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Marielle_liest

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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 04.01.2026

Kindheit im Krieg

Radio Sarajevo
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Es ist einfach alles genauso passiert, wie Tijan Sila es in „Radio Sarajevo“ erzählt. 1992 beginnt der Bosnienkrieg und Tijan ist zehn Jahre alt. Gemeinsam mit seinem kleinen Bruder und den anderen Kindern ...

Es ist einfach alles genauso passiert, wie Tijan Sila es in „Radio Sarajevo“ erzählt. 1992 beginnt der Bosnienkrieg und Tijan ist zehn Jahre alt. Gemeinsam mit seinem kleinen Bruder und den anderen Kindern des Mehrfamilienhauses schläft er nachts zwischen den Keller-Verschlägen, während die Wände von einschlagenden Granaten beben.

Wochen, Monate und Jahre vergehen - Tijan, seine Familie, seine Freunde, seine Heimat durchleben den Krieg. Bis sie schließlich nach Deutschland fliehen.

Was ich nicht begreifen kann: Es ist alles genauso passiert. Es ist unbegreiflich.

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Manche Passagen sind so schlimm, dass man es kaum ertragen kann. Auf 208 Seiten rauschen wir durch knapp zwei Jahre Kindheit, die nicht Kindheit genannt werden können. Wirklich schonungslos erleben wir mit, was Tijan zu dieser Zeit im Bosnienkrieg aushalten muss.

(Das sage ich so daher als Person, die niemals einen Krieg erleben musste. Denn ich kann mir denken, dass wir Lesenden vielleicht doch geschont werden - dass die ganz schlimmen Passagen vielleicht gar nicht abgedruckt sind.)

Lesen kann ich diese Geschichte überhaupt nur, weil Tijan seinen Humor irgendwie behalten, retten konnte. Es ist beeindruckend und beruhigend zugleich, dass eine Kinderstimme erklingt und mir die Geschichte vorliest. Vielleicht wäre es eben doch zu schlimm, wenn ich es alleine lesen müsste.

Tröstend möchte ich noch ergänzen, was Thea Dorn auf dem Klappentext sagt. Denn wie schön ist es, dass es Tijan gibt und dass er uns von seinem Leben erzählen kann, dass er diesen Horror überlebt hat, dass er uns warnen kann, dass er mahnen und erinnern kann, dass er uns vor dem Vergessen bewahrt.

Es ist alles genauso passiert, ich kann das nicht begreifen.

Ganz große Leseempfehlung. Es ist schlimm, aber da müssen wir durch. Es ist wichtig - und unbegreiflich.

Veröffentlicht am 04.01.2026

Wenn es anfängt zu brennen...

Am Samstag gehen die Mädchen in den Wald und jagen Sachen in die Luft
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Wir reisen in diesem Roman in die Zukunft und lernen Era kennen, die ausgestorbene Vogelarten dokumentiert und gemeinsam mit ihrer Mutter in einem Tiny House lebt. Sie stößt in einem Stream auf die Schwestern ...

Wir reisen in diesem Roman in die Zukunft und lernen Era kennen, die ausgestorbene Vogelarten dokumentiert und gemeinsam mit ihrer Mutter in einem Tiny House lebt. Sie stößt in einem Stream auf die Schwestern Maja und Merle, die Festplatten in die Luft jagen, um ihre eigenen Aufzeichnungen zu zerstören - denn ihre Mütter sind Momfluencerinnen, die jeden Schritt ihrer Töchter für alle Menschen zugänglich machten.

Als die Waldbrände unbeherrschbar werden und die Mädchen herausfinden, dass es nicht ausreicht, Sachen in die Luft zu jagen, gerät die Welt aus den Fugen.

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Da habe ich im Dezember noch ein Jahreshighlight gelesen, das mich mit ganz viel Schrecken, aber auch mit einem wundervollen Mädchen in den Bann gezogen hat.

Es handelt sich bei diesem Roman um eine Dystopie, die aber so furchtbar realistisch erscheint, dass ich mir einfach nur wünsche, alle Menschen würden diese 208 Seiten lesen. Es sind zwischen den Zeilen so viele Lehren enthalten, so viele Ratschläge und Tipps und so viele Wünsche, die Welt doch noch retten zu können. Ich war beim Lesen häufig sehr ergriffen, obwohl alles sehr sachlich geschildert ist - ohne den erhobenen Zeigefinger.

Die Welt ist einfach am A**** und das ist eine Tatsache - zumindest irgendwann in der Zukunft - in ein paar Jahren/Jahrzehnten? Und die Menschen müssen damit leben, was sie angerichtet haben. Auch wenn die Folgen so dramatisch sind, dass es fast unvorstellbar scheint. Auch die Beziehung der Mädchen untereinander ist spannend zu verfolgen und auch welche individuellen Probleme jede Einzelne zu lösen versucht. Ich habe Era sehr gemocht und bewundere sie dafür, was sie alles dafür tut, um das Erbe der Natur zu bewahren.

Lasst uns diesen Roman bitte als allerallerletzten Warnschuss verstehen und dann lasst uns verdammt nochmal diesen Planeten retten!

Ganz ganz große Leseempfehlung.

Veröffentlicht am 04.01.2026

Insomnia

Striker
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I can’t get no sleep

Je länger sie in der U-Bahn sitzt, desto mehr verändern sich Ns Mitfahrende - von reich zu arm oder umgekehrt innerhalb von fünf Stadtteilen, je nachdem, in welche Richtung sie fährt.

N ...

I can’t get no sleep

Je länger sie in der U-Bahn sitzt, desto mehr verändern sich Ns Mitfahrende - von reich zu arm oder umgekehrt innerhalb von fünf Stadtteilen, je nachdem, in welche Richtung sie fährt.

N ist Kampfsportlerin und Trainerin, knapp unter 30 und bereitet sich auf einen Kampf gegen ihre Angstgegnerin vor.

Erst verwaschen, dann immer klarer kritzelt sich Striker mit gigantischen Zeichen an der Hausfassade in ihr Leben - gefolgt von Ivy, die mit ihrem Hab und Gut beinahe Ns Tür einrennt. Wie und ob das alles zusammenhängt, erfahren wir in Helene Hegemanns neuem Roman.

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But there′s no release, no peace

Eine so große Angst im Inneren zu fühlen, dass die Welt mitten in der Nacht in Berlins Problembezirk sicherer erscheint. Das klingt zunächst absurd, doch wenn wir ganz tief in uns hineinhorchen, in die dunkelsten Nischen lauschen, dann ging es uns vielleicht selbst schon einmal so.

Auf eine drängende und umklammernde Weise können wir spüren, wie es N ergeht, wenn sie die Schritte vom Dachboden hört, wenn sie das Geheimnis der Zeichen lüftet, wenn sie sich davor fürchtet, dass Ivy in ihre Wohnung eindringt, wenn sie den Schrecken im Flur zurücklässt und stattdessen in ihr eigenes Spiegelbild blickt und wenn sie ihren Schlaf gegen die kalte Nacht auf der Straße eintauscht.

Insomnia

„Striker“ ist auf eine sehr körperliche Weise emotional geschrieben und spielt ganz bewusst mit Ekel, Grenzerfahrungen und deren Überschreitung. Während der Lektüre fühlt man sich selbst irgendwie gehetzt und verfolgt. Zwischen den Zeilen lichtet sich mit der Zeit das ein oder andere Geheimnis, aber manches bleibt verborgen.

Für mich war es eine geniale und außergewöhnliche Leseerfahrung, die mit Tabus bricht, vorschnelle Rückschlüsse ausräumt und Klassenunterschiede deplatziert. Große Empfehlung!

Veröffentlicht am 04.01.2026

Idylle pur - oder nicht?

Landleben
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Rivka und Esse ziehen aufs Land. Am Rand des Maisfelds liegt ihr neues Heim. Es gibt einen Garten mit einer schattenspendenden Platane und mit einem Gartenhaus. Während sich Rivka das Gartenhaus zum Schreiben ...

Rivka und Esse ziehen aufs Land. Am Rand des Maisfelds liegt ihr neues Heim. Es gibt einen Garten mit einer schattenspendenden Platane und mit einem Gartenhaus. Während sich Rivka das Gartenhaus zum Schreiben einrichtet, fühlt sich Esse bei der Gartenarbeit so wohl, als hätte sie nie etwas anderes gemacht. Schon bald wird die Idylle getrübt. Anfeindungen, ein Wanderweg, die unüberwindbare Schreibblockade, eine Psychaterin, die sich in die Beziehung drängt.

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Der Roman hat sich wunderbar in meine zappelige Gedankenwelt eingefügt. Völlig unerwartet ergaben sich neue Schauplätze, skurrile Charaktere tauchten auf. Situationen erforderten schnelles Handeln, wurden anschließend überdacht, neu beleuchtet, hinterfragt. Damit konnte ich mich super identifizieren.

Ein bisschen wuselig ist die Handlung also und super spontan. Und alles ist ausgekleidet mit Sarkasmus und ein bisschen Genugtuung - eben absolut menschlich.

Auch ernste Themen werden auf diese Weise enttabuisiert, was mir sehr gut gefallen hat. Die mentale Gesundheit spielt bei vielen verschiedenen Figuren eine Rolle, in völlig unterschiedlichen Ausprägungen. Die Autorin zeigt, wie wichtig es ist, sich damit zu beschäftigen und einen ganz individuellen Weg zu finden.

Vor dieser Herausforderung stehen auch die beiden Hauptcharaktere. Sowohl Rivka als auch Esse sind auf der Suche nach sich selbst, nach ihrem Glück und überaus sympathisch, ich habe beide sehr gemocht - gerade weil sie so gegensätzlich handeln, lieben, leiden.

Ich empfehle „Landleben“ sehr gerne, vor allem weil die Handlung so unvorhersehbar war. Viele Romane handeln von der Flucht aus der Stadt in die Natur - dieser gibt dem Thema mal eine völlig neue Facette. Wir dürfen miterleben, dass nicht jeder Mensch dafür geschaffen ist und dass es okay ist, zu scheitern.

Wer nach hübscher Landidylle sucht, ist mit diesem Roman vielleicht nicht ganz glücklich. Wer aber nach schonungsloser Ehrlichkeit und ganz viel Authentizität sucht, umso mehr. Ich fand‘s klasse!

Veröffentlicht am 16.08.2025

Von Abenteuern und beeindruckenden Begegnungen beim Weitwandern

Das ist kein Spaziergang
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Der Sultans Trail ist ein knapp 2.400 km langer Weitwanderweg von Wien nach Istanbul, der durch 8 Länder führt und im Gegensatz zum Jakobsweg sehr ursprünglich, wild und untouristisch ist. Was Martin ...

Der Sultans Trail ist ein knapp 2.400 km langer Weitwanderweg von Wien nach Istanbul, der durch 8 Länder führt und im Gegensatz zum Jakobsweg sehr ursprünglich, wild und untouristisch ist. Was Martin auf dieser Wanderung erlebt hat, warum er überhaupt aufgebrochen ist und ob er seine Wandergebote einhalten konnte, erfahren wir im Buch „Das ist kein Spaziergang“.

☾⋆。𖦹 °✩

Besonders stark zu fühlen, ist für mich manchmal ein Fluch aber in anderen Momenten ein Segen. Denn vielleicht ist es nur deshalb für mich möglich, ein spannendes Buch zu lesen über eine Reise einer mir unbekannten Person und dabei jede Begegnung, jede Strapaze, jeden Moment der Angst, des Muts und der Euphorie auf diese Weise mitzuerleben - und ganz zum Schluss mit fließenden Tränen die letzten Schritte mitzugehen.

Danke Martin, dass du mich auf deine Reise mitgenommen hast. Nicht jedes Buch erreicht mich so, aber dein Weltbild entspricht meinem und so viele Momente auf deiner Wanderung haben mich tief berührt.

Um vielleicht den Moment herauszuheben, den mich und die gesamte Welt aktuell besonders umtreiben sollte: Martin ist auf dem Sultans Trail ein Stück weit auf der Balkanroute unterwegs - nur in umgekehrter Richtung. Damit wir ALLE nachfühlen können, was das in einer empathischen Seele auslöst, welchen Menschen Martin auf diesem Abschnitt begegnet und was die Flucht aus der Heimat überhaupt bedeutet - ja, allein deshalb sollte jede*r dieses Buch lesen.

Doch natürlich hält „Das ist kein Spaziergang“ auch jede Menge lustige, skurrile und abenteuerliche Kapitel bereit, sodass ich das Buch nun (beinahe) wunschlos glücklich zuklappen kann. Mit tollen Erinnerungen und großer Lust, den Balkan selbst zu bereisen!

Nur ein Wunsch wurde mir am Ende des Buchs nicht erfüllt: Martin, ich hätte so gern deine Schuhe gesehen! :D