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Veröffentlicht am 14.08.2025

Emotionale Milieustudie

Das gelbe Haus
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Als Hana durch Zufall über einen Zeitungsbericht stolpert, ist das wie eine Zeitreise in ihre Vergangenheit. Als 17-Jährige eröffnete sie mit der älteren Kimiko eine Bar und begann den Abstieg ins kriminelle ...

Als Hana durch Zufall über einen Zeitungsbericht stolpert, ist das wie eine Zeitreise in ihre Vergangenheit. Als 17-Jährige eröffnete sie mit der älteren Kimiko eine Bar und begann den Abstieg ins kriminelle Milieu. Eben diese Kimiko soll nun in ihrer Wohnung eine Frau festgehalten und sie misshandelt haben. Hana versucht, ihre Freundinnen von damals zu kontaktieren und denkt zurück an ein Leben voller harter Arbeit, ständiger Rückschläge und finanzieller Sorgen.

„Das gelbe Haus“ ist der neuste Roman der Autorin Mieko Kawakami; die deutsche Übersetzung verfasste Katja Busson. Der Titel bezieht sich auf ein Haus, in das Hana, Kimiko und Hanas Freundinnen Ran und Momoko im Verlauf der Handlung gemeinsam einziehen. Es ist ein Symbol für einen sicheren Hafen und einen Platz im Leben, auch wenn sich dort nicht immer nur Positives abspielt. Im Fokus der Geschichte steht Protagonistin Hana, aus deren Ich-Perspektive in der Vergangenheitsform erzählt wird.

Hanas Einstieg ins Rotlichtmilieu scheint unvermeidbar, denn auch ihre Mutter arbeitet als Hostess in einer Snackbar und unterstützt ihre Tochter kaum. Anders fühlt sich alles bei Kimiko an, einer Bekannten der Mutter, die Hana wahrnimmt, etwas mit ihr unternimmt und mit der sie dann gemeinsam ins Bargeschäft einsteigt. Dabei befindet Hana sich in einem echten Teufelskreis: sie ist minderjährig und hat keinen Ausweis – wo soll sie sonst arbeiten, wenn nicht im Milieu? Doch einmal dort angelangt, scheint der Ausstieg unmöglich.

„Das gelbe Haus“ ist auf der einen Seite eine Geschichte über eine Wahlfamilie, die sich gegenseitig Halt gibt, die aber auch von der Realität des Lebens regelmäßig auf die Probe gestellt wird. Auf der anderen Seite geht es um das Rotlichtmilieu, das vielen Menschen Arbeit gibt, die anderswo keine finden würden. Dafür bezahlen sie mit ihrer Sicherheit, erleiden Gewalt durch Kunden, müssen sich vor der Yakuza in acht nehmen und scheinen in einem endlosen Hamsterrad gefangen – ohne Aussicht auf Erfolg. Mieko Kawakami ist hier eine emotionale Milieustudie gelungen, wenn es auch lange dauert, den Bogen zum Zeitungsartikel am Anfang zu schlagen.

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Veröffentlicht am 11.08.2025

Roman über Spielsucht und einen gesellschaftlichen Abstieg

Blume Vollmond
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Es ist das Jahr 1948 und die 20-jährige Hua Manyue verbringt ihre Zeit mal wieder am Mah-Jongg-Tisch im Spielsalon. Da erscheint Wang Vier, der Rikschakuli der Familie, mit dem Auftrag, sie abzuholen. ...

Es ist das Jahr 1948 und die 20-jährige Hua Manyue verbringt ihre Zeit mal wieder am Mah-Jongg-Tisch im Spielsalon. Da erscheint Wang Vier, der Rikschakuli der Familie, mit dem Auftrag, sie abzuholen. Die Straßen sind voller Soldaten der Befreiungsarmee, es wird geschossen und die gesamte Familie Hua muss fliehen. Zurück bleibt nur Hua Manyue, ohne jeglichen Besitz, da dieser enteignet wurde, und so muss sie untertauchen. Aus Hua Manyue wird nun Yue Manhua. Wang Vier versteckt sie pflichtbewusst, doch wie soll ihr Leben in Zukunft weitergehen?

„Blume Vollmond“ ist der neuste Roman der chinesischen Autorin Fang Fang und wurde von Michael Kahn-Ackermann ins Deutsche übersetzt. Das chinesische Original wurde bisher nicht veröffentlicht, da die Autorin in ihrer Heimat einem Publikationsverbot unterliegt. Der Titel des Buches ist die wörtliche Übersetzung des Namens der Protagonistin Hua Manyue und wirkt im Deutschen eher zusammenhangslos. Hier wäre vielleicht der chinesische Name oder ein Titel mit Bezug zum Inhalt vorteilhafter gewesen.

Die Handlung entwickelt sich vor dem Hintergrund der so genannten „Bodenreform“ (1948-51), über die „Kulturrevolution“ (1966-76) bis in die Gegenwart im Jahr 2008, als Hua Manyue 80 Jahre alt ist. Die politischen Entwicklungen und die bodenlose Gewalt, die die Bevölkerung erdulden muss, bleiben jedoch nur ein kleiner Nebenschauplatz. Im Zentrum steht eine Protagonistin, für die im Leben nur eines Bedeutung hat: das Mah-jongg-Spiel. Auch als sie Wang Vier heiratet, um ihre Tarnung zu schützen, und mit ihm einen Sohn bekommt, kann sie für ihre Familie keine Gefühle entwickeln; der Bezug zu ihr als Hauptfigur bleibt schwierig.

„Blume Vollmond“ ist zuallererst ein Roman über Spielsucht und über einen gesellschaftlichen Abstieg. Aufgrund ihrer Persönlichkeit fällt es jedoch schwer, Empathie mit der Protagonistin zu empfinden. Ich persönlich hätte mir noch einen etwas tieferen Einstieg in die politischen Zusammenhänge gewünscht. Wer diesen sucht, wird bei Fang Fang in ihrem grandiosen Roman „Weiches Begräbnis“ fündig; „Blume Vollmond“ enthält aber auch ein sehr informatives Nachwort.

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Veröffentlicht am 07.08.2025

Guilia Ferraris Vergangenheit

Signora Commissaria und die kalte Rache
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In Florenz verfolgt nachts ein Mann Frauen durch die Straßen. Er „begleitet“ sie bis vor die Haustür und am nächsten Morgen hängen in der Nähe Vermisstenplakate mit ihrem Foto darauf Der Täter will ihnen ...

In Florenz verfolgt nachts ein Mann Frauen durch die Straßen. Er „begleitet“ sie bis vor die Haustür und am nächsten Morgen hängen in der Nähe Vermisstenplakate mit ihrem Foto darauf Der Täter will ihnen sagen: „So könntest Du enden, wenn ich mich dazu entschieden hätte.“ Und tatsächlich verschwindet bald darauf eine Frau spurlos. Commissaria Giulia Ferrari nimmt gemeinsam mit Partner und Kollege Enzo sowie dem ehemaligen Commissario Luigi Batista (inzwischen Barbesitzer) den Fall auf. Doch auch in ihrer Vergangenheit gibt es ein großes Rätsel, das gelöst werden will.

„Signora Commissaria und die kalte Rache“ ist bereits der dritte Roman rund um Giulia Ferrari, auch wenn der erste Roman der Serie von Autor Alexander Oetker noch unter dem Pseudonym Pietro Bellini erschien. Die Handlung wird aus verschiedenen Perspektiven erzählt, vor allem der von Giulia und Luigi, aber auch der Täter kommt zu Wort. Zwischendurch sind auch wörtliche Gespräche zwischen Luigi und seiner Frau Carla wiedergegeben, nach denen stets eines von Carlas berühmten Rezepten folgt.

Es war eine schöne Abwechslung, mal wieder einen Krimi zu lesen, in dem es nicht um Mord und Totschlag geht und in dem es auch keinen Leichenfund gibt. Stattdessen konzentriert sich die Geschichte auf die Ermittlungen rund um den nächtlichen Stalker – was ich als ein sehr wichtiges Thema empfinde, weil so die Angst vieler Frauen auf dem dunklen Weg nachhause angesprochen wird. Die Auflösung war nach etwa zwei Dritteln zwar vorhersehbar, dennoch hat mich der Fall gut unterhalten.

In Giulias Privatleben schätze ich besonders ihre liebevolle Beziehung zu ihrem blinden Kollegen Enzo, den sie allen Bereichen als ebenbürtigen Partner empfindet. Etwas übertrieben wirken hingegen die Entwicklungen, welche die Handlung in Bezug auf die Familiengeschichte der Commissaria nimmt. Hier ist in den kommenden Bänden ein großer Showdown zu erwarten, den ich persönlich nicht bräuchte. Mir genügt es, von Giulia und Enzo, von Carlas leckeren Rezepten oder Luigis Hund Tulipan zu lesen und die Kulisse von Florenz zu genießen.

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Veröffentlicht am 04.08.2025

Spannende Auflösung, zwischendurch Schwächen

We Were Liars. Solange wir lügen. Lügner-Reihe 1 (Best of BookTok & Roman zur Amazon-Prime-Serie)
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Seit ihrer Geburt verbringt die 17-jährige Cadence Sinclair Eastman jeden Sommer mit ihrer Familie auf Beechwood Island. Die Sinclairs, das sind Oberhaupt Harris und seine Frau Tipper, die drei Töchter ...

Seit ihrer Geburt verbringt die 17-jährige Cadence Sinclair Eastman jeden Sommer mit ihrer Familie auf Beechwood Island. Die Sinclairs, das sind Oberhaupt Harris und seine Frau Tipper, die drei Töchter Penny, Carrie und Bess sowie deren Kinder, also Cadence und ihre Cousinen und Cousins. Eine besonders enge Freundschaft verbindet sie dabei mit ihrem Cousin Johnny, ihrer Cousine Mirren und natürlich mit Gat, der – streng gesehen – nicht zur Familie gehört. Zusammen geben die vier ein starkes Team ab und nennen sich selbst „die Lügner“. Doch in ihrem 15. Sommer auf der Insel hat Cadence einen Unfall und kann sich danach an nichts erinnern. Ganze zwei Jahre nimmt keiner der „Lügner“ Kontakt zu ihr auf, doch nun ist Cadence wieder auf dem Weg nach Beechwood und sie wird herausfinden, was in diesem einen Sommer geschehen ist und was alle vor ihr verbergen wollen.

„We were Liars“ von E. Lockhart erschien bereits im Jahr 2015, die deutsche Übersetzung stammt von Alexandra Rak. Ich wurde erst durch die zugehörige Serie auf das Buch aufmerksam. Die Handlung wird von Cadence selbst in der Ich- und Vergangenheitsform erzählt, so dass wir gemeinsam mit ihr herausfinden, was hinter ihrem Unfall steckt. Die Erzählweise ist dabei manchmal etwas gewöhnungsbedürftig, da die Autorin Emotionen sehr bildreich beschreibt. Als Cadence Vater die Familie verlässt, beschreibt diese, dass er sich noch einmal zu ihr umdreht und ihr mitten in die Brust schießt – was eigentlich nur ihre Traurigkeit ausdrücken soll. Hier muss man manchmal zwei mal lesen, um die nicht ganz geglückten Beschreibungen einzuordnen.

Die Geschichte lebt definitiv vom Zusammenhalt der vier „Lügner“ untereinander. Gemeinsam lehnen sie sich gegen den Großvater auf, der ein strenges Regiment führt und seine drei Töchter pausenlos gegeneinander ausspielt. Besonders Gat mit seinen indischen Wurzeln hat es bei ihm schwer. Hier gelingt es, meiner Meinung nach, der TV-Serie noch etwas besser, die komplexen, festgefahrenen Familienverhältnisse darzustellen. Die Auflösung am Ende, was mit Cadence passiert ist, ist eine der besten, die ich bisher gelesen habe und gleicht aus, wo der Roman zwischenmenschlich und sprachlich seine Schwächen hat.

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Veröffentlicht am 31.07.2025

Holly Jacksons bisher schwächstes Buch

Not Quite Dead Yet
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Es ist der Abend von Halloween, als Margaret – genannt Jet – nach einem Jahrmarkt in ihrem eigenen Haus überfallen und schwer verletzt wird. Sie wacht zwar zwei Tage später im Krankenhaus wieder auf, doch ...

Es ist der Abend von Halloween, als Margaret – genannt Jet – nach einem Jahrmarkt in ihrem eigenen Haus überfallen und schwer verletzt wird. Sie wacht zwar zwei Tage später im Krankenhaus wieder auf, doch die Ärzte haben schlechte Nachrichten für: in ihrem Kopf steckt ein Knochensplitter, der in wenigen Tagen ein tödliches Aneurysma verursachen wird. Einzige Alternative ist eine OP, die weniger als zehn Prozent Erfolgschance hat. Jet entschließt sich gegen die OP und dafür, das Krankenhaus zu verlassen. Doch eines will sie in den verbliebenen Tagen unbedingt schaffen: ihren Mörder zu finden.

„Not Quite Dead Yet“ ist der sechste Roman der erfolgreichen Autorin Holly Jackson, die durch „A Good Girl’s Guide to Murder“ bekannt wurde, und ihr erster, der sich gezielt an Erwachsene wendet. Dennoch ist die 27-jährige Jet mit all ihren Fehlern und Schwächen sicherlich auch für Jugendliche eine Identifikationsfigur. Sie selbst ist es auch, aus deren Perspektive die Geschichte erzählt wird, so dass wir immer nur so viel wissen, wie Jet bis zu diesem Zeitpunkt herausgefunden hat, was zum Miträtseln einlädt.

Jets Familiensituation ist kompliziert. Ihre ältere Schwester Emily starb als Teenager und das Verhältnis zu ihrem Bruder Luke und dessen Frau Sophia (ehemals Jets beste Freundin) ist schwierig. Jets Mutter ist stets schroff und bestimmend, während der Vater darunter leidet, Jet seine Nierenkrankheit vererbt zu haben. Das alles führt auch dazu, dass Jet sich in ihren letzten Tagen von der Familie abwendet und Billy, ihren Freund aus Kindheitstagen, um Hilfe bei ihren Ermittlungen bittet.

Dass eine junge Frau mit einer solchen Kopfverletzung draußen herumspaziert und Detektivin spielt, ist zwar unrealistisch, das konnte ich als Prämisse der Handlung aber noch nachvollziehen, da ansonsten das Szenario, im Fall des eigenen Mordes zu ermitteln, nicht möglich gewesen wäre. Leider wirkt die letztendliche Auflösung dann sehr konstruiert und lässt viele Fragen völlig unbeantwortet. Auch fiel es mir schwer, zu Jet mit ihrem schwarzen Humor eine Beziehung aufzubauen. Für mich Holly Jacksons bisher schwächstes Buch.

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