Cosy Fantasy zum Relaxen
The House Witch 1Wer in diesen Zeiten der Schreckensnachrichten eine entspannte Auszeit mit einem Buch wünscht, um mal eine Mußestunde in heimeligen Fantasiewelten abzutauchen, ist mit einer „Cosy Fantasy“ gut bedient. ...
Wer in diesen Zeiten der Schreckensnachrichten eine entspannte Auszeit mit einem Buch wünscht, um mal eine Mußestunde in heimeligen Fantasiewelten abzutauchen, ist mit einer „Cosy Fantasy“ gut bedient.
„The House Witch – Der Koch des Königs“ ist der erste Band einer ebensolchen Fantasy-Serie.
Das zauberhafte, detailreiche Cover und der faszinierend gestaltete Buchschnitt nehmen uns gleich mit in eine für dieses Genre typischen Schauplatz voller Gemütlichkeit. Das Setting ist wirklich idyllisch: die Küche eines Königspalastes in einer Fantasyzeit, die an ein moderates, sanftes Mittelalter erinnert.
Die Welt des Genusses, feinster Gewürze, köstlicher Gerüche und verlockender Rezepte umgibt einen sofort in dieser heimeligen Schlossküche. Da fehlt eigentlich nur noch eine sanfte Prise Magie. Die kommt mit dem auffällig jungen, gutaussehenden Fremden ins Spiel, der die arbeitsreiche Anstellung als Koch des Königs von Daxaria gerade eben aufnimmt.
Finlay „Fin“ Ashowan scheint ein hochtalentierter Koch zu sein. Dass er eine Haushexe mit Fähigkeiten zu niederer Magie zum Schutz des Hauses und seiner Bewohner ist, möchte er zunächst geheim halten. Fin ist ein sehr skurriler, aber liebenswerter Charakter. Nach außen wirkt er recht ungesellig, griesgrämig und auch leicht reizbar. Anfangs traut man sich im Palast kaum zu versuchen, hinter diese abweisende Maske zu blicken.
Fin steht unter dem starken Einfluss seiner speziellen Magie, mit der er sein neues Heim – das Schloss- und seine Menschen schützen soll. So hat der magische Koch stets Gesundheit und Wohlergehen der Leute, für die er köstliche Mahlzeiten zubereitet, im Blick. Seine Kochkünste (eher modern als mittelalterlich) machen auch die Empfindlichsten und Anspruchsvollsten zufrieden und schier glückselig. Vermutlich lässt man am Hofe deshalb dem jungen Mann, der aus Gründen am liebsten allein in der Küche werkelt, viel durchgehen.
Die Geschichte erzählt den Alltag im und um das Schloss herum, kleine Alltagsereignisse, Sorgen, Kümmernisse, Liebeleien und Streit. Die Gefahr lauert an den Landesgrenzen durch ein aggressives Nachbarkönigreich, das schon seine Finger ausstreckt.
Die Handlung wird getragen durch Humor, Ironie, Heiterkeit und die verbundene Gemeinschaft des Hofstaates.
Durchgehend gefallen hat mir Fin als sehr ausgefallener Hauptcharakter mit seinen starken Gefühlen und inneren Kräften, getragen von seiner ganz speziellen Magie. Dass das ganze Ausmaß und die versteckten Eigenschaften dieser Magie ihm selber und so auch den Leserinnen bis zum Schluss verborgen bleiben, verleiht seiner Person noch ausbaubares Potential.
Es ist interessant, die Geschehnisse mal aus der Perspektive eines niederen Bediensteten zu betrachten. Fin hält sich in dieser Rolle und der scheinbar beschränkten Macht selber für schwach.
„Ich sorge auf meine eigene Weise für andere, unbemerkt und indirekt. Manchmal kann eine gute Suppe oder ein frisches Butterbrot dazu beitragen, einen furchtbaren Tag aufzuhellen. … Ich tue es, weil ich auf diese Weise die Welt ein bisschen besser machte.“ S. 505
Die Geheimnisse seiner Herkunft und Fähigkeiten will er mit niemanden teilen. Das ist schwierig für offene Freundschaften. Seine Entwicklung im Umgang mit seinen Mitmenschen erfährt man mit viel Humor im Laufe der Geschichte.
So schließt man Fin als Leserin mit all seinen Marotten rasch ins Herz.
Auch die weiteren Charaktere sind recht speziell wie raue Ritter, die bald nach Fins Pfeife tanzen (müssen), ein friedfertiger, genügsamer König, der Sorge um sein Volk trägt und natürlich ein mysteriöser weiblicher Gegenpart. Was wäre eine Fantasy ohne Tiere? Bald schnurrt (und spricht) in der Schlossküche ein schwarzer junger Kater Kraken, der sich schnell in die Herzen der Menschen schleicht, ganz anders als sein neuer Herr.
Der weibliche Hauptcharakter, die adelige Annika, wird als schön, schlau, aber auch skrupellos dargestellt. Mir ist es nicht gelungen, mit ihr warm zu werden. Fins Gefühle dieser Frau gegenüber konnte ich absolut nicht nachvollziehen. Die Liebesgeschichte pendelt hin und her, hat mich persönlich aber nicht überzeugen können.
Eine Cosy Fantasy lebt von der „Welt“, die die Autorin für die Geschichte entwirft. Die Küche als zentraler Ausgangspunkt ist ein super Ansatz. Der Ort der Handlung befindet sich hauptsächlich am Hofe des Königs mit umfangreichen Hofstaat. Die Welt drum herum bleibt skizzenhaft und unscharf. Zwar trägt das Setting leicht mittelalterliche Züge, z.B. durch die Ritter, wird durch die Akzeptanz von Homosexualität jedoch deutlich kontrastiert. Dass in der Handlung Menschen verschiedener Herkunft und Sexualität akzeptiert werden und respektvoller Umgang z.B. gegenüber Frauen einfordert wird, hat mir gefallen.
Leider lässt sich die Autorin die Chance entgehen, den Frauen andere Rollen und Gewichtungen als mittelalterliche zu geben. So bleibt es bei der Mutterrolle, Heiratspolitik, Tändeleien und ein bisschen Spionage. Das fand ich ärgerlich. Hier hat man doch als Fantasy-Autorin viel mehr Möglichkeiten. Wesentlich kreativer, vielschichtiger und stimmiger ist der Entwurf der Welt der Hexen angelegt. Davon hätte ich gern mehr gehabt. Hier liegt für mich mehr Potential.
Für mein Empfinden taucht der exzessive Genuss von Alkohol (von Trinkgelagen bis zu Gewohnheitstrinken von Hochprozentigem) in der Geschichte zu oft auf, obwohl es für die Handlung eigentlich entbehrlich wäre.
Der Stil ist leicht lesbar. Der Roman ist tatsächlich eine typische Cosy Fantasy, in der das Erzähltempo eher geruhsam mit flachem Spannungsbogen mäandriert und nur wenige unerwartete Wendungen vorkommen. Der humorige Erzählstil, zusammen mit den leckeren Genüssen aus der Schlossküche lädt zum Relaxen ein.
Wer also für ein paar Stunden dem Alltag entfliehen möchte, liebenswerte Helden mit kleinen Marotten, magischen Zauber und Humor aber wenig Action, Brutalität oder aufregende Wendungen erleben möchte, ist mit diesem Roman bestens bedient. Mir persönlich war dieses Tempo zu viel des Guten.