Cover-Bild Blondes Herz
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25,00
inkl. MwSt
  • Verlag: Tropen
  • Themenbereich: Belletristik - Belletristik: zeitgenössisch
  • Genre: Romane & Erzählungen / Sonstige Romane & Erzählungen
  • Seitenzahl: 288
  • Ersterscheinung: 17.05.2025
  • ISBN: 9783608502756
Bernardine Evaristo

Blondes Herz

Roman | 100 Beste Bücher des Jahres der ZEIT
Tanja Handels (Übersetzer)

Ein scharfsinniger Roman über die Geschichte unserer Gegenwart und die Kraft unserer Träume – von der Autorin des Bestsellers Mädchen, Frau etc.

Was wäre, wenn der afrikanische Kontinent die Welt erobert hätte und Sklavenhandel mit Europäern betreiben würde? Booker-Preisträgerin und Bestsellerautorin Bernardine Evaristo denkt die Vergangenheit neu: Doris, ein weißes Mädchen aus England, wird nach Aphrika verschleppt und dort als Sklavin verkauft. Doch sie verliert nicht ihren Mut. Sie muss alles riskieren, um die Fesseln ihrer Gefangenschaft abzulegen und ein freies Leben zu führen.

Eben noch spielt Doris mit ihren Schwestern Verstecken auf den Feldern hinter ihrem Cottage. Im nächsten Moment wird ihr ein Sack über den Kopf gezogen und sie findet sich im Laderaum eines Sklavenschiffs wieder, das in die Neue Welt segelt. Dort muss sie einem ambossanischen Feudalherrn dienen, der von ihrer Minderwertigkeit überzeugt ist. Doch Doris kann nicht aufhören, von ihrer Flucht zu träumen. In den folgenden Jahren setzt sie alles daran, ein freier Mensch zu werden. Als ihre Fluchtversuche scheitern, wird sie zur Strafe auf die Zuckerrohrfelder geschickt. In den Plantagen, an der Seite der starken Wikingerin Ye Mémé, entdeckt Doris jedoch eine ungekannte Stärke in sich. Unerwartet findet sie zurück zu ihrem blonden Herz. Und am Ende sogar zu ihrem ungebrochenen Freiheitswillen.


»Ein phänomenales Buch. Zweifellos ein feministischer Klassiker.« WOMEN’S PRIZE FOR FICTION

 

»So menschlich und authentisch. Eine humorvolle und intelligente Neuinterpretation von Vergangenheit und Gegenwart.« GUARDIAN

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Lesejury-Facts

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 23.06.2025

Geschichte unter anderen Vorzeichen

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Ich lege „Blondes Herz“ beiseite, atme tief durch und fühle mich zugleich erschüttert, amüsiert und zutiefst bewegt. Als afrodeutsche Frau hat mich dieses Buch von Bernardine Evaristo buchstäblich umgehauen ...

Ich lege „Blondes Herz“ beiseite, atme tief durch und fühle mich zugleich erschüttert, amüsiert und zutiefst bewegt. Als afrodeutsche Frau hat mich dieses Buch von Bernardine Evaristo buchstäblich umgehauen – und zwar im allerbesten Sinn.
In einem kunstvoll umgekehrten Spiegelbild der Geschichte erzählt Bernardine Evaristo von einem alternativen Zeitalter, in dem Schwarze Aphrikaner die Rolle der Kolonisatoren übernommen haben und weiße Europäer in die Sklaverei geschickt werden. Die Protagonistin Doris wird gekidnappt und verschifft. Unter ihrem neuen Namen „Omorenomwara“ erlebt sie die Härten und Grausamkeiten der Sklaverei aus nächster Nähe – nur eben in verkehrten Rollen. Die Grundidee, die Machtverhältnisse des transatlantischen Sklavenhandels radikal umzudrehen – weiße Europäer in der Rolle der Versklavten, Schwarze Aphrikaner als Kolonisatoren –, ist ein Gedankenspiel, das im Kopf regelrecht explodiert. Evaristo nimmt uns mit auf eine verzerrte Landkarte: „Kohlkopfküste“ statt Elfenbeinküste, „Aphrika“ im geografischen Europa. Damit zeigt sie auf ziemlich clevere und ironische Weise, wie völlig willkürlich und absurd es war, dass sich Kolonialherren das Recht rausgenommen haben, über andere zu bestimmen.
Dabei findet die Autorin eine ganz besondere Sprache (gelungene Übersetzung von Tanja Handels!), um die Absurdität zu verdeutlichen. Ich habe laut gelacht, als ich zum ersten Mal von der „Kohlkopfküste“ statt der Elfenbeinküste las! Ist das wirklich der Schatz dieses Kontinents?? Solche kleinen sprachlichen Kniffe ziehen sich herrlich durch das ganze Buch und entlarven in ihrer Einfachheit die Macht der Deutungshoheit. Warum essen weiße Menschen mit Besteck? fragt Evaristo – und zwingt uns, über Normalität und Privileg nachzudenken. Kleine Juwelen wie die Beschreibung des „schwer zu bändigendem, feinem Flatterhaar“ – ein direkter Seitenhieb auf die realen Schönheitsnormen, die Schwarzen Frauen auferlegt werden – treffen mitten ins Herz und lassen mich gleichzeitig laut auflachen und schlucken.
Die Überfahrt im Schiffsrumpf ist in „Blondes Herz“ mehr als nur Hintergrund – sie ist ein pulsierender Albtraum. Tatsächlich dauerte eine Überfahrt nach Brasilien oft knapp einen Monat, nach Nordamerika bis zu zwei Monate. Historisch gesehen wurden zwischen 1444 und 1888 schätzungsweise 12 Millionen Afrikaner:innen über den Atlantik verschleppt. In brackigen Laderäumen der Schiffe, übelriechend und überfüllt, breitete sich Krankheiten von Dysenterie bis Skorbut aus, Misshandlungen waren an der Tagesordnung; jede:r achte Afrikaner:in überlebte die Reise nicht (ca. 12,5 %) und auf manchen spanischen Schiffen lag die Sterblichkeit zwischen 1590 und 1699 gar bei rund 30 %! Nach Ankunft starben viele weitere – Missernten, Tropenkrankheiten und das brutale „Seasoning“ ließen die durchschnittliche Lebenserwartung versklavter Afrikaner:innen oft auf nur sieben bis zehn Jahre sinken. Evaristo spinnt diese Fakten zu poetischen Bildern: das Krachen der Holzplanken, das Stöhnen im Bauch des Schiffs – und macht daraus ein Mahnmal, das schmerzhaft unter die Haut geht.
Trotz aller sprachlicher Ironie bleibt der Roman zutiefst ernst. Die Protagonistin Doris (oder, wie ihre Herren sie nennen, Omorenomwara) ringt um Würde und Freiheit. Ich habe ihre Verzweiflung und ihre wachsende Stärke so emotional mitempfunden, dass ich noch Tage nach dem Lesen über den Mut und den Überlebenswillen dieser Figur nachdenke. Evaristos Hintergrund als Lyrikerin verleiht der Erzählung eine Intensität, die mir unter die Haut ging – und bei der die Hautfarbe keine Rolle mehr spielt.
Als afrodeutsche Frau hat mich die Umkehr der Perspektiven besonders berührt: Sie macht unübersehbar, wie sehr wir in Schemata der Normalität gefangen sind – und lässt hinterfragen, wer eigentlich definiert, was „normal“ ist. Gerade für weiße Leser:innen könnte diese Umkehr der Perspektive den berühmten Empathy‑Gap einreißen. Evaristo konfrontiert uns direkt mit der Frage: Wie leichtgewichtig haben wir einst und immer noch das Leid anderer legitimiert?
Mit „Blondes Herz“ legt Bernardine Evaristo ein literarisches Meisterwerk vor, das in seiner Mischung aus scharfer Satire, poetischer Sprache, berührender Emotionalität und historischer Tiefe einzigartig ist. Dieses Buch fordert heraus, beschämt, empowert – und öffnet Augen dafür, wie fließend die Grenzen von Macht und Ohnmacht wirklich sind. Für mich ist es nicht nur ein Roman, sondern ein kraftvolles Porträt von Identität, Widerstand und der Frage, wer das Recht hat, über andere zu bestimmen – und erinnert uns so daran, wie zerbrechlich Freiheit und Würde wirklich sind.
50 von 5 Sterne

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Veröffentlicht am 02.06.2025

Das graue Herz der Finsternis

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Bernadine Evaristo hatte mit ihrem Bookerpreis-Buch Frau, Mädchen etc. einen solchen Erfolg, dass auch ihre älteren Bücher nach und nach in Deutsch herausgebracht werden.
Blonde roots gehört jetzt auch ...

Bernadine Evaristo hatte mit ihrem Bookerpreis-Buch Frau, Mädchen etc. einen solchen Erfolg, dass auch ihre älteren Bücher nach und nach in Deutsch herausgebracht werden.
Blonde roots gehört jetzt auch dazu. Es ist ein Ideenroman. Was wäre wenn umgekehrt die Weissen Europäer von den Schwarzen versklavt wurden?
Die junge Doris ist auf den Plantagen einer Insel gelandet.
Trotz des leicht satirischen Ansatzes und der Täter-Opfer-Umkehr liest sich das Buch wie andere Bücher über die Sklaverei auch.
Man erfährt, wie Doris als Kind in England entführt und verkauft wurde und ihre Zeit auf einem Sklavenschiff und auf der Plantage.
Der Erzählton wirkt modern.
Im zweiten Teil übernimmt ein Sklavenhalter den Erzählerpart und seine Ideologie wird deutlich.

Blondes Herz ist nicht so poetisch wie der zuletzt erschienene Roman und erzählerisch noch nicht so ausgereift wie ihre neuen, aber es ist ein lesenswertes Buch.

Veröffentlicht am 03.07.2025

Umgekehrte Geschichte - tolles Gedankenexperiment

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Doris wird als Mädchen in England von ambossanischen Sklavenhändlern verschleppt und nach Aphrika gebracht um als Sklavin verkauft zu werden. Aphrika ist die Weltmacht und Europa komplett kolonialisiert. ...

Doris wird als Mädchen in England von ambossanischen Sklavenhändlern verschleppt und nach Aphrika gebracht um als Sklavin verkauft zu werden. Aphrika ist die Weltmacht und Europa komplett kolonialisiert. Sie erlebt die schlimmsten menschenunwürdigen Dinge auf dem Schiff "Neue Welt", auf dem sie mit hunderten Anderen ausharren muss. Als Sklavin bei einem reichen ambossanischen Händler bekommt sie eine Arbeit als Sekretärin - weit über dem durchschnittlichen Standard, den sie als Sklavin normalerweise bekommt. Sie plant jedoch ihre Flucht und landet auf einer Zuckerrohrplantage, auf der sie harte körperliche Arbeit verrichten muss. Wird sie ihren Fluchtplan nochmals aufnehmen um aus dieser Hölle zu entkommen?

In diesem Gedankenexperiment wird die Geschichte umgedreht: was wäre, wenn Afrika, im Buch als Aphrika beschrieben, die Weltmacht darstellt und alle Weißen versklavt werden? Die Grundidee gefiel und gefällt mir sehr gut, die Autorin führt hier einen provokanten Gedanken weiter. Sie zeigt die Grausamkeit und Menschenverachtung, die Menschen zu Eigentum abstuft - egal, welche Hautfarbe man hat oder woher man abstammt. Sie entwirft eine detailreiche und durchdachte Welt, die immer wieder Anspielungen auf Europa beinhaltet wie die Großstadt Londolo oder das Land Großambossanien.
Der Großteil der Geschichte wird aus Doris' Ich-Perspektive erzählt, was einen guten Einblick in die Gefühlswelt bietet und das Geschehen nahbar macht. Sehr interessant ist auch der Mittelteil, der mithilfe einer Pseudo-Wissenschaft erklärt, warum die Weißen einen geringeren Intellekt haben und die Schwarzen klar überlegen sind.

Die Geschichte konnte mich trotzdem emotional nicht wirklich erreichen. Doris bleibt dem Leser fremd und distanziert. Dazu trägt wahrscheinlich auch die oft nüchterne Schreibweise bei. Auch das "Denglisch" im letzten Drittel des Buches hat den Lesefluss gestört und wirkte zu bemüht und schwierig zu folgen.

"Blondes Herz" ist ein Roman mit einem tollen Gedanken, den die Autorin gekonnt weiter verfolgt und dabei wichtige Themen anschneidet. Trotzdem konnte mich die Geschichte nicht ganz erreichen und es fehlte mir an emotionaler Tiefe.

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Veröffentlicht am 16.06.2025

Umdrehen, um zu verstehen – ein literarisches Gedankenexperiment

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Was wäre, wenn die Geschichte des transatlantischen Sklavenhandels umgekehrt geschrieben wäre? In ihrem Roman "Blondes Herz" entwirft Bernardine Evaristo ein provokantes Gedankenexperiment, das die bekannten ...

Was wäre, wenn die Geschichte des transatlantischen Sklavenhandels umgekehrt geschrieben wäre? In ihrem Roman "Blondes Herz" entwirft Bernardine Evaristo ein provokantes Gedankenexperiment, das die bekannten kolonialen Machtverhältnisse auf den Kopf stellt. Evaristo, geboren in London als Tochter eines Nigerianers und einer Engländerin, ist eine bedeutende Stimme der britischen Gegenwartsliteratur. Ihre Bücher thematisieren oft Identität, Rassismus und Geschlechterrollen. Mit „Mädchen, Frau etc.“ gewann sie als erste Schwarze Frau den Booker Prize – ein Meilenstein für die Literaturwelt. "Blondes Herz", bereits 2008 erschienen und 2025 erstmals auf Deutsch veröffentlicht, ist ihr drittes Werk, das ich gelesen habe.

Worum geht’s genau?

"Blondes Herz" erzählt die Geschichte von Doris, einem weißen Mädchen aus England, das von ambossanischen Sklavenjägern verschleppt und auf dem afrikanischen Kontinent als Sklavin verkauft wird. In dieser alternativen Weltordnung ist Europa kolonialisiert und Aphrika die Weltmacht. Doris muss auf einem Sklavenschiff in die sogenannte „Neue Welt“ reisen, überlebt die grausame Überfahrt knapp und wird zur Zwangsarbeiterin eines ambossanischen Herrschers. Auf den Zuckerrohrplantagen lernt sie die unerschrockene Ye Mémé kennen und findet allmählich zu innerer Stärke. Trotz Brutalität, Entmenschlichung und sexualisierter Gewalt behält sie einen ungebrochenen Freiheitswillen. Die Flucht scheint ihre einzige Hoffnung – doch der Weg dorthin ist steinig und gefährlich.

Meine Meinung

"Blondes Herz" war mein drittes Buch von Bernardine Evaristo – nach den großartigen Erfahrungen mit „Mädchen, Frau etc.“ und „Zuleika“ war meine Erwartung entsprechend hoch. Das Konzept des Romans hat mich zunächst sehr begeistert: eine Umkehr der kolonialen Geschichte, in der Afrikaner:innen Europa kolonisieren und Weiße versklaven. Der Perspektivwechsel ist kraftvoll und legt die Doppelmoral historischer Narrative offen – ohne zu beschönigen. Evaristo zeigt klar die Grausamkeit eines Systems, das Menschen zu Eigentum degradiert – ganz gleich, welche Hautfarbe sie haben. Besonders eindrücklich war die Schilderung der Überfahrt auf dem Sklavenschiff, die an reale historische Berichte erinnert. So heißt es an einer Stelle im Buch:

„Vierhundert Versklavte waren verladen worden. Zweihundertsiebenundzwanzig kamen lebend an.“ (S. 110).
Solche Zahlen lassen erschaudern.

Auch die Welt, die sie entwirft – mit Namen wie „Londolo“ oder „Großambossanien“ – ist durchdacht und detailreich. Der fiktive Kolonialismus basiert auf einer Pseudo-Wissenschaft, die mit „systematischen Vermessungen menschlicher Schädel“ rassistische Theorien rechtfertigt – eine kluge, kritische Anspielung auf realhistorische Argumentationen der europäischen Aufklärung.

Und doch – so beeindruckend das Setting und die Idee sind – hat mich "Blondes Herz" emotional nicht erreicht. Ich konnte Doris’ Schicksal nachvollziehen, aber nicht mitfühlen. Sie blieb mir fremd, zu distanziert. Der Stil, nüchtern und sachlich, ließ für mich kaum Raum für emotionale Tiefe. Die poetische Sprache, die ich bei „Zuleika“ so geliebt habe, blitzte hier nur vereinzelt auf. Besonders im letzten Drittel wurde das vermehrt vorkommende „Denglish“ störend. Der Code-Switch zwischen Deutsch und englischen Ausdrücken wirkte bemüht und anstrengend zu lesen. Diese sprachliche Mixtur, obwohl sie vielleicht Authentizität vermitteln soll, hat mich in meinem Lesefluss ganz schön gestört. Ein Beispiel dazu gleich...

Thematisch gibt es starke Szenen – etwa wenn Ye Mémé über sexualisierte Gewalt spricht:

„Aber Truth is, wir können's nicht [unsere little Girls beschützen] … Alle Hearts auf diesen Islands hier sind broken, Miss Omo. Komplett broken.“ (S. 212).
Solche Stellen gehen unter die Haut. Trotzdem fehlte mir über das ganze Buch hinweg ein emotionaler Sog. Ich wurde nie ganz in die Geschichte hineingezogen. Vielleicht liegt es auch an der episodischen Struktur oder daran, dass Evaristo hier noch nicht ganz die erzählerische Souveränität erreicht hatte, die sie für mich in ihren späteren Romanen zeigt.

Fazit

Ein wichtiges, mutiges Buch mit einer beeindruckenden Idee – aber für mich blieb es auf Distanz. Trotz starker Themen und kritischer Tiefe fehlt es mir persönlich bei "Blondes Herz" an emotionaler Verbindung und stilistischer Stringenz. Es regt zum Nachdenken an, aber es berührt nicht. Deshalb vergebe ich 3 von 5 Sternen.

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