Geschichte unter anderen Vorzeichen
Ich lege „Blondes Herz“ beiseite, atme tief durch und fühle mich zugleich erschüttert, amüsiert und zutiefst bewegt. Als afrodeutsche Frau hat mich dieses Buch von Bernardine Evaristo buchstäblich umgehauen ...
Ich lege „Blondes Herz“ beiseite, atme tief durch und fühle mich zugleich erschüttert, amüsiert und zutiefst bewegt. Als afrodeutsche Frau hat mich dieses Buch von Bernardine Evaristo buchstäblich umgehauen – und zwar im allerbesten Sinn.
In einem kunstvoll umgekehrten Spiegelbild der Geschichte erzählt Bernardine Evaristo von einem alternativen Zeitalter, in dem Schwarze Aphrikaner die Rolle der Kolonisatoren übernommen haben und weiße Europäer in die Sklaverei geschickt werden. Die Protagonistin Doris wird gekidnappt und verschifft. Unter ihrem neuen Namen „Omorenomwara“ erlebt sie die Härten und Grausamkeiten der Sklaverei aus nächster Nähe – nur eben in verkehrten Rollen. Die Grundidee, die Machtverhältnisse des transatlantischen Sklavenhandels radikal umzudrehen – weiße Europäer in der Rolle der Versklavten, Schwarze Aphrikaner als Kolonisatoren –, ist ein Gedankenspiel, das im Kopf regelrecht explodiert. Evaristo nimmt uns mit auf eine verzerrte Landkarte: „Kohlkopfküste“ statt Elfenbeinküste, „Aphrika“ im geografischen Europa. Damit zeigt sie auf ziemlich clevere und ironische Weise, wie völlig willkürlich und absurd es war, dass sich Kolonialherren das Recht rausgenommen haben, über andere zu bestimmen.
Dabei findet die Autorin eine ganz besondere Sprache (gelungene Übersetzung von Tanja Handels!), um die Absurdität zu verdeutlichen. Ich habe laut gelacht, als ich zum ersten Mal von der „Kohlkopfküste“ statt der Elfenbeinküste las! Ist das wirklich der Schatz dieses Kontinents?? Solche kleinen sprachlichen Kniffe ziehen sich herrlich durch das ganze Buch und entlarven in ihrer Einfachheit die Macht der Deutungshoheit. Warum essen weiße Menschen mit Besteck? fragt Evaristo – und zwingt uns, über Normalität und Privileg nachzudenken. Kleine Juwelen wie die Beschreibung des „schwer zu bändigendem, feinem Flatterhaar“ – ein direkter Seitenhieb auf die realen Schönheitsnormen, die Schwarzen Frauen auferlegt werden – treffen mitten ins Herz und lassen mich gleichzeitig laut auflachen und schlucken.
Die Überfahrt im Schiffsrumpf ist in „Blondes Herz“ mehr als nur Hintergrund – sie ist ein pulsierender Albtraum. Tatsächlich dauerte eine Überfahrt nach Brasilien oft knapp einen Monat, nach Nordamerika bis zu zwei Monate. Historisch gesehen wurden zwischen 1444 und 1888 schätzungsweise 12 Millionen Afrikaner:innen über den Atlantik verschleppt. In brackigen Laderäumen der Schiffe, übelriechend und überfüllt, breitete sich Krankheiten von Dysenterie bis Skorbut aus, Misshandlungen waren an der Tagesordnung; jede:r achte Afrikaner:in überlebte die Reise nicht (ca. 12,5 %) und auf manchen spanischen Schiffen lag die Sterblichkeit zwischen 1590 und 1699 gar bei rund 30 %! Nach Ankunft starben viele weitere – Missernten, Tropenkrankheiten und das brutale „Seasoning“ ließen die durchschnittliche Lebenserwartung versklavter Afrikaner:innen oft auf nur sieben bis zehn Jahre sinken. Evaristo spinnt diese Fakten zu poetischen Bildern: das Krachen der Holzplanken, das Stöhnen im Bauch des Schiffs – und macht daraus ein Mahnmal, das schmerzhaft unter die Haut geht.
Trotz aller sprachlicher Ironie bleibt der Roman zutiefst ernst. Die Protagonistin Doris (oder, wie ihre Herren sie nennen, Omorenomwara) ringt um Würde und Freiheit. Ich habe ihre Verzweiflung und ihre wachsende Stärke so emotional mitempfunden, dass ich noch Tage nach dem Lesen über den Mut und den Überlebenswillen dieser Figur nachdenke. Evaristos Hintergrund als Lyrikerin verleiht der Erzählung eine Intensität, die mir unter die Haut ging – und bei der die Hautfarbe keine Rolle mehr spielt.
Als afrodeutsche Frau hat mich die Umkehr der Perspektiven besonders berührt: Sie macht unübersehbar, wie sehr wir in Schemata der Normalität gefangen sind – und lässt hinterfragen, wer eigentlich definiert, was „normal“ ist. Gerade für weiße Leser:innen könnte diese Umkehr der Perspektive den berühmten Empathy‑Gap einreißen. Evaristo konfrontiert uns direkt mit der Frage: Wie leichtgewichtig haben wir einst und immer noch das Leid anderer legitimiert?
Mit „Blondes Herz“ legt Bernardine Evaristo ein literarisches Meisterwerk vor, das in seiner Mischung aus scharfer Satire, poetischer Sprache, berührender Emotionalität und historischer Tiefe einzigartig ist. Dieses Buch fordert heraus, beschämt, empowert – und öffnet Augen dafür, wie fließend die Grenzen von Macht und Ohnmacht wirklich sind. Für mich ist es nicht nur ein Roman, sondern ein kraftvolles Porträt von Identität, Widerstand und der Frage, wer das Recht hat, über andere zu bestimmen – und erinnert uns so daran, wie zerbrechlich Freiheit und Würde wirklich sind.
50 von 5 Sterne