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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 05.08.2025

ein sehr besonders Buch über kontinuierlichen Widerstand

Die Schrecken der anderen
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„Das Aufdecken der Geschichte ist eines. Hinschauen, ein zweites. Aber wir wissen alle, das Schwierigste ist ein Drittes, und zwar daraus zu lernen und entsprechend zu handeln.“
Zunächst war es eine Coverliebe. ...

„Das Aufdecken der Geschichte ist eines. Hinschauen, ein zweites. Aber wir wissen alle, das Schwierigste ist ein Drittes, und zwar daraus zu lernen und entsprechend zu handeln.“
Zunächst war es eine Coverliebe. Dann der Klappentext. Dann die gemischten Reaktionen anderer Blogger:innen. Worauf lasse ich mich hier ein? Martina Clavadetschers „Die Schrecken der Anderen“ ist kein Buch, was sich schnell nebenher lesen lässt. Ein zurückgezogener Archivar stößt im gefrorenen Bergsee auf eine mysteriöse Leiche – und wird dabei von einer rätselhaften, schrulligen Alten in einem Wohnwagen beobachtet. Hinter der anfänglich losen Aneinanderreihung von Erzählsträngen verbergen sich jahrzehntelange Verschwörungen, in deren Zentrum ein reicher Geschäftsmann namens Kern, seine jüngere Frau und dessen fast hundertjährige Mutter stehen, die alle auf ihre Weise in familiäre und politische Intrigen verstrickt sind.
Zu Beginn habe ich mich richtig mühsam durch die ersten Kapitel gekämpft – in dieses ruhige Lesetempo und die Syntax musste mich erstmal einlesen! Die Autorin gönnt sich üppige, verschachtelte Sätze, die sich gerne mal über eine Seite hinwegziehen und damit ganz bewusst ein anderes Leseerlebnis schaffen als den „Ich-muss-jetzt-ein-Kapitel-verschlingen“-Modus vieler anderer aktueller Bücher. Ehrlich gesagt: Ich habe eine kleine Ewigkeit gebraucht, um in diesen Rhythmus hineinzufinden.
Nach ca. einem Drittel (und einer gehörigen Portion Frustration) passierte dann etwas Faszinierendes: Die Perspektiven verknüpften sich, die mysteriöse „Alte“ trat deutlicher hervor und offenbarte nicht nur ihren schrulligen Charme, sondern auch einen messerscharfen Verstand. Diese hundertjährige skeletthafte Matriarchin, die den Großteil des Tages im Dachgeschoss-Bett verbringt und dennoch so einige Fäden in der knochigen Hand hält, ist für mich die gruseligste Figur des Buches! Da treffen zwei alte Frauen von ganz verschiedenen Weltanschauungen aufeinander!
Ganz anders verhält es sich mit Schibig, der eigentlich als Hauptfigur eingeführt wird, aber mehr als ruhender Pol fungiert denn als sich entwickelnde Person. Parallel erzeugt das irre Drama um alte Nazi-Konten ganz realen, aktuellen Grusel. Dieses Nebeneinander von poetischer Ruhe und beklemmender Gegenwartsanalyse hat bei mir eine sehr ungewöhnliche Spannung hinterlassen.
Unterm Strich ist „Die Schrecken der Anderen“ ein mutiges Buch: Es mischt historische Fakten mit Fiktion, warnt eindringlich vor dem kollektiven Verdrängen (Stichwort: Schweizer Vergangenheit während der NS-Zeit) und öffnet einen unerwarteten Blick auf die Verantwortung der Nachgeborenen. Dass ich dafür erst einmal „warm werden“ musste – geschenkt! Wer sich auf diese ungewöhnliche Erzählweise einlässt, wird reich belohnt: mit einer schrullig-skurrilen Heldin, einem echten Schauer über die Realität und dem Bewusstsein, dass Vergessen bequemer, aber gefährlich ist. Meine vier Sterne gelten dem Mut zur Langsamkeit, der feinen literarischen Hand und eben jener Alten, die hier alles zusammenhält.

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Veröffentlicht am 28.07.2025

große Lesefreude, wenn auch medizinisch unrealistisch

Not Quite Dead Yet
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Ich habe selten ein Buch so rasend verschlungen wie Not Quite Dead Yet von Holly Jackson – dafür gibt es glatte 4,5 von 5 Sternen von mir. Gleich auf den ersten Seiten erfährt man: Jet Mason, Ende Zwanzig, ...

Ich habe selten ein Buch so rasend verschlungen wie Not Quite Dead Yet von Holly Jackson – dafür gibt es glatte 4,5 von 5 Sternen von mir. Gleich auf den ersten Seiten erfährt man: Jet Mason, Ende Zwanzig, lebt in einem malerischen Städtchen in Vermont bei ihren Eltern und struggelt mit ihrer beruflichen Perspektive und ihrem Erwachsenenleben, als sie an Halloween brutal niedergeschlagen wird. Die Diagnose der Ärzte sitzt wie ein Paukenschlag: Ein Aneurysma im Gehirn, tödlich, und nur noch etwa eine Woche Zeit – sieben Tage, um das eigene Leben und ein gefährliches Geheimnis aufzuklären. Was für eine wilde Prämisse! Allein diese Idee, die eigene Ermordung aufzuklären, bevor man tatsächlich stirbt und zwischen all dem Drama eine Art Countdown Thriller zu zünden, ist so fesselnd wie genial.
Schon im ersten Abschnitt spürte ich den unbändigen Willen von Jet förmlich zwischen den Zeilen. Holly Jackson zeichnet sie als starke, aber auch verletzliche Protagonistin – ihr Motto „I’ll do it later“ klingt hier fast zynisch, wenn man weiß, dass ihr die Zeit davonläuft. Ich fand es faszinierend, wie realistisch–wahnwitzig zugleich die Idee einer tödlichen Verletzung und einer solchen Prognose umgesetzt wurde. Zugegeben, bei Jets Anfangssymptomen (nichts außer Kopfschmerzen??) musste ich schmunzeln und mich fragen: Ist das nicht ein bisschen zu wenig? Aber es bleibt ja Fiktion – und sie funktioniert hervorragend.
Jacksons Erzählstil ist dabei eine Wucht: locker, witzig und doch voller dieser prickelnden unterschwelligen Bedrohung. Jet kommentiert ihre prekäre Lage mit feiner Selbstironie („Na toll, freier Tag – wenn man denn noch Zeit hätte…“), was mich abwechselnd laut hat lachen und in inneren Zeitdruck kippen ließ. Ihre unerschütterliche Entschlossenheit, gepaart mit dieser unterschwelligen Verzweiflung, schafft eine Heldin, der man aufs Wort folgt – und das trotz des immer dringlicher tickenden Countdowns.
Die Nebenfiguren sind mindestens genauso reizvoll: Billy, der Kindheitsfreund, der plötzlich zur wichtigsten Stütze wird, Luke, dessen undurchsichtige Absichten mich dauerhaft misstrauisch gestimmt haben oder Sophia, die … naja, lest selbst. Jeder neue Moment bringt Fragen mit sich – wem vertraut man noch, wenn die Zeit abläuft? Und ganz ehrlich: Mehr als einmal habe ich mit Jet geflucht, wenn sich neue Rätsel auftaten, und sie genauso laut geliebt, wenn sie einen cleveren Einfall hatte.
Atmosphärisch verbindet Jackson Familiendrama mit einem modernen Thriller Vibe: Nächtliche Firmengebäude, brodelnde Konflikte, die schön unter den Teppich gekehrt wurden und ein ständig spürbares „Tick tack“ im Hintergrund. Trotz aller Spannung schafft sie Raum für feine Emotionen, ohne in Kitsch abzudriften. Nur manchmal habe ich mir einen winzigen Tacken mehr Tiefgang in Jets inneren Monologen gewünscht – aber das schmälert den Lesespaß kaum.
Fazit: Not Quite Dead Yet ist ein cleverer Pageturner, der Humor und Horror auf brillante Weise mischt. Eine ungewöhnliche “Countdown Story” mit großem Unterhaltungswert – ich habe jede Seite genossen und dafür gern ein paar Schlafstunden geopfert. Das Ende hat mich absolut befriedigt – alles andere wäre Augenwischerei gewesen. Absolute Leseempfehlung für alle, die nervenzerreißende Spannung mit einem Augenzwinkern mögen!

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Veröffentlicht am 25.06.2025

Vampirfantasy mit feministischem/queerem Blickwinkel

Bury Our Bones in the Midnight Soil
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Schon mal überlegt, was ihr als Vampir alles so anstellen wollen würdet? Ich habe „Bury Our Bones in the Midnight Soil“ von V. E. Schwab mit einem breiten Grinsen wieder zugeschlagen.
Schon der Auftakt ...

Schon mal überlegt, was ihr als Vampir alles so anstellen wollen würdet? Ich habe „Bury Our Bones in the Midnight Soil“ von V. E. Schwab mit einem breiten Grinsen wieder zugeschlagen.
Schon der Auftakt sprengt das klassische Vampir-Korsett: Statt glitzernder sexy Blutsauger begegnen wir Frauen, die ihre neue Macht zunächst als Waffe gegen ein generationsübergreifendes Patriarchat verstehen. Sabines Regel – „Ich beiße nur Frauen, weil Frauen besser schmecken“ – ist dabei mehr als ein scharfer Seitenhieb auf jahrhundertealte Objektifizierung. Sie wertschätzt das Weibliche, stürzt es aber zugleich immer wieder in die Opferrolle. Das führt zwangsläufig zu kritischen Fragen: Wäre es nicht konsequenter, jene macht- und gewaltmißbrauchenden Männer zu treffen, aus deren Händen sie sich befreien konnte? Dass Sabine diese Debatte nie wirklich zulässt, macht sie zu einer hochgradig ambivalenten Figur: Aus der erzwungenen Isolation einer angepassten Ehefrau ausbrechend, wählt sie einen sehr egozentrischen Pfad.
Erst spät realisiert Sabine, wie sehr ihr echte Kameradschaft fehlt, doch reifen kann sie nicht. Ihr Denken spaltet in „gut zu mir“ versus „muss ich bestrafen“ und zwingt jede aufkeimende Beziehung in ein starres Gut-Böse-Schema. Das langweilte mich dann doch etwas - hier hätte ich mir tiefere emotionale Konflikte und mehr Nuancen gewünscht. Dass diese Leerstelle zugleich perfekt die innere Apathie eines Vampirs widerspiegelt, ist clever, mildert aber nicht die Sehnsucht nach größerer psychologischer Tiefe. Spätestens mit den moderneren Vampirinnen Charlotte und Alice jedoch gelingt Schwab die Balance und sie holt mich wieder ins Boot: Sie wirken weder eindimensional mächtig noch hohl vor Gier, sondern tragen richtige Ambivalenz in sich. Ihre Kämpfe um Sinn, Sehnsucht, Unabhängigkeit und gemeinschaftliche Bindung verleihen dem Buch in der zweiten Hälfte die emotionale Komplexität, die Sabine lange vermissen lässt. Richtig gut finde ich außerdem, wie die Autorin Queerness in den jeweiligen Epochen darstellt – unsere Vampirinnen können es sich durch ihre neu erlangte Macht erlauben, zu sein, wer sie sind, ungeachtet wie toxisch die Gesellschaft auf ihre Identität reagiert.
Parallel dazu punktet das Tempo: Schwab wechselt geschickt zwischen drei Epochen, ohne ihre Leser:innen zu überladen, und hält das Pacing ausreichend straff. Die stille Gewissheit, dass Unsterblichkeit Gefühle abstumpft und Vampire irgendwann nur noch Raubtiere sind, hat mich beim Lesen beeindruckt, aber auch frustriert. Dann doch zurück zu den Glitzer-Vampiren? Nein, in diesem Buch dürfen wir auch mal sehen, welchen Verlust die Unsterblichkeit mit sich bringt – schon dafür lohnt es sich auf jeden Fall für jede Vampir-Liebhaber:in.
Wer düstere, psychologisch geprägte Fantasy mit feministischer Kante und queerer Offenheit sucht, findet hier eine lohnende Reise in die Ewigkeit. Ein starker Aufbruch, der für mich an manchen Stellen noch tiefer hätte gehen dürfen – doch die Mischung aus blutiger Wucht und philosophischer Schwere macht das Buch zu einem unvergesslichen Trip durch Nacht und Unendlichkeit. Vier von fünf funkelnden Vampirsternen vergebe ich hier aus voller Überzeugung, denn Schwab serviert uns eine blutige Mixtur aus feministischer Wut, queerer Emanzipation und existenzieller Melancholie, die gleichermaßen packt und nachhallt.

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Veröffentlicht am 23.06.2025

wundervolles Hotel mit wunderlichen Gästen

How to Feed a Demon
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Das war eine Überraschung! „How to Feed a Demon“ von Sabine Riedel hat mich in eine so „cosy Grusel“-Stimmung versetzt, dass ich das Buch kaum aus der Hand legen konnte. Die Geschichte spielt in einem ...

Das war eine Überraschung! „How to Feed a Demon“ von Sabine Riedel hat mich in eine so „cosy Grusel“-Stimmung versetzt, dass ich das Buch kaum aus der Hand legen konnte. Die Geschichte spielt in einem verlassenen, heruntergekommenen Hotel, das die 17jährige Marie – frisch von der ersten Liebe enttäuscht und auf der Flucht vor ihrem alten Leben – völlig unerwartet erbt. Schon beim ersten Betreten dieses schummrigen Gemäuers spürt man förmlich die knarzenden Dielen unter den Füßen und einen leichten Kälteschauer über den Rücken jagen. Dieses Hotel beherbergt allerdings Gäste der anderen Art ;)
Was mir besonders gefallen hat, ist der liebevolle, leicht verschrobene Ton, mit dem Riedel ihre Welt zeichnet. Jede Begegnung mit einem Dämon ist eine kleine Offenbarung: Da gibt es den Drachen im Keller, der leidenschaftlich strickt und jede Klatsch- und Tratsch-Neuigkeit mit Begeisterung weitergibt, oder kleine Olme, die sich ihres Geheimnisses gar nicht bewusst sind. Ich habe jede dieser Kreaturen in mein Herz geschlossen und musste oft kichern, wenn Marie erstmal vorsichtig testet, ob der Blutschink wirklich auf Blut steht. Dieses Puzzle aus süßen Monstern mit individuellem Background wirkt unglaublich lebendig. Die Autorin hat sie allesamt als kleine (oder sehr große) eigenständige Persönlichkeiten erschaffen, denen man gern durch die Geschichte folgt.
Marie selbst ist dabei eine perfekte Protagonistin: sympathisch, enttäuscht und wütend nach ihrer letzten Beziehung, aber mit einem schelmischen Funkeln in den Augen und jeder Menge Neugier. Ihre vorsichtige Annäherung an das Hotel und seine skurrilen Bewohner ist so authentisch und humorvoll beschrieben, dass ich jede Seite genossen habe!
Trotz aller Leichtigkeit fehlt es nicht an Spannung: Zwischendurch kracht es mal hier, winkt mal dort eine Andeutung von Gefahr, aber das Drama bleibt überschaubar – genau richtig für junge Leser*innen oder alle, die sich mal wieder nach einem Cosy Read sehnen.
Manchmal hätte ich mir noch ein paar tiefere Einblicke in Maries Gefühlswelt gewünscht und an der ein oder anderen Stelle wäre ein länger gehaltener Spannungsbogen schön gewesen – aber das ist Jammern auf hohem Niveau bei einem Buch, das mit so viel Herzblut und liebevoller Fantasie geschrieben ist.
Für alle, die Lust auf eine cozy Grusel Urban Fantasy mit einer zarten Andeutung von (einer herrlich schrägen) Romance haben, in der nichts allzu finster, aber doch aufregend genug ist, um nicht am süßen Komfort zu ersticken: Greift zu! „How to Feed a Demon“ ist genau das richtige Buch für verregnete Nachmittage – mit einer ordentlichen Portion Monster-Liebe und jeder Menge Humor. 4/5⭐️

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Veröffentlicht am 23.06.2025

Geschichte unter anderen Vorzeichen

Blondes Herz
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Ich lege „Blondes Herz“ beiseite, atme tief durch und fühle mich zugleich erschüttert, amüsiert und zutiefst bewegt. Als afrodeutsche Frau hat mich dieses Buch von Bernardine Evaristo buchstäblich umgehauen ...

Ich lege „Blondes Herz“ beiseite, atme tief durch und fühle mich zugleich erschüttert, amüsiert und zutiefst bewegt. Als afrodeutsche Frau hat mich dieses Buch von Bernardine Evaristo buchstäblich umgehauen – und zwar im allerbesten Sinn.
In einem kunstvoll umgekehrten Spiegelbild der Geschichte erzählt Bernardine Evaristo von einem alternativen Zeitalter, in dem Schwarze Aphrikaner die Rolle der Kolonisatoren übernommen haben und weiße Europäer in die Sklaverei geschickt werden. Die Protagonistin Doris wird gekidnappt und verschifft. Unter ihrem neuen Namen „Omorenomwara“ erlebt sie die Härten und Grausamkeiten der Sklaverei aus nächster Nähe – nur eben in verkehrten Rollen. Die Grundidee, die Machtverhältnisse des transatlantischen Sklavenhandels radikal umzudrehen – weiße Europäer in der Rolle der Versklavten, Schwarze Aphrikaner als Kolonisatoren –, ist ein Gedankenspiel, das im Kopf regelrecht explodiert. Evaristo nimmt uns mit auf eine verzerrte Landkarte: „Kohlkopfküste“ statt Elfenbeinküste, „Aphrika“ im geografischen Europa. Damit zeigt sie auf ziemlich clevere und ironische Weise, wie völlig willkürlich und absurd es war, dass sich Kolonialherren das Recht rausgenommen haben, über andere zu bestimmen.
Dabei findet die Autorin eine ganz besondere Sprache (gelungene Übersetzung von Tanja Handels!), um die Absurdität zu verdeutlichen. Ich habe laut gelacht, als ich zum ersten Mal von der „Kohlkopfküste“ statt der Elfenbeinküste las! Ist das wirklich der Schatz dieses Kontinents?? Solche kleinen sprachlichen Kniffe ziehen sich herrlich durch das ganze Buch und entlarven in ihrer Einfachheit die Macht der Deutungshoheit. Warum essen weiße Menschen mit Besteck? fragt Evaristo – und zwingt uns, über Normalität und Privileg nachzudenken. Kleine Juwelen wie die Beschreibung des „schwer zu bändigendem, feinem Flatterhaar“ – ein direkter Seitenhieb auf die realen Schönheitsnormen, die Schwarzen Frauen auferlegt werden – treffen mitten ins Herz und lassen mich gleichzeitig laut auflachen und schlucken.
Die Überfahrt im Schiffsrumpf ist in „Blondes Herz“ mehr als nur Hintergrund – sie ist ein pulsierender Albtraum. Tatsächlich dauerte eine Überfahrt nach Brasilien oft knapp einen Monat, nach Nordamerika bis zu zwei Monate. Historisch gesehen wurden zwischen 1444 und 1888 schätzungsweise 12 Millionen Afrikaner:innen über den Atlantik verschleppt. In brackigen Laderäumen der Schiffe, übelriechend und überfüllt, breitete sich Krankheiten von Dysenterie bis Skorbut aus, Misshandlungen waren an der Tagesordnung; jede:r achte Afrikaner:in überlebte die Reise nicht (ca. 12,5 %) und auf manchen spanischen Schiffen lag die Sterblichkeit zwischen 1590 und 1699 gar bei rund 30 %! Nach Ankunft starben viele weitere – Missernten, Tropenkrankheiten und das brutale „Seasoning“ ließen die durchschnittliche Lebenserwartung versklavter Afrikaner:innen oft auf nur sieben bis zehn Jahre sinken. Evaristo spinnt diese Fakten zu poetischen Bildern: das Krachen der Holzplanken, das Stöhnen im Bauch des Schiffs – und macht daraus ein Mahnmal, das schmerzhaft unter die Haut geht.
Trotz aller sprachlicher Ironie bleibt der Roman zutiefst ernst. Die Protagonistin Doris (oder, wie ihre Herren sie nennen, Omorenomwara) ringt um Würde und Freiheit. Ich habe ihre Verzweiflung und ihre wachsende Stärke so emotional mitempfunden, dass ich noch Tage nach dem Lesen über den Mut und den Überlebenswillen dieser Figur nachdenke. Evaristos Hintergrund als Lyrikerin verleiht der Erzählung eine Intensität, die mir unter die Haut ging – und bei der die Hautfarbe keine Rolle mehr spielt.
Als afrodeutsche Frau hat mich die Umkehr der Perspektiven besonders berührt: Sie macht unübersehbar, wie sehr wir in Schemata der Normalität gefangen sind – und lässt hinterfragen, wer eigentlich definiert, was „normal“ ist. Gerade für weiße Leser:innen könnte diese Umkehr der Perspektive den berühmten Empathy‑Gap einreißen. Evaristo konfrontiert uns direkt mit der Frage: Wie leichtgewichtig haben wir einst und immer noch das Leid anderer legitimiert?
Mit „Blondes Herz“ legt Bernardine Evaristo ein literarisches Meisterwerk vor, das in seiner Mischung aus scharfer Satire, poetischer Sprache, berührender Emotionalität und historischer Tiefe einzigartig ist. Dieses Buch fordert heraus, beschämt, empowert – und öffnet Augen dafür, wie fließend die Grenzen von Macht und Ohnmacht wirklich sind. Für mich ist es nicht nur ein Roman, sondern ein kraftvolles Porträt von Identität, Widerstand und der Frage, wer das Recht hat, über andere zu bestimmen – und erinnert uns so daran, wie zerbrechlich Freiheit und Würde wirklich sind.
50 von 5 Sterne

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