Profilbild von MerleRedbird

MerleRedbird

Lesejury Profi
offline

MerleRedbird ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit MerleRedbird über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 11.07.2025

Solides Debüt, bei dem mir Tiefe und Spannung in der ersten Hälfte fehlen

A Dance of Lies
0

Vielen Dank an den Klett-Cotta Verlag und Vorablesen, die mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt haben. Meine Meinung ist davon jedoch unabhängig.

Ich bin ehrlich: dieses Buch ist eins der ...

Vielen Dank an den Klett-Cotta Verlag und Vorablesen, die mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt haben. Meine Meinung ist davon jedoch unabhängig.

Ich bin ehrlich: dieses Buch ist eins der schönsten, das ich besitze. Dieses Cover mit der Glitzerfolie? Der blumige Farbschnitt? Der geprägte Einband? Ein Lesebändchen? Die bedruckten Innenklappen? Einfach wow.

Natürlich hat mich das Buch aber auch inhaltlich angesprochen. Grob gesagt geht es um Vasalie, die ehemals die Tänzerin des Königs war, bis er sie hat unschuldig in den Kerker sperren lassen. Nach 2 Jahren Gefangenschaft, die bei Vasalie zu unheilbaren körperlichen und psychischen Schäden geführt haben, lässt er sie wieder in den Palast holen: durch ihre tänzerischen Fähigkeiten soll sie eine Spionage-Mission für ihn durchführen. Gelingt ihr dies mit Erfolg, wird er ihr die Freiheit gewähren.

Also: Fantasy. Tanzen. Eine chronisch kranke Protagonistin. Das klingt nach einem perfekten Buch für mich – liebe ich doch selber das Tanzen, und kenne das Leben mit chronischen Schmerzen. Und das Buch hat auch einen wirklich guten Start. Vasalie wird aus dem Gefängnis befreit, ihr wird der „Deal“ vorgeschlagen, und ihr Training beginnt. Sie fängt an, wieder zu leben und zu tanzen. Dann beginnt das Treffen der Königshäuser und Vasalie kann sich unter die Tänzer schmuggeln und mit auftreten.

Es bahnen sich verschiedene Liebschaften an und es geht viel um Intrigen. Und da fängt das Buch für mich an, sich in die Länge zu ziehen. Das Worldbuilding war für mich nicht stark genug, dass ich so richtig die Politik verstanden habe, und somit auch nicht so richtig die Konflikte zwischen den verschiedenen, ineinander verschwimmenden Königreichen.

Die ganze Zeit habe ich auf die Magie gewartet, die für mich zu einem Fantasybuch dazugehört. Stattdessen wirkte es für mich eher wie ein Mittelalterbuch, in dem die Protagonistin ständig irgendwelche Side Quests durcharbeitet, und man nicht so richtig weiß, was überhaupt ihr Ziel ist. Zum Ende hin merkt man schon, was für Kräfte hier am Spiel sind – ich hätte mir trotzdem mehr gewünscht.

Und ich glaube, dieses Gefühl beschreibt mein Leseerlebnis eigentlich sehr gut: da war noch mehr Potential, das nicht ausgeschöpft wurde.

Es gab eine spannende Protagonistin mit einer verzwickten Hintergrundgeschichte und es gibt auch mehrere potentielle romantische Beziehungen mit Charakteren, aber so richtig am Mitfiebern war ich da nicht. Es passieren immer wieder spannende Dinge, vor allem am Ende, aber zwischendrin wird es langatmig – und es sollte die Kunst bei Fantasy sein, auch die weniger actionreichen Szenen mit Spannung zu füllen. Der Schreibstil war gut, ich habe es gerne gelesen aber zwischendurch hätten es noch mehr detaillierte Beschreibungen bezüglich des Worldbuildings sein können.

Ich hoffe, dass die Autorin im 2. Band (denn ja, es ist eine Dilogie – das hätte man aber vielleicht kommunizieren sollen, ich habe es zufällig über den Instagram-Account der Autorin erfahren) es schaffen kann, mehr Spannung und Tiefe aufzubauen.

A Dance of Lies ist ein solides Debüt, und das spannende Ende hat in mir genug Interesse geweckt, dass ich mir den 2. Band zumindest anschauen werde (wann auch immer er erscheint). Trotzdem sind bezüglich Spannung, Charakterisierung und Worldbuilding noch Schwachstellen zu finden, und ich lande bei einer Bewertung von 3.5 Sternen.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 24.06.2025

Jahreshighlight - man will direkt weiterlesen!

To Tempt a God
0

Vielen Dank an LovelyBooks, die mir das Buch im Rahmen einer Leserunde zur Verfügung gestellt haben. Außerdem danke an NetGalley, über die ich ein Hörbuch zum Rezensieren bekommen habe. Meine Meinung ist ...

Vielen Dank an LovelyBooks, die mir das Buch im Rahmen einer Leserunde zur Verfügung gestellt haben. Außerdem danke an NetGalley, über die ich ein Hörbuch zum Rezensieren bekommen habe. Meine Meinung ist davon unabhängig.

Bis jetzt kannte ich von Anna Benning nur die Vortex-Reihe, die mir unheimlich gut gefallen hat. Für Dark Sigils hat mir immer die Zeit gefehlt, aber nach dem Lesen von To Tempt A God brauche ich unbedingt mehr von dieser Autorin!

Bei To Tempt A God handelt es sich um den Auftakt der dystopischen Jugendfantasy-Reihe „Götterlicht“, bei den Band 2 in 6 und Band 3 in 12 Monaten erscheinen wird. Die Erstauflage kommt mit einem wunderschönen Farbschnitt, und insgesamt ist das Buch sehr hochwertig aufgemacht. Die 22€ sind wirklich ein fairer Preis verglichen mit anderen aktuellen Buchpreisen, und die Wartezeit von insgesamt einem Jahr zwischen allen drei Bänden ist eigentlich auch ein guter Rhythmus. Wobei, klar: direkt weiterlesen wäre natürlich am schönsten 😉.

Worum geht es? Aurora ist ein Mensch, in einer von Engeln regierten Welt. Seit ihr Bruder nach einem Unfall im Koma liegt, versucht sie alles, um ihn am Leben zu erhalten – auch das illegale Sammeln von Himmelslicht, welches nur den Göttern vorbehalten ist. Dann wird Aurora an den Götterhof berufen, als Dienerin – ausgerechnet für Colden, den Sohn des schrecklichen Herrschergottes. Das Leben am Hof ist voller Machtspiele und Intrigen, und das Überleben für Menschen schwierig. Stück für Stück merkt Aurora, dass Colden gar nicht so grausam ist wie die anderen Götter – können die beiden gemeinsam die Ordnung von Silver City verändern?

Ich bin ehrlich: zu Beginn bleibt die Geschichte etwas vorhersehbar. Es gibt einen besten Freund mit unterdrückten Gefühlen für die Protagonistin; sie kann ganz knapp der Gefahr entkommen – nur um in allerletzter Minute doch noch für den Dienst der Götter „berufen“ zu werden, und natürlich ist ihr Gott ganz anders als alle anderen (nämlich nett) und auch ein ganz besonderer Gott (der Sohn des Herrschers).

Aber nach der Vortex-Reihe wusste ich: Anna Benning ist nicht 08/15, da kommt noch was Krasses. Und so war es auch. Besonders ab der 2. Hälfte ist das Buch unfassbar episch und richtig überraschend – ich habe mit wenigen Dingen, die passieren, gerechnet, und fand alles super stimmig. Im entferntesten Sinne hat mir das Buch Tribute von Panem Vibes gegeben, aber gleichzeitig war die Story wie nichts, was ich schon gelesen hatte.

Im Vergleich zu Vortex würde ich sagen: dieses Buch hier liest sich älter. Es wird nicht nur etwas spicy, es kommen auch überraschend brutale Szenen vor (hallo Tribute von Panem sag ich da nur). Aber ich fands gut!
Der tolle Schreibstil der Autorin sorgt auch dafür, dass man sich alles richtig gut vorstellen kann. Das 1A-Worldbuilding wird durch das Glossar nur sinnvoll unterstützt, und ich denke, dass es auch in den Folgebänden richtig gut sein wird, für einen kurzen Refresher dort rein blättern zu können.

Außerdem habe ich das Hörbuch, gelesen von Pia-Rhona Saxe, immer wieder gehört. Pia hat einfach eine wunderbare Stimme und kann die Story wunderbar umsetzen. Eine Runde Applaus für sie, dass sie sich für uns mit den Aussprachen der Engelssprache auseinandergesetzt hat – ihr Reel dazu ist einfach so lustig. Aber ja, ich fands einfach gut, ab und an mal in die Story reinzuhören und zu schauen, ob die Sachen so ausgesprochen waren, wie ich sie in meinem Kopf gesagt habe. Und ehrlicherweise fand ich das Buch so gut, dass ich beim Autofahren – wo ich halt nicht selbst lesen konnte – unbedingt wissen wollte, wie es weitergeht.

Insgesamt ist To Tempt A God ein absolutes Monats- bzw. Jahreshighlight für mich. Am Ende reiht sich Action an Action und die letzten Seiten lassen ganz viel Raum für Fragen und Theorien – natürlich ist Band 2 schon vorbestellt, ich will unbedingt weiterlesen.
Ich gebe 4.5 Sterne – für die vollen 5 war mir der Anfang nicht ganz stark genug.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 24.06.2025

Altersvorsorge mal anders

Very Bad Widows
0

Vielen Dank an Vorablesen, die mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt haben. Meine Meinung ist davon jedoch unabhängig.

Very Bad Widows: Drei Frauen, die ein neues Leben wollen. Drei Männer, ...

Vielen Dank an Vorablesen, die mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt haben. Meine Meinung ist davon jedoch unabhängig.

Very Bad Widows: Drei Frauen, die ein neues Leben wollen. Drei Männer, die ihnen im Weg stehen.

Das Konzept wirkt simpel, viel schwarzer Humor. Nach dem Unfalltod von Dave entdeckt seine Jetzt-Witwe Marlene, dass ihr Mann eine absurd hohe Lebensversicherung abgeschlossen hat. Und nicht nur Dave: auch die anderen drei Männer der Freundesgruppe haben diese Versicherung. Deren Ehefrauen schmieden einen Plan: ihre Männer loswerden, die Millionensumme kassieren und sich ein schönes Leben im Ruhestand machen. Das Problem? Die Ehemänner haben ein ähnliches Vorhaben…

Am Anfang war ich noch etwas verwirrt mit den ganzen Charakteren, aber im Grunde gibt es nur die zwei Parteien von Ehemännern und Ehefrauen, die jeweils in ihren Grüppchen auftreten und sich dort über das Geld und die Morde unterhalten. Und das ist gar nicht so abgebrüht, wie es klingt. Es kommt zu Missverständnissen, und der Frust der Beziehungen kommt ans Licht, sodass die Beweggründe für die angesetzten Morde irgendwie logisch erscheinen. Es ist definitiv ein Buch voll schwarzem Humor!

Weitere wichtige Charaktere neben den Paaren sind noch Padma, eine Casinomanagerin, und Hector, ein Friseur mit krimineller Vergangenheit. Das Casino ist ein wichtiger Schauplatz, da zwei der Ehemänner dort auch gearbeitet haben, und ein kleines Boot ist ebenfalls zentral für die Handlung. Aber viel mehr möchte ich auch nicht verraten; ihr sollt lieber selbst entdecken, wie die Charaktere sich selbst immer weiter verstricken in ihre Machenschaften.

Den deutschen Titel „Very Bad Widows“ finde ich auch gar nicht mal so ganz passend, weil ja eigentlich sowohl die Männer als auch die Frauen moralisch graue Dinge tun… der englische Titel „The Retirement Plan“ (dt. „Der Rentenplan“) fasst es eigentlich besser, aber klingt nicht mal halb so spannend…

Naja, was kann ich noch zu dem Buch sagen? Wichtige Prinzipien sind „happy wife, happy life“ und zu sehen, dass manchmal Abstand in Beziehungen gut tut, um Klarheit bezüglich seiner Gefühle zu bekommen. Das Buch hat einen richtig herzerwärmenden Epilog à la happy End, und dann kommt einfach noch ein Post Scriptum Kapitel, das die letzten offenen Fragen aus Sicht eines allwissenden Erzählers auflöst. Es war einfach so toll gelöst.

Very Bad Widows erhält von mir 4.5 von 5 Sternen und ist auf alle Fälle ein empfehlenswertes Buch für alle, die auch schwarzen Humor unterhaltsam finden.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 20.05.2025

Wenig Emotionen und langsamer Plot ohne echte Spannung

We hunt the Flame
0

Seit das Buch 2019 im Original erschienen ist, hatte ich es auf meiner Wunschliste. Eine Fantasy-Geschichte einer muslimischen PoC-Autorin, die in einer arabisch inspirierten Welt spielen soll. Eine Own ...

Seit das Buch 2019 im Original erschienen ist, hatte ich es auf meiner Wunschliste. Eine Fantasy-Geschichte einer muslimischen PoC-Autorin, die in einer arabisch inspirierten Welt spielen soll. Eine Own Voices Geschichte, die durch eine Veröffentlichung bei großen Verlagshäusern eine breite Aufmerksamkeit bekommt. Das hat mich echt glücklich gemacht und es hat mich riesig gefreut, ein Rezensionsexemplar von Droemer Knaur und NetGalley zur Verfügung gestellt bekommen zu haben. Umso trauriger bin ich, dass mich die Story nicht so sehr überzeugen konnte wie erhofft.

Worum geht es? Ganz einfach gesagt haben wir zwei Charaktere, die auf unterschiedlichen Seiten stehen und beide ein gewisses Artefakt in ihren Besitz kriegen sollen, welches Einfluss auf die Magie im Land nehmen kann.

Auf der einen Seite steht Zafira, die als Jägerin ihr Volk vor dem verfluchten Wald Arz beschützt – was ihr als Frau verboten ist. Auf der anderen Seite haben wir Nasir, den Prinzen, der von seinem tyrannischen Vater (dem Sultan) als Auftragsmörder eingesetzt wird.

Menschen lebten, weil sie tötete. Menschen starben, weil er lebte.

Das Ganze findet in der arabisch-inspirierten Fantasywelt Arawiya statt, in der Dämonen wie Ifrit ihr Unwesen treiben, und durch einen Fluch fruchtbares Land verdorrt und statt Sand Schnee die Wüste bedeckt.

Mir ist es super schwer gefallen, in die Geschichte wirklich einzutauchen. Es hat mir an Worldbuilding gefehlt und dass ich schon beim Lesen Probleme hatte, bestimmte Begriffe zu verstehen – und dann auch hier in der Rezension zu erklären – spricht für sich. Immer wieder fallen arabische Begriffe im Text, und auch wenn ich viele der Wörter tatsächlich kannte und verstanden habe, fand ich es doch seltsam, wie wenig die in den sonstigen Text eingebunden wurden. Als hätte die Autorin einfach gerne arabische Wörter genutzt, aber einfach immer mal wieder irgendwelche genommen. Auch werden die Charaktere ganz oft mit ihrer Herkunft oder ihrem Beruf angesprochen, also Zafira als „Demenhunin“ oder „Jägerin“ und Nasir als „Prinz“ oder „Haschaschine“, und das hat bei mir im Kopf einfach nur zum Gedankenchaos beigetragen, weil die verschiedenen Regionen der Welt auch kaum erklärt worden sind & das alles nicht so einfach auseinander zu halten war. Der Hintergrund der Story, dass die sechs Schwestern vor ein paar Jahren verschwunden sind und die Magie mit sich genommen haben, wird irgendwie nie hinterfragt oder erklärt, es ist einfach so. Das ist mir zu wenig!

Außerdem fand ich es sehr schwer, emotional mit den Charakteren mitzufühlen. Ich fand sie alle sehr unnahbar und manchmal auch widersprüchlich. Als z.B. in der ersten Hälfte des Buches jemand umgebracht wird, waren mir da viel zu wenig Emotionen bei den Charakteren, es ging sofort weiter, und ich persönlich bin auch von dem Tod kaum getroffen worden, weil ich keine Verbindung zu der Person hatte.

Die Liebesgeschichte sollte Enemies to Lovers sein, mit slow burn. Und es war zwar slow, aber mir hat einfach der burn gefehlt. Da waren für mich keine Hinweise, kein Prickeln, kein Aufbauen der Beziehung. Ich konnte auch hier wenig mitfiebern.

Und der Plot… der ist auch nicht wirklich was Weltbewegendes. Auf einer Insel sollen Zafira und Nasir ein Artefakt suchen, und natürlich treffen die beiden relativ schnell aufeinander, und schließen sich in ihrer Aufgabe zusammen. Während der Suche gibt es immer wieder Angriffe und Fallen, aber auch da hätte ich mir etwas mehr Spannung gewünscht, weil es doch relativ reibungslos verläuft.

Mein liebster Charakter war Altair. Er ist der General des Königs, und begleitet Nasir. Anfangs dachte ich auch noch, er wäre um die 50 Jahre alt oder so, aber schnell wird klar, dass er auch ähnlich jung wie Zafira und Nasir ist. Sein Charakter ist super lustig und hebt sich von den anderen Personen zumindest etwas ab.

Insgesamt war das Buch für mich aber eher eine Enttäuschung, und ich werde die Reihe nicht weiterlesen. Aufgerundet komme ich ganz knapp auf 3 Sterne. Ich hoffe, dass mir A Tempest of Tea der Autorin besser gefallen wird; dem Buch werde ich trotzdem eine Chance geben.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 13.05.2025

Auf den Spuren der Vergangenheit in Italien

Zypressensommer
0

Danke an Vorablesen und den Rowohlt Verlag, die mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt haben. Meine Meinung ist davon jedoch unabhängig.

„So viele Zypressen“, sagte Julia. „Auf dem Friedhof ...

Danke an Vorablesen und den Rowohlt Verlag, die mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt haben. Meine Meinung ist davon jedoch unabhängig.

„So viele Zypressen“, sagte Julia. „Auf dem Friedhof stehen noch mehr davon. In Italien sind sie ein Symbol der Trauer, eine Idee aus der Antike, wo sie Tod und Unterwelt repräsentiert haben. Aber für mich haben Zypressen eine ganz andere Botschaft: Wir sind frei. Wir wachsen in den Himmel – so sehe ich diese wunderbaren Bäume.“

Ich finde, dieses Zitat von Matteo fasst die Atmosphäre des Buches sehr gut zusammen. In Zypressensommer geht es um Tod und Trauer, aber auch um Freiheit. Und beides existiert gleichzeitig.

Es ist 1998, und wir begleiten die Hamburgerin Julia auf Spurensuche in die Toskana. Im Dorf Lucignano möchte sie Antworten finden auf die verwirrenden Wörter, die ihr Nonno auf seinem Totenbett als Brief hinterlassen hat.

Von Seite 1 ist man mittendrin im italienischen Flair. Die ausführlichen Beschreibungen von Landschaft und Essen tragen zur wunderbaren Atmosphäre dieses Buches bei. Und wie schön ist es bitte, dass sich am Ende des Buches mehrere Rezepte befinden, die auch im Buch vorkommen? Da wird auf jeden Fall mal etwas nachgekocht!

Die Geschichte wird auf zwei Zeitebenen und drei Perspektiven erzählt. Neben der oben bereits erwähnten Julia kommt auch ihr Großvater Gianni im Jahre 1943 selbst zu Wort, als er im 2. Weltkrieg von deutschen Soldaten gefangen genommen und zu Zwangsarbeit in einer Fischfabrik gezwungen wird. Die letzte Perspektive ist die von Guilia, die Geliebte von Gianni, die 1943 in der Toskana zurückbleibt und anfängt, sich bei der Resistenza einzubringen.
Wenn ich ehrlich bin, hat mir die Perspektive von Guilia am Anfang nicht wirklich zugesagt. Ich fand es schwierig, sie einzuordnen und die ganzen dort genannten Personen einzusortieren. Als dann in der Gegenwart die Beziehungen klarer wurden, fiel mir das Lesen deutlich leichter. Aber warum Guilias Kapitel in der „Ich“-Perspektive und die anderen beiden aus der 3. Person geschrieben sind, war mir nicht ganz klar – vom Klappentext her klingt es sehr stark nach der Geschichte von Julia und ihrem Großvater Gianni; Guilia scheint erstmal unwichtig. Ich kann hier nur sagen: dranbleiben lohnt sich, das wird im letzten Viertel der Geschichte aufgelöst!

Ich mochte sehr, wie die Autorin tolle Atmosphäre und eine romantische Liebesgeschichte mit den Schrecken der Vergangenheit kombiniert. So hat dieses Buch zwar einige wirklich schreckliche Momente, in denen die Brutalität der Nazis aufgezeigt wird, aber gleichzeitig auch leichte Momente, welche die Stimmung aufhellen.

Besonders spannend fand ich auch das Nachwort der Autorin, wo sie auf den „echten“ Kontext in Italien der 1940er Jahre eingeht, und zwar die italienischen Militärinternierten und die Resistenzia in Italien. Über beides wusste ich wenig Bescheid – und sie erklärt auch ausführlich, wieso das so ist. Auch gut fand ich, dass sie einen besonderen Fokus auf die weiblichen Wiederständlerinnen in Italien gelegt hat, die in der Geschichte am stärksten vergessen werden. Die historischen Gegebenheiten werden sehr akkurat verarbeitet, was einfach nur Sinn ergibt, wenn man weiß, dass die Autorin promovierte Historikerin ist.

Das Buch war in meinen Augen ein sehr gutes Buch, aber nicht perfekt. An manchen Stellen war mir der Schreibstil etwas zu einfach bzw. steif – die Beschreibungen sind für mich deutlich mehr gelungen als die Dialoge. Ansonsten fand ich es etwas schade, wie stark am Ende das Thema Blutsverwandtschaft als „echte Familie“ betont wurde. Ich will auf gar keinen Fall spoilern, deshalb bleibe ich mal wage. Aber besonders im Krieg ist es vorgekommen, dass Familien getrennt worden sind, und dann z.B. Cousinen als Schwestern aufgezogen wurden, oder leibliche Väter umgekommen sind und die Kinder mit einem Stiefvater aufgewachsen sind. Für mich ist das einfach Familie und ich hätte den das Buch gerne auf einer positiven „found family“ Note hinter mir gelassen.

Insgesamt komme ich auf 4 von 5 Sternen und kann euch das Buch empfehlen, wenn ihr auf Liebesgeschichten mit historischem Touch steht. Auch in das Hörbuch habe ich reingehört und habe es für gut empfunden – wenn ihr wissen wollt, wie die italienischen Sätze und Namen ausgesprochen werden, dann seid ihr dort an der richtigen Adresse!

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere