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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 17.08.2025

Wieder abgeliefert

Junge Frau mit Katze
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Ela, aus "Lügen über meine Mutter" ist zurück. Für die inzwischen Frau, die frisch ihre Doktorarbeit abgeben hat, startet eine Odysse. Es beginnt mit Halsschmerzen und Ela verliert nun gänzlich das angeknackste ...

Ela, aus "Lügen über meine Mutter" ist zurück. Für die inzwischen Frau, die frisch ihre Doktorarbeit abgeben hat, startet eine Odysse. Es beginnt mit Halsschmerzen und Ela verliert nun gänzlich das angeknackste Vertrauen in ihren Körper. Außerdem kann sie es sich gar nicht erlauben, krank zu sein. Sie muss bald ihre Doktorarbeit verteidigen, durch Umstände Japanisch lernen, arbeiten. Über allem schwebt ihre Mutter, wie ein schwarzer Schatten.
Natürlich musste ich "Junge Frau mit Katze" von Daniela Dröscher lesen, nachdem mir der Vorgänger so gut gefallen hat und schon mal vor weg: man kann diesen Roman auch unabhängig lesen oder zu erst. Wie damals bin ich wieder begeistert.
Sprachlich, stilisitisch ist es wieder grandios. Ich liebe Danila Dröschers Art zu schreiben, nahbar, ehrlich, authentisch, komplex, aber gleichzeitig leicht und mit Witz. Das ist auch wieder so, allerdings begrenzt auf Ela, ihren Körper und vor allem auf ihre rätselhaften Krankheiten. Mitunter wurde das herausfordernd.
Ausgesprochen gut gefallen hat mir die Kapitalismus- und Gesellschaftskritik, in die ein kranker Körper einfach nicht reinpasst. Es verdeutlicht, wie wichtig unserer Gesundheit ist und das Vertrauen in diese. Denn Ela hadert sehr, als das Misstrauen in die Medizin, die ihr nicht helfen kann, Überhand nimmt.
Die Mutter spielt augenscheinlich eine untergeordnete Rolle zu spielen, lauert aber immer im Hintergrund, mit ihrem eigenen Verhalten, das auf die Tochter abgefärbt hat und nicht einfach abzulegen ist. Ein wenig schimmert die Studie über Mutter-Tochterbeziehungen durch, allerdings ganz subtil.
Auch die schriftstellerischen Exkurse haben mir super gefallen.
Es ist also anders als "Die Lügen über meine Mutter", Hypohonder sollten es vielleicht mit vorsicht genießen, aber Daniela Dröscher Fans werden auf ihre Kosten kommen.
Nun ist natürlich klar, welches Buch von ihr als nächstes dran ist, nämlich das neu aufgelegte "Der falsche Japaner".

Veröffentlicht am 09.08.2025

Leider nicht meins

Onigiri
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Aki möchte mit ihrer Mutter, die an Demenz erkrankt ist, nach Japan reisen.
So steht es im Klappentext von Onigiri von Yoku Kuhn. Da ich nur bis Seite 71 gekommen bin und dann etwas entnervt abgebrochen ...

Aki möchte mit ihrer Mutter, die an Demenz erkrankt ist, nach Japan reisen.
So steht es im Klappentext von Onigiri von Yoku Kuhn. Da ich nur bis Seite 71 gekommen bin und dann etwas entnervt abgebrochen haben, kann ich nicht sagen, wie die Reise verlaufen ist. Bis dahin war es eine schier endlose Aneinanderreihung von Erinnerungen und Beobachtungen von Aki, die meist völlig unzusammenhängend wirkten und die Reise hat noch nicht begonnen. Dies scheint auch der rote Faden zu sein, nur leider nicht eingebettet in einen Plot, der durchaus gegeben wäre, nämlich die Reise nach Japan, in die Vergangenheit der Mutter. Zunächst geht es nur um Aki und wie sie ihre Kindheit in Deutschland verbracht hat. Mal bei ihrer alleinerziehenden Mutter, mal bei ihren deutschen Großeltern. Irgendwann kommen auch Vater und Bruder vor, aber alles sprunghaft, oft gegenüberstellend, à la arm gegen wohlhabend. Gerade dieses hin und her Gehopse, fand ich sehr anstrengend und es hat mich nicht in die Geschichte finden lassen, sondern dazu verführt Passagen schon früh querzulesen.
Mit diesen 71 Seiten habe ich mehr als ein Drittel gelesen und da sollte, meiner Meinung nach, schon mehr passiert sein. Ich verstehe, dass man ein Setting entwerfen und eine Atmosphäre schaffen möchte, aber das kann man durchaus im Voranschreiten der Geschichte, aber vielleicht habe ich auch das Konzept des Romans nicht verstanden, oder es war einfach nicht meins.
Mich sprechen durchaus unaufgeregte Romane an, dann muss es aber sprachlich, also stilistisch abliefern. Doch auch hier hat es mich nicht beeindruckt. Es wirkt wie ein nüchterner, sehr detailreicher Bericht, der keine Emotionen bei mir weckte.
Ich finde es schade, dass der Roman mich nicht abholen konnte. Vielleicht habe ich auch was anderes erwartet. Als Migrantenkind spiegelt es in mancherlei Hinsicht meine eigenen Erinnerungen und Erfahrungen wider; Japan und dessen Literatur habe ich in den letzten Jahren liebe gelernt, aber „Onigiri“ hat mich leider enttäuscht.

Veröffentlicht am 05.08.2025

Überraschend

Zwischen zwei Leben
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Jenni verlässt ihren Mann, der nicht mal schafft, die Zahnbürste seiner Affäre wegzuräumen, und damit ihr altes Leben. Eigentlich hielten nur die beiden gemeinsamen Kinder, die Gewohnheit, aber vor allem ...

Jenni verlässt ihren Mann, der nicht mal schafft, die Zahnbürste seiner Affäre wegzuräumen, und damit ihr altes Leben. Eigentlich hielten nur die beiden gemeinsamen Kinder, die Gewohnheit, aber vor allem alte Glaubenssätze Jenni in dieser Vernunftehe. Nun wird sie zu Jenny Hill und tritt den steinigen Weg der Selbstfindung an, zwar mit Unterstützung von emanzipierten Märchenprinzessinnen, aber ohne esoterischen Firlefanz.
„Zwischen zwei Leben“ von Minna Rytisalo hat mich überrascht. Ich hatte einen klassischen Selbstfindungsroman einer Frischgetrennten erwartet und habe etwas aufgeschlagen, was ich nicht so recht benennen kann. Es ist feministisch und kämpferisch, aber auch zart und liebevoll. Durch die weiblichen Märchenfiguren, die wir alle kennen, bekommt es eine ganz besondere Note, denn diese Frauen, die als Paradebeispiel des Weiblichen herhalten müssen und uns geprägt haben, erzählen ihre Geschichten ganz anders. Und sie flüstern Jenny ins Ohr, welchen Lügen sie aufgesessen ist und damit auch uns. Was ich einen äußerst geschickt finde, denn so kam auch ich ganz automatisch ins Grübeln.
Gerade die letztes 100 Seiten, die ich in einem Rutsch verschlungen habe, fand ich lesetechnisch besonders spannend, weil ich immer wieder das Gefühl hatte, dass hier das perfekte Ende wäre. Alle Fragen sind beantwortet und Jennys Verwandlung vollzogen. Doch das war nicht das Ende, und was danach kam, passte genau dorthin und das immer wieder. Ich kann mich nicht erinnern, so etwas schon mal gelesen zu haben.
Zudem hat es mir sprachlich richtig gut gefallen. Minna Rytisalo hat eine feine Sprache, leicht und doch komplex. Da muss ich tatsächlich den Übersetzer loben, wobei ich mich wie so oft frage, warum nicht eine Übersetzerin bei einer Autorin zum Zug kommt.
Ein toller Roman für alle, die dem internalisierten Frauenbild und der vorherrschenden Misogynie den Spiegel vorhalten wollen.

Veröffentlicht am 04.08.2025

Jahreshighlight

Bestie
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Um bei Content Creatorin Anouk einzuziehen, wird Delia zu Lilly. Doch das alte Leben abzustreifen, ist nicht so leicht wie gedacht. Immer wieder rutscht sie ab und fällt in alte Unsicherheiten zurück, ...

Um bei Content Creatorin Anouk einzuziehen, wird Delia zu Lilly. Doch das alte Leben abzustreifen, ist nicht so leicht wie gedacht. Immer wieder rutscht sie ab und fällt in alte Unsicherheiten zurück, fühlt sie neben der perfekten Anouk erst recht minderwertig. Dass Anouks Leben nicht so schillernd ist, ahnt niemand, zu gut kann Anouk das verbergen, auch wenn das einen hohen Preis hat.
„Bestie“ von Joana June gehört definitiv zu meinen Jahreshighlights! Von Seite Eins hat mich ihr Debüt in den Bann gezogen. Nicht nur ist es sprachlich herausragend - so viele tolle Bilder und kluge Sätze habe ich mir angestrichen. Es ist auch szenisch, atmosphärisch und ich bin komplett ein- und erst mit dem Zuklappen des Buches wieder aufgetaucht. Selten habe ich eine so extreme Sogwirkung erlebt.
Das liegt vor allem an den beiden Protagonistinnen. Delia, die sich als Lilly neu erfinden will, schwankt auf ihrem wackeligen Lügenkonstrukt. Anouk hingegen hält sich selbst und ihre Außenwirkung im eisernen Griff. Beide sind so unterschiedlich und doch gleichermaßen verloren; mit beiden konnte ich mich in gewisser Weise identifizieren, auch wenn sie jünger sind als ich.
Und als wenn das noch nicht für ein grandioses Leseerlebnis ausreichen würde, enttarnt Joana June den Glanz von Social Media, ehrt Theater und Literatur und das Schreiben an sich, stellt Frauen in den Vordergrund, ohne ganz auf Männer zu verzichten, und finden gerade da eine wunderbare Balance.
Ich wollte diese Romanwelt nicht verlassen. Zu sehr sind Delia/Lilly und Anouk mir ans Herz gewachsen und für mich hätte es auch noch weitergehen können, denn das Ende kam nicht plötzlich, aber schnell. Zwar wurden alle wichtigen Fragen beantwortet, manche Ebenen hätten jedoch noch weitererzählt werden können (und das von einer, die offene Enden liebt).
Aber so hat Joana June hoffentlich bald Zeit, sich einem neuen Romanprojekt zu widmen und ich weiß jetzt schon, dass ich es lesen werde.

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Veröffentlicht am 30.07.2025

True Crime Podcast trifft Demenz

Himmelerdenblau
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Als sich Julies Verschwinden zum zwanzigsten Mal jährt, beschließt der Podcast Two Crime, aus dem Fall eine Reportage zu machen. Liv stürzt sich in die Recherche und kontaktiert Julies Vater Theo, der ...

Als sich Julies Verschwinden zum zwanzigsten Mal jährt, beschließt der Podcast Two Crime, aus dem Fall eine Reportage zu machen. Liv stürzt sich in die Recherche und kontaktiert Julies Vater Theo, der inzwischen an Demenz erkrankt ist. Früher war er Direktor an der Charité, heute haust er verarmt in einer kleinen Wohnung und hat nur noch seine Tochter Sophia, Julies jüngere Schwester. Mit Livs Hilfe hofft er, Julie endlich zu finden und sie nach Hause zu bringen. Und wieder gerät Julies Ex-Freund Daniel in den Fokus.
Romy Hausmann verbindet in „Himmelerdenblau“ True Crime Podcast und Demenz auf erstaunliche Weise. Gerade die Abschnitte aus Theos Perspektive sind herzzerreißen. Wie dieser intelligente, früher so erfolgreiche Mann um Worte ringt, sie verdreht, immer wieder nach Erinnerungen sucht und in solche fällt, die er nicht gebrauchen kann, schmerzt sehr. Sophia bekommt seine Wut, seinen Frust ab und will die Vergangenheit doch einfach nur ruhen lassen. Auch Daniel würde das am liebsten, aber die Rolle des Hauptverdächtigen wird er nicht los.
Gekonnt wechselt Romy Hausmann zwischen den Figuren, gibt jeder ihre eigene Stimme und steigert die Spannung bis zum Zerbersten. Dazu noch das Zwischenmenschliche, die Vater-Tochter-Beziehung und die Freundschaft zwischen Liv und Theo, welche dem Buch noch eine weitere Dimension verleiht. Ich rauschte durch die Seiten, bis kurz vorm Ende, da schlichen sich ein paar Längen ein, aber das sei der ausgiebigen Auflösung verziehen.
Es bleibt ein Thriller, der einer Krankheit, endlich die Bühne gibt, die sie benötigt, weil sie so viele Menschen betrifft, nicht nur als Erkrankte, sondern auch als Angehörige. Und so mancher True Crime Podcast sollte sich ein Beispiel an ihren Skripten nehmen, denn so soll ein Podcast sein. Ich bin gespannt, wie der begleitende Podcast von Romy und Mark Benecke sein wird, denn natürlich werde ich den auch hören. Und jeden weiteren Thriller aus ihrer Feder lesen.