied zw. Freundschaft, Sexualität und Liebe. Es ist so spannend, wie viele verschiedene Lebensmodelle existieren und wie diese zueinander passen oder eben nicht.

Veröffentlicht am 04.01.2026

Kindheit im Krieg

Radio Sarajevo
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Es ist einfach alles genauso passiert, wie Tijan Sila es in „Radio Sarajevo“ erzählt. 1992 beginnt der Bosnienkrieg und Tijan ist zehn Jahre alt. Gemeinsam mit seinem kleinen Bruder und den anderen Kindern ...

Es ist einfach alles genauso passiert, wie Tijan Sila es in „Radio Sarajevo“ erzählt. 1992 beginnt der Bosnienkrieg und Tijan ist zehn Jahre alt. Gemeinsam mit seinem kleinen Bruder und den anderen Kindern des Mehrfamilienhauses schläft er nachts zwischen den Keller-Verschlägen, während die Wände von einschlagenden Granaten beben.

Wochen, Monate und Jahre vergehen - Tijan, seine Familie, seine Freunde, seine Heimat durchleben den Krieg. Bis sie schließlich nach Deutschland fliehen.

Was ich nicht begreifen kann: Es ist alles genauso passiert. Es ist unbegreiflich.

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Manche Passagen sind so schlimm, dass man es kaum ertragen kann. Auf 208 Seiten rauschen wir durch knapp zwei Jahre Kindheit, die nicht Kindheit genannt werden können. Wirklich schonungslos erleben wir mit, was Tijan zu dieser Zeit im Bosnienkrieg aushalten muss.

(Das sage ich so daher als Person, die niemals einen Krieg erleben musste. Denn ich kann mir denken, dass wir Lesenden vielleicht doch geschont werden - dass die ganz schlimmen Passagen vielleicht gar nicht abgedruckt sind.)

Lesen kann ich diese Geschichte überhaupt nur, weil Tijan seinen Humor irgendwie behalten, retten konnte. Es ist beeindruckend und beruhigend zugleich, dass eine Kinderstimme erklingt und mir die Geschichte vorliest. Vielleicht wäre es eben doch zu schlimm, wenn ich es alleine lesen müsste.

Tröstend möchte ich noch ergänzen, was Thea Dorn auf dem Klappentext sagt. Denn wie schön ist es, dass es Tijan gibt und dass er uns von seinem Leben erzählen kann, dass er diesen Horror überlebt hat, dass er uns warnen kann, dass er mahnen und erinnern kann, dass er uns vor dem Vergessen bewahrt.

Es ist alles genauso passiert, ich kann das nicht begreifen.

Ganz große Leseempfehlung. Es ist schlimm, aber da müssen wir durch. Es ist wichtig - und unbegreiflich.

Veröffentlicht am 04.01.2026

Wenn es anfängt zu brennen...

Am Samstag gehen die Mädchen in den Wald und jagen Sachen in die Luft
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Wir reisen in diesem Roman in die Zukunft und lernen Era kennen, die ausgestorbene Vogelarten dokumentiert und gemeinsam mit ihrer Mutter in einem Tiny House lebt. Sie stößt in einem Stream auf die Schwestern ...

Wir reisen in diesem Roman in die Zukunft und lernen Era kennen, die ausgestorbene Vogelarten dokumentiert und gemeinsam mit ihrer Mutter in einem Tiny House lebt. Sie stößt in einem Stream auf die Schwestern Maja und Merle, die Festplatten in die Luft jagen, um ihre eigenen Aufzeichnungen zu zerstören - denn ihre Mütter sind Momfluencerinnen, die jeden Schritt ihrer Töchter für alle Menschen zugänglich machten.

Als die Waldbrände unbeherrschbar werden und die Mädchen herausfinden, dass es nicht ausreicht, Sachen in die Luft zu jagen, gerät die Welt aus den Fugen.

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Da habe ich im Dezember noch ein Jahreshighlight gelesen, das mich mit ganz viel Schrecken, aber auch mit einem wundervollen Mädchen in den Bann gezogen hat.

Es handelt sich bei diesem Roman um eine Dystopie, die aber so furchtbar realistisch erscheint, dass ich mir einfach nur wünsche, alle Menschen würden diese 208 Seiten lesen. Es sind zwischen den Zeilen so viele Lehren enthalten, so viele Ratschläge und Tipps und so viele Wünsche, die Welt doch noch retten zu können. Ich war beim Lesen häufig sehr ergriffen, obwohl alles sehr sachlich geschildert ist - ohne den erhobenen Zeigefinger.

Die Welt ist einfach am A**** und das ist eine Tatsache - zumindest irgendwann in der Zukunft - in ein paar Jahren/Jahrzehnten? Und die Menschen müssen damit leben, was sie angerichtet haben. Auch wenn die Folgen so dramatisch sind, dass es fast unvorstellbar scheint. Auch die Beziehung der Mädchen untereinander ist spannend zu verfolgen und auch welche individuellen Probleme jede Einzelne zu lösen versucht. Ich habe Era sehr gemocht und bewundere sie dafür, was sie alles dafür tut, um das Erbe der Natur zu bewahren.

Lasst uns diesen Roman bitte als allerallerletzten Warnschuss verstehen und dann lasst uns verdammt nochmal diesen Planeten retten!

Ganz ganz große Leseempfehlung.

Veröffentlicht am 04.01.2026

Insomnia

Striker
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I can’t get no sleep

Je länger sie in der U-Bahn sitzt, desto mehr verändern sich Ns Mitfahrende - von reich zu arm oder umgekehrt innerhalb von fünf Stadtteilen, je nachdem, in welche Richtung sie fährt.

N ...

I can’t get no sleep

Je länger sie in der U-Bahn sitzt, desto mehr verändern sich Ns Mitfahrende - von reich zu arm oder umgekehrt innerhalb von fünf Stadtteilen, je nachdem, in welche Richtung sie fährt.

N ist Kampfsportlerin und Trainerin, knapp unter 30 und bereitet sich auf einen Kampf gegen ihre Angstgegnerin vor.

Erst verwaschen, dann immer klarer kritzelt sich Striker mit gigantischen Zeichen an der Hausfassade in ihr Leben - gefolgt von Ivy, die mit ihrem Hab und Gut beinahe Ns Tür einrennt. Wie und ob das alles zusammenhängt, erfahren wir in Helene Hegemanns neuem Roman.

💤

But there′s no release, no peace

Eine so große Angst im Inneren zu fühlen, dass die Welt mitten in der Nacht in Berlins Problembezirk sicherer erscheint. Das klingt zunächst absurd, doch wenn wir ganz tief in uns hineinhorchen, in die dunkelsten Nischen lauschen, dann ging es uns vielleicht selbst schon einmal so.

Auf eine drängende und umklammernde Weise können wir spüren, wie es N ergeht, wenn sie die Schritte vom Dachboden hört, wenn sie das Geheimnis der Zeichen lüftet, wenn sie sich davor fürchtet, dass Ivy in ihre Wohnung eindringt, wenn sie den Schrecken im Flur zurücklässt und stattdessen in ihr eigenes Spiegelbild blickt und wenn sie ihren Schlaf gegen die kalte Nacht auf der Straße eintauscht.

Insomnia

„Striker“ ist auf eine sehr körperliche Weise emotional geschrieben und spielt ganz bewusst mit Ekel, Grenzerfahrungen und deren Überschreitung. Während der Lektüre fühlt man sich selbst irgendwie gehetzt und verfolgt. Zwischen den Zeilen lichtet sich mit der Zeit das ein oder andere Geheimnis, aber manches bleibt verborgen.

Für mich war es eine geniale und außergewöhnliche Leseerfahrung, die mit Tabus bricht, vorschnelle Rückschlüsse ausräumt und Klassenunterschiede deplatziert. Große Empfehlung!