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Veröffentlicht am 30.06.2026

Auf mäandrierenden Wegen unterwegs

Die Weisheit der Esel
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Um ehrlich zu sein, mich hat vor allem das einfache, aber sehr ausdrucksstarke Cover dieses Buches angezogen. Ich habe ein gewisses Faible für Esel und finde die Langohren einfach unwiderstehlich. Diese ...

Um ehrlich zu sein, mich hat vor allem das einfache, aber sehr ausdrucksstarke Cover dieses Buches angezogen. Ich habe ein gewisses Faible für Esel und finde die Langohren einfach unwiderstehlich. Diese Info ist vielleicht wichtig, denn Andy Merrifields Buch ist bestimmt nicht jedermanns/-fraus Geschmack. Eigentlich kann es weder ausgeprägte Handlung noch Tempo vorweisen, und es führt auch nicht wirklich irgendwo hin.

Man sollte keinen Bericht über eine Urlaubsaktivität mit einem Esel erwarten. Immerhin bringen uns Andy Merrifield und der schokoladenbraune Esel Gribouille auf ihrer Tour durch die eindrückliche Landschaft der Haute-Auvergne in Südfrankreich die Beschaulichkeit und Schönheiten der Natur, kleine Abenteuer und verwunschene Plätze näher. Merrifield verfasst jedoch keine Reisebeschreibung. Sondern er nutzt die Zeit dieser Tour mit dem Vierbeiner, um über sein eigenes und das Leben an sich zu meditieren. Er verlangsamt sozusagen sein Lebenstempo, passt es dem des Esels an, lässt die Gedanken schweifen und sinnt über Literatur, Wissenschaft, Facettenreichtum der Natur, Identitätsfindung etc. nach.
Der heimliche Held des Buches ist (für Tierfans) eigentlich der Esel Gribouille (von frz. Kritzeln), der seinen zweibeinigen Begleiter immer wieder mit unergründlichem Verhalten und subtiler Weisheit überrascht. Bald lernt Merrifield Gribouilles langsame aber beständige Geschwindigkeit und spontane Halts zu schätzen und zu verstehen. Er verändert sich in dieser neuen Partnerschaft und lässt sich inspirieren von seiner Vorstellung von der Eselsperspektive.

Mir haben hat das Buch am besten gefallen, wenn es die Biologie und Eigenschaften der Esel und die Geschichte des Verhältnisses der Menschen zu den Eseln beschreibt. Obwohl die Esel vor 8000 Jahren domestiziert wurden, haben wir Menschen sie nie wirklich gut behandelt. Da Esel eine hohe Schmerzgrenze haben, wurden sie von den Leuten oft gnadenlos geschlagen, um sie anzutreiben. Beeindruckend ist das Ausmaß des emotionalen Schmerzes der Esel, besonders wenn sie einen Kumpel oder Freund verlieren.
Merrifield hat seine Erkenntnisse vor allem im Sidmouth Donkey Sanctuary in England und bei Tierbegegnungen in Marokko, Ägypten und Frankreich gewonnen. Sehr eindrücklich vermittelt er, dass die Natur des Esels nicht ist, stur und schwierig zu sein, sondern ihr Verhalten reiner Überlebenswille ist.
„So ist das nun mal mit einem Esel. […] Er bietet einem das Geschenk , den Rhythmus präziser Schritte zu genießen, gemächlicher auszuschreiten und dennoch weiter voranzukommen, den Augenblick wie einen kostbaren Schatz zu hüten, ihn zu verlängern, ihn auszukosten in seiner ganzen Fülle…“ S. 39
Wer auch literarisch interessiert ist, hat bestimmt Spaß an den gedanklichen Ausflügen zu den Eseln, die bereits in der Bibel und im Koran auftauchen, wie auch bei Robert Louis Stevenson, Cervantes‘ Don Quixote, George Orwell, der Dichterin Anne Sexton, A. A. Milne, Tao Mystikern und anderen . Da werden endlich z.B. Sancho Panzas Esel Dapple oder Old Benjamin aus Orwells Farm der Tiere ins rechte Licht gerückt.
Wer es noch nicht wusste, es gibt nicht nur Therapiehunde, sondern auch –Esel, die Kommunikation, Entspannung und Gefühle positiv beeinflussen. Diese Funktion übernimmt Gribouille wohl hier für den Autor.„Unter Gribouilles aufmerksamen Augen durfte ich einen Blick auf mein verlorenes, wahres Ich werfen und Anspruch erheben auf meine verlorene Unschuld…“ S. 257
Merrifield hat internationales Großstadtleben und wissenschaftliche Karriere aufgegeben, um sich im ländlichen Frankreich niederzulassen. Nun nutzt er die Tour mit dem schokoladenbraunen Esel, der Löwenzahl und Disteln vertilgt, für einen Rückblick, Analyse und Befreiung von Ballast.
Er breitet keine großen Philosophien oder tiefgründige Meditationen vor seiner Leserschaft aus, sondern eher ein paar Splitter einer Reise nach Innen und ein paar Impressionen der Reise außen mit entspannenden Tagträumen an frischer Luft.
Wer sich darauf einlassen mag, kann bestimmt gut entspannen und Tempo aus dem Alltag nehmen. Vielleicht bekommt man Lust auf eine Eselswanderung.

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Veröffentlicht am 25.05.2026

Bakterien - Einstieg in eine fast noch unbekannte Welt

Bakterien – die heimlichen Helden
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Peter Wohlleben kannte ich bislang als Autor, der aufschlussreiche Bücher zu den Themen Wald und Umweltschutz verfasst hat. Deshalb habe ich mir lebendige Wissenschaftsvermittlung versprochen und wurde ...

Peter Wohlleben kannte ich bislang als Autor, der aufschlussreiche Bücher zu den Themen Wald und Umweltschutz verfasst hat. Deshalb habe ich mir lebendige Wissenschaftsvermittlung versprochen und wurde nicht enttäuscht.

Bakterien in der Heldenrolle? Das machte mich neugierig, denn mein (leider langweiliger) Bio-Unterricht liegt lange zurück, und die Wissenschaft hat seitdem fortlaufend Neues entdeckt – und setzt das täglich weiter fort.
Biologisches Vorwissen wird nicht vorausgesetzt, schadet aber auch nicht. Fachbegriffe und komplizierte Zusammenhänge werden verständlich und z.T. vereinfacht erklärt.

Bakterien sind für das menschliche Auge unsichtbar, aber wir wissen von ihrer (erschreckenden) Existenz auf unseren Küchenschwämmen, auf Türklinken, Handläufen etc. aber auch im Darm…. Auf jeden Fall hatte ich (wie wohl die meisten) eher eine recht negative Vorstellung vom Wirken der Bakterien und war neugierig, auf ihre, für mich unbekannten Seiten.

Wohlleben stößt in seinem Buch viele Türen des Staunens und Forschens für uns auf, indem er uns auf die Heldenreise der Bakterien mitnimmt. Nach dem Lesen wird man wohl manches in seiner Umwelt mit anderen Augen betrachten und im Privaten vielleicht Veränderungen vornehmen.

Das Buch wird in drei große Bereiche aufgeteilt: angefangen mit „Die Erfindung des Lebens“, in dem eher die Grundlagen gelegt werden. So lernt man beispielsweise, warum die Bakterien für ein Leben auf der Erde unerlässlich sind.
In „Wie Bakterien unseren Alltag bestimmen“ findet bestimmt jeder Anknüpfungspunkte an sein eigenes Leben. Ja, die Bakterien sind an der Entstehung von Krankheiten beteiligt. Andererseits können sie auch zur Gesundheit beitragen. Bakterien als Krankheitserreger im Kühlschrank rufen Ekel hervor, als Hautbakterien können sie dafür sorgen, dass Wunden schneller heilen.

Dass Bakterien eine Chance für den Fortschritt bieten könnten erfährt man im dritten Teil „Verbündete für die Zukunft“. So können beispielsweise Bakterien Mikroplastik abbauen oder in Maßnahmen zur Bekämpfung des Klimawandels mehr Bedeutung gewinnen.
Alle Bereiche sind wiederum in eine Vielzahl kurzer übersichtlicher Kapitel aufgegliedert. Wer tiefer einsteigen möchte, findet im Anhang weiteres Material und Quellenangaben.
Beim Lesen merkt man sofort, dass dem Sachbuch eine sehr genaue wissenschaftliche Recherche zugrunde liegt. Diese Grundlagen gilt es nun spannend zu vermitteln. Der Autor verwendet einen anschaulichen, präzisen Schreibstil. Er lässt seine Leser*innen nicht vom Haken, sondern spricht sie oft direkt an, bleibt locker und humorvoll. Das Leben und Treiben der Bakterien vermenschlicht er gerne, um die komplexen Sachverhalten zu erklären. Das liest sich sehr angenehm, flüssig und nachvollziehbar. Mir persönlich waren manche der Kommentare in den Klammern oder Bakterienknilche zu viel des Guten, aber das ist vermutlich einfach Geschmackssache. Wichtig ist letztendlich, dass auf informative, unterhaltsame Weise Kenntnisse über die Natur und den Menschen im Zusammenhang mit den Bakterien vermittelt werden. Auf jeden Fall nimmt man viele Denkanstöße und praktische Tipps in den Alltag mit.

Angesichts der immensen Bedeutung und Leistungen des Bakteriennetzwerkes scheint es schier anmaßend, dass sich der Mensch als Krone der Schöpfung sehen möchte. Wohllebens deutliche Kritik z.B. an Agrarpolitik, Waldwirtschaft werden unter diesem wissenschaftlichen Aspekt noch nachvollziehbarer.

Wohlleben liefert eine Vielzahl an Informationen, die einem manchmal fast episodenhaft erscheinen mögen. Doch es gibt noch so viel über diese spannenden Mikroorganismen zu lernen, denn von den Milliarden Bakterienarten sind erst wenige Zehntausend bekannt. Da warten vermutlich noch einige Überraschungen auf uns.
Wer sich für Natur, Umwelt und Biologie interessiert, findet hier bestimmt einen spannenden Einstieg.

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Veröffentlicht am 20.05.2026

Nur mit Hund(en) komplett

Penny, Prince und Ginny
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Nachdem er sein Leben der Kunst und Kunstkritik gewidmet hat, schrieb der legendäre britische Kolumnist und Kunstkritiker Brian Sewell (1931-2015) ein Buch über seine Hunde. In “Sleeping with dogs” 2013 ...

Nachdem er sein Leben der Kunst und Kunstkritik gewidmet hat, schrieb der legendäre britische Kolumnist und Kunstkritiker Brian Sewell (1931-2015) ein Buch über seine Hunde. In “Sleeping with dogs” 2013 erschienen, 2026 ins Deutsche übersetzt als “Penny, Prince und Ginny“ verrät der englische Titel schon Sewells intensive Nähe zu seinen geliebten Vierbeinern.

Wenn man zu seinen besten Freunden Bellfreudige mit vier Beinen und einer wedelnden Rute zählt, dann wird einen das Buch von Brian Sewell bestimmt begeistern. Ja, es tauchen auch ein paar Katzen auf, die die Tierliebe des Autors nur unterstreichen.

Ich muss zugeben, dass mir der Name Sewell vorher gänzlich unbekannt war. In diesem Buch gibt er auch relativ wenig über seinen Werdegang als bekannter Kunstkritiker preis. Stattdessen erzählt er über all seine Hunde, mit denen er sein über 80 Jahre währendes Leben (und auch sein Bett) geteilt hat. Auf 17 vierbeinige Begleiterinnen konnte er am Ende zurückblicken, deren Lebenslauf jeweils ein Kapitel zugewiesen wurde.

Sewell hatte in seiner Kindheit Zeiten von Armut erlebt. Prägend blieb aber vor allem die Erinnerung an seinen ersten Hund namens Prince. Den liebte er sehr, bis sein Stiefvater ihn angesichts des Kriegsanfangs 1939 aus Bedenken wegen der bevorstehenden Zeiten erschoss. Das hat das Kind Brian traumatisiert. Sein einziger Wunsch zu Geburtstagen oder Weihnachten war danach, wieder einen eigenen Hund haben zu dürfen. Für eine halbe Krone holt er sich dann nach Kriegsende einen Welpen, einen Terrier.

Tatsächlich hat er im Lauf seines Lebens nur für zwei seiner Hunde etwas bezahlt. Kaum welche hatten einen Stammbaum. Die Mehrzahl der Hunde, die ihn im Laufe der Jahre begleiten sollten, stammten aus dem Tierschutz, über deren Rettung wir hier erfahren - Mischlinge, von den Vorbesitzern verstoßen, oder von einem leidenschaftlichen Tierarzt gerettet und ihm anvertraut.
Meistens lebten mehrere Hunde im Sewell’schen Haushalt, denn er hielt Drei für die perfekte Zahl für eine Hundegemeinschaft.

Einige Jahre lang lebte seine alte Mutter mit ihm, aber seine wahre Familie scheinen immer die Hunde gewesen zu sein. Selbst sein Umgang mit den sterblichen Überresten seiner Fellnasen, war sehr persönlich und voller Verehrung (für manch eine/n vermutlich auch etwas zu übertrieben oder exzentrisch).
Es ist bewundernswert, wie der Autor nach all den Jahrzehnten in seiner Erinnerung zurückgehen kann und über die besonderen Persönlichkeiten, (Un-)Taten und selbst kleinste Eindrücke von Fell und Haut wieder berichten kann. Manche der Erlebnisse mit seinen Vierbeinern können vielleicht nur Hundeliebhaber
innen ohne ein Kopfschütteln, sondern mit einem Schmunzeln aufnehmen. Andere würden sich eher bestätigt fühlen, sich lieber keinen Hund ins Haus zu holen. Aber ich bezweifele, dass jemand, der keine Hunde mag, sich so weit in die Geschichte vertieft.

Auch wenn nicht jeder Hundemensch seinen Vierbeiner mit ins Bett lässt, ihn am Tisch füttert oder ihm sofort verzeiht, wenn er wertvolle Buchschätze zerlegt. Aber man kann es irgendwie schmunzelnd nachvollziehen. Brian Sewell konnte eben sehr tolerant sein gegenüber einer Bandbreite verschiedenster Hunde und ihrer teils sehr speziellen Eigenarten.

Sewell schreibt sehr warmherzig, mit Humor, zart und doch auch leidenschaftlich. Immer wieder offenbart es ein tiefes Verständnis den Tieren gegenüber. Diese teilweise exzentrische, eigenwillige Liebe zu Hunden, die von den wüsten Welpenzeiten, über so manche wilde Episode bis in Krankheit, Alter und Tod reicht, wird so hingebungsvoll beschrieben, dass man auch den Autor mit ins Herz schließen muss.
Oft musste ich beim Lesen wissend schmunzeln (schließlich leben auch hier seit 25 Jahre ein oder mehrere Hunde im Haushalt), lachen, aber auch schwer schlucken. Schließlich kann ich seine Gefühle beim Verlust eines Hundes nur zu gut nachvollziehen. Denn auch diese schweren Zeiten lässt Sewell nicht aus.

Das Cover verspricht schon sehr feine Illustration von Sally Ann Lasson, die sich über das Buch verteilen. Was mir am Ende doch fehlt, sind ein paar Fotos, die noch eine genauere Vorstellung der Vierbeiner schenken könnten, die einen beim Lesen sehr ans Herz wachsen.
Ein herrliches Buch für alle Hundefans.

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Veröffentlicht am 13.05.2026

Blick in das China von heute

Fliegt, Wilde Schwäne
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In der derzeitigen Geopolitik ist China ein bedeutsamer aber undurchsichtiger, gefährlicher Player, über den man eigentlich wenig weiß, weil die Eindrücke von Innen fehlen. Da hoffte ich auf einen sehr ...

In der derzeitigen Geopolitik ist China ein bedeutsamer aber undurchsichtiger, gefährlicher Player, über den man eigentlich wenig weiß, weil die Eindrücke von Innen fehlen. Da hoffte ich auf einen sehr persönlichen Einblick durch dieses Buch.
Die Autorin Jung Chang (*1952) ist in der Volksrepublik China aufgewachsen und hat die Kulturrevolution hautnah miterlebt. 1976 konnte sie mit einem Stipendium ein Ergänzungsstudium in England beginnen, kehrte nach dem Abschluss des Studiums jedoch nicht nach China zurück. Jung Chang ist verheiratet mit dem Historiker Jon Halliday und lebt im Vereinigten Königreich.

Schon mit dem Titel „Fliegt, Wilde Schwäne” nimmt Jung Chang einen Faden nach vielen Jahren wieder auf – den Faden ihres 1991 erschienen internationalen Bestsellers „Wilde Schwäne“ (im Original „Wild Swans: Three Daughters of China“). In diesem Debüt erzählte sie damals die ein Jahrhundert umspannende Geschichte ihrer Familie mit dem Schwerpunkt auf den Biographien dreier weiblicher Generationen in China.

Auch ohne das vor 35 Jahren erschienene Buch gelesen zu haben, kann man problemlos in „Fliegt, Wilde Schwäne“ einsteigen. Für das Verständnis der Handlung wichtige Ereignisse werden wieder aufgegriffen, wie z.B. die erschütternden Erlebnisse ihrer Familienmitglieder während der Kulturrevolution und die politischen Umwälzungen, die ihr Leben formten.
„Fliegt, Wilde Schwäne“ führt die Familiengeschichte weiter bis in die Neuzeit und fügt die Erfahrungen Jung Changs bei der Recherche für ihre Bücher (u.a. Biographien von Mao und der letzten chinesischen Kaiserin Cixi) in China hinzu. Im Zentrum steht neben Jung Chang ihre unerschütterliche Mutter. Jung Changs ausgedehnte Familie ist über Jahrzehnte Zeuge und Opfer von so viel Leid und Qualen geworden. Trotzdem hat die Autorin furchtlos die Dokumentation dieser Geschichte aufgenommen. Sie zeigt eindrücklich auf, wie nach dem Tod Maos es eine allmählich etwas offenere Haltung dem Westen gegenüber gab. Aber mit dem Regime von Xi Jinping, der nun auf unbestimmte Zeit am Ruder ist, hat sich dies dramatisch verändert. So versinkt China in eine weitere dunkle Periode.

Sehr interessant ist es, wie „Wilde Schwäne“, Changs erstes Buch in China aufgenommen wurde und was das für einen Einfluss auf ihr Leben seitdem hatte. In den folgenden Jahren hatte sie nur begrenzten Zutritt nach China. In China ist sie seit 2018 nicht mehr gewesen. Sie hat sich damit abgefunden, dass sie nicht mehr in der Lage sein wird, nach China zurückzukehren. Ihre Mutter war immer voller Angst, wenn ihre Tochter in China weilte. Ihr ist es lieber, dass sie fern, aber in Freiheit im Westen lebt. All ihre Bücher sind in China verboten. Durch die Unfreiheit und die Intensität der nun vorherrschenden Überwachung, ist ihre Angst vor Inhaftierung sehr real.

Dass Chang bewusst und deutlich eine sehr persönliche Perspektive einnimmt, hat mir sehr gefallen. Somit ist das Buch keine Darstellung chinesischer Geschichte, sondern die Fortsetzung der intensiven realen Familiensaga vor historischem Hintergrund. Die Situation ihrer Familie, ihre eigenen Besuche und ihre wieder zunehmend schwieriger werdende Recherche spiegeln das komplexe Leben unter einem totalitären Regime wider. Gerade diese Erzählhaltung macht das Buch ganz besonders authentisch, eindrücklich, fesselnd, kraftvoll und informativ. Man wird schier überwältigt von der Menge an persönlichen Details, der intensiven Eindrücke und der ergreifenden und emotionalen Erzählweise.

Mich hat berührt, auf welche Weise Themen wie Freiheit, Überleben und Identität in einem totalitären Regime durch die Verbindung mit realen Menschen und ihrer Biographie viel greifbarer werden. Denn nun treten auch Konflikte wie zwischen politischem Pflichtgefühl und Loyalität zur Familie, Mut, Resilienz und Leidenschaft klar hervor. Die Schilderung der Lage der Menschen dort zerreißt einem schier das Herz.

Für mich ist dies ein wichtiges und sehr persönliches Buch um das moderne kommunistische China zu verstehen. Zudem hat dieses Buch in mir die Neugierde geweckt, auch das erste Buch „Wilde Schwäne“ zu lesen, um ein umfassenderes Bild von der unruhigen und leidvollen Geschichte des neuzeitlichen Chinas zu bekommen. Beide Bücher sind übrigens in China verboten, was ihre Bedeutung unterstreicht.

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Veröffentlicht am 04.04.2026

Die Magie der Falter

Das Jahr der Schmetterlinge
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Der Titel hat mich gleich angezogen, doch das Cover der deutschen Ausgabe dieses Buches zeigt für meinen Geschmack zu viele ablenkende Details, zu viel grelles Pink zwischen dem der Schmetterling fast ...

Der Titel hat mich gleich angezogen, doch das Cover der deutschen Ausgabe dieses Buches zeigt für meinen Geschmack zu viele ablenkende Details, zu viel grelles Pink zwischen dem der Schmetterling fast untergeht. Das dänische Originalcover gefällt mir weitaus besser. Die Konzentration auf den Falter, darum geht es doch eigentlich.

Der Wunsch, sich näher mit heimischen Schmetterlingen zu beschäftigen, hat die dänische Journalistin Lea Korsgaard schon mehrere Jahre bewegt. Doch im dunklen, kalten Winter 2022 beschließt sie, ihn endlich in die Realität umzusetzen. Binnen eines Jahres möchte Korsgaard alle dänischen Schmetterlingsarten in der Natur sehen. Was sie damals noch nicht ahnt, wie dieses Jahr der Schmetterlinge ihr Leben und ihr Bewusstsein verändern wird.

Zunächst versucht sie, eine Liste sämtlicher tagaktiven Schmetterlinge anzulegen, die (noch) in Dänemark zu finden sind. Die erste Hürde ist bereits die Liste selber, denn Korsgaard geht ziemlich ahnungslos an dieses Unternehmen. Über Schmetterlinge weiß sie eigentlich kaum etwas. Der dänische Biologe und Schmetterlingsexperte Michael Stoltze kann ihr weiterhelfen. Tatsächlich kommen nur noch 65 Tagschmetterlingsarten in Dänemark vor. Es wird klar, dass die Suche nach ihnen kein Kinderspiel sein wird: viele Arten sind nicht leicht zu entdecken, ihr Erscheinen beschränkt sich auf bestimmte Monate. Teilweise haben sie auch nur sehr kurze Lebensspannen (Wochen, Tage). Lea Korsgaard macht sich trotzdem voller Zuversicht und Engagement auf den Weg.

Neben dem aufwändiger werdenden Schmetterlingsprojekt läuft der Alltag der Autorin mit turbulenten Familienleben mit drei Kindern, Ehemann und Job weiter. Korsgaard verwebt die Geschichte ihrer Schmetterlingssuche, die Recherche und Gedanken rund um dieses Thema, mit ihrem persönlichem Leben und den Problemen, alles zusammen zu bewerkstelligen.

Es beginnt mit dem Erwerb des notwendigen (aber fehlenden) Basiswissen: z.B. auf welche Weisen die Schmetterlinge den Winter überstehen, was man unter Metamorphose versteht, die Verbindung und Abhängigkeiten der gesuchten Schmetterlingen zur umgebenden Natur. Das mag auch für die Leserschaft oft nicht in allen Details bekannt zu sein.
Ihre „Jagd“ nach den Sommervögeln („sommerfugl“ = dänisch für Schmetterling) führt sie in Landschaften, von denen sie vorher nicht wusste, dass sie existieren. Sie wird von Leuten, die ihr Hilfe versprochen haben, zu abgelegenen Orten geführt: Wiesen, Wälder Feuchtgebiete, die sie und auch wir vermutlich sonst nie aufgesucht, sondern übersehen hätten. Im Laufe der Zeit wächst die Erfahrung der Autorin und sie vergleicht die Planung ihrer Exkursionen mit der eines militärischen Manövers.
„Ich war eine Jägerin. Ich wusste über Dinge Bescheid. Ich kannte Fachausdrücke wie Fouragieren, Rast und Imago.“ S. 271

Die Herausforderung, sich den Schmetterlingen anzunähern, führt sie auch zu interessanten Exkursionen in die Welt der Literatur, Mythologie, Philosophie und Umweltwissenschaften. Diese sind gut nachvollziehbar, eröffnen neue Perspektiven und wecken Neugierde, könnten aber gern konzentrierter und weniger ausufernd sein.

Der Fortlauf des Jahres strukturiert die Schmetterlingssuche. So geben die Monate des Jahres die Kapitelaufteilung vor. Eingestreut in den Text sind Illustrationen der Schmetterlinge mit Zeitpunkt und Ort der Sichtung durch die Autorin. Das ist sehr schön zur Erläuterung. Leider fehlt mir die Angabe, wer diese Illustrationen angefertigt hat. Denn die Autorin war mit der Kamera und nicht mit Stift oder Pinsel unterwegs. Das Fehlen von Fotos mag manche/r beklagen.

Sehr eindringlich sind die Mahnungen der Autorin bezüglich der Vernichtung von Lebensräumen und dem Aussterben in der Tierwelt, das ein unfassbares Ausmaß und Tempo angenommen hat. „Was unsere Natur angeht, steht sie seit hundert Jahren in Flammen. … Der Artenschwund geht schneller voran als jemals zuvor in der Erdgeschichte.“ S. 228
Korsgaard hat eine ganz persönliche und vermutlich für ein Sachbuch unerwartete Art, über ihre Suche zu schreiben. Ihr Ziel ist es, dass die Leser*innen selber beginnen, die Natur mit neuem Blick anschauen und vielleicht kleine Details, die einem vorher entgangen sind, entdecken.

Ich hätte mir dafür noch einen größeren Schwerpunkt auf die einzelnen Schmetterlinge selber und ihren Lebensraum gewünscht.
„Verantwortung entsteht, wenn wir in der Lage sind, die Schönheit wahrzunehmen, die uns umgibt.“S. 262
Und um diese Schönheit wahrzunehmen, würde ein bisschen mehr Wissen über z.B. den jeweiligen Falter und seine ganz spezifischen Bedürfnisse helfen. Denn diese genauere Betrachtung geht schnell unter zwischen den vielen Exkursen in andere Bereiche. Die zunehmenden Fähigkeiten der Autorin, ganz in die Natur einzutauchen, bewahrt sie davor, dass die Suche am Ende nur zu einer reinen Trophäenjagd wird.

Auf jeden Fall kann das Buch motivieren, selber mehr über Schmetterlinge in Erfahrung zu bringen. Auch als Ermutigung, eigene Herzensprojekte endlich anzugehen, könnte es bei dem/der einen oder anderen dienen.

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