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Veröffentlicht am 13.03.2025

Wie gut kennen wir unsere Familie wirklich?

Die Summe unserer Teile
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Die 23-jährige Lucy studiert Informatik und lebt mittlerweile in Berlin, wovon ihre Eltern nichts wissen. Ihre Mutter Daria arbeitet als Medizinerin in München. Als diese nach drei Jahren Funkstille Lucy ...

Die 23-jährige Lucy studiert Informatik und lebt mittlerweile in Berlin, wovon ihre Eltern nichts wissen. Ihre Mutter Daria arbeitet als Medizinerin in München. Als diese nach drei Jahren Funkstille Lucy in ihrer WG in München besuchen will, erfährt sie von Lucys ehemaligen Mitbewohnern von deren Umzug. Daraufhin schickt Daria einen riesigen Steinway-Flügel an Lucys neue Adresse in Berlin. Lucy hasst diesen Flügel, da sie als Kind ständig darauf üben musste. Als Absender der Sendung ist der Nachname ihrer verstorbenen Großmutter angegeben, die in Polen geboren wurde und als junge Frau in den Libanon auswanderte. Lucy hat ihre Großmutter Liudmyla nie kennengelernt und beschließt spontan, auf den Spuren der Großmutter nach Polen zu reisen. Auch Daria und ihre Mutter Liudmyla waren entfremdet und hatten sich nach Lucys Geburt nur noch ein einziges Mal gesehen. Im Laufe der Geschichte stellt sich heraus, dass die Mütter ihren Töchtern so manche wichtige Information vorenthalten haben, die für das gegenseitige Verständnis von großer Bedeutung gewesen wäre.
Das Buch liest sich gut und flüssig, doch manches hat sich mir nicht erschlossen, zum Beispiel, warum Lucy den Flügel geschickt bekam. Die Mutter konnte sich doch denken, dass in einem WG-Zimmer kein Platz für einen monströsen Konzertflügel ist. Warum sie ihren Mädchennamen Krawczyk als Absender angegeben hat, wird auch nicht erklärt. Wollte die Mutter, dass Lucy sich mit ihrer Herkunft auseinandersetzt? Außerdem ist mir nicht klar, was eigentlich passiert ist, dass Lucy den Kontakt zu ihren Eltern ganz abgebrochen hat.
Es war interessant, über den Werdegang der drei Frauen zu lesen. Als Leser weiß man sehr viel mehr über Großmutter Liudmyla als Lucy und Daria. Die Schwierigkeit, mit der eigenen Tochter zu kommunizieren und eine enge Verbindung aufzubauen, scheint von Generation zu Generation vererbt worden zu sein. Die auf der Rückseite des Covers zitierte Meinung, dass der Roman „verkrustete Glaubenssätze über Mutterschaft aufkratzt“, finde ich allerdings weit hergeholt und nicht nachvollziehbar. Das Ende des Romans empfand ich als ziemlich unbefriedigend. Ein offener Schluss, der den Verdacht nahelegt, dass die Autorin nicht wusste, wie sie die Geschichte zu Ende bringen soll. Somit hinterlässt die Lektüre, die mir im Großen und Ganzen gut gefallen hat, einen etwas schalen Nachgeschmack.

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Veröffentlicht am 08.03.2025

Ein Dibbuk im Familiengetriebe

Die Fletchers von Long Island
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Dieser Roman handelt von der schwerreichen jüdischen Unternehmerfamilie Fletcher, die ein riesiges Anwesen auf Long Island besitzt. Eines Tages wird der Fabrikbesitzer Carl auf dem Weg zur Arbeit entführt ...

Dieser Roman handelt von der schwerreichen jüdischen Unternehmerfamilie Fletcher, die ein riesiges Anwesen auf Long Island besitzt. Eines Tages wird der Fabrikbesitzer Carl auf dem Weg zur Arbeit entführt und erst Tage später nach Zahlung eines hohen Lösegelds freigelassen. Danach ist nichts mehr für die Familie, wie es war. Carl ist ein psychisches Wrack und die Entführung hat Auswirkungen auf die gesamte Familie. Nathan, der ältere Sohn, ist auch als Erwachsener krankhaft ängstlich und gibt diese Angst an seine Kinder weiter. Der jüngere Sohn Bernard, genannt Beamer, ist ein erfolgloser Drehbuchautor, dessen Drehbücher immer nur von Entführungen (mit den abstrusesten Plots) handeln. Auch Jenny, die zum Zeitpunkt der Entführung noch gar nicht geboren war, leidet indirekt unter ihren Folgen und dem lieblosen Elternhaus, denn der Vater ist nicht in der Lage, eine Beziehung zu den Kindern aufzubauen, während Mutter Ruth sich mehr um das Wohl ihres Ehemanns Carl sorgt als um das ihrer Kinder.
Im ersten Drittel des Buchs geht es vor allem um Beamer und dessen seltsame sexuellen Perversionen sowie seinen Drogenkonsum. Ich muss zugeben, dass ich hier teils abgestoßen, teils gelangweilt war und das Buch mit Sicherheit aus der Hand gelegt hätte, wäre es nicht ein Rezensionsexemplar gewesen. So widmet die Autorin eine ganze Seite der Zusammensetzung eines Drogencocktails: …“Falls es kein Coke Zero gab, ging auch ein Mountain High Turbo Charge Blue oder ein Bombinator Leaded Super Freeze Orange Explosion (…), aber nicht Bolt Fahrenheit 1000 Blue-Strawberry Band Rainbow…“ usw. Alles klar? Überhaupt verliert sich die Autorin oft in quälend ausführlichen Detailbeschreibungen, zum Beispiel auch wenn es an späterer Stelle um Nathans Beruf als Anwalt für Bodenrecht geht und tödlich langweilige Bodenrechtsbestimmungen genüsslich aufgelistet werden. Trotzdem lohnt es sich durchzuhalten, denn alles in allem ist der Roman durchaus trotz einiger Schwächen lesenswert. Man blickt hinter die Kulissen dieser Familie, die zwar stinkreich, aber doch scheinbar vom Pech verfolgt scheint. Ein Dibbuk, ein böser Geist, scheint die Geschicke der Familie Fletcher zu leiten. Allerdings ist es alles andere als ein einfach zu lesendes Buch, denn interessante Passagen wechseln sich mit fürchterlich in die Länge gezogenen Beschreibungen und Schachtelsätzen ab, die man mehrmals lesen muss, um ihren Sinn auch nur ansatzweise zu erfassen. 3,5 von 5 Sternen, aufgerundet auf wohlwollende 4 Sterne.

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Veröffentlicht am 04.03.2025

Das ist doof!

Tilly stinkt's!
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Tilly ist ein kleines Stinktiermädchen, dem – wie Menschenkindern – so manches stinkt. Zum Beispiel, wenn das Eis auf den Boden fällt oder jemand ewig lange schaukelt, obwohl Tilly auch gerne schaukeln ...

Tilly ist ein kleines Stinktiermädchen, dem – wie Menschenkindern – so manches stinkt. Zum Beispiel, wenn das Eis auf den Boden fällt oder jemand ewig lange schaukelt, obwohl Tilly auch gerne schaukeln würde. In diesen Fällen benutzt Tilly ihren „Stinkezauber“, der allerdings alle in ihrer Umgebung das Weite suchen lässt. Plötzlich ist gar niemand mehr da, der mit ihr spielen möchte, und Tilly ist traurig. Ihre Mutter weiß allerdings Rat, wie sie es schafft, aus etwas Doofem etwas Gutes zu machen und nicht so oft zu stinken!
Ich habe dieses Buch meinem dreijährigen Enkel vorgelesen und es ist momentan sein Lieblingsbuch. Die Illustrationen sind sehr goldig und drücken die Emotionen von Tilly und ihren Freunden gut aus. In den einzelnen Situationen können sich Kinder gut wiederfinden, schließlich hat jeder schon einmal erlebt, dass ein anderer den schönen, hohen Bauklötzchenturm umgestoßen hat!
Ein wirklich schönes, kindgerechtes Buch, das Kindern zeigt, dass man seine Emotionen steuern kann und ihnen nicht hilflos ausgeliefert ist.

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Veröffentlicht am 26.02.2025

Argwöhnisch beobachtet

Coast Road
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In der Kleinstadt Ardglas an der irischen Küste wird jeder Fremde misstrauisch beäugt. Als der erfolgreiche Geschäftsmann Shaun Crowley vor Jahren Colette, eine auffällig große und gutaussehende Frau, ...

In der Kleinstadt Ardglas an der irischen Küste wird jeder Fremde misstrauisch beäugt. Als der erfolgreiche Geschäftsmann Shaun Crowley vor Jahren Colette, eine auffällig große und gutaussehende Frau, heiratete, die zudem Dichterin war, gab es lange Zeit kein anderes Gesprächsthema. Doch die Ehe ging in die Brüche, Colette zog nach Dublin und mit einem anderen Mann zusammen. Die gemeinsamen Söhne musste sie bei Shaun zurücklassen. Nachdem auch diese Beziehung nicht gutging, ist sie wieder da und lebt zur Miete in einem heruntergekommenen Feriencottage an der Coast Road. Sie hält sich mehr schlecht als recht durch Schreibwerkstätten finanziell über Wasser. Shaun verbietet ihr den Kontakt zu ihren Söhnen, worunter der Jüngste, Niall, sehr leidet. Der mittlere will von seiner Mutter nichts mehr wissen, der älteste studiert und lebt nicht mehr in Ardglas. Colette versucht verzweifelt, Niall zu sehen und bekommt dabei Hilfe von Izzy, der Frau eines Lokalpolitikers, die heimliche Treffen arrangiert. Doch sie werden beobachtet und Izzys Mann verbietet ihr den Umgang mit Colette, nachdem Shaun ihm offen damit gedroht hat, seine politische Karriere zu sabotieren. Colette ist verzweifelt, trinkt zu viel und lässt sich auf eine Affaire ein, die ihr zum Verhängnis wird.
„Coast Road“ spielt in Irland Mitte der 1990er Jahre. Es ist erschreckend zu lesen, wie wenig Rechte die Frauen damals in Irland hatten. Scheidung war nicht möglich, Frauen, die abtreiben wollten, mussten heimlich nach England fahren. Ohne Einwilligung des Ehemanns konnte eine Frau noch nicht mal ein Geschäft eröffnen, dazu war die Unterschrift ihres Ehemanns erforderlich.
Ich fand die Atmosphäre in diesem Buch bedrückend und sehr eindrücklich beschrieben. Obwohl ich manche von Colettes Entscheidungen nicht nachvollziehen konnte, hatte ich Verständnis für ihre Fehlentscheidungen und sie tat mir sehr leid in ihrer Einsamkeit und Sehnsucht nach ihren Kindern. Man macht es sich zu leicht zu sagen, sie hätte ihre Familie ja nicht zu verlassen brauchen. Das Buch hat mich sehr beeindruckt und beschäftigt mich immer noch. Ein äußerst gelungener Debütroman mit einem ausgefallenen Cover, das mir im Buchladen sofort aufgefallen wäre.

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Veröffentlicht am 18.02.2025

Alles in Ordnung. Wirklich!

Bis die Sonne scheint
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Der Teenager Daniel wächst in den 1980er Jahren als jüngster von vier Geschwistern in behüteten Verhältnissen auf. Der Vater ist Architekt, den Bungalow, in dem Familie Hormann wohnt, hat er selbst entworfen ...

Der Teenager Daniel wächst in den 1980er Jahren als jüngster von vier Geschwistern in behüteten Verhältnissen auf. Der Vater ist Architekt, den Bungalow, in dem Familie Hormann wohnt, hat er selbst entworfen und gebaut. Als Eigentümer einer Massivhausfirma verdiente er bestens, bis die Geschäfte einbrachen. Jetzt ist er insolvent und das Haus steht kurz vor der Zwangsversteigerung. Trotzdem tun die Eltern so, als ob alles in bester Ordnung wäre. Die Konten sind gesperrt, das Geld, das Daniel zur Konfirmation bekommen hat, soll er den Eltern „vorstrecken“, die zur Ablenkung von der ganzen Misere erst einmal ins Möbelhaus fahren und planen, welche Möbel sie als nächstes kaufen. Der Höhepunkt an Absurdität ist erreicht, als sie Brokatuntersetzer für einen auf dem Klavier stehenden Kerzenleuchter erwerben, obwohl auf dem Klavier bereits der Kuckuck klebt. Für mich war es sehr frustrierend zu lesen, mit welcher Vogel-Strauß-Einstellung die Eltern durchs Leben gehen und welche Fehlentscheidungen sie treffen und die Kinder darunter leiden. Daniel kommt mir manchmal erwachsener vor als seine Eltern.
Abwechselnd mit den Kapiteln, die in der Jetztzeit spielen und aus Daniels Sicht erzählt werden, wird das Leben und der Werdegang der Großeltern geschildert. Diese Ausflüge in die Vergangenheit waren interessant, aber für meine Begriffe etwas zu ausführlich, weil sie von der eigentlichen Geschichte ablenkten. Was mir zu diesem Zeitpunkt allerdings auch nicht klar war, ist, dass der Autor hier autobiographisch seine eigene Geschichte verarbeitet hat und es ihm wichtig war aufzuzeigen, wie die Großeltern ihre Nachkommen geprägt haben.
Die Sprache des Autors fand ich genial, wenn er beispielsweise die Mimik des Vaters vor dem Fernseher beschreibt: „Alles konnte mein Vater darstellen, während er … mit dem souveränen Lächeln eines Lebemanns dem Star zwischen den federngeschmückten Tänzerinnen die Showtreppe hinunterfolgte…“. Auch die Atmosphäre der 80er Jahre ist sehr gut beschrieben und hat bei mir viele Erinnerungen wachgerufen.
Ein lesenswertes Buch, ein Stern Abzug, weil ich gegen Ende ein wenig das Interesse verloren habe.

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