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Veröffentlicht am 23.03.2026

Cosy Fantasy zum Relaxen

The House Witch 1
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Wer in diesen Zeiten der Schreckensnachrichten eine entspannte Auszeit mit einem Buch wünscht, um mal eine Mußestunde in heimeligen Fantasiewelten abzutauchen, ist mit einer „Cosy Fantasy“ gut bedient. ...

Wer in diesen Zeiten der Schreckensnachrichten eine entspannte Auszeit mit einem Buch wünscht, um mal eine Mußestunde in heimeligen Fantasiewelten abzutauchen, ist mit einer „Cosy Fantasy“ gut bedient.
„The House Witch – Der Koch des Königs“ ist der erste Band einer ebensolchen Fantasy-Serie.
Das zauberhafte, detailreiche Cover und der faszinierend gestaltete Buchschnitt nehmen uns gleich mit in eine für dieses Genre typischen Schauplatz voller Gemütlichkeit. Das Setting ist wirklich idyllisch: die Küche eines Königspalastes in einer Fantasyzeit, die an ein moderates, sanftes Mittelalter erinnert.

Die Welt des Genusses, feinster Gewürze, köstlicher Gerüche und verlockender Rezepte umgibt einen sofort in dieser heimeligen Schlossküche. Da fehlt eigentlich nur noch eine sanfte Prise Magie. Die kommt mit dem auffällig jungen, gutaussehenden Fremden ins Spiel, der die arbeitsreiche Anstellung als Koch des Königs von Daxaria gerade eben aufnimmt.
Finlay „Fin“ Ashowan scheint ein hochtalentierter Koch zu sein. Dass er eine Haushexe mit Fähigkeiten zu niederer Magie zum Schutz des Hauses und seiner Bewohner ist, möchte er zunächst geheim halten. Fin ist ein sehr skurriler, aber liebenswerter Charakter. Nach außen wirkt er recht ungesellig, griesgrämig und auch leicht reizbar. Anfangs traut man sich im Palast kaum zu versuchen, hinter diese abweisende Maske zu blicken.

Fin steht unter dem starken Einfluss seiner speziellen Magie, mit der er sein neues Heim – das Schloss- und seine Menschen schützen soll. So hat der magische Koch stets Gesundheit und Wohlergehen der Leute, für die er köstliche Mahlzeiten zubereitet, im Blick. Seine Kochkünste (eher modern als mittelalterlich) machen auch die Empfindlichsten und Anspruchsvollsten zufrieden und schier glückselig. Vermutlich lässt man am Hofe deshalb dem jungen Mann, der aus Gründen am liebsten allein in der Küche werkelt, viel durchgehen.
Die Geschichte erzählt den Alltag im und um das Schloss herum, kleine Alltagsereignisse, Sorgen, Kümmernisse, Liebeleien und Streit. Die Gefahr lauert an den Landesgrenzen durch ein aggressives Nachbarkönigreich, das schon seine Finger ausstreckt.

Die Handlung wird getragen durch Humor, Ironie, Heiterkeit und die verbundene Gemeinschaft des Hofstaates.
Durchgehend gefallen hat mir Fin als sehr ausgefallener Hauptcharakter mit seinen starken Gefühlen und inneren Kräften, getragen von seiner ganz speziellen Magie. Dass das ganze Ausmaß und die versteckten Eigenschaften dieser Magie ihm selber und so auch den Leserinnen bis zum Schluss verborgen bleiben, verleiht seiner Person noch ausbaubares Potential.

Es ist interessant, die Geschehnisse mal aus der Perspektive eines niederen Bediensteten zu betrachten. Fin hält sich in dieser Rolle und der scheinbar beschränkten Macht selber für schwach.
„Ich sorge auf meine eigene Weise für andere, unbemerkt und indirekt. Manchmal kann eine gute Suppe oder ein frisches Butterbrot dazu beitragen, einen furchtbaren Tag aufzuhellen. … Ich tue es, weil ich auf diese Weise die Welt ein bisschen besser machte.“ S. 505
Die Geheimnisse seiner Herkunft und Fähigkeiten will er mit niemanden teilen. Das ist schwierig für offene Freundschaften. Seine Entwicklung im Umgang mit seinen Mitmenschen erfährt man mit viel Humor im Laufe der Geschichte.
So schließt man Fin als Leser
in mit all seinen Marotten rasch ins Herz.

Auch die weiteren Charaktere sind recht speziell wie raue Ritter, die bald nach Fins Pfeife tanzen (müssen), ein friedfertiger, genügsamer König, der Sorge um sein Volk trägt und natürlich ein mysteriöser weiblicher Gegenpart. Was wäre eine Fantasy ohne Tiere? Bald schnurrt (und spricht) in der Schlossküche ein schwarzer junger Kater Kraken, der sich schnell in die Herzen der Menschen schleicht, ganz anders als sein neuer Herr.
Der weibliche Hauptcharakter, die adelige Annika, wird als schön, schlau, aber auch skrupellos dargestellt. Mir ist es nicht gelungen, mit ihr warm zu werden. Fins Gefühle dieser Frau gegenüber konnte ich absolut nicht nachvollziehen. Die Liebesgeschichte pendelt hin und her, hat mich persönlich aber nicht überzeugen können.

Eine Cosy Fantasy lebt von der „Welt“, die die Autorin für die Geschichte entwirft. Die Küche als zentraler Ausgangspunkt ist ein super Ansatz. Der Ort der Handlung befindet sich hauptsächlich am Hofe des Königs mit umfangreichen Hofstaat. Die Welt drum herum bleibt skizzenhaft und unscharf. Zwar trägt das Setting leicht mittelalterliche Züge, z.B. durch die Ritter, wird durch die Akzeptanz von Homosexualität jedoch deutlich kontrastiert. Dass in der Handlung Menschen verschiedener Herkunft und Sexualität akzeptiert werden und respektvoller Umgang z.B. gegenüber Frauen einfordert wird, hat mir gefallen.
Leider lässt sich die Autorin die Chance entgehen, den Frauen andere Rollen und Gewichtungen als mittelalterliche zu geben. So bleibt es bei der Mutterrolle, Heiratspolitik, Tändeleien und ein bisschen Spionage. Das fand ich ärgerlich. Hier hat man doch als Fantasy-Autorin viel mehr Möglichkeiten. Wesentlich kreativer, vielschichtiger und stimmiger ist der Entwurf der Welt der Hexen angelegt. Davon hätte ich gern mehr gehabt. Hier liegt für mich mehr Potential.

Für mein Empfinden taucht der exzessive Genuss von Alkohol (von Trinkgelagen bis zu Gewohnheitstrinken von Hochprozentigem) in der Geschichte zu oft auf, obwohl es für die Handlung eigentlich entbehrlich wäre.
Der Stil ist leicht lesbar. Der Roman ist tatsächlich eine typische Cosy Fantasy, in der das Erzähltempo eher geruhsam mit flachem Spannungsbogen mäandriert und nur wenige unerwartete Wendungen vorkommen. Der humorige Erzählstil, zusammen mit den leckeren Genüssen aus der Schlossküche lädt zum Relaxen ein.

Wer also für ein paar Stunden dem Alltag entfliehen möchte, liebenswerte Helden mit kleinen Marotten, magischen Zauber und Humor aber wenig Action, Brutalität oder aufregende Wendungen erleben möchte, ist mit diesem Roman bestens bedient. Mir persönlich war dieses Tempo zu viel des Guten.

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Veröffentlicht am 14.03.2026

Eine ungewöhnliche Freundschaft

Eine Maus namens Merlin
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Wie gemütlich sich die niedliche Maus auf dem Cover in den karierten Seniorenpantoffel kuschelt… Auch wenn sich in diesem Roman viel um diesen kleinen Mäuserich dreht, werden doch auch weniger heitere ...

Wie gemütlich sich die niedliche Maus auf dem Cover in den karierten Seniorenpantoffel kuschelt… Auch wenn sich in diesem Roman viel um diesen kleinen Mäuserich dreht, werden doch auch weniger heitere Dinge thematisiert: Alter, Einsamkeit, Kummer und Verlust. Wie gut, dass Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft diese aufwiegen.

Sechzig Jahre nachdem Helen Cartwright von England nach Australien ausgewandert ist, kehrt sie über 80jährig zurück in den englischen Ort, in dem sie aufgewachsen ist. Mehr als einen Koffer hat sie nicht mitgebracht. Sie kommt allein, denn Mann und Sohn sind in Australien gestorben.

Sie zieht sich zurück in ein bescheidenes Zuhause in der Wohngegend ihrer Kindheit, verharrt isoliert drei Jahre ohne jegliche sozialen Kontakte in einem kargen Leben um Routine und Gewohnheit herum. Letztendlich bereitet sie sich ohne großes Aufhebens auf ihren Tod vor.

Doch das Leben hat seinen eigenen Plan. Über einen Zeitraum von knapp zwei Wochen begleiten wir Helen, beginnend an einem Freitag, als sie unfreiwillig mit dem aufgesammelten Gerümpel des Nachbarn eine kleine Hausmaus in die Küche trägt.
Man kann sich sehr gut in die recht authentisch dargestellte Helen hineinfühlen. Es berührt, die Entwicklung der Witwe zu beobachten, ausgehend vom alten Menschen, der sich eigentlich schon selber aufgegeben hat und nur noch von und in Erinnerungen lebt. Es ist wie eine Rückkehr zu den Wurzeln, obwohl dort einen niemand mehr zu kennen scheint.
Die Einsamkeit durch die Verarmung an Kontakten, die körperlichen Einschränkungen durch das fortgeschrittene Alter, die Traurigkeit durch die Verluste: Helen erwartet nichts mehr vom Leben.

Dass in Helen vom ersten Moment an Empathie für das kleine tierische Leben erwacht, macht sie besonders liebenswert. Dieses Mitgefühl setzt in Helen Kräfte und am Ende Lebenswillen in Gang. Um ihre Maus zu retten, traut sie sich auf eine Reise mit vielen notwendigen sozialen Begegnungen.

Gerade, wenn man sich sicher in seinem Bild von der Figur der alten Witwe Helen zu sein scheint, dann schafft sie es, mit der Enthüllung ihres Lebensweges einen absolut zu überraschen. Eine Wendung, die einen zum Nachdenken bringt…
„Das ist richtig. Da sehen Sie, ich bin nicht nur irgendeine alte Frau.“ S. 173
Die anfängliche depressive Stimmung des Buches löst sich mit Helens Engagement immer mehr auf. Als Leser*in ist man selbst immer wieder überrascht, wie sich plötzlich um die Maus eine Art Gemeinschaft bildet.

Merlin, die heimatlose Hausmaus, die im Original „Sipsworth“ heißt, bleibt als Charakter selber (leider) blass und schwächlich. Mich hat beim Lesen etwas verwundert, dass zweimal im Text der englische Originalname „Sipsworth“ (bzw. Sips) anstatt des (unkreativen) Ersatznamens Merlin verwendet wird. Wohl kaum Absicht, sondern eher Fehler oder Nachlässigkeit beim Übersetzen/ Lektorieren?

Diese berührende, herzerwärmende Geschichte geht Themen an, die uns alle irgendwann betreffen werden. Dass gerade ein so kleines Tier es schafft, einen Menschen zu bewegen, seinen Lebensfaden wieder aufzugreifen, bewegt mich besonders.

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Veröffentlicht am 21.02.2026

Ein Buch mit der Wucht eines Sturm

Zugwind
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Die gebürtige Ukrainerin Iryna Fingerova hat mit „Zugwind“ einen Roman geschrieben, der einen beim Lesen weniger wie ein Wind, als wie ein Sturm mitten ins Herz trifft. Berührend, bewegend und mit emotionaler ...

Die gebürtige Ukrainerin Iryna Fingerova hat mit „Zugwind“ einen Roman geschrieben, der einen beim Lesen weniger wie ein Wind, als wie ein Sturm mitten ins Herz trifft. Berührend, bewegend und mit emotionaler Tiefe!

Am 24.Februar 2022 nistet sich bei Mira Zehmann ein Zugwind ein. Mira ist Ärztin und bereits vor Jahren mit ihrem Mann Andrij, ebenfalls ein Mediziner, aus der Ukraine nach Deutschland emigriert. Hier sind sie Eltern von Tochter Rosa geworden. Mira stammt aus einer jüdischen Familie in Odesa. Doch nun, mit dem Beginn der russischen Vollinvasion, verändert sich ihr privates und berufliches Leben dramatisch.

Nach der Tätigkeit in einem Krankenhaus war Mira in eine hausärztliche Gemeinschaftspraxis gewechselt. Rasch wird sie nun zur Anlaufsstelle für neue ukrainische Patientinnen. Sie hoffen neben medizinischer Unterstützung nicht nur auf sprachliches sondern auch emotionales Verständnis und Gehör. Mira wird mit einer Vielzahl von Arten und Symptomen traumatischer Erfahrung konfrontiert, durchlebt von Menschen aus verschiedensten Regionen der Ukraine mit unterschiedlichen Perspektiven und Geschichten.

In der Arztpraxis kreuzt sich ein Gewirr von Lebensfäden. Die vor dem Krieg Geflüchteten tragen neben körperlichen und seelischen Leiden, auch die Sehnsucht nach der Heimat und dem Verlorenen hinein. Mittendrin steht Mira wie ein Verbindungsglied zwischen der Vergangenheit und einer möglichen Zukunft. Doch sie schwankt unter der zermürbenden Belastung und ist doch innerlich selbst zerrissen.

Mit einer ungeheuren Wucht, großer Authentizität und Emotionalität wird man als Leser
in der dramatischen Situation der Geflüchteten gewahr. Man begreift, was der vom Krieg bewirkte Sturz aus dem vorher selbstbestimmten Leben bedeutet: Abhängigkeiten, Hilflosigkeit, Identitätsverlust, Kontrollverlust, Neuanfang ohne verbliebene physische und psychische Ressourcen und so viel mehr…
„Die Menschen unterschätzten die Anstrengung, die es kostet, in einer vollkommen neuen Realität zu leben.“ S. 29

Da man sich sehr schnell mit der berührend authentischen Figur der Mira identifiziert, fühlt man ihr Ringen um Stärke, ihre innere Zerbrechlichkeit, Sensibilität mit. Mira wird im Alltag förmlich zerrissen zwischen ihrer ärztlichen Tätigkeit, der Mutterschaft, den Problemen in der Klein- und Großfamilie, den Nachrichten über das Geschehen in der Ukraine und den Botschaften aus Odesa.

Ihre eigene Gefühlswelt gerät nicht minder in Turbulenzen als die der geflüchteten Menschen: Angst, Sorge, Schuldgefühle, Scham, tiefe Traurigkeit, Verzweiflung, Resignation. Wie sie lebt sie eigentlich in zwei Realitäten gleichzeitig.
Mira muss stark sein, anderen Halt geben und ringt selbst darum. Ich bewundere sie dafür, dass sie ihren coolen, frischen, teilweise auch selbstironischen Erzählton beibehalten kann.
„Das 21. Jahrhundert ist ein Schuss ins Knie der Identität. Alles wird in Zweifel gezogen – Geschlecht, Nationalität, Kultur, alles blubbert und vermischt sich mit allem, kocht über und läuft aus dem Kessel. Und kaum hast du begriffen, wer du eigentlich bist, da fliegen dir die Splitter der zertrümmerten Kniescheibe um die Ohren.“ S.185

Dass Mira dann trotz Krieg und Gefahr in ihre alte Heimatstadt reist, um ihre Großmutter zu besuchen und Freunde zu treffen, ist für mich absolut nachvollziehbar. Es ist wie eine Reise in die Vergangenheit, um die Gegenwart zu ertragen, eine Erinnerung daran, wer man eigentlich ist.
Die Darstellung des Lebens im kriegsgeschüttelten Odesa rundet das Geschilderte ab. In der Ukraine merkt Mira, wie Lappalien, Normalität und Routinen Halt geben können. Keine mögliche Freude wird verschoben, ganz egal, was einem in den finsteren Zeiten Licht schenkt.
„…die verstanden, dass der heutige Tag das Leben ist.“ S.35
„Und entweder man kann mit dem Gedanken „scheiß drauf, scheiß einfach drauf“ leben und bleibt, oder man geht. Aber man kann nicht tagein, tagaus Angst haben“ S. 115

Die Geschichte wird sehr sensibel, tiefgründig, präzise beobachtet und mit großem psychologischem Verständnis erzählt. Die emotionalen Momente habe ich als sehr intensiv und persönlich empfunden.
Mich hat die Metapher des titelgebenden „Zugwindes“ überzeugt. Ein Bild einer verfolgenden, existenziellen, fast depressiven Krise, die einem wie die vielen anderen Bilder nicht so schnell loslässt. Den Ausbruch in den magischen Realismus (Kraft auf Kredit) empfand ich als einen erfrischenden Ausgleich.
Für mich passen die vielen verständnisvollen Darstellungen der Geflüchteten wie auch das Schicksal Miras selber zu dem Bild der geschichteten Realitäten:
„Die Realitäten waren so dicht übereinandergeschichtet, dass mir schwindelig wurde.“ S. 183

FAZIT
Iryna Fingerovas Roman ist mir mit jeder Seite mehr ans Herz gewachsen. Das Buch will langsam und mit Empathie gelesen werden. Es stecken so viele Emotionen, Wahrheiten, Poesie und Denkanstöße drin. Nichts davon möchte ich mir entgehen lassen. Ein Buch, das ich bestimmt ein zweites und drittes Mal lesen werde.
Vielleicht schenkt es auch dem einen oder anderen Verständnis, der sich wundert, warum Geflüchtete ihre Heimat im Krieg besuchen, oder warum Menschen in der Ukraine Skifahren und tanzen. Aber das nur am Rande.
Ein berührendes und auch sehr wichtiges Buch!

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Veröffentlicht am 14.02.2026

Die toten Brunnen in Siebenbürgen

Halber Stein
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Was ist Heimat? Wie gehen Menschen mit einer Entwurzelung aus ihrem Herkunftsland um? Wie finden sie ihre Identität? Ist vielleicht sogar eine Rückverwurzelung möglich? Aktuelle Fragen, die hier an Schicksalen ...

Was ist Heimat? Wie gehen Menschen mit einer Entwurzelung aus ihrem Herkunftsland um? Wie finden sie ihre Identität? Ist vielleicht sogar eine Rückverwurzelung möglich? Aktuelle Fragen, die hier an Schicksalen aus Siebenbürgen aufgezeigt werden. Was wissen wir eigentlich von den „Siebenbürger Sachsen“, die seit dem Mittelalter im Zentrum des heutigen Rumänien siedel(te)n? Ein bisschen mehr erfahren wir in diesem Roman.
Es sind über zwanzig Jahre vergangen, seit Sine als Kind mit ihren Eltern von Rumänien nach Deutschland ausgewandert ist. Sie gehören den Siebenbürger Sachsen an, einer deutschstämmigen Minderheit in Rumänien, die seit dem 13. Jahrhundert in Transsylvanien ansässig sind. Großmutter Agneta war dort im kleinen Ort Michelsberg (rumänisch Cisnădioara) geblieben. Nun ist sie verstorben und Sine fährt mit ihrem Vater Johann zum Begräbnis. Während Sines Vater inzwischen immer wieder in die alte Heimat gereist war, ist dies für Sine die erste Begegnung mit dem Landstrich ihrer Kindheit. Sine befindet sich gerade in einer Umbruchssituation nach Abschluss des Studiums. Unentschlossen und mutlos wartet sie auf ein Zeichen, wie es weitergeht. So nimmt sie alles ganz intensiv und sensibel auf dieser Reise auf, so dass wir es durch ihre Augen sehen.

Das versponnen wirkende einzigartige alte Haus der Großmutter Agneta scheint Sine wie eine Persönlichkeit herzlich zu empfangen und zu fragen, wo sie so lange geblieben sei. Von Raum zu Raum schreitet Sine in verschiedene Farbwelten. Kein Wunder, denn dieses Gebäude war früher auch Teil der Färberei, die die Familie einst betrieb. Erst ihr Vater hatte sich vom Handwerk abgewandt und war Kunstmaler geworden. Längst vergessen geglaubte Erinnerungen und Bilder werden in Rückblenden lebendig. Agnetas Lebensgeschichte breitet sich vor ihr aus. Unter jenen freundlichen Bewohnern, die Sine wiedererkennen, ist auch Julian, ihr Freund aus der Kinderzeit. Er wird zu Sines Ankerpunkt. Mit ihm erkundet sie aufs Neue die geschichtsträchtige, märchenhafte Landschaft Siebenbürgens und ihre alten Siedlungen, das unperfekte aber faszinierend einfache Leben, die spätsommerliche Natur und ein bisschen auch sich selbst.

Allmählich enthüllt sich die Bedeutung des Buchtitels: Der „Halbe Stein“ ist eigentlich ein Naturmonument aus der Kreidezeit und Ort zum Innehalten und Nachdenken für Sine. Für sie ist es auch ein Symbol für ihre Suche nach einer verlorenen Hälfte, von der sie noch nicht weiß, was es ist.

Aus Sines sehr feinsinnigen und genauestens beobachtenden Position erleben wir das äußere Umfeld und ihre drängenden Fragen. Nachdem sie als Kind die Heimat verließ, vermisst sie das Gefühl der Zugehörigkeit, ihre Wurzeln, die Heimat, ein Zuhause. Diese Reise nach Siebenbürgen, das Eintauchen in die Landschaft und die Geschichte seiner Menschen konfrontiert sie mit dem Schmerz des Vergangenen. Diese Fragen haben sehr große Aktualität, egal wo man seine Wurzeln hat.

Spannend ist, wie die anderen Charaktere mit den Fragen umgegangen sind, mit denen Sine gerade ringt. Auch wenn Großmutter Agneta gestorben ist, kommt es einem vor, als wäre sie präsent im Haus. Sie war eine mutige, tapfere und tatkräftige Frau, der ihr Leben die Bereitschaft gelehrt hatte, immer wieder aufs Neue loszulassen. Alles, auch Menschen, sind nur Geschenke auf Zeit „Menschen und Dinge kann man nicht besitzen.“ S. 206
Mit Sine erleben wir, wie unterschiedlich ihre Eltern und ihr Onkel mit der Identität und dem Verlust der Verwurzelung in der Heimat umgehen. Der Blick zurück gehört für den einen wesentlich zu seiner Identität, während andere damit abschließen oder sich gänzlich ablehnend abwenden.
Besonders fein ist, dass das künstlerische, atmosphärische Haus fast schon zu einem eigenen Charakter in der Handlung wird. Damit hinterlässt es mehr Eindruck bei mir als andere Protagonist*innen.

Die Autorin beschreibt ausdrucksstark und poetisch Natur und Landschaft Siebenbürgens, seine historischen Besonderheiten und geschichtliche Elemente der (fast) verloren gegangenen Gemeinschaft. Auch wenn sie feinfühlig auf den Dialekt der Siebenbürger eingeht, bin ich mir nicht sicher, in welcher Sprache sich denn eigentlich Sine und Julian unterhalten. Denn weder im Siebenbürger Dialekt noch im Rumänischen scheint Sine noch ganz firm zu sein. Gänzlich unerwähnt bleibt, dass in Rumänien die nationalen Minderheiten sowohl unter Ceaușescu als auch nach der Wende Schulen in ihrer Muttersprache besuchen konnten. (Übrigens komplett im Gegensatz zu den Deutschstämmigen aus Russland.)

Das Schicksal von Sines Familie macht natürlich auch neugierig, noch mehr über Siebenbürgen zu erfahren. Ein bisschen von der Historie Siebenbürgens klingt an und auch die Auswanderung vieler Siebenbürger Sachsen und die Gründe dafür: Willkür und Misswirtschaft des kommunistischen Systems. Nur in wenigen Sätzen erfährt man über die Deportationen nach dem Krieg durch die Russen, über Enteignungen und warum Agneta dem entkommen konnte. Leider wird hier lieber ein anderes Familiengeheimnis aufgedeckt, anstatt an dieser Stelle tiefer zu schürfen. Schade.
Gefallen hat mir, dass durch diesen Roman bildlich ein „Siebenbürger Brunnen“ wiederbelebt wird denn:

„Einer der vielen toten Brunnen in Siebenbürgen“, sagte Vater. … „Wenn man einen Brunnen nicht benutzt, versiegt er.“ S. 76 Ansonsten scheint mir hier Siebenbürgen so komplett abgehoben von seinem Dasein im rumänischen Umfeld und im Zeitstrom der Geschichte dargestellt zu werden. Hier fehlt es mir an Tiefe, an Handlung, an Bewegung, an etwas, was mich berührt.

Da kommt mir der so sympathische Balduin in den Sinn, der auf Sines Frage nach seinem Alter (76), erst rechnen musste „Ach, weißt du, liebe Sina, das ist etwas, womit ich mich nicht beschäftige. Es gibt so viele andere Dinge, mit denen man seine Zeit verbringen kann.“ S. 225
Sehr liebenswert, aber etwas aus der Zeit gefallen. Geht nicht auch beides gleichzeitig? Mir schenkt der Roman immerhin den Aufhänger, mich etwas mehr mit der Geschichte Rumäniens und der Siebenbürger Sachsen zu beschäftigen.

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Veröffentlicht am 14.02.2026

Der Tanz auf dem Rande des Giftkelchs

Die Reise ans Ende der Geschichte
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Steht der ideale Spion ausspähend an einer dunklen Unterführung mit hochgeschlagenem Mantelkragen und dunkler Brille? Mitnichten! Zur Spionage eignen sich extrovertierte, gesellige, neugierige Menschen ...

Steht der ideale Spion ausspähend an einer dunklen Unterführung mit hochgeschlagenem Mantelkragen und dunkler Brille? Mitnichten! Zur Spionage eignen sich extrovertierte, gesellige, neugierige Menschen viel besser. Sie sind eher „everbody’s friend“, sehr sympathisch und kommen schnell mit allen Leuten in Kontakt. Das wäre Jakob Dreiser nie in den Sinn gekommen, denn für seine Vorstellung wäre er ja als junger in der Kulturszene bekannter Dichter viel zu auffällig, um in die landläufige Vorstellung eines Spions zu passen. Aber gerade weil er sich anpassungsfähig in verschiedensten Milieus bewegt, ein Talent für Zwischenmenschliches hat und sehr viel erfährt, wirft Dieter Germersheim ein Auge auf ihn. Und der muss es ja wissen. Schließlich steht er seit 27 Jahren im Dienst des BND, inoffiziell versteht sich. Natürlich hat er einen anderen Job zur Tarnung.

Wir schreiben das Jahr 1989. Die Mauer fällt, der eiserne Vorhang löst sich genauso auf wie die UdSSR. Viele Menschen schöpfen Hoffnung, so wie der junge Künstler Jakob Dreiser: “Das ist eine Chance, wie sie nie zuvor da war, in der ganzen Geschichte nicht. Das ist das Ende der Geschichte.“ S. 35. Ist das wirklich „Das Ende der Geschichte“ (englisch End of History) wie es auch der Politikwissenschaftler Francis Fukuyama formulierte?
Mit Zeitenwenden kennen wir Leser der Gegenwart uns ja gerade aus, im Rückblick kann man damit lockerer umgehen…

Da stehen sie, die Charaktere dieses Romans, russische Spezialitäten kostend auf der Gartenparty der russischen Botschaft in Rom, die sich plötzlich offen und gesellig gibt.
Agent Germersheim hält den frisch akquirierten Jakob Dreiser für blauäugig: „Glauben Sie wirklich, die denken plötzlich alle anders und vergessen, was sie jahrzehntelang gedacht haben? Für die sind wir immer noch der Feind. Und die für uns. Die hören doch nicht auf zu hassen.“ S. 34

Damit beweist er, wie man aus heutiger Perspektive weiß, eine große Weitsicht. Doch der Autor Kristof Magnusson katapultiert uns in diese Situation, in der noch alles voller Hoffnung und möglich scheint. Da schmunzelt man über den Agenten Germersheim, der überhaupt nicht begeistert ist, weil doch nun seine Existenz und die aller Spione und Doppelagenten auf dem Spiel steht.

Ausgerechnet in Rom startet nun die turbulente, witzige, immer wieder überraschende Reise der angejahrten Spione, Doppelagenten und des Dichters, der sich begeistert anwerben lässt, obwohl er kreative Lösungen dem Folgen von Anweisungen vorzieht. So verlockend dreht sich das Karussell der Geschäfte mit Militärgerät, ob in Kasachstan oder Kolumbien, inclusive Ritt auf der Rasierklinge oder - wie auf dem Cover - der Tanz auf dem Rand des Giftkelchs.
Kristof Magnusson schafft liebevoll und detailreich sehr authentische Charaktere. Der große Kontrast seiner beiden so unterschiedlichen wichtigsten männlichen Protagonisten macht ihr Zusammenspiel herrlich skurril.

Die beiden weiblichen Charaktere Dominique und Francesca Aquatone stehen nicht so im Zentrum, richten ihre Aufmerksamkeit aber auf wichtige Dinge und üben ihre Macht im Verborgenen aus. Mir gefällt besonders die kluge Francesca, die mit mehreren Identitäten jongliert und nicht unterschätzt werden sollte.

„Ich bin nicht wie Dieter, ich bin schlimmer. Dieter denkt, alles ist weiterhin genauso gefährlich als früher. Zu Sowjetzeiten war der Staat kriminell. Jetzt sind es alle.“ S. 102
Die Handlung ist mit vielen Wendungen sehr turbulent angelegt. Die Ideen und Pläne der Figuren wirken manchmal fast absurd, aber auch wenn sie mit Absicht überzeichnet sind, so zeigen sie doch, wie in dieser Umbruchszeit, einem Wendepunkt in der Geschichte, alles in Bewegung, im Zustand der Ungewissheit, Regellosigkeit und Chaos war. Auf der Reise geht so manches schief, einige Kurven und Abstürze werden noch aufgefangen. Überraschungen sind von Anfang an garantiert.

Magnusson erzählt mit viel Humor, jongliert mit Absurditäten und skurrilen Ideen. Mir sagt seine Hintersinnigkeit sehr zu. Die Figuren haben Tiefe und sind mit viel Hingabe entworfen. Die Geschichte hat Tempo, macht viel Spaß beim Lesen und gibt einem auch immer wieder zu denken.

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