Profilbild von Naraya

Naraya

Lesejury Star
offline

Naraya ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit Naraya über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 08.05.2025

Ein kraftvoller Text

Hunchback
0

Shaka Izawa wird mit einer Muskelerkrankung geboren und lebt nach dem Tod ihrer Eltern in einem Pflegeheim. Da ihre Wirbelsäule stark verkrümmt ist, ist sie auf einen Rollstuhl und ein Beatmungsgerät angewiesen. ...

Shaka Izawa wird mit einer Muskelerkrankung geboren und lebt nach dem Tod ihrer Eltern in einem Pflegeheim. Da ihre Wirbelsäule stark verkrümmt ist, ist sie auf einen Rollstuhl und ein Beatmungsgerät angewiesen. Ihre Zeit vertreibt sie sich mit dem Schreiben erotischer Artikel und Kurzgeschichten und dem Teilen ihrer Gedanken auf Social Media – alles anonym, wie sie glaubt. Doch einiges Tages spricht ein Pfleger sie auf ihre Beiträge an, was Shaka nutzt, ihm ein unmoralisches Angebot zu machen.

„Hunchback“ ist der Debütroman der japanischen Autorin Saou Ichikawa, die selbst aufgrund einer angeborenen Myopathie im Rollstuhl sitzt und ein Beatmungsgerät nutzt. Sie ist die erste Schriftstellerin mit einer Behinderung, die den berühmten Akutagawa-Preis erhielt, die deutsche Übersetzung des Textes stammt von Katja Busson. Erzählt wird die Geschichte von der Protagonistin selbst in der Ich- und Gegenwartsform, was das Geschehen sehr eindringlich und unmittelbar wirken lässt.

Shaka spricht in ihren Texten Gedanken aus, die für eine Frau mit Behinderung ungehörig scheinen. „Im nächsten Leben werde ich Edelnutte.“, schreibt sie oder „Ich würde gerne schwanger werden und abtreiben.“ Was zunächst schockierend wirken mag, ist einfach nur Ausdruck des Wunsches nach Normalität, nach Körperlichkeit und Selbstbestimmung – Rechte, die behinderten Menschen nur allzu oft abgesprochen werden. Als sich für Shaka eine Gelegenheit bietet, einen dieser Wünsche aktiv umzusetzen, ergreift sie diese Chance, doch das alles ist nicht so unkompliziert, wie sie es sich vorgestellt hat.

„Hunchback“ ist ohne Frage ein kraftvoller Text, der einen Einblick in das Leben einer behinderten Frau mit all ihren Wünschen und Sehnsüchten gibt und aufzeigt, welchen Beschränkungen und gesellschaftlichen Ansichten sie ausgesetzt ist. Man muss jedoch auch sagen, dass Shaka – trotz ihrer Einschränkungen – ein sehr privilegiertes Leben führt. Sie ist reich, besitzt das gesamte Heim, in dem sie wohnt und hat Einnahmen aus weiteren Immobilien. Sie wird nie im selben Maße so von anderen Abhängigkeit sein, wie wohl der Großteil behinderter Menschen.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 05.05.2025

Der Klappentext verrät alles

Der Baum der verborgenen Erinnerungen
0

Der junge Reito hatte nicht unbedingt den besten Start ins Leben. Seine Mutter, eine Bardame, starb, als er noch ein Kind war und so wuchs er bei seiner Großmutter in Armut auf. Um mehr Geld zu verdienen, ...

Der junge Reito hatte nicht unbedingt den besten Start ins Leben. Seine Mutter, eine Bardame, starb, als er noch ein Kind war und so wuchs er bei seiner Großmutter in Armut auf. Um mehr Geld zu verdienen, geriet er schließlich auf die schiefe Bahn. Doch nun, im Gefängnis, kontaktiert ihn seine Tante, die er bisher nicht kannte und macht ihm ein Angebot: wenn er von nun ein Leben ohne Kriminalität führt und sich um den Schrein der Familie kümmert, bezahlt sie all seine Schulden. Zu dem Schrein gehört auch ein mächtiger Kampferbaum, der ein Geheimnis verbirgt.

„Der Baum der verborgenen Erinnerungen“ ist der erste Band einer neuen Reihe des bekannten japanischen Autors Keigo Higashino. Im Original liegen bereits zwei Bände vor, die deutsche Übersetzung verfasste Yukiko Luginbühl. Die Handlung wird aus der Sicht von Protagonist Reito in der dritten Person und der Vergangenheitsform erzählt. Daher wissen wir (eigentlich) über das Rätsel des Kampferbaums immer nur so viel, wie der junge Mann selbst und erfahren außerdem einen Großteil seiner Gedanken.

Eines vorweg: Es stört mich ungemein – und ich kann es auch überhaupt nicht nachvollziehen – wenn ein Klappentext das gesamte Buch verrät. Der Roman macht über gut die Hälfte ein Geheimnis daraus, was es mit dem Kampferbaum und den magischen Fähigkeiten, die ihm zugeschrieben werden, auf sich hat. Der Klappentext? Der verrät es einfach sofort – warum entscheidet man sich so? Und im Prinzip verrät auch schon der Titel zu viel; eine einfache Übersetzung des japanischen, der in etwa „Der Wächter des Kampferbaums“ lautet, hätte genügt.

Ja, natürlich geht es in einer Geschichte nicht nur darum, was vor sich geht, sondern auch wie es geschieht und wie es Einfluss auf die Figuren nimmt. Da dass Erzähltempo jedoch ein sehr langsames ist, verdirbt die Tatsache, dass wir die wichtigste Auflösung schon im Voraus kennen, wirklich den Lesespaß, tut mir leid! Wer hier zugreifen möchte, geht am besten so uninformiert wie möglich in den Text. Die Beziehungen zwischen den Figuren und eine kleine spannende Wendung zum Schluss werten den Roman noch einmal auf.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 24.04.2025

Geht in der Vielzahl ähnlicher Romane unter

Das kleine Antiquariat von Tante Sango-san
0

Nach dem Tod ihres Bruders Jiro hat Sango-san sein Antiquariat im Tokioter Stadtteil Jimbocho übernommen, doch die 70-Jährige kann sich nicht so recht für diese Arbeit begeistern. Außerdem musste sie dafür ...

Nach dem Tod ihres Bruders Jiro hat Sango-san sein Antiquariat im Tokioter Stadtteil Jimbocho übernommen, doch die 70-Jährige kann sich nicht so recht für diese Arbeit begeistern. Außerdem musste sie dafür ihr Leben in Obihiro zurücklassen, in welchem sie an einem wichtigen Wendepunkt stand. Unterstützt wird Sango-san von ihrer Großnichte Mikiki, deren Mutter das Geschäft lieber in den Händen ihrer Tochter sehen würde, als denen einer alten Frau. Auch Mikiki träumt davon, das Antiquariat selbst zu führen, doch Sango-san scheint das nicht in Erwägung zu ziehen. Was soll Mikiki also tun?

„Das kleine Antiquariat von Tante Sango-san“ ist der zweite, im Deutschen vorliegende Roman von Hika Harada, die Übersetzung stammt von Janett Blesch. Erzählt wird abwechselnd aus Sangos und Mikikis Perspektive in der Ich- und Gegenwartsform, so als würden wir selbst an den Ereignissen teilnehmen. Ich muss allerdings sagen, dass in meinem Ebook keine klare Trennung zwischen den Perspektiven zu sehen war und diese manchmal von einer Zeile auf die nächste wechselte. Somit musste ich ständig aus dem Kontext schließen, wer eigentlich gerade erzählt – da hätte ich mir doch eine klare Abgrenzung gewünscht.

Jedes Kapitel ist zudem so aufgebaut, dass einem Kunden oder einer Kundin ein bestimmtes Buch empfohlen und im Anschluss gemeinsam ein japanisches Gericht gegessen wird. Diese Kombination wirkte etwas gewollt auf mich, denn Sango-sans Antiquariat hat nicht etwa ein angeschlossenes Restaurant, sondern sie lädt einfach regelmäßig jemanden, der bei ihr einkauft, zum Essen ein. Hier hätte sich die Autorin besser auf die Literaturempfehlungen beschränkt, so wirkt es überfrachtet.

Die eigentliche Handlung ist nicht unbedingt spektakulär. Sango und Mikiki verkaufen Bücher, grübeln über die Zukunft des Ladens und versuchen nebenbei herauszufinden, was für ein Leben ihr Bruder bzw. Großonkel in den letzten Jahren geführt hat. Dabei machen sie am Ende eine – für sie – große Entdeckung, die uns als Leser*innen aber nicht wirklich vom Hocker haut. In der Vielzahl der Romane um kleine Läden geht dieser leider unter.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 21.04.2025

Der bisher beste Band der Reihe

Der Inugami-Fluch
0

Als das Oberhaupt der Familie Inugami, ein reicher Geschäftsmann und Besitzer eines Seidenimperiums, stirbt, wendet sich einer seiner Anwälte an Kosuke Kindaichi, denn er befürchtet, dass nun ein unerbittlicher ...

Als das Oberhaupt der Familie Inugami, ein reicher Geschäftsmann und Besitzer eines Seidenimperiums, stirbt, wendet sich einer seiner Anwälte an Kosuke Kindaichi, denn er befürchtet, dass nun ein unerbittlicher Kampf zwischen den Verwandten ausbrechen wird. Und tatsächlich löst die Testamentseröffnung Konflikte innerhalb der Familie aus – genau wie Sahei Inugami es geplant hatte. Bald darauf geschieht ein erster Mord und Detektiv Kindaichi macht sich auf die Suche nach dem Täter. Dabei kommen auch jede Menge Geheimnisse ans Licht.

„Der Inugami-Fluch“ von Seishi Yokomizo ist der vierte, im Deutschen erschienene Band der Reihe um den etwas seltsamen, aber brillanten Detektiv Kosuke Kindaichi. Das Original wurde bereits 1950 veröffentlicht, die deutsche Übersetzung stammt von der großartigen Ursula Gräfe. Erzählt wird die Geschichte in der dritten Person und der Vergangenheitsform vom Autor selbst, der auch immer wieder auf vorhergegangene Bände verweist und einen Überblick über das gesamte Material des Falls hat. Der Schreibstil ist daher eher berichtartig, eine sachliche Dokumentation der Verbrechen.

Der Ausgangspunkt der Handlung ist recht klassisch; ein Mann ist verstorben und seine Familie streitet sich um das Erbe. Im Fall der Familie Inugami wird dieses durch drei Insignien repräsentiert: Chrysantheme, Koto und Axt. Wer sie besitzt, hat das Sagen und so ist es besonders grausam, dass diese Symbole bei der folgenden Mordserie aufgegriffen werden. Durch die Menge an Charakteren (für die es zum Glück ein Personenregister gibt) und zahlreiche plötzliche Wendungen bleibt es bis zuletzt spannend.

Auch wenn Elemente wie der Streit um das Erbe, Familiengeheimnisse und aus dem Krieg zurückkehrende Söhne sich stets zu wiederholen scheinen, ist „Der Inugami-Fluch“ für mich absolut lesenswert und der bisher beste Band der Reihe. Das Setting hat mir gut gefallen und die Handlung war nicht so konstruiert, wie in manch einem der Vorgängerbände. Zusätzlich brachte das Einbeziehen der Familieninsignien noch einen zusätzlichen Spannungspunkt und eine Vorausdeutung darauf, was zwangsläufig noch passieren musste.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 18.04.2025

Zu wenig originell

Das Restaurant am Rande der Zeit
0

Die 20-jährige Kotoko Niki kann sich nur schwer mit dem Tod ihres Bruders abfinden, der starb, um ihr das Leben zu retten. Yuito war ein bekannter Schauspieler und wurde von allen geliebt, während Kotoko ...

Die 20-jährige Kotoko Niki kann sich nur schwer mit dem Tod ihres Bruders abfinden, der starb, um ihr das Leben zu retten. Yuito war ein bekannter Schauspieler und wurde von allen geliebt, während Kotoko sich als unbedeutend empfindet. Warum konnte sie selbst nicht an seiner Stelle sterben? Als sie von dem Restaurant „Chibis Kitchen“ in einem kleinen Dorf am Meer in der Präfektur Chiba hört, muss sie unbedingt dort einen Platz reservieren. Denn dort, so erzählt man ihr, kann man Verstorbene treffen und sich ein letztes Mal mit ihnen unterhalten.

„Das Restaurant am Rande der Zeit“ von Yuta Takahashi ist der erste Band einer Reihe rund um das Restaurant „Chibis Kitchen“. Im Original umfasst diese bereits 9 Teile; die deutsche Übersetzung stammt von Yukiko Luginbühl. Erzählt wird die Geschichte von einem allwissenden Erzähler in der dritten Person und der Vergangenheitsform. In jedem Kapitel erfährt eine andere Person von „Chibis Kitchen“, isst dort und trifft dabei eine geliebte Person. Alle Charaktere sind zudem miteinander verwoben, was die einzelnen Geschichten verbindet.

Was mir als erstes auffiel, waren die doch sehr großen Ähnlichkeiten zu der „Before the coffee gets cold“-Reihe, die für mich der Einstieg in diese Art von Genre war. Wir haben ein Restaurant, in dem man verstorbene Menschen treffen kann, „so lange der Dampf des Essens noch heiß ist“. Ich weiß, dass es inzwischen viele solcher Geschichten gibt, aber - meiner Meinung - nach hat sich keine so deutlich an der Idee eines anderen bedient. Seltsam fand ich auch, dass das Restaurant in der deutschen Übersetzung „Chibis Kitchen“ heißt, statt wie im Japanischen „Chibineko Kitchen“ – traut man den Leser*innen nicht zu, diesen Namen zu erfassen?

Grundsätzlich ist „Das Restaurant am Rande der Zeit“ sicherlich ein netter Roman. Es geht um Trauer und um Schuldgefühle und bietet den Figuren eine Chance, die viele von uns sicher gerne hätten: noch ein letztes Mal einen geliebten verstorbenen Menschen sehen und sagen, was bisher unausgesprochen blieb. Für mich hätte die Idee aber origineller sein müssen, schade!

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere