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Veröffentlicht am 05.11.2021

Interessant und unterhaltsam aber kein Highlioght, leider

Every (deutsche Ausgabe)
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Jetzt ist sie da, die Fortsetzung zu Dave Eggers Dystopie "Der Circle" , in dem es auch schon über die Allmacht der Internetkonzerne geht. Vieles, was Eggers 2014 zu Papier brachte, ist heute schon Realität.

Der ...

Jetzt ist sie da, die Fortsetzung zu Dave Eggers Dystopie "Der Circle" , in dem es auch schon über die Allmacht der Internetkonzerne geht. Vieles, was Eggers 2014 zu Papier brachte, ist heute schon Realität.

Der neue Konzern "Every" geht aus einem Zusammenschluss der Internetfirma "Der Circle" mit dem weltweit größten Onlinehändler hervor, und man braucht nicht lange raten, welche Firma hier das Vorbild des Autors war.

Die Mitarbeiter dieser Firma, die "Everyones", entwickeln mit Nachdruck immer neue Ideen, die die Individualität jedes Einzelnen auszumerzen und den Menschen unbemerkt immer mehr Freiheiten nehmen. Delaney Wells sieht die Entwicklung mit Sorge und macht sich Gedanken, wie man das Monopol zerstören könnte. Die junge Parkrangerin und Technikskeptikerin schleust sich mit Hilfe ihres Programmierer- Freunds Wes als neue Angestellte in das Unternehmen ein und hat den Plan das Unternehmen von innen zu zerstören. Dazu will sie Ideen für immer absurdere Apps verbreiten, um die Menschen endlich zum Protest zu bewegen. Die Idee ist naiv und die Menschen feiern regelrecht jede noch so irrwitzige neue App, die sie immer mehr Privatsphäre kostet.

Ich muss sagen, wenn man Egger's Ideen bezüglich dieser Apps liest, sträuben sich einem die Nackenhaare. In der Welt, die hier entworfen wird und die erschreckenderweise nicht allzu weit von der unsrigen entfernt ist, möchte man nicht leben. Die Technikskeptiker, kurz Trogs genannt sind schon zu Beginn der Geschichte in der Minderzahl. Sie leben abgeschottet in Stadtviertel (Trogtown) mit so rückständigen Dingen, wie einer " Papierpost", und ihnen wird nach und nach ein Ruf angehängt als wären es die schlimmsten Slums. Aus so einem Viertel kommt Delaney und es ist mehr als erstaunlich, dass sie mit ihrem Background den Job bei Every bekommt.

Nichtsdestotrotz fand ich den Roman hochaktuell, die logische Weiterentwicklung von Apps und Technologie, die wir heute schon zu Hause haben, erschreckend. Ein sogenanntes Socialrating, wie es in dem Buch beschreiben wird, gibt es heute z.B schon in China. Dort wird Wohlverhalten belohnt und Kritik am Regime hat sofort Sanktionierungen, wie etwas die Verweigerung eines Reisepasses zur Folge.

Nicht so gut gefallen hat mir die Figurenzeichnung. Selbst die Protagonistin Delaney bleibt erstaunlich blass. Außerdem hätte das Buch sicher gestrafft werden können. Es hatte zwischendurch so seine Längen.

Trotzdem hat es mich gut unterhalten. "Every " ist wohl als Warnung zu verstehen und sendet den Apell, die eigene Privatsphäre zu verteidigen und nicht aus purer Bequemlichkeit auf Freiheiten zu verzichten und zu riskieren, dass unsere Demokratie einem autokratischen Staat weicht.

Der Roman ist kein Highlight für mich bekommt aber gute 3,5 Sterne, lesenswert!


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Veröffentlicht am 29.10.2021

Identitätstrauma

The Girls I've Been
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„The girls I‘ve been“ von Tess Sharpe ist eine rasante Teenagergeschichte in deren Mittelpunkt ein Mädchen namens Nora steht, die eine sehr besondere und problematische Kindheit hinter sich hat, und jetzt ...

„The girls I‘ve been“ von Tess Sharpe ist eine rasante Teenagergeschichte in deren Mittelpunkt ein Mädchen namens Nora steht, die eine sehr besondere und problematische Kindheit hinter sich hat, und jetzt wo sie gerade anfängt ein einigermaßen normales Leben zu führen in einen Banküberfall verwickelt wird.

Als Tochter einer Trickbetrügerin wurde sie von klein auf dazu erzogen Komplizin für ihre Mutter zu sein. Für jede Zielperson , die sich ihre Mutter ausgesucht hatte, musste sie eine andere Fake-Identität annehmen, um ihre Mutter zu unterstützen, die auch billigend in Kauf genommen hat, wenn die Mönner sie schlugen oder mißbrauchten. Mit 12 Jahren gelang ihr die Flucht, und sie lebte fortan bei ihrer älteren Schwester Lee, die ebenfalls früh von zu Hause abgehauen war und ihr viel mehr Schutzraum bot als die eigene Mutter.

Zusammen mit ihrem besten Freund Wes und ihrer noch frischen Liebe Iris, war Nora dann ausgerechnet zur falschen Zeit am falschen Ort. Die Bankröuber ließen keinen Zweifel daran, dass sie Gewalt anwenden würden und Nora mußte sich auf ihre Notfallstrategien aus der Kindheit zurückbesinnen, damit sie und die anderen Geisel eine Chance bekämen, die Bank lebend zu verlassen.



Die ganze Geschichte ist äußerst spannend und aufregend, und ich hatte wirklich großen Spaß beim Lesen. Allerdings gibt es auch heftige Themen , die eine Triggerwarnung verdient hätten, insbesondere, da es sich um ein Jugendbuch handelt.

Auch der Aufbau des Jugendthrillers war ungewöhnlich.

Mit Beginn der Geiselnahme werden den Kapiteln auch immer stichpunktartig Pläne vorangestellt sowie erbeutete Gegenstände. In den nachfolgenden Kapiteln werden diese Pläne modifiziert, verwendete Gegenstände wieder aus der Liste gestrichen. Dann gibt es noch polizeiliche Funkprotokolle und Rückblicke in Nora‘s Kindheit und die unterschiedlichen Identitäten, die sie gezwungen war anzunehmen. Diese Seiten sind grau eingefärbt.

Bei der Figurenzeichnung gefielen mir besonders Nora und ihre Fake-Identitäten und ihr Naturtalent Menschen zu manipulieren, aber auch Iris, die Freundin mit dem Faible für Vintagekleider, die tougher war als man zunächst annehmen konnte. Auch Wes war ein sympathischer Charakter , der ebenfalls ein schwieriges Elternhaus hatte, was ihn umso mehr mit Nora zusammenschweißte.

Die beiden Bankräuber blieben insgesamt etwas blass. Ihr Hintergrund und ihre Motivation für den Raub wurden nicht weiter beleuchtet, was etwas schade war.

Insgesamt war dieser Jugendthriller auf jeden Fall mal etwas anderes und ganz bestimmt eine nervenaufreibende Lektüre mit einer außergewöhnlichen Protagonistin, den ich gerne weiterempfehle.

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Veröffentlicht am 25.10.2021

Mensch und Natur

Das Glück des Wolfes
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„ An den dunklen Berghängen flackerten die Feuer und wetteiferten darum, welches das höchste und leuchtendste war. Die Feuer besagten, dass es dort oben in den Bergen immer noch jemanden gab, dass dieses ...

„ An den dunklen Berghängen flackerten die Feuer und wetteiferten darum, welches das höchste und leuchtendste war. Die Feuer besagten, dass es dort oben in den Bergen immer noch jemanden gab, dass dieses Leben existierte, sollten es die Leute im Tal denn vergessen haben.“



Auf nur knapp über 200 Seiten erzählt Paolo Cognetti vom Leben im Bergdorf Fontana Fredda, wo wir seinen Protagonisten Fausto begleiten, der aus Mailand stammt und immer wieder in die Ruhe der Berge flüchtet.

Wie anders ist hier das Leben im Vergleich zur quirligen Metropole. Die raue Umgebung prägt auch die Menschen, und man spürt sich hier vielmehr als Teil der Natur, ein Gefühl, dass in der Großstadt verlorengeht. Die Liebe zu den Bergen schwingt in Cognetti‘s Erzählung stetig mit, ohne dass er das harte Leben romantisch verklärt. Er berichtet durchaus von den negativen Seiten dieses Lebens, der Arbeitslosigkeit außerhalb der Saison, der Einsamkeit, der harten Arbeit innerhalb der Saison, den Unfällen, die immer wieder vorkommen. Die Naturbeschreibungen des Autor‘s sind seine große Stärke. Beim Lesen hatte ich wirklich das Gefühl vor Ort zu sein, so atmosphärisch und authentisch waren seine Zeilen.

Da der Fokus weniger auf den Menschen liegt, wird die Liebesgeschichte, die sich zwischen Fausto und der wesentlich jüngeren Silvia , die zur Skisaison zusammen mit dem Protagonisten in einem Restaurant arbeitet, auch nicht sehr ausführlich erzählt. Auch sich entwickelnde Freundschaften werden nur minimalistisch angerissen, und ein Teil bleibt immer der Fantasie des Lesers überlassen. Das offene Ende ist hier nur folgerichtig.

Ich mochte dieses ruhige und intensive Buch und werde mir sicher noch andere Werke des Autors näher anschauen.

Der Klappentext ist allerdings etwas irreführend, da die Liebesgeschichte den Roman nicht dominiert, wie man denken könnte. Das Hauptaugenmerk des Autors liegt immer auf der Natur.

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Veröffentlicht am 20.10.2021

Total abgefahren

Die sieben Tode der Evelyn Hardcastle
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„Die sieben Tode der Evelyn Hardcastle“ ist ein wirklich außergewöhnliches Buch. Das Setting ist ein heruntergekommenes Anwesen im Besitz der Familie Hardcastle, die zum Maskenball geladen hat. Gegen ...

„Die sieben Tode der Evelyn Hardcastle“ ist ein wirklich außergewöhnliches Buch. Das Setting ist ein heruntergekommenes Anwesen im Besitz der Familie Hardcastle, die zum Maskenball geladen hat. Gegen Ende des Abends geschieht ein Mord. Dieser Mord soll aufgeklärt werden, wobei der Protagonist der Geschichte, Aiden Bischop, mehrere Versuche hat, den Mörder zu entlarven, weil er in einer Art Zeitschleife festsitzt und sich der Tag des Mordes immer wiederholt. Eine weitere Besonderheit ist,dass Aiden jeden Tag im Körper eines anderen Gastes erlebt. Insgesamt hat er 8 verschiedene Wirte und damit eine vorgegebene Zeit in der er den Mord aufklären muss. Wie und warum er diesen Mord aufklären soll, muß man beim Lesen selber herausfinden.

Es war auf jeden Fall immer spannend zu lesen welcher Gast sich als nächster Wirt entpuppte. Eine tolle Idee war auch, dass bestimmte Charakterzüge des Wirtes das Handeln von Aiden beeinflussten und er mit der Zeit lernte Talente zu nutzen und sich nicht nur über Handikaps, die es natürlich auch gab, zu ärgern.So war der eine Wirt schlau aber übergewichtig, der andere jung und schnell aber feige.

Es gab eine große Anzahl an Personen, so dass man schnell den Überblick verlieren konnte. Zum Glück half eine zu Beginn des Buches abgedruckte Einladungskarte der Orientierung. Trotzdem war dies kein Buch zum schnellen Wegschmökern. Es forderte dem Leser immer eine gewisse Konzentration ab.

Egal wie gut man bei Kriminalromanen im Rätseln ist, behaupte ich mal, es ist fast ein Ding der Unmöglichkeit, hier auf die Lösung zu kommen.

Zwischendurch hatte das Buch durchaus ein paar Längen, und der mystische Teil der Geschichte hat mir nicht ganz zugesagt.

Am Ende überschlagen sich dann die Ereignisse, und auch wenn die offenen Fragen weitestgehend geklärt wurden, fand ich das Finale zu abgefahren. Ich kann die Begeisterung vieler Leser aber durchaus nachvollziehen und vermute einfach, dass meine Reaktion eher verhalten war, weil ich bei zu viel Fantastik irgendwann aussteige. Vermutlich bin ich für diesen Roman einfach die falsche Zielgruppe.

Nichtsdestotrotz bewundere ich den Autor dafür einen derart komplexen Kriminalfall konstruiert zu haben, auch wenn es für mich persönlich nicht das Highlight war, was ich mir erhofft hatte.

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Veröffentlicht am 14.10.2021

Doppelte Wirklichkeit

Die Anomalie
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Ein Flugzeug gerät am 10.März 2021 in einen Jahrhundertsturm. Nicht nur die Passagiere auch die Besatzung befürchten abzustürzen, und doch gelingt es der Cockpit Crew die Maschine heil zu landen. 3 Monate ...

Ein Flugzeug gerät am 10.März 2021 in einen Jahrhundertsturm. Nicht nur die Passagiere auch die Besatzung befürchten abzustürzen, und doch gelingt es der Cockpit Crew die Maschine heil zu landen. 3 Monate später erbittet ein Flugzeug die Landeerlaubnis, mit exakt der gleichen Kennung, mit exakt der Besatzung und exakt den Passieren an Bord, wie auf dem legendären Paris - New York Flug vom 10. März.

Natürlich kann dieses Flugzeug, dass es eigentlich nicht geben dürfte nicht normal auf dem NewYorker Flughafen landen. Es wird umgeleitet auf eine Militärbasis und die Militärs, sowie die höchsten politischen Kreise versuchen die Situation irgendwei zu händeln.

Zunächst einmal versucht man sich mit den renommiertesten Wissenschaftlern ( Mathematikern und Wahrscheinlichkeitstheoretikern) diese Verdopplung zu erklären. Tatsächlich gibt es Erklärungsversuche und es gibt sogar ein Protokoll an dem sich Soldaten und Offiziere bei ihrer Befragung entlanghangeln sollen. Das ist urkomisch, da die Wissenschaftler, die den eingetretenen Fall als zu unwahrscheinlich eingestuft hatten, als dass er sich je ereignen könnte, bei bekannten Science Fictionfilmen Dialoge abgeschrieben haben , was natürlich auffliegt.

Überhaupt enthält das Buch jede Menge Humor, so dass es einen Riesenspaß macht es zu lesen. Es ist aber gleichzeitig so intelligent geschrieben, voller philosophischer Weisheiten, einem Schreibstil zum Niederknien, dass ich es jedem nur empfehlen kann zu lesen.

Was ich besonders raffiniert und toll von dem Autor fand, ist die Idee, dass diese verdoppelten Menschen mit einem Zeitversatz von 3 Monaten aufeinandertreffen. So sind die Erinnerungen gleich, aber die März-Passagiere haben in diesen 3 Monaten weitergelebt. Es sind ihnen Dinge widerfahren, die den Juni-Passagieren fehlen. So war z.B ein Schriftsteller an Bord, der ein Buch mit dem Titel "Die Anomalie" veröffentlich hat, dass ihm posthum wohlgemerkt, zu Weltruhm verholfen hat, während sein Doppelgänger all das nicht erlebt hat und dann vom Selbstmord seines März-Ichs erfährt.

Es gibt nicht nur Reaktionen aus der Politik, auch Geistliche melden sich zu Wort usw. ...! Es steckt soviel in diesem Roman, dass man wahrscheinlich gar nicht alles beim ersten Lesen erfasst. Ich habe das Buch als Hörbuch genossen, gelesen von dem fabelhaften Sprecher Camill Jammal. Der Roman hat mir aber so gut gefallen, dass ich mir das Buch auch noch zulegen werde."Die Anomalie" möchte ich gerne demnächst noch einmal lesen.

Jahreshighlight, 5 Sterne ++

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