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Veröffentlicht am 26.02.2025

Umwege eines Lebens

Für Polina
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Takis Würgers neuer Roman "Für Polina", erschienen am 26. Februar 2025 im Diogenes Verlag, stellt erneut eine außergewöhnliche Frauenfigur ins Zentrum der Geschichte. Die titelgebende Polina ist jedoch ...

Takis Würgers neuer Roman "Für Polina", erschienen am 26. Februar 2025 im Diogenes Verlag, stellt erneut eine außergewöhnliche Frauenfigur ins Zentrum der Geschichte. Die titelgebende Polina ist jedoch nicht konkurrenzlos, denn der Erzähler Hannes, der seit seiner Kindheit mit ihr verbunden ist, verfolgt noch eine zweite bedeutende Leidenschaft: das Klavierspielen.
Hannes ist ein schüchterner und verschlossener Junge, der zunächst kaum den Eindruck erweckt, ein besonderes Talent zu besitzen. Er wächst vaterlos bei seiner Mutter Fritzi auf, die ihn als junges Mädchen während einer Italienreise unfreiwillig mit einem Marmorhändler gezeugt hat. Durch eine fast zufällige Begebenheit kommt er in Kontakt mit dem Klavier seines Vermieters Heinrich Hildebrand und entdeckt seine außergewöhnliche Begabung. Bald zeigt sich nicht nur sein Talent für das Spiel, sondern auch für das Komponieren. Hannes, der zuvor ziellos durchs Leben driftete und in der Schule wenig Erfolg hatte, findet in der Musik eine Bestätigung, die ihm Halt gibt und seine Träume entfacht.
Doch der Preis für diese Kunst ist hoch. An einem bestimmten Punkt beschließt Hannes, ihn nicht länger zu zahlen. Dies führt ihn in eine existenzielle Krise, in der er sich mehrmals verliert, aber auch immer wieder findet. Hannes ist eine vielschichtige Figur, die oft zwischen Extremen schwankt. Er fürchtet den Verlust von Dingen, die ihm wichtig sind, und neigt dazu, aufzugeben, bevor er eine Niederlage erleiden könnte. Dies betrifft nicht nur seine Beziehung zur Musik, sondern auch seine Liebe zu Polina. Obwohl er sich zeitlebens nach ihr sehnt, weist er sie in jungen Jahren immer wieder unbewusst zurück.
Die beiden lernen sich in einer fast villenartigen Mietwohnung kennen, in der Hannes mit seiner Mutter lebt. Polina ist die Tochter einer Freundin von Fritzi. Mit der Zeit entwickelt sich zwischen den beiden eine enge Verbindung. Zunächst wirkt es, als sei Hannes hingebungsvoll an ihr interessiert, während Polina distanzierter bleibt. Doch ein Band zwischen ihnen bleibt bestehen, auch wenn es immer wieder zu reißen droht.
Polina führt ein anderes Leben als Hannes. Sie ist unabhängiger und trifft selbstbewusster Entscheidungen, die sie jedoch nicht vor Fehlern bewahren. Auch sie muss mit Fehltritten und Reue umgehen. Trotz der starken Verbindung der beiden zeichnet "Für Polina" weniger die Momente des Zusammenseins nach, sondern konzentriert sich auf das Getrenntsein. Der Roman ist mehr eine Innenschau Hannes' als eine klassische Liebesgeschichte. Er erkennt zu spät, dass sowohl Polina als auch die Musik sein wahres Lebensglück darstellen. Erst nachdem er auf Abwege geraten ist, findet er den Weg zu sich selbst.
Obwohl Polina als Figur weniger im Fokus der Erzählung steht, bleibt sie stets im Hintergrund präsent und hat eine große Strahlkraft auf Hannes' Leben. Die Erzählweise des Romans gleicht einem wilden Ritt, der bereits mit Fritzis Italienreise an Fahrt aufnimmt und bis zur letzten Seite nicht an Tempo verliert. Auf knapp 300 Seiten schildert Würger die Stationen von Hannes' Leben, von seiner Kindheit bis zum Beginn seiner großen Karriere, und lässt dabei auch seine zahlreichen Umwege nicht aus.
Der Roman ist in einem schnörkellosen Stil geschrieben, der oft nur einen knappen Abriss einzelner Ereignisse liefert, fast wie eine Inhaltsangabe. Würger verweilt selten länger bei einer Szene und springt schnell von einem Meilenstein zum nächsten. Dennoch wirkt der Roman nicht überhastet oder oberflächlich. Besonders die detailreichen Beschreibungen von Hannes' Beruf als Klavier-Transporteur sowie die Charakterisierung von Nebenfiguren wie seinem Chef Blau oder seinem Kollegen Bosch verleihen der Geschichte Tiefe.
Allerdings gibt es auch Aspekte, die weniger gelungen erscheinen. Die Darstellung von Hannes als Wunderkind wirkt oft überzogen und wenig glaubwürdig. Zudem erscheint die Musikwelt, wie sie Würger schildert, manchmal klischeehaft und nicht immer realistisch. Der Roman bietet in dieser Hinsicht wenig Neues und bleibt letztlich ein unterhaltsames, aber nicht innovatives Werk.
"Für Polina" präsentiert sich als solider Liebesroman, der insbesondere durch die eindrucksvolle Darstellung von Hannes' Lebenskrise und deren Überwindung punktet. Auch wenn die Liebesgeschichte vorhersehbar ist, sorgt das hohe Erzähltempo sowie die Leuchtkraft der Figuren für anhaltende Spannung. Der Roman lebt von den Irrwegen, die Hannes' Leben nimmt, und zeigt eindrucksvoll, dass man manchmal Umwege gehen muss, um das Wesentliche zu erkennen. Trotz seiner Schwächen ist "Für Polina" ein fesselnder Roman, der seine Leser mitnimmt auf eine Reise durch ein Leben voller Musik, Liebe und Selbstfindung.

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Veröffentlicht am 25.02.2025

Distanzierte Sicht auf eine Katastrophe

Super-GAU
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Bea Davies wagt sich mit ihrer Graphic Novel "Super-GAU" an ein Thema heran, das in der Literatur bislang nur selten behandelt wurde: die Fukushima-Katastrophe von 2011. Am 25. Februar 2025 im Carlsen ...

Bea Davies wagt sich mit ihrer Graphic Novel "Super-GAU" an ein Thema heran, das in der Literatur bislang nur selten behandelt wurde: die Fukushima-Katastrophe von 2011. Am 25. Februar 2025 im Carlsen Verlag erschienen, verwebt die Künstlerin geschickt Fiktion und Realität, indem sie die Katastrophe nicht direkt darstellt, sondern vielmehr die mentalen Auswirkungen auf acht Berliner in den Fokus rückt. Dieser indirekte Zugang spiegelt die Art und Weise wider, wie viele Menschen in Deutschland das Ereignis damals erlebt haben – durch Nachrichten, Gespräche und schleichende Sorgen.
Die Wahl, die Geschichte nicht aus der Perspektive unmittelbar Betroffener zu erzählen, sondern aus der Sicht von Menschen, die Tausende Kilometer entfernt sind, ist eine mutige und gleichzeitig treffende Entscheidung. Sie ermöglicht es den Lesern, sich mit den Figuren zu identifizieren, die selbst von der Katastrophe nur aus zweiter Hand erfahren und dennoch mit ihren Auswirkungen konfrontiert werden. Anfänglich ist das Unglück für die Figuren nur eine Randnotiz in den Nachrichten, doch im Verlauf der Geschichte beginnt es, sich in ihre Gedankenwelt einzuschleichen, Ängste hervorzurufen und das alltägliche Leben zu beeinflussen – sei es durch besorgte Diskussionen, Reflexionen über die eigene Sicherheit oder direkte Auswirkungen auf Familie und Freunde.
Diese Erzählweise macht sich die universelle Erfahrung zunutze, dass es bestimmte historische Momente gibt, die sich unauslöschlich in unser kollektives Gedächtnis eingebrannt haben. Die Fukushima-Katastrophe gehört sicherlich dazu – ein Ereignis, von dem viele Menschen noch genau wissen, wo sie waren, als sie davon erfuhren. Die Graphic Novel spielt geschickt mit diesen Erinnerungen und schafft eine Brücke zwischen den fiktionalen Schicksalen der Figuren und den realen Erfahrungen der Leser. Dadurch entfaltet "Super-GAU" eine emotionale Wirkung, die über den reinen Inhalt hinausgeht und eigene Erinnerungen an diesen Tag wachruft.
Mit nur 208 Seiten und einem Fokus auf Bildsprache anstelle von ausführlichem Text ist "Super-GAU" erzählerisch knapp gehalten. Acht Figuren ausreichend Raum zur Entfaltung zu geben, ist eine große Herausforderung – Davies begegnet dieser, indem sie ihre Geschichte eher skizzenhaft erzählt. Vieles bleibt angedeutet, Leerstellen werden bewusst offengelassen, sodass die Leser dazu eingeladen sind, sich selbst ein Bild zu machen und eigene Gedanken zu den Charakteren und ihrer Entwicklung zu formen.
Diese skizzenhafte Erzählweise spiegelt sich auch in der visuellen Gestaltung wider. Davies’ Illustrationen sind bewusst reduziert, oft nur flüchtig angedeutet und verzichten auf übermäßige Detailfülle. Die Figuren und Hintergründe wirken teilweise abstrahiert, was den introspektiven Charakter der Geschichte unterstreicht. Dieser Stil unterstützt die Atmosphäre der Unsicherheit und des Ungewissen, die das Fukushima-Unglück nicht nur für die Betroffenen in Japan, sondern auch für Menschen in anderen Teilen der Welt ausgelöst hat.
Letztlich ist "Super-GAU" weniger eine klassische Graphic Novel mit einer stringenten Handlung als vielmehr ein Denkanstoß. Die Lektüre regt dazu an, sich erneut mit der Fukushima-Katastrophe auseinanderzusetzen und über deren langfristige Folgen nachzudenken – sowohl auf gesellschaftlicher als auch auf persönlicher Ebene. Gleichzeitig spiegelt das Buch die Unterschiedlichkeit individueller Lebensrealitäten wider. Jede der acht Figuren erlebt den 11. März 2011 auf ihre eigene Weise, und doch verbindet sie alle die gleiche Nachricht, das gleiche Entsetzen, die gleichen Fragen. Diese Parallelen lassen auch die Leser innehalten und ihre eigenen Erinnerungen mit denen der Charaktere abgleichen.
"Super-GAU" bleibt trotz seiner künstlerischen und erzählerischen Stärken ein eher zurückhaltendes Werk, das sich nicht durch spektakuläre Inszenierung oder emotionale Zuspitzung auszeichnet, sondern durch seine leise, aber nachhaltige Wirkung. Es ist eine Graphic Novel, die vielleicht nicht sofort mitreißt, aber nachhallt – und genau darin liegt ihre Stärke. Wer eine tiefgründige Reflexion über Katastrophen, Medienwahrnehmung und die Fragilität des Alltags sucht, wird in diesem Werk einen wertvollen Beitrag finden.

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Veröffentlicht am 25.02.2025

Hier wird unnötig Potenzial verschenkt

bruder, wenn wir nicht family sind, wer dann
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Oliver Lovrenskis Roman "bruder, wenn wir nicht family sind, wer dann" verspricht eine schonungslose Geschichte über vier Jugendliche am Rande der Gesellschaft. Ivor, Marco, Jonas und Arjan kämpfen mit ...

Oliver Lovrenskis Roman "bruder, wenn wir nicht family sind, wer dann" verspricht eine schonungslose Geschichte über vier Jugendliche am Rande der Gesellschaft. Ivor, Marco, Jonas und Arjan kämpfen mit ihrer prekären Lebensrealität und suchen verzweifelt nach einem Platz in der Welt, wohlwissend, dass dieser für sie vielleicht gar nicht existiert. Doch statt einer tiefgehenden Milieustudie, die das harte Leben dieser Jugendlichen authentisch beleuchtet, entscheidet sich Lovrenski für eine experimentelle Erzählweise, die keineswegs notwendig erscheint, und am Ende wenig begeistert.
Die vier Jugendlichen treiben sich auf den Straßen herum, konsumieren Drogen und geraten von einer prekären Situation in die nächste. Versuche von Sozialarbeitern, sie wieder auf den rechten Weg zu bringen, scheitern kläglich. Immer weiter geraten sie in einen Strudel der Perspektivlosigkeit, aus dem es kaum noch ein Entkommen zu geben scheint. Ein solches Szenario könnte eine intensive, erschütternde Lektüre ermöglichen, doch leider scheitert Lovrenski an der Umsetzung. Der experimentelle Stil des Romans ist gewöhnungsbedürftig, um nicht zu sagen abschreckend. Der Text erinnert an tagebuchartige Gedankenfetzen, wirr und unvollkommen, flüchtig niedergeschrieben, ohne erkennbare Struktur. Satzzeichen sind rar gesät, und die flapsige Jugendsprache, durchzogen von grammatikalischen Fehlern, stört den Lesegenuss erheblich. Zwar mag dieser Stil die Perspektive des Protagonisten widerspiegeln, doch führt er letztlich dazu, dass der Leser sich gelangweilt und unterfordert durch die fragmentarischen Gedanken kämpft, ohne dabei einen echten Zugang zur Geschichte zu finden.
Die Erzählweise bleibt oberflächlich. Man erhält nur bruchstückhafte Einblicke in das Leben der Jugendlichen, ihre Freundschaft, ihre Vergangenheit und die Umstände, die sie geprägt haben. Anstatt eine fesselnde Milieustudie zu liefern, bleibt der Roman eine lose Aneinanderreihung von Episoden, die nie wirklich in die Tiefe gehen. Die Themen – soziale Missstände, Perspektivlosigkeit, Gewalt – werden nur angerissen, ohne dass sie in ihrer vollen Tragweite ausgearbeitet werden. So bleibt der Roman letztlich eine skizzenhafte Momentaufnahme, die im Endeffekt zwar durchaus ein gesamtheitliches Bild ergibt, aber keinen nachhaltigen Eindruck hinterlässt.
Um diesem Werk etwas abgewinnen zu können, muss man eine große Affinität für literarische Experimente mitbringen. Wer jedoch ein gehaltvolles Leseerlebnis erwartet, dürfte enttäuscht werden. Angesichts des hohen Preises von 22 Euro und der Veröffentlichung im renommierten Hanser Verlag erwartet man mehr als eine pseudoexperimentelle Romanskizze. Letztlich bleibt das Gefühl, dass hier eine Geschichte mit großem Potenzial verschenkt wurde.

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Veröffentlicht am 24.02.2025

Vergangenheit und Gegenwart, Ost-Berlin und Budapest

Rückkehr nach Budapest
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Mit "Rückkehr nach Budapest" nähert sich die Autorin Nikoletta Kiss einem altbekannten Thema auf eine neue Weise. In der deutschsprachigen Literatur wurden die DDR und das Leben in Ost-Berlin bereits vielfach ...

Mit "Rückkehr nach Budapest" nähert sich die Autorin Nikoletta Kiss einem altbekannten Thema auf eine neue Weise. In der deutschsprachigen Literatur wurden die DDR und das Leben in Ost-Berlin bereits vielfach behandelt, sei es durch Historienromane oder Zeitzeugenberichte. Namhafte Autoren haben sich diesem Kapitel deutscher Geschichte gewidmet, wodurch die Erwartungen an Kiss hoch sind. Doch bereits der Titel und die Vita der Autorin deuten darauf hin, dass sie einen ungewöhnlichen Zugang wählt. Sie verwebt das sozialistische Budapest in das Narrativ, eine selten betrachtete Perspektive, die frische Impulse in das Thema bringt.
Der Roman erzählt die Geschichte der Protagonistin Márta, die zwischen zwei Welten steht. Ihre Teilmigration von Budapest nach Ost-Berlin ermöglicht ihr einen Blick auf das System, der sich von dem einer in der DDR aufgewachsenen Person unterscheidet. Márta flieht vor ihrem trinkenden Vater und findet Zuflucht bei ihrer Freundin in Ost-Berlin. Durch ihre sprachlichen und kulturellen Vorkenntnisse kann sie schnell in das kulturelle Leben der Stadt eintauchen. Dort begegnet sie Konstantin, einem Dichter, der sich zunehmend als regimekritischer Schriftsteller profiliert. Sein großes Romanprojekt entlarvt die Zustände in einem Internat, das von staatlicher Repression geprägt ist, und bringt ihn in Gefahr.
Als Konstantins brisantes Manuskript in Umlauf gerät, nimmt die Handlung eine dramatische Wendung. Márta wird in eine Auseinandersetzung verwickelt, die sie zwischen Loyalität zu ihren Freunden und der Angst vor dem repressiven System hin- und herreißt. Ihr Blick auf die politische Lage bleibt differenziert. Im Gegensatz zu Konstantin, der eine kompromisslose Haltung gegenüber dem Regime einnimmt, erkennt sie zwar dessen Mängel, verfolgt aber zunächst keine explizit politische Agenda. Vielmehr zieht es sie nach Berlin, um ihren Freundinnen Theresa und Katja nahe zu sein. Erst durch ihre Beziehung zu Konstantin entwickelt sie ein Bewusstsein für die politischen Verhältnisse, kann sich seiner Anziehungskraft jedoch nicht entziehen.
Márta ist eine ambivalente Protagonistin. Ihre Passivität und ihre Neigung, schwierigen Situationen aus dem Weg zu gehen, stehen im Kontrast zu Konstantins Entschlossenheit. Dieser Gegensatz erzeugt Spannung, insbesondere als ihre Freundschaft zu Theresa und Katja auf die Probe gestellt wird. Eifersucht durchzieht ihre Beziehungen, da Konstantin eine charismatische Macht auf alle ausübt. Kiss gelingt es, ein komplexes Beziehungsgeflecht zu zeichnen, das zwischen Faszination, Abhängigkeit und Rivalität schwankt.
Strukturell setzt der Roman auf eine raffinierte Erzählweise mit mehreren Zeitebenen. Die Haupthandlung in Ost-Berlin wird durch Mártas Gegenwartsperspektive in Budapest ergänzt. Nach vielen Jahren kehrt sie zur Beerdigung von Theresa zurück. Schnell wird deutlich, dass ungelöste Konflikte aus der Vergangenheit in ihr nachwirken. Die Rückblenden erlauben es dem Leser, nach und nach in die Geschehnisse von damals einzutauchen. Dadurch entsteht nicht nur ein Wechsel zwischen Budapest und Ost-Berlin, sondern auch zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Diese narrative Verzahnung macht deutlich, dass Mártas Leben nicht strikt in "damals" und "heute" unterteilt werden kann – ebenso wenig wie die Grenzen zwischen den beiden Städten klar gezogen werden können.
Die Stärke des Romans liegt in seiner differenzierten Figurenzeichnung. Besonders Konstantin bleibt im Gedächtnis, da seine Überzeugungen klar fassbar sind, obwohl er selbst mit Zweifeln zu kämpfen hat. Er zögert lange, sein Romanprojekt zu veröffentlichen, was seine Zerrissenheit verdeutlicht. Die anderen Charaktere sind weniger eindeutig gezeichnet, aber gerade dadurch spannend. Ihre Beweggründe bleiben lange unklar, was zu einem Geflecht aus Lügen und Intrigen führt, das Kiss geschickt entfaltet.
Auch das Motiv des Widerstands gegen das Regime wird überzeugend umgesetzt. Während viele Romane dieses Themas mit pathetischen Heldenerzählungen arbeiten, bleibt Kiss realistisch. Die Figuren werden mit der Härte des Freiheitskampfes konfrontiert, aber die Geschichte vermeidet überzogene Dramatisierungen. Stattdessen setzt sie auf feine Zwischentöne und den psychologischen Druck, der auf den Figuren lastet.
Insgesamt überzeugt "Rückkehr nach Budapest" durch seine Stärken: Es ist kein bahnbrechender Roman, aber er bietet eine selten gelesene Perspektive auf die DDR. Die literarische Qualität ist nicht überragend, doch das Zusammenspiel aus politischen Themen, persönlichen Beziehungen und einer komplexen Erzählstruktur hebt das Werk von anderen historischen Romanen ab. Besonders die Randgeschichte über die fragile Frauenfreundschaft zwischen Márta, Theresa und Katja verleiht dem Buch eine zusätzliche Tiefe. Nikoletta Kiss ist es gelungen, einen historischen Roman mit unkonventionellen Elementen zu schreiben, der sich durch eine interessante Erzählweise und nuancierte Figurenkonstellationen auszeichnet.

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Veröffentlicht am 18.02.2025

Spaltung der Gesellschaft

Der große Riss
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In Cristina Henríquez‘ Roman „Der große Riss“ wird der Bau eines Kanals, der den Atlantik mit dem Pazifik verbinden soll, zum zentralen Element der Handlung. Dabei verknüpft das Bauprojekt nicht nur zwei ...

In Cristina Henríquez‘ Roman „Der große Riss“ wird der Bau eines Kanals, der den Atlantik mit dem Pazifik verbinden soll, zum zentralen Element der Handlung. Dabei verknüpft das Bauprojekt nicht nur zwei Ozeane, sondern auch das Schicksal mehrerer Protagonisten. Diese stammen aus unterschiedlichen Milieus und Kulturen, sind jedoch direkt oder indirekt von den Geschehnissen rund um den Kanalbau in Panama betroffen. Der Roman entfaltet sich aus verschiedenen Perspektiven und gibt einen vielschichtigen Einblick in das Leben dieser Zeit.
Eine der eindrucksvollsten Figuren ist das junge Mädchen Ada, das neu nach Panama kommt, angelockt durch das Versprechen zahlreicher Arbeitsmöglichkeiten. Ihre Reise ist nicht nur geographisch, sondern auch sozial und emotional eine Herausforderung. Sie hat ihre Heimat verlassen, um Geld für eine notwendige Operation ihrer Schwester zu verdienen, und findet sich plötzlich in einer Welt wieder, in der unterschiedliche Gesellschaftsschichten aufeinanderprallen. Durch Adas Augen erkundet der Leser das Panama um 1900, eine Welt, die vielen heutigen Lesern wohl fremd erscheinen dürfte.
Neben Ada gibt es zahlreiche weitere Protagonisten, deren Leben durch den Bau des Kanals auf die eine oder andere Weise beeinflusst wird. So begegnet Ada dem wohlhabenden Ehepaar Marian und John, das zur Oberschicht Panamas gehört. Marian ist schwer krank, und obwohl sie aus privilegierten Verhältnissen stammt, kann ihre gesellschaftliche Stellung ihr in dieser Situation wenig helfen.
Ein weiterer zentraler Charakter ist der junge Fischer Omar, der sich von der Arbeit am Kanal ein unabhängiges Leben erhofft. Doch diese Entscheidung führt zu einem unausgesprochenen Konflikt mit seinem Vater, der ihn in der traditionellen Lebensweise der Fischer halten will. Die Distanz zwischen Vater und Sohn wird zu einer schmerzhaften Erfahrung für beide. Henríquez zeichnet mit großer Sensibilität das komplexe Wechselspiel zwischen individuellen Träumen und gesellschaftlichen Zwängen.
Obwohl die einzelnen Charaktere für sich stehen, werden sie von Henríquez auch als Archetypen genutzt, um die damalige Gesellschaft zu analysieren. Durch ihre Geschichten werden tiefgehende Fragen zu Kultur, Politik und Gerechtigkeit aufgeworfen, die sich erstaunlich aktuell anfühlen. Insbesondere die weiblichen Figuren stehen im Mittelpunkt der Betrachtung. Sie sind es, die oft nur indirekt von den historischen Entwicklungen betroffen sind, aber dennoch eng mit ihnen verknüpft bleiben.
Eine bemerkenswerte erzählerische Entscheidung Henríquez' ist es, aufzuzeigen, wie bestimmte Gruppen in der Geschichtsschreibung marginalisiert werden. Die einfachen Arbeiter, ohne deren Mühe der Bau des Kanals nicht möglich gewesen wäre, drohen in der offiziellen Historie zu verschwinden. Die Ehre gebührt allein den Entscheidungsträgern und Einflussnehmern, während diejenigen, die den eigentlichen physischen Kraftakt vollbringen, kaum Erwähnung finden. Auch die Menschen, die für den Bau des Kanals gezwungen werden, ihre Häuser zu verlassen, werden in der offiziellen Geschichte lediglich als Randerscheinung betrachtet. Dies wirft die zentrale Frage auf: Wem nutzt der Kanal letztlich? Ist es in erster Linie ein Projekt der Amerikaner, um ihre weltpolitische Stellung zu festigen, während die panamaische Bevölkerung auf der Strecke bleibt?
Der Roman liefert viele solcher Fragen, ohne dabei eindeutige Antworten zu präsentieren. Henríquez verzichtet weitgehend auf direkte Wertungen und lässt vielmehr die Lebensgeschichten ihrer Figuren für sich sprechen. Dies verleiht dem Roman eine große Authentizität und lässt viel Raum für eigene Reflexionen. Dennoch ist klar, dass Henríquez mit "Der große Riss" mehr als nur einen historischen Roman schaffen wollte. Ihr Werk ist eine Allegorie auf gesellschaftliche Ungleichheiten, die bis in die Gegenwart reichen.
Trotz dieser Tiefe verliert der Roman nie seinen Unterhaltungswert. Henríquez gelingt es, zwischen den verschiedenen Erzählebenen, zwischen individuellen Schicksalen, Geschichte und Politik, eine harmonische Balance zu finden. Sie erzählt von menschlichen Tragödien, gesellschaftlichen Spannungen und politischen Fragen, ohne ihre Figuren dabei zu eindimensional erscheinen zu lassen. Jede Figur wird mit viel Tiefe, Emotion und psychologischer Schärfe gezeichnet. Ihr Erzählstil ist bildreich und facettenreich, sodass sie eine selten behandelte historische Episode auf eindrucksvolle Weise zum Leben erweckt. Die Übersetzung von Maximilian Murmann unterstützt dies zusätzlich mit einer flüssigen und eleganten Sprache.
Letztendlich ist "Der große Riss" ein überzeugender und tiefgehender Roman, der den Leser auf eine emotionale und geschichtliche Reise mitnimmt. Die Mischung aus individueller Tragik, gesellschaftlicher Analyse und historischer Präzision macht ihn zu einem Werk, das lange nachhallt. Henríquez ist damit ein beachtenswerter Schmöker gelungen, der sich sowohl für eine unterhaltsame Lektüre als auch für eine tiefere Auseinandersetzung mit den dargestellten Themen eignet.

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