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Veröffentlicht am 31.05.2021

Erschütternd, roh und lesenswert

Gott, hilf dem Kind
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Inhalt:
Als ihre Tochter Lula Ann als tiefschwarzes Baby zur Welt kommt, bröckelt die ganze Existenz von Sweetness dahin. Während Lula Anns Vater aus ihrem Leben verschwindet, lehnt Sweetness ihre Tochter ...

Inhalt:
Als ihre Tochter Lula Ann als tiefschwarzes Baby zur Welt kommt, bröckelt die ganze Existenz von Sweetness dahin. Während Lula Anns Vater aus ihrem Leben verschwindet, lehnt Sweetness ihre Tochter zuerst ab und bringt ihr danach bei, sich unterwürfig und unauffällig zu verhalten, um sich und die ganze Familie vor rassistischen Übergriffen zu schützen.
Lula Ann legt dieses Verhalten aber ab, als sie älter wird. Sie steht für sich ein, ändert ihren Namen, macht Karriere und versucht auf diese Weise, sich von Vorurteilen, alten Verletzungen und ihrer Familie zu lösen.

Meine Meinung:
Schon seit sehr langer Zeit wollte ich endlich, endlich einmal ein Buch von Toni Morrison lesen und habe mir im Mai endlich dieses Buch gekauft und innerhalb von wenigen Stunden verschlungen. Brides Geschichte (so nennt sich Lula Ann selber), hat mich erschüttert und bewegt. Bride ist in einem Umfeld von sexueller, körperlicher und psychischer Gewalt aufgewachsen und hat es all diesen Umständen zum Trotz geschafft, sich ein eigenes, unabhängiges Leben aufzubauen. Dies hat mich fasziniert und zugleich war ich tief berührt von der Kehrseite dieser Erfolgsgeschichte: Bride hat kaum mehr Kontakt zu ihrer Familie, kämpft immer noch gegen Vorurteile an und ist nach wie vor nicht sicher vor Angriffen. Auch hat mich die in die Geschichte integrierte Liebesgeschichte, die so roh und echt ist, wirklich überzeugt. Wer grosse romantische Gesten oder gar Kitsch sucht, ist mit diesem Buch definitiv falsch beraten und genau deshalb wirkt es so besonders realistisch.

Sprache:
Mit einer packenden Sprache, die manchmal nüchtern von Gewalt und Missbrauch erzählt und dann wieder die schönsten sprachlichen Bilder malt, schildert Toni Morrison die Stärke und Verletzlichkeit ihrer Figuren. Sie schreibt von Liebe und Schmerz, Verletzungen, Enttäuschungen, Schuld und Vergebung und davon, was es heisst, geliebte Menschen zu verlieren. Diese Schilderungen haben mich berührt und erschüttert und trotzdem atemlos eine Seite nach der anderen umblättern lassen.

Meine Empfehlung:
"Gott, hilf dem Kind" macht auf Missstände aufmerksam und obwohl sich die Zeiten zum Glück mittlerweile wenigstens teilweise geändert haben, so sind immer noch viel zu viele (schwarze) Menschen von Rassismus betroffen und strukturell benachteiligt. Nur, wenn wir uns konsequent antirassistisch positionieren und verhalten, können wir selber etwas beitragen und die Welt ein kleines Stück besser machen. Lest deshalb dieses Buch. Und auch, weil es einfach grandios geschrieben ist.

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Veröffentlicht am 30.05.2021

Wie eine Mischung aus Film und Comic, unterhaltsam und berührend

Superhero
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Inhalt:
Wie ist es, ein Teenager zu sein und eigentlich nur Sex und die Liebe zu einem ganz bestimmten Mädchen im Kopf zu haben und dabei langsam vor sich hin zu sterben? Wie ist es, wenn man seine Gefühle ...

Inhalt:
Wie ist es, ein Teenager zu sein und eigentlich nur Sex und die Liebe zu einem ganz bestimmten Mädchen im Kopf zu haben und dabei langsam vor sich hin zu sterben? Wie ist es, wenn man seine Gefühle einfach nicht in Worte fassen kann und trotzdem zu unzähligen Sitzungen mit einem Psychologen geschleppt wird? Donald Delpe kennt diese Situationen und begegnet seiner Wortlosigkeit, indem er Comics zeichnet. Comics, die seine Eltern in Alarmbereitschaft versetzen und seinen Psychologen auf ganz unkonventionelle Ideen bringen.

Meine Meinung:
Ich habe mich gerade gefragt, wie lange dieses Buch schon auf meinem SuB liegt... Es sind fast neun Jahre... Im September 2012 hat es als Mängelexemplar zu mir gefunden und ich kann gar nicht sagen, weshalb das so lange gedauert hat (und glaubt mir, es ist nicht das einzige Buch, das schon so lange hier liegt, obwohl ich mich wirklich immer wieder meinen SuB-Leichen widme).
Nun wollte ich endlich erfahren, welche Geschichte sich darin verbirgt und wurde nicht enttäuscht. Anthony McCarten ist eine ganz besondere Leistung gelungen und er hat es geschafft, dieses Buch wie einen Film wirken zu lassen, wie einen atemlos erzählten Comic, der die tragische Handlung mit all ihren Facetten an uns Leser*innen bringt und dabei bewegend und zugleich äusserst unterhaltsam ist. Wie fühlt es sich an, wenn das eigene Kind unheilbar an Krebs erkrankt? Wenn der Bruder von einer Chemotherapie zur nächsten geschleppt wird? McCarten lässt auch Dons Umfeld zu Wort kommen, zeigt ihre Zweifel und Ängste, ihre Strategien, den Alltag mit einem schwerstkranken Sohn, Bruder, besten Freund zu überleben und hat in mir einige unschöne Erinnerungen an die Krebserkrankung eines Freundes geweckt und mich dabei ein paar Tränen verdrücken lassen. Trotzdem hat mich Don immer wieder zum Lachen und Nachdenken gebracht und ich habe ihn sehr gerne auf die rasante letzte Achterbahnfahrt seines Lebens begleitet, den verletzlichen Teenager hinter den plumpen Sprüchen gesehen und die Weisheit und Gelassenheit im Angesicht des Unausweislichen bewundert und geschätzt, obwohl es anfangs ein paar Seiten gedauert hat, bis ich wirklich in der Geschichte angekommen war. Es hat sich nämlich mit jeder Seite mehr gezeigt, was sich hinter der anfänglich plakativen und aufgesetzten Sprache verbirgt.

Schreibstil:
"Superhero" ist aufgebaut wie ein Film. Immer wieder tauchen wir in Donalds Fantasie ab und erfahren dabei, wie er an seinem Comic tüftelt und dabei die Geschichte MiracleMan mit konzentrierten und entschiedenen Strichen zu Papier bringt. Auch MiracleMan (Donalds Alter Ego) kämpft einen entscheidenden Kampf und sucht verzweifelt nach Liebe und dem Gefühl, angekommen zu sein. Durch diese zweite Erzählebene erfahren wir, was in der Geschichte sonst nicht erzählt wird und dabei mischen sich Elemente aus Literatur und Film. Das Buch ist beispielsweise in drei Akte aufgeteilt und am Schluss finden sich noch "Outtakes und gestrichene Szenen". Auch werden Geräusche imitiert und schnelle Schnitte eingefügt, wobei Donald abwechslungsweise als Regisseur, Protagonist und Kameramann fungiert.

Meine Empfehlung:
"Superhero" zu lesen war eine ganz neue, unterhaltsame, bewegende und fesselnde Erfahrung, auf die ich viel zu lange gewartet habe. Das Buch verdient definitiv mehr Aufmerksamkeit und ich empfehle es euch sehr gerne weiter.

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Veröffentlicht am 27.05.2021

Spannend und schmerzhaft ehrlich

Der ist ja nicht doof, nur irgendwie hochbegabt
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Inhalt:
Tanja Janz hat sich noch nie für Mathe begeistern können. Ein Nachhilfelehrer nach dem anderen versucht sein Glück mit ihr und will sie durchs Abitur bringen. Wenigstens hat sie in den sprachlichen ...

Inhalt:
Tanja Janz hat sich noch nie für Mathe begeistern können. Ein Nachhilfelehrer nach dem anderen versucht sein Glück mit ihr und will sie durchs Abitur bringen. Wenigstens hat sie in den sprachlichen Fächern keine Schwierigkeiten. Ganz im Gegenteil, Tanja beginnt schon bald, anderen Schülern Nachhilfe in Englisch und Deutsch zu geben und verdient sich so, wie viele andere, ihr erstes Geld. Nach und nach reift in ihr der Wunsch, Lehrerin zu werden. Mit diesem Ziel im Hinterkopf besteht sie ihr Abitur und beginnt sofort, Deutsch und Englisch auf Lehramt zu studieren. Während des Studiums sucht sie sich einen Job als Nachhilfelehrerin und möchte alles anders und besser machen, als die Nachhilfelehrer, bei denen sie selber Unterricht gehabt hat. Dass dies nicht ganz so leicht fällt und dass man häufig immer wieder und wieder bei bei Adam und Eva beginnen muss, wird ihr dann aber ziemlich schnell klar.

Meine Meinung:
Tanja Janz schreibt sehr ehrlich und einfühlsam über ihren Alltag als Nachhilfelehrerin. Von Schülern, für die niemand mehr Hoffnung sieht, die aber eigentlich gar nicht so viele Defizite haben und von solchen, die von den Müttern als hochbegabt betitelt werden, die aber eigentlich gar nichts können. Nachhilfelehrerinnen haben einen anstrengenden und manchmal aussichtslosen Job. Die gute Bezahlung ist durchaus gerechtfertigt, wenn man sieht, welche Mühen und Probleme Tanja Janz täglich angetroffen hat und um welche Dinge sie sich nebst der Nachhilfe noch kümmern musste.
Manchmal konnte ich fast selber nicht glauben, was ich gelesen habe. Tanja Janz muss eine absolut tolle und beliebte Nachhilfelehrerin sein. Was sie nämlich alles schon erlebt hat und wie sie von "ihren Kindern" erzählt; dieser gute Draht, den sie zu ihren Schülern hat, spricht definitiv für sie.
Ein wichtiges Thema in ihrem Buch sind aber nicht nur die Schüler, sondern auch die Eltern und hier vor allem die Mütter. Von Helikoptermüttern, Müttern, die sich gar nicht interessieren und Müttern, welche die Nachhilfelehrerin gleich für sich selbst in Anspruch nehmen wird berichtet, aber auch von gewalttätigen Vätern und komplett bildungsfernen Familien, wie man sie sonst nur zur besten Sendezeit auf gewissen Kanälen des deutschen Fernsehens findet.
Dieses Buch unterhält in seiner Ehrlichkeit und nicht selten kommen einige unglaublich witzige Anekdoten zusammen. Wenn aber Tanja Janz es wieder einmal mit einem Härtefall zu tun hat, mit Kindern, die eigentlich klug wären, deren Eltern sich aber keine Nachhilfe leisten können, mit Kindern, die in schlimmeren Verhältnissen wohnen, als wir uns das vorstellen können und mit Familien, die durch alle gesellschaftlichen Maschen gefallen sind, dann kommt auch sie an ihre Grenzen. Nicht zu knapp fällt deshalb auch ihre Kritik am deutschen Schulsystem aus. Ich muss dazu sagen, dass ich über diese Zustände in Deutschland ehrlich schockiert war. Ich habe schon selber einiges gehört und weiss auch, dass ich als Schweizerin von einem verhältnismässig absolut funktionierenden Schulsystem profitiere. Was ich aber in diesem Buch gelesen habe, überstieg meine Vorstellung eines nicht funktionierenden Systemes, die ich mir selber schon zusammen gereimt oder aus Erzählungen erfahren hatte. Was hier teilweise geschieht - und ich weiss, dass man diese Erfahrungen nicht generell auf ganz Deutschland übertragen kann, sondern vor allem auf das Erfahrungsgebiet von Tanja Janz, dass man aber trotzdem in gewissen Dingen vom Kleinen aufs Ganze schliessen kann - ist menschen-, ja kinderunwürdig. Ich habe nicht gewusst oder gesehen, dass es wirklich so schlimm ist und ich verstehe nicht, warum nicht ein Aufschrei durch die Menge geht, warum Eltern und Staat diese Zustände akzeptieren (müssen). Tatsächlich kann ich - zwar mit einiger Mühe aber trotzdem gelingt es mir - die Lehrer verstehen, welche irgendwann einmal vor dem System kapitulieren. Lehrer, welche ihre Stunden nur noch absitzen und sich nicht mehr für das Wohl der Schüler einsetzen können, sondern nur noch warten, bis sie in Pension gehen können. Was ich gelesen habe, verletzt teilweise europäisches Kinderrecht und ich bin froh darüber, dass ich meine Ausbildung in der Schweiz gemacht habe, auch wenn hier auch vielles alles andere als rund läuft, und dass es so engagierte Lehrpersonen wie Tanja Janz gibt, die wirklich mitten im Geschehen stehen und sich für die Verlierer des Systemes einsetzen, für die Kinder.

Fazit:
Ein sehr lesenswertes und kurzweiliges Sachbuch, welches fantastische Unterhaltung bietet und auch mit Gesellschaftskritik nicht spart.

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Veröffentlicht am 27.05.2021

Langsamer Start, überwältigendes Ende

Die Frauen von der Purpurküste – Isabelles Geheimnis (Die Purpurküsten-Reihe 1)
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Inhalt:
Amélie hat alles verloren, was ihr lieb und teuer war und beschliesst, sich eine Auszeit von ihrem tristen Leben zu nehmen. Dazu reist sie an die Südküste Frankreichs um sich im Haus ihrer Oma ...

Inhalt:
Amélie hat alles verloren, was ihr lieb und teuer war und beschliesst, sich eine Auszeit von ihrem tristen Leben zu nehmen. Dazu reist sie an die Südküste Frankreichs um sich im Haus ihrer Oma einzuquartieren. Dort angekommen bemerkt sie allerdings, dass ihre Tante das Haus einem Journalisten vermietet hat, der sich bereitwillig dazu erklärt, Amélie bei sich wohnen zu lassen, was ihr so gar nicht in den Kram passt. Aber sie hat keine andere Wahl und kommt somit immerhin auf andere Gedanken. Ihr Leben verändert sich noch einmal wegweisend, als sie bei einem Besuch bei ihrer Oma Isabelle im Pflegeheim ein Tagebuch überreicht bekommt, das ihr einige turbulente Lesestunden beschert.

Meine Meinung:
"Isabelles Geheimnis" habe ich durch Martina vom Blog Martinas Buchwelten entdeckt, sie hat den Abschlussband der Trilogie gelesen und sehr überzeugend empfohlen. "Isabelles Geheimnis" habe ich am 21.5.21 begonnen. Die Protagonistin hat mich anfangs nicht ganz für sich eingenommen, weshalb ich das Buch ein wenig weggelegt habe, um "Mr. Parnassus' Heim für magisch Begabte" zu beenden. Gestern habe ich dann endlich die letzten Seiten von "Isabelles Geheimnis" gelesen und wurde vom Ende komplett überzeugt. Was ich nämlich ehrlich sagen muss: am Anfang war ich mir nicht sicher, ob ich mit dem Buch überhaupt noch warm werden würde. Amélie hat mir nämlich mit ihrem sehr überzogenen Selbstmitleid und vor allem ihrer arroganten Art zuerst gar nicht gefallen. Das Durchhalten hat sich aber gelohnt und ich bin mit einer grandios recherchierten Geschichte, mehr und mehr Protagonisten, die immer vielschichtiger werden und ganz viel Romantik - inklusive Tränendrüsenende und haltlosem Schluchzen im Bus - belohnt worden.

Sprache und Handlung:
Die Geschichte wird auf zwei Zeitebenen erzählt, was mir immer sehr gut gefällt. Der eine Erzählstrang spielt in der Gegenwart bei Amélie in Südfrankreich, der andere Erzählstrang befasst sich mit der schwierigen Zeit der Besatzung Frankreichs durch die Deutsche Armee im Zweiten Weltkrieg. Isabelle, Amélies Oma, und deren aussergewöhnliche und gefährliche Liebesgeschichte werden hier ins Zentrum gerückt. Nach und nach kommen wir dieser Geschichte und Isabelles Geheimnis durch die Tagebuchaufzeichnungen, die Amélie zu lesen bekommt, näher. Gestört hat mich, dass es ziemlich lange ging, bis ein wenig Fahrt aufkam und bis Amélie sich endlich mit dem Tagebuch ihrer Oma befasst hat.
Nach etwa der Hälfte des Buches kamen immer mehr Emotionen auf, immer mehr Geheimnisse wurden gelüftet und die Figuren haben sich mehr und mehr entwickelt. Dabei wird klar, welches Potenzial Silke Ziegler zu bieten hat und gerade, weil sie sich einem so anspruchsvollen historischen Hintergrund gewidmet und diesen feinfühlig und grandios recherchiert in das Buch integriert hat, bin ich sehr neugierig auf die nächsten Bände, die ich mir auf jeden Fall bald gönnen werde.

Meine Empfehlung:
Obwohl dieses Buch mich nicht von Anfang an begeistern konnte, haben mich vor allem die historischen Hintergründe, welche die Zeit der Besatzung Frankreichs durch die Deutsche Armee zur Zeit des zweiten Weltkriegs thematisieren sowie die immer sympathischer werdenden Figuren überzeugt und neugierig auf die weiteren Bände gemacht.

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Veröffentlicht am 26.05.2021

Ein wirklich zauberhaftes Herzensbuch

Mr. Parnassus' Heim für magisch Begabte
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Inhalt:
Linus Baker lebt seit zahlreichen Jahren ein geordnetes und einsames Beamtenleben als Jugendsozialarbeiter der BBMM, der Behörde für die Betreuung magischer Minderjähriger. Durch seinen eintönigen ...

Inhalt:
Linus Baker lebt seit zahlreichen Jahren ein geordnetes und einsames Beamtenleben als Jugendsozialarbeiter der BBMM, der Behörde für die Betreuung magischer Minderjähriger. Durch seinen eintönigen Alltag begleitet ihn lediglich seine Katze Calliope. Ein streng geheimer Auftrag stellt sein Leben auf den Kopf. Er soll ein ganz spezielles Waisenhaus mit besonders aufseheneregenden magischen Jugendlichen und dessen Aufseher Mr. Parnassus genauestens überprüfen. Dort erwarten ihn aber nicht die schrecklichen Zustände und Wesen, auf die sein Dossier hindeuten, sondern Wärme, Freundschaft und ein riesiger Garten. Linus Baker beginnt nach und nach, die Welt mit anderen, offeneren Augen zu sehen.

Meine Meinung:
Gemeinsam mit der lieben Jamie vom Blog Librovore habe ich mich mit diesem Buch befasst und unser Austausch war sehr emotional und rege. Empfohlen hat mir diese Geschichte Aleshanee mit dieser begeisterten REZENSION.
Was soll ich sagen... Von der ersten Seite an hat mich "Mr. Parnassus' Heim für magisch Begabte" für sich eingenommen. Weil es so liebevoll und zärtlich erzählt ist, weil es mit Humor und vielen kleinen und grossen Weisheiten gespickt ist und weil es - neben der beeindruckend fantasievollen Handlung - inklusiv ist, antidiskriminierend wirkt und eine queere Liebesgeschichte ohne Label erzählt.

"Zuhause ist der Ort, wo man ganz man selbst ist."
(S.127)


Linus Baker:
Linus Baker verkörpert wohl alles, was man einem Beamten gemeinhin unterstellt. Er kennt seine Vorgaben in und auswendig, arbeitet pedantisch und hat kein Privatleben. Ausserdem ist er durch seine Körpergrösse und sein Übergewicht zusätzlich ein wenig gehemmt. Er ist dafür zuständig, magische Waisenhäuser zu überprüfen und dabei zu kontrollieren, ob die dort untergebrachten magisch begabten Kinder und Jugendlichen mit der nötigen Fürsorge behandelt und den Vorgaben entsprechend unterrichtet werden. Dabei hat er zwar stets die Kinder und ihr Wohlbefinden im Blick, arbeitet aber immer mit den von der BBMM (die nur aus Nichtmagischen besteht) erstellten Vorgaben und sieht selber aus seiner nichtmagischen Perspektive auf die Welt. In dieser Welt müssen magische Wesen registriert und werden und erleben zahlreiche stark einschränkende Diskriminierungen durch die nichtmagische Bevölkerung, welche nach dem Grundsatz "sehen-merken-melden", der sich auf zahlreichen Plakaten und Werbeflächen finden lässt, gegen die magische Bevölkerung vorgeht. Parallelen zur Apartheid (getrennte Bereiche/Schulen/Behörden) und dem Nationalsozialismus (Passagierscheine/Pässe, damit man sich frei bewegen kann) sind augenscheinlich und verursachten mir beim Lesen immer wieder Bauchkrämpfe.
Aber Linus hat - was von Anfang an ersichtlich ist - ein riesiges Herz und dieses wird auf der kleinen Insel, auf der sich das Waisenhaus von Mr. Parnassus befindet, noch grösser. Dort nämlich bemerkt Linus, dass die Vorgaben, an die er sich seit Jahrzehnten akribisch hält, beschränkt sind und sich nicht nach Schema F auf alle Kinder und Jugendlichen anwenden lassen. Er erkennt, wie die Angst und der Hass der Bevölkerung aus Unwissenheit und von der Behörde geschürten Vorurteilen entstehen und beginnt, sich selber und seine Arbeit so zu hinterfragen, dass plötzlich zahlreiche Dinge ins Rollen geraten.

"Hass ist immer laut, aber bestimmt wirst du irgendwann erkennen, dass dem nur so ist, weil da wenige Menschen brüllen, die verzweifelt nach Aufmerksamkeit suchen. Du kannst ihre Ansichten vielleicht nicht ändern, aber solange dir bewusst ist, dass du nicht allein bist, wirst du es überstehen."
(S. 328)


Schreibstil:
Unendlich liebevoll erzählt TJ Klune diese Geschichte, die von Angst und Vorurteilen, von Hass und Diskriminierung, aber auch von Freundschaft, Zusammenhalt und Liebe erzählt. Eine Geschichte, die von Seite zu Seite bunter und diverser wird und somit perfekt zum farbenfrohen Cover passt. Sehr einfühlsam und differenziert werden die Schicksale der misshandelten und diskriminierten Jugendlichen erzählt. Die herzensguten magischen Geschöpfe, die nicht nur äusserst fantasievoll beschrieben sind, sondern auch spannende Stammbäume und Persönlichkeiten haben, eroberten mich im Sturm und ich hätte am liebsten noch viele weitere Lesestunden mit ihnen verbracht.
Dies gelingt TJ Klune, indem er unzählige Lebensweisheiten, detaillierte, farbenfrohe Beschreibungen und ganz viele Emotionen in seine Geschichte packt und dabei auch vor unangenehmen Themen nicht zurückschreckt. Damit wird das Buch nur noch lebensechter und tiefgründiger und hat es geschafft, mich ohne Wenn und Aber für sich einzunehmen.

Meine Empfehlung:
"Mr. Parnassus' Heim für magisch Begabte" hat mich mit einer magischen, spannenden, berührenden, romantischen, queeren und beeindruckend erzählten Geschichte komplett verzaubert und für sich eingenommen. Linus Baker sowie Arthur Parnassus und seine Schützlinge sind mir innerhalb von kürzester Zeit ans Herz gewachsen und ich würde sehr gerne sofort wieder zu ihnen reisen. Lest dieses Buch unbedingt, es ist ein wahrer Schatz!

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