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Veröffentlicht am 02.09.2018

Wundervolles, berührendes Kinderbuch mit zauberhaften Illustrationen

Als Larson das Glück wiederfand
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Inhalt

Der alte Larson lebt seit dem Tod seiner Frau zurückgezogen in einem großen Haus, das er zu einem finsteren, staubigen Ort verkommen lassen hat. Ohne Lebensfreude bringt er einen Tag nach dem anderen ...

Inhalt

Der alte Larson lebt seit dem Tod seiner Frau zurückgezogen in einem großen Haus, das er zu einem finsteren, staubigen Ort verkommen lassen hat. Ohne Lebensfreude bringt er einen Tag nach dem anderen hinter sich, es scheint, als warte er nur noch auf den Tod. Der neue Nachbarsjunge ändert schließlich alles für Larson: Er übergibt ihm in kindlichem Vertrauen einen Blumentopf mit einem Samen, weil er in den Urlaub fährt. Eigentlich hat Larson überhaupt keine Lust, sich in seinem fortgeschrittenen Alter noch um etwas anderes als sich selbst zu kümmern – doch schließlich gießt er den Samen doch. Mit dem Samen, der langsam wächst, kommt auch die Lebensfreude zurück in Larsons Haus. Eine große Freundschaft und ein neuer, positiver Lebensabschnitt beginnen für den alten Mann.

Übersicht

Einzelband oder Reihe: Einzelband
Altersempfehlung: 5-7 Jahre
Verlag: Ars Edition
Seitenzahl: 40 Seiten
Erzählweise: Figuraler Erzähler
Perspektive: aus männlicher Perspektive
Tiere im Buch: + Es werden keine Tiere verletzt oder getötet. Larson kümmert sich gut um seine Katze. Jedoch an dieser Stelle eine wichtige Info: Im Buch hätte „Katzenmilch“ stehen sollen, denn Katzen vertragen keine normale Milch, da sie unter einer Laktoseintoleranz leiden. Um ihnen und sich selbst als BesitzerIn unangenehmen Durchfall und Bauchschmerzen zu ersparen, sollten die Stubentiger nur spezielle Katzenmilch oder einfach laktosefreie Milch erhalten. Allerdings auch nur als Leckerchen, die Hauptflüssigkeitszufuhr sollte aus Wasser bestehen, da Milch einen sehr hohen Fett- und Milchzuckergehalt aufweist – was zu einer Reihe weiterer Probleme führen kann.

Warum dieses Buch?

Nachdem ich von Martin Widmarks und Emilia Dziubaks letzter Zusammenarbeit, „Linas Reise ins Land Glück“, so begeistert war, führte an dieser Neuerscheinung natürlich absolut kein Weg vorbei. Und obwohl die Erwartungen extrem hoch waren, wurden sie sogar noch übertroffen.

Meine Meinung

Geschichte (♥)

Die Geschichte, die für Kinder zwischen 5 und 7 empfohlen wird (früheres Vorlesen ist aber ohne Zweifel auch möglich), ist wieder absolut bezaubernd, dieses Mal aber viel weniger „unheimlich“ als im letzten Buch. So ist „Als Larson das Glück wiederfand“ auch für sensible Kinder bestens (auch als Gutenachtgeschichte) geeignet, denn sie endet positiv, hoffnungsvoll und beruhigend, was den Kleinen das Einschlafen leicht machen sollte. Insgesamt ist die Story wieder sehr liebevoll ausgearbeitet, dieses Mal wird es emotional und sehr rührend. Ich kann mich nur schwer entscheiden, aber vielleicht gefällt mir „Als Larson das Glück wiederfand“ sogar noch ein bisschen besser als „Linas Reise ins Land Glück“. Es ist wundervoll zu sehen, wie dieser alte, mürrische Mann, der schon vollkommen aufgegeben hat, langsam wieder ins Leben zurückfindet und wie durch einen kleinen Nachbarsjungen wieder Licht und Freude in seinen Alltag zurückkehren.

Die Botschaften und Themen sind vielfältig und tiefgründig: Es geht um Trauer und Einsamkeit und darum, dass es sich lohnt, sich trotzdem wieder auf das Leben einzulassen. Es geht um die Wichtigkeit von sozialen Kontakten und einer Aufgabe im Leben. Vielleicht ermutigt dieses Buch ja nicht nur Kinder, sondern auch den einen oder anderen Elternteil dazu, den griesgrämigen, einsamen alten Nachbarn etwas ins Leben miteinzubeziehen oder einfach einmal auf ein Glas Wein einzuladen. Wer weiß, vielleicht findet man so nicht nur die eine oder andere neue Freundschaft, sondern auch eine große Portion Glück.

Schreibstil (♥)

Auch dieses Mal gibt es am anschaulichen, märchenhaften Schreibstil wieder absolut nichts auszusetzen. Sehr liebevoll, talentiert und dennoch routiniert verbindet der Martin Widmark einfache, altersgemäße, für Kinder verständliche Worte zu einer wunderbaren Geschichte. So nimmt der Autor ohne Frage nicht nur die Kinder, sondern auch ihre VorleserInnen mit auf eine Reise voller Neugier und großer Emotionen. Dieses Mal enthält das Buch weniger Text, der Fokus liegt auf den Bildern, die für sich sprechen. Auch eignet sich die Geschichte gut für jüngere ZuhörerInnen.

Hauptfigur & Nebenfiguren (♥)

Larson gehört zu jenen auf den ersten Blick mürrisch wirkenden Menschen, bei denen man von Anfang an das große Herz hinter der harten Schale erahnen kann. Sofort leidet man mit Larson mit, seine Einsamkeit und Trauer wecken Mitgefühl. Dass Larson eigentlich nur noch auf den Tod wartet und wahrscheinlich unter schweren Depressionen leidet, wird das junge Zielpublikum zum Glück noch nicht in diesem Ausmaß verstehen, aber so werden auch die Eltern beim Lesen mit Sicherheit nicht kaltgelassen. Umso schöner ist es dann zu sehen, wie dieser alte Mann langsam wieder aufblüht! Der kleine Nachbarsjunge und die Katze Johann Sebastian sind charmante Nebenfiguren, die allerdings nur eine kleine Rolle spielen.

Illustrationen (♥)

Das Buch wurde erneut liebevoll und voller Herzblut illustriert. Emilia Dziubaks Illustrationen sind pure Kunst, die kleinere und größere LeserInnen gleichermaßen begeistern und verzaubern wird. Die Bilder wirken stimmungsvoll und märchenhaft und spiegeln Larsons Innenleben perfekt wider. Dieses Mal spielt auch der detaillierte Hintergrund eine große Rolle – das finde ich wundervoll (der oft leere Hintergrund war mein einziger Kritikpunkt beim letzten Buch). Die Farbe der Seiten erinnert an verblichene Bücher, die Illustrationen wirken wie in ein Fotoalbum eingeklebt. „Als Larson das Glück wiederfand“ strahlt viel Gemütlichkeit aus und schafft beim ersten Aufschlagen sofort die richtige (Vor)Lesestimmung.

Text und Bilder greifen erneut so perfekt ineinander, dass ich von der harmonischen Zusammenarbeit von Martin Widmark und Emilia Dziubak wieder vollkommen begeistert bin und mir wünsche, dass sie noch lange nicht damit aufhören, Bücher zu schreiben.

Geschlechterrollen & Vielfältigkeit (+)

Da nur drei Menschen in diesem Buch vorkommen, kann ich an dieser Stelle die Vielfältigkeit nicht kritisieren. Es spielen zwei Männer und eine Frau in der Geschichte eine Rolle, was auch in Ordnung ist (ich würde mir die Geschichte nicht anders wünschen). Geschlechterrollen werden teilweise gebrochen, indem sich der Junge um eine Blume kümmert und indem der alte Mann putzt, kocht und seine Katze verwöhnt. Erneut gibt es hier wieder nichts auszusetzen, was einfach wundervoll ist! Das Autorenduo geht erneut sehr sensibel mit dem Thema um und verzichtet auf jegliche Rollenstereotypen.

Mein Fazit

„Als Larson das Glück wiederfand“ ist wundervolles, märchenhaftes Kinderbuch, das die Großen ebenso verzaubern wird wie die Kleinen. Der Schreibstil ist altersgemäß und anschaulich und die Geschichte emotional, rührend und tiefgründig. Es ist wundervoll zu sehen, wie Glück, Licht und Lebensfreude endlich wieder Einzug in das Leben der mürrischen, traurigen, einsamen Hauptfigur finden. Das Buch verzaubert erneut mit kunstvollen, stimmungsvollen und mit viel Liebe und Herzblut gemalten Illustrationen. Es bleibt zu hoffen, dass Martin Widmark und Emilia Dziubak noch lange nicht aufhören, Bücher zu publizieren! Ich kann dem Lob auf der Buchrückseite nur zustimmen und ergänze: Auch dieses Buch ist wieder ein kleiner Schatz. Wenn mich jemand fragen würde, wie ein rundum perfektes Kinderbuch aussieht, würde ich ihm dieses hier in die Hand drücken. Und er/sie würde es vermutlich abends zu Hause lesen, lieben und nie wieder hergeben.

Das nächste Gemeinschaftsprojekt der beiden Autoren ist für mich erneut Pflichtlektüre. Ich kann es kaum erwarten!

Empfehlung: Uneingeschränkte Leseempfehlung! Lesen, lieben – und nie wieder hergeben.

Bewertung

Idee: 5 Sterne ♥
Geschichte: 5 Sterne ♥
Ausführung: 5 Sterne ♥
Schreibstil: 5 Sterne
Personen: 5 Sterne ♥
Illustrationen: 5 Sterne ♥
Vielfältigkeit: ---
Rollenbilder: +
Insgesamt:

❀❀❀❀❀ ♥ Lilien

Dieses Buch erhält fünf verliebte Lilien und ein Herz – und somit den Lieblingsbuchstatus! Dieses Buch wird in der Zukunft sicher einigen Kindern vorgelesen werden. :)

Veröffentlicht am 29.08.2018

Von großen Erwartungen & großen Enttäuschungen

Bad Girls
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Spoilerfreie Rezension!


Inhalt

Jule Williams ist eine begnadete Schauspielerin. Allerdings ist nicht das Theater ihre Bühne, sondern das reale Leben. Sie lügt, täuscht, besitzt verschiedene Namen ...

Spoilerfreie Rezension!


Inhalt

Jule Williams ist eine begnadete Schauspielerin. Allerdings ist nicht das Theater ihre Bühne, sondern das reale Leben. Sie lügt, täuscht, besitzt verschiedene Namen und Kreditkarten, trägt Perücken und auffälliges Make-up, um sich zu tarnen. Wozu betreibt Jule solch einen Aufwand? Und wer ist sie wirklich?

Übersicht

Einzelband oder Reihe: Einzelband
Genre: Jugendbuch
Verlag: Ravensburger Buchverlag
Seitenzahl: 320
Erzählweise: Figuraler Erzähler, Präteritum
Perspektive: aus weiblicher Perspektive,
Kapitellänge: mittel bis kurz, in verschiedene Abschnitte/Episoden geteilt
Tiere im Buch: + Es werden (meines Wissens) keine Tiere verletzt oder getötet. Im Gegenteil: Imogen ist sehr tierlieb, ihr liegt Tierwohl sehr am Herzen.

Warum dieses Buch?

Ich liebe das erste Buch der Autorin, „We were Liars“ (dt. Solange wir lügen), fand es großartig erzählt und konnte davon sowohl überrascht als auch berührt werden. An diesem Buch führte daher kein Weg vorbei.

Meine Meinung

Einstieg (+)

Der Einstieg hat mir gefallen, auch wenn man sich am Beginn überhaupt nicht auskennt und alles sehr rätselhaft und undurchsichtig ist (das verbessert sich im Laufe des Buches nur geringfügig). Jedoch machten mich die ersten Kapitel sehr neugierig, und ich wollte unbedingt weiterlesen.

„Sie glaubte, dass man sein Herz am besten davor schützte, gebrochen zu werden, wenn man so tat, als hätte man keins.“ Seite 12

Schreibstil (+/-)

E. Lockharts Schreibstil ist auch in diesem Buch wieder flüssig, anschaulich und angenehm. Die Sätze sind für ein Jugendbuch in genau passender Weise komplex – nicht zu einfach, aber auch nicht zu verschachtelt oder kompliziert –, sodass das Zielpublikum sicher Gefallen daran finden wird. Jedoch hat mich ein Aspekt dieses Mal sehr gestört: Die Emotionen blieben vollkommen auf der Strecke, etwas, das ich nach der Lektüre von „We were Liars“ niemals erwartet hätte. Aber so ist es leider, der Schreibstil ist seltsam nüchtern, gibt kaum bis gar keinen Einblick in die Gefühls- und Gedankenwelt der Hauptfigur. Hier hätte ich mir viel mehr Tiefe und mehr Details gewünscht. Ich denke, dass es auch zum großen Teil an dieser unterkühlten Erzählweise lag, dass ich nicht mitfiebern konnte und dass mich die Geschichte bis zum Schluss nicht fesselte.

Inhalt, Themen, Botschaften & Ende (+/-)

E. Lockhart hat eine sehr ungewöhnliche Erzählweise für ihr Buch gewählt: Sie schildert die Geschichte in insgesamt 18 Kapiteln (die noch einmal in kürzere Episoden unterteilt werden) rückwärts (am Ende gibt es noch ein Abschlusskapitel in der Gegenwart) und deckt so nach und nach die Beweggründe der Heldin und ihre schockierende Vergangenheit auf. Die vielen zeitlichen Sprünge, die eigentlich für Spannung sorgen sollten, lösten bei mir großteils leider Verwirrung, Unverständnis und Langeweile aus. Bis zum Ende wartete ich auf den ultimativen Aha-Effekt, darauf, dass endlich alle Puzzleteile an ihren Platz fallen und auf einmal alles Sinn ergibt. Das Ende wird dann aber so schnell abgehandelt und ist so offen, dass kaum Fragen beantwortet werden, sondern stattdessen viele weitere aufkommen. Die erwartete Belohnung für meine Lese-Mühen kam leider nicht und ich dachte nur: Wozu das alles? Das Durchhalten hat sich meiner Meinung nach leider nicht gelohnt. Wer die Erzählweise allerdings interessant findet, dem kann ich „Tick Tack“ von Megan Miranda nur wärmstens ans Herz legen. Die Autorin erzählt grandios rückwärts und erschafft eine tiefgründige, wendungsreiche Geschichte voller schockierender Enthüllungen und Geheimnisse.

Verstörend war der extreme Gegensatz zwischen der träge dahinplätschernden Geschichte und der immer wieder aus dem Nichts kommenden, ausufernden Brutalität und Gewalt. Grausige Details werden bis ins Detail geschildert, so dass ich zwischendurch immer wieder dasaß und gar nicht glauben konnte, was ich da lese. Als Horror-Liebhaberin fand ich manche dieser Stimmungsumschwünge ehrlich gesagt ziemlich cool. Nur reicht das leider nicht aus, um mich gut unterhalten zu fühlen.

Eines steht bereits nach den ersten Seiten fest: E. Lockhart wagt sich mit diesem Werk in neue Gefilde vor und hat mit „Bad Girls“ definitiv kein zweites „We were Liars“ vorgelegt. Viel eher erinnert die Stimmung im Buch etwas an Agententhriller und Krimis. Ich will nicht zu viel verraten, möchte aber zumindest anmerken, dass die Autorin Themen wie Trauer, Verlust, Freundschaft, Eifersucht und Schuld nicht tiefgründig genug behandelt. Dies hängt wiederum sehr eng mit dem Schreibstil zusammen.

Protagonistin (-)

Zu Jule konnte ich das ganze Buch über keine Verbindung aufbauen, dazu erhielt ich viel zu wenig Einblick in ihr Innenleben, in ihre Motive und Gedanken. Sie wirkte auf mich kühl bis eiskalt, berechnend und skrupellos, viele ihrer Handlungen konnte ich überhaupt nicht verstehen. Meine Sympathie für sie nahm immer weiter ab, bis sie schließlich fast schon in Hass umschlug. Zudem ist Jule extrem blass und oberflächlich beschrieben, sie scheint überhaupt keine Persönlichkeit zu haben, macht keine Entwicklung durch. Daher blieb sie mir die ganze Geschichte über fremd und ihr Schicksal war mir egal. Ich habe die ganze Zeit gerätselt, ob sie eventuell an einer Persönlichkeitsstörung leidet, anders kann ich mir ihr unberechenbares Verhalten nicht erklären. Spannend fand ich jedoch, dass Jule dadurch, dass man sie absolut nicht einschätzen kann, zu einer sehr unverlässlichen Erzählerin wird und dass man ihr zunehmend misstraut. Mit ihren Perücken, Betrügereien und ihrem tarnenden Make-up erinnerte mich Jule übrigens sehr an Letty aus der Serie „Good Behavior“. Wer diese spannende, düstere Geschichte im Noir-Stil noch nicht kennt, sollte ihr unbedingt eine Chance geben.

„[…] sie wusste nicht mehr, welche Form ihr eigenes Ich hatte oder ob es eigentlich gar keine Jule gab, sondern nur eine Reihe Persönlichkeiten, für die sie sich in verschiedenen Situationen ausgab.“ Seite 32

Nebenfiguren & Beziehungen (+/-)

Es gibt nur wenige Nebenfiguren, über die wir leider fast nichts erfahren. Auch hier wäre es sehr von Vorteil gewesen, wenn die Autorin diese besser ausgearbeitet hätte. Die einzige Figur, die ich wirklich greifbar und authentisch fand, war Imogen, die eine schwierige Person mit vielen unschönen Seiten, aber auch Stärken (wie zum Beispiele ihre Tierliebe) ist. Sie wirkte auf mich tatsächlich glaubwürdig und dreidimensional gezeichnet – eine komplizierte junge Frau, die mich fasziniert hat und begeistern konnte.

Spannung & Atmosphäre (-)

Die größte Schwäche des Buches ist die fehlende Spannung. Leider konnte mich die Geschichte bis zum Ende nicht fesseln, ich kam nur sehr langsam voran, und ich habe mich trotz manch unerwarteter Enthüllung sehr durchgequält. Die Geschichte plätscherte oft ereignislos und langweilig dahin, manchmal konnte ich nicht verstehen, warum eine Szene überhaupt erzählt wurde, vieles fand ich unnötig oder schlicht uninteressant. Es kam leider keine Spannung auf, nur selten rätselhafte, geheimnisvolle Atmosphäre, kein Sog, der mich in die Geschichte gezogen hat. Eigentlich bin ich eine Leserin, der polarisierende Bücher (wie dieses) oft sehr gut gefallen, doch dieses Mal wurde ich leider absolut enttäuscht.

Feministischer Blickwinkel (+)

Sehr gefallen haben mir Jules feministische Kommentare und ihre feministische Kritik, die immer wieder im Text auftauchen. So spricht sie beispielsweise die Tatsache an, dass Frauen in Filmen oft nur schmückendes Beiwerk sind und dass sie viel zu selten die taffen Heldinnen in Actionfilmen sein dürfen. Langsam (in einer Zeit, in der Jugendbuchheldinnen wie Tris und Katniss bejubelt werden) wird auch das besser, aber wir haben definitiv noch einen langen Weg vor uns. Einwurf von mir: Genauso gilt das übrigens auch für Videospiele. Frauen sind extrem unterrepräsentiert, und Spiel um Spiel wandere ich als muskelbepackter Mann durch die Gegend. Dann nimmt doch einmal eine starke Frau eine wichtige Rolle ein und sofort wird von misogynen, mittelalterlich eingestellten Männern von übertriebenem Feminismus geredet und davon, dass das Spiel nun sicher nicht (sozusagen als Protest) gespielt wird. Einfach nur lächerlich! Kleiner Reminder: Wir haben das Jahr 2018 und nicht 1118, nur falls das jemandem, zum Beispiel weil er mit einer Zeitmaschine hier gelandet ist (andere Ausreden gibt es nicht!), nicht aufgefallen sein sollte. Ihr seid im falschen Jahrhundert gelandet, geht bitte wieder zurück! Danke!

Prinzipiell bin ich, was die Themen Geschlechterrollen und Genderstereotypen betrifft, sehr zufrieden. Jule und Imogen sind zwei intelligente, starke, emanzipierte Frauenfiguren, die sich von Männern nichts gefallen lassen und sehr selbstbewusst handeln. In der Mitte der Geschichte wird sogar irgendwann ein Mädchen gefragt, ob sie einen Jungen im Gruselkabinett beschützen kann (wenn auch halb im Scherz). Es gibt hier nur wenige negative Punkte: Einmal werden Jungen als „verweichlicht“ beschrieben, einmal wird für eine Frau die maskuline Form („Beschützer“) anstatt der femininen Form („Beschützerin“) benutzt. Es ist deshalb wichtig, dass konsequent die entsprechende Form verwendet und dass gegendert wird, weil Sprache unser Bewusstsein formt und Frauen sichtbar macht. Das sind aber nur kleine Schönheitsfehler, die dem positiven Gesamteindruck, was diesen Aspekt betrifft, keinen Abbruch tun.

„Jule hatte tonnenweise Filme gesehen. Sie wusste, dass Frauen kaum im Mittelpunkt solcher Geschichten standen. Stattdessen waren sie schmückendes Beiwerk, Begleiterin, Opfer oder Angebetete. Meistens existierten sie nur, um dem großartigen weißen hetero Helden auf seiner verf***ten epischen Abenteuerreise zu helfen. Wenn es doch mal eine Heldin gab, wog sie sehr wenig, trug sehr wenig und hatte tolle Zähne.“ Seite 29

„Sie wollten, dass man klein und still war. ‚Lieb‘ war nur ein anderes Wort für ‚wehr dich nicht‘.“ Seite 296

Besorgniserregend finde ich übrigens das hier, es liefert einen weiteren Grund, warum wir uns endlich von starren Geschlechterstereotypen verabschieden müssen:

„‘Studien belegen, dass Mädchen in Schulen, die nach Geschlechtern getrennt sind, emanzipierter entscheiden und viel häufiger wissenschaftliche Fächer belegen. Sie machen sich weniger Gedanken über ihr Aussehen, sind konkurrenzfähiger und haben ein höheres Selbstwertgefühl.‘“ Seite 282

Mein Fazit

Auf große Erwartungen und große Vorfreude folgte eine große Enttäuschung. „Solange wir lügen / We Were Liars“ habe ich absolut geliebt, doch E. Lockhart kann meiner Meinung nach mit ihrem neuen Jugendbuch leider nicht an diese tolle Leistung anknüpfen. Der Schreibstil ist zwar einfach und flüssig, aber gleichzeitig zu nüchtern und emotionslos, die Hauptfigur ist kalt, unsympathisch und blass, weil man keinen Einblick in ihre Gefühls- und Gedankenwelt erhält. Die ungewöhnliche Erzählweise (rückwärts) wurde leider nicht gelungen umgesetzt, sie führte zu Verwirrung und Unverständnis. Trotz einigen sehr gelungenen, unerwarteten Wendungen kam keinerlei Spannung auf, ich habe mich durch das Buch durchgequält, wollte sogar abbrechen und fand am Ende nicht, dass es die Lese-Mühen wert war. Mir fehlte beim offenen Schluss der Aha-Moment, die Belohnung, die Befriedigung – stattdessen erwarteten mich nur viele weitere Fragen. Gefallen haben mir die feministischen Kommentare der Hauptfigur, die viele Dinge zu Recht kritisiert. Insgesamt konnte mich „Bad Girls“ aber leider überhaupt nicht abholen und überzeugen. Das ist sehr schade, ich hätte es mir so gewünscht.

Leseempfehlung: Ich kann hier leider keine Leseempfehlung aussprechen, besonders großen Fans von „Solange wir lügen / We Were Liars“ würde ich abraten, damit sie nicht allzu sehr enttäuscht werden.

Bewertung

Idee, Themen, Botschaft: 3 Sterne
Worldbuilding: 3 Sterne
Ausführung: 1,5 Sterne
Einstieg: 4 Sterne
Schreibstil: 3 Sterne
Protagonistin: 1 Stern
Nebenfiguren: 2,5 Sterne
Atmosphäre: 2 Sterne
Spannung: 1 Sterne
Ende: 2 Sterne
Emotionale Involviertheit: 1,5 Sterne
Feministischer Blickwinkel: +

Insgesamt:

❀,5 Lilien

Dieses Buch bekommt von mir 1,5 sehr enttäuschte Lilien!

Veröffentlicht am 28.08.2018

Schonungslos ehrlich, aber leider voller frauenfeindlicher Ausdrücke und Slut Shaming

Clean
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Spoilerfreie Rezension!


Inhalt

Lexi ist reich, ein It-Girl, hat eigentlich alles, wovon Teenager träumen. Doch den Versuchungen, die auf den Partys der Reichen und Schönen lauern, kann sie immer schlechter ...

Spoilerfreie Rezension!


Inhalt

Lexi ist reich, ein It-Girl, hat eigentlich alles, wovon Teenager träumen. Doch den Versuchungen, die auf den Partys der Reichen und Schönen lauern, kann sie immer schlechter widerstehen. Immer mehr verliert sie sich in einem Strudel aus verschiedenen Drogen und Alkohol. Lexis Bruder reicht es irgendwann. So landet Lexi zum ersten Mal in ihrem Leben in einer Entzugsklinik. Sie sträubt sich mit voller Kraft gegen die Einweisung. Denn: Was soll das eigentlich? Lexi ist doch nicht süchtig, sie hat doch nicht die Kontrolle verloren! Oder?

Übersicht

Einzelband oder Reihe: Einzelband
Verlag: Carlsen
Seitenzahl: 400
Erzählweise: Ich-Erzähler, Präsens & Präteritum
Perspektive: hauptsächlich aus weiblicher Perspektive, selten auch aus männlicher
Kapitellänge: mittel bis kurz
Tiere im Buch: + Es werden keine Tiere verletzt oder getötet, im Gegenteil, die im Buch vorkommenden Pferde werden sehr liebevoll behandelt.

Warum dieses Buch?

Der Klappentext klang nach einem ungewöhnlich und interessant. Da ich als angehende Lehrerin immer auf der Suche nach Jugendliteratur bin, die auch ernste Themen angemessen behandelt, wollte ich dieses Buch unbedingt lesen.

Meine Meinung

Einstieg (+)

Der Einstieg ist mir sehr leicht gelungen. Die Geschichte beginnt mit Lexis Einweisung, in Rückblenden erfahren wir später erst, wie es überhaupt so weit kommen konnte. Durch diesen direkten Einstieg kommt keine Langeweile auf, zumal Lexis körperlicher und geistiger Zustand echt schockiert.

„Die Nacht zurückspulen. Das Letzte, was ich vor mir sehe, ist das Hotel. […]
Genau. Die blaue Chaiselongue. Eine Nadel.
Scheiße.
Fühlt sich so eine Überdosis an?“ E-Book, Position 29

Schreibstil (+/-)

Prinzipiell ist der Schreibstil flüssig und schnell lesbar. Er ist anschaulich, enthält ein paar Teenager-Weisheiten und vermittelt Gefühle gut. Oft besteht er aus Halbsätzen und Ellipsen, was Jugendlichen sicher gefallen wird. Eines hat mich allerdings am Schreibstil sehr gestört: Die extreme Umgangssprachlichkeit gepaart mit unzähligen Schimpfwörtern (dazu später mehr), einigen Wiederholungen und einer künstlich wirkenden Coolness. Ich kann es nur schwer ertragen, wenn eine Autorin oder ein Autor sich zu sehr bemühen, ihre Protagonistin rebellisch und cool wirken zu lassen. In diesem Buch wirkte das auf mich stellenweise sehr aufgesetzt und es hat mich ehrlicherweise sehr genervt.

„Mich juckt es überall. Ameisen graben einen Tunnel unter meiner Haut.“ E-Book, Position 216

Inhalt, Themen, Botschaften & Ende (+/-)

Man merkt, dass die Autorin recherchiert hat. Für ein Jugendbuch sind die Beschreibungen von Selbstverletzung, Entzug, Süchten und Sexualität (Selbstbefriedigung von Mädchen wird ebenfalls erwähnt, was mit Sicherheit fortschrittlich ist) erstaunlich schonungslos und tabulos. Ich denke, diese Ehrlichkeit wird dem Zielpublikum gefallen und die Behandlung dieser oft in Jugendbüchern verbotenen, verpönten oder ausgeklammerten Themen wird Faszination und Interesse auslösen. So scheut sich die Autorin keinesfalls zu beschreiben, wie die Protagonistin in den ersten Tagen ihres Entzuges in ihr Bett macht, wie sie sich übergibt und leidet. Dabei werden Schmerzen und Gefühle sehr anschaulich und teilweise mit gelungenen Metaphern beschrieben. Besonders schön und lobenswert finde ich, dass sich die Autorin bemüht, gegen Vorurteile psychisch Kranken gegenüber zu kämpfen und zu zeigen, wie es heutzutage in psychiatrischen Kliniken wirklich gutgeht. Das finde ich besonders in Zeiten, in denen das „verlassene Irrenhaus“ gerne als Schauplatz für Horrorfilme etc. dient (und das ist in Ordnung, solange man weiß, dass heutige Kliniken nichts mehr mit den düsteren, trostlosen Orten aus der Vergangenheit zu tun haben) besonders wichtig. Am Ende des Buches sind Adressen angeführt, an die man sich wenden kann, wenn man Hilfe benötigt – das finde ich sehr wichtig, falls einige Menschen durch den Inhalt des Buches eventuell getriggert werden.

Dennoch finde ich trotz allem, dass manches unlogisch war (z. B. dass die Jugendlichen so oft unbeaufsichtigt waren), dass die Autorin manche Dinge beschönigt oder sogar verharmlost. In einer Rezension wurde das Buch als „Gossip Girl auf Entzug“ beschrieben. Dem kann ich nur zustimmen. Der Schauplatz, die hochmoderne Clarity-Klinik für die Reichen und Schönen, ist paradiesisch und strotzt nur so vor Luxus – ein idyllischer Ort, der den meisten (Sucht)Kranken verwehrt bleiben wird. Zudem hatte ich immer wieder das Gefühl, dass manche Drogen verharmlost werden – und ich rede hier nicht von Cannabis, sondern von Kokain. Ständig wird von den Figuren von „nur ein Näschen Koks“, „es scheien lassen“ etc. geredet. Es gibt hierbei nicht nur Euphemismen für den Konsum, sondern die durchaus gefährliche Droge Kokain wird teilweise auch als harmlos und als „Einstiegsdroge“ dargestellt. Meiner Meinung nach ist das sehr problematisch. Lexis Einsicht kommt zudem recht spät und wird meiner Meinung nach nicht ausführlich genug abgehandelt.

Juno Dawson beschäftigt sich mit Themen wie Sucht, Einsamkeit, Schuldgefühle, Ängste, Selbstverletzung, Essstörungen, Transsexualität und Verantwortung. Im Mittelpunkt stehen auch immer wieder die Probleme, mit denen Betroffene im Alltag konfrontiert sind. Generell hätte ich mir stellenweise mehr Tiefe gewünscht. Obwohl es hier sehr viele gute Ansätze gibt, konnte mich das Buch emotional nicht wirklich mitreißen, ich hätte mir einen genaueren Einblick in Lexis Gefühle und Gedanken und auch mehr Einblick in die Welt ihrer MitpatientInnen gewünscht. Das Ende hat mich zwar nicht vom Hocker gerissen (weil in gewisser Weise zu positiv), aber manche Enthüllungen fand ich durchaus gelungen (z. B. die Kurzgeschichte).

Protagonistin (-)

Mit Lexi konnte ich mich leider überhaupt nicht anfreunden. Ich fand sie auch nach ihrem Entzug noch oft oberflächlich, arrogant, unhöflich und vor allem respektlos und beleidigend anderen gegenüber. Ihre Lästereien waren für mich kaum zu ertragen, vor allem wenn sie sich auf Äußerlichkeiten und das Gewicht mancher anderer Personen bezogen. Ich dachte mir dann immer: Kümmere dich lieber einmal um deine eigenen zahlreichen Probleme, bevor du die über andere lustig machst! Ich fand Lexi auch oft zu gewollt cool, rebellisch und gemein, zudem stimme ich jener Person zu, die geschrieben hat, dass Lexis Charakter zu 80% aus ihrer Sucht besteht. Meiner Meinung nach hat Lexi eigentlich keine richtige Persönlichkeit, sie konnte mich nicht berühren. Lexis Verwandlung, die „Läuterung der Sünderin“, fand ich stellenweise etwas klischeehaft.

Nebenfiguren, Beziehungen & Liebe (+/-)

Die Nebenfiguren haben mir hier schon viel besser gefallen, auch wenn man meiner Meinung nach zu wenig über sie erfährt und sie daher zu oberflächlich bleiben. Dennoch gab es hier viele gute Ansätze, sie hatten eigene Persönlichkeiten und waren teilweise sehr sympathisch. Die Szenen, in denen alle zusammen waren und Spaß hatten, haben mir sehr gefallen und haben mir oft ein Lächeln ins Gesicht gezaubert. Besonders gerne mochte ich Dr. Goldstein, Guy und Kendall. Natürlich habe ich mich gefragt, ob auch bei solch einer Geschichte unbedingt eine Lovestory dabei sein muss, aber ich bin hier (trotz der Prise Insta-Love) nicht so kritisch wie meine MitleserInnen und finde, dass die Liebesgeschichte durchaus gelungen geschrieben wurde.

Spannung & Atmosphäre (-)

Leider konnte mich diese Geschichte, die viele verschiedene Stimmungen von fröhlich über lustig, traurig, wütend bis hin zu verzweifelt abdeckt, über weite Strecken nicht packen. Immer wenn ich dachte, jetzt bin ich ganz in die Geschichte eingetaucht, ab jetzt wird es besser, kam erneut ein Spannungseinbruch. Woran es genau lag, dass ich mich wirklich zwingen musste, weiterzulesen, kann ich nicht ganz festmachen. Einerseits gibt es zwar nur wenig Handlung, andererseits bemüht sich die Autorin sehr, es trotzdem spannend zu machen. Bei mir hat das trotz manch sehr unerwarteter Wendung leider nicht funktioniert – und ich war froh, als das Buch vorbei war.

Feministischer Blickwinkel (-!)

Nun komme ich zu meinem größtem Kritikpunkt, einem Punkt, der dazu führt, dass ich dieses Buch von mir nur 2 Sterne und keine Leseempfehlung (zumindest an Jugendliche) erhalten wird: Das Slutshaming in diesem Buch ist nicht zu ertragen und absolut unverantwortlich. Gerade wenn eine „coole“ Hauptfigur wie Lexi solche Ausdrücke ohne jede Reflexion verwendet, wird das auf das Zielpublikum Auswirkungen haben. Wenn Lexi schon mit Schimpfwörtern um sich schmeißt (was in Ordnung ist, wenn man zeigen will, dass sie ein rebellischer Teenager ist), dann doch bitte nicht mit den frauenfeindlichsten Ausdrücken, die es überhaupt gibt. Auf gefühlt jeder dritten Seite werden Mädchen und Frauen munter als Tussis, Schlam+++, Miststücke und sogar (!) Fo++++ bezeichnet! Hallo? Gleichstellungsauftrag im Jugendbuch? Ist der Autorin klar, wie stark Medien (auch Bücher) uns unterbewusst beeinflussen? Solche Worte sind nicht in Ordnung, weil auch sie Sexismus und die Benachteiligung der Frau am Leben erhalten. Und das führt wiederum beispielsweise zu mehr Gewalt an Frauen. Dass Lexi teilweise auch Männer mit diesen Worten beschimpft (hauptsächlich jedoch schon Frauen), macht es nicht wirklich besser. Nur zur Verdeutlichung einige dieser Momente im Buch, bei denen ich nur dachte, ich lese nicht richtig (Jugendbuch?!):

„‘Jetzt sei keine Fo+++! Ich sitze hier doch bloß ganz friedlich, blöde Pu+++.‘“ E-Book, Position 2433

„‘Ruby, ich entschuldige mich, dass ich so ein Miststück war. Eine richtige Fo+++ war ich.‘“ E-Book, 2046

„Himmel, wir liefen aber auch echter immer rum wie die Schla++++ vom Dienst, damals.“ E-Book, Position 2490

Gespräch zwischen Geschwistern:

„Ich gucke zu ihm hoch und wische ihm eine Träne aus dem Gesicht. ‚Dann heul doch nicht, Riesenpu+++.‘ Ich grinse und er drückt mich noch fester.
‚Oh, ich hab dich vermisst, Fo+++.‘" E-Book, Position 1994

(Die ganz schlimmen Wörter wurden zensiert, damit meine Rezension nicht gesperrt wird.) So schlimm habe ich eine derartige Unsensibilität für sexistische Sprache noch nie in einem Jugendbuch erlebt. Deshalb werde ich mich auch davor hüten, es dem Zielpublikum zu empfehlen. Dass die Autorin ansonsten Frauen auch teilweise als stark, mutig und unabhängig präsentiert, dass auch Jungen weinen dürfen (mit Rotz und allem), hat mir gefallen. Es soll hier natürlich auch gelobt werden.

Mein Fazit

„Clean“ von Juno Dawson war für mich leider eine Enttäuschung. Ich fand die arrogante, lästernde, gewollt coole Protagonistin unerträglich und mochte den umgangssprachlichen Schreibstil nicht. Obwohl die Autorin sich eigentlich sehr bemüht hat, konnte mich die Geschichte nicht richtig fesseln, und trotz mancher unerwarteten Wendung habe ich mich teilweise echt durchgequält. Schön fand ich, dass die Autorin so offen, ehrlich und schonungslos mit den Themen Sucht, psychische Krankheiten und Sexualität umgeht und dass sie gegen Vorurteile und Stigmatisierung anschreibt. Auch wenn ich manches zu beschönigend und verharmlosend, manches zu oberflächlich fand, wird das wichtige Thema über weite Strecken dennoch angemessen behandelt. Die Nebenfiguren haben mir gut gefallen, auch wenn ich hier gerne noch (viel) mehr über sie erfahren hätte. Mein größter Kritikpunkt, der mir auch den Lesespaß absolut vermiest hat, ist die Tatsache, dass in diesem Jugendbuch mit frauenfeindlichen Ausdrücken wie Fo+++, Schla++++, Miststück etc. munter um sich geworfen wird (mehr dazu beim Unterpunkt „Feministischer Blickwinkel“). Ich habe noch nie ein Jugendbuch gesehen, in dem so unsensibel mit dem Thema „sexistische/frauenfeindliche Sprache“ umgegangen wurde. Medien (auch Bücher) beeinflussen unser Unterbewusstsein und solch eine unreflektierte Verwendung dieser Wörter von einer angeblich „coolen“ Heldin wird auf die Zielgruppe Auswirkungen haben. Sexismus wird gefördert, und das wiederum fördert Gewalt an Frauen und Ungerechtigkeiten. Wollen wir wirklich, dass auch unsere Töchter noch in solch einer ungerechten Welt leben? Nein? Dann müssen wir bei den Kindern und Jugendlichen von heute ansetzen und aufhören, Slut Shaming und frauenfeindliche Sprache in (Jugend)Büchern als akzeptabel, lustig oder sogar cool darzustellen.

Leseempfehlung: Ich kann das Buch leider nicht weiterempfehlen, besonders nicht Jugendlichen. Ich bin mir sicher, dass es noch andere Lektüre zum Thema gibt, die von frauenfeindlichen Ausdrücken absieht.

Bewertung

Idee, Themen, Botschaft: 3 Sterne
Worldbuilding: 4 Sterne
Ausführung: 2 Sterne
Einstieg: 5 Sterne
Schreibstil: 3 Sterne
Protagonistin: 2 Sterne
Nebenfiguren: 3,5 Sterne
Atmosphäre: 2 Sterne
Spannung: 2 Sterne
Ende: 3 Sterne
Emotionale Involviertheit: 2,5 Sterne
Liebesgeschichte: 3 Sterne
Feministischer Blickwinkel: -!

Insgesamt:

❀❀ Lilien

Dieses Buch bekommt von mir 2 enttäuschte Lilien!

Veröffentlicht am 26.08.2018

Nicht ganz überzeugt

Der Schatten
0

Spoilerfreie Rezension!


Inhalt

Norah ist nach der Trennung von ihrem Freund Alex gerade nach Wien gezogen, um eine neue Stelle anzunehmen, als sie eines Tages eine mysteriöse Prophezeiung erhält: ...

Spoilerfreie Rezension!


Inhalt

Norah ist nach der Trennung von ihrem Freund Alex gerade nach Wien gezogen, um eine neue Stelle anzunehmen, als sie eines Tages eine mysteriöse Prophezeiung erhält: Angeblich wird sie am 11. Februar einen Mann namens Arthur Grimm töten und zwar aus guten Gründen und absolut freiwillig. Norah tut die Prophezeiung zuerst als die Worte einer verwirrten Frau ab, doch schon bald muss sie sich fragen, ob sie tatsächlich einen Grund hat, Arthur Grimm zu hassen. Einmal davon abgesehen könnte Norah doch niemals jemanden töten. Oder?

Übersicht

Einzelband oder Reihe: Einzelband
Verlag: btb
Seitenzahl: 416
Erzählweise: Ich-Erzähler, Präteritum & Präsens
Perspektive: hauptsächlich aus weiblicher Perspektive, selten auch aus männlicher
Kapitellänge: mittel bis kurz
Tiere im Buch: + Es werden ein Goldfisch und eine Katze getötet, Letztere mit Absicht. Es werden unzählige Vögel grundlos getötet, und Tierversuche werden ohne jeglichen kritischen Kommentar zitiert. Hier auch wieder meine Empfehlung: Wenn ihr ebenfalls gegen sinnlose, grausame Tierversuche seid, schaut bitte beim Verein „Ärzte gegen Tierversuche“ vorbei, die schon jahrelang engagiert und teilweise sogar schon erfolgreich für Alternativen und für tierversuchsfreie Forschung kämpfen.

Warum dieses Buch?

Ich habe den Hype komplett verpasst und war eine der letzten Leserinnen, die noch nichts von der Autorin gelesen hatte. Als Thriller-Liebhaberin, die etwas auf sich hält, musste das natürlich geändert werden. Zudem klang der Klappentext herrlich unheimlich und rätselhaft.

Meine Meinung

Einstieg (-!)

Der Einsteig war für mich eine große Hürde und ist mir sehr schwer gefallen. Das lag vor allem am dialogarmen Beginn. Auch später gibt es über weite Strecken nur wenige Dialoge, da Norah meist alleine und mit sich selbst beschäftigt ist, jedoch gewöhnt man sich daran. Wer allerdings viel Wert auf Gespräche legt, wird mit diesem Buch nicht glücklich werden. Ich fürchte auch, dass die Geschichte, die nur relativ zäh in Schwung kommt, einige LeserInnen schon am Anfang verlieren wird. Dabei lohnt es sich durchaus, durchzuhalten.

„‘Du bringst den Tod‘, sagte die Frau.
Ihre Stimme klang ruhig und rau.
Stirnrunzelnd blickte Norah sie an.
‚Was haben Sie gerade zu mir gesagt?‘ […]
‚Blumen welken‘, sagte sie. ‚Uhren bleiben stehen. Die Vögel fallen tot vom Himmel.‘“ Seite 21

Schreibstil (♥)

Melanie Raabe hat einen außergewöhnlichen Schreibstil, an den ich mich erst einmal gewöhnen musste. Er besteht oft aus kurzen Sinneseindrücken, die in Ellipsen und unvollständigen Sätzen geschildert werden und die uns einen Einblick in Norahs Welt geben. Bereits nach einigen Seiten lernte ich jedoch den flüssigen, routinierten, angenehmen Schreibstil, der sich durch angemessene Komplexität und teilweise lange Bandwurmsätze auszeichnet, zu schätzen. Auch gelingt es der Autorin spielend, sprachlich das Tempo anzuziehen, wenn dies notwendig ist. Melanie Raabes Wortschatz ist zwischendurch durchaus als etwas anspruchsvoller zu beschreiben, so manches Fremdwort kann man hier bestimmt noch dazulernen. Besonders toll fand ich die sehr bildhaften, kreativen und gelungenen Metaphern und Vergleiche, die die Autorin gekonnt in ihren Text einwebt. Manchmal hat man auch das Gefühl, dass zwischen den Zeilen immer wieder auch symbolische Bedeutung steckt.

„Doch dann drangen die Geschehnisse der letzten Tage an die Oberfläche, einzelne Gesichter und Szenen tauchten vor ihrem inneren Auge auf, in rascher Folge, wie die Aufnahme eines Karussells, das sich schneller und schneller drehte und seine Passagiere schließlich aus seinem Orbit schleuderte, mit verrenkten Gliedmaßen, wie Ballerinas im Sprung.“ Seite 203

Inhalt, Themen, Botschaften & Ende (+/-)

Die Autorin hat eine sehr spannende, vielversprechende Ausgangssituation voller Geheimnisse und Rätsel geschaffen, die man unbedingt ergründen und lösen möchte. Es handelt sich um eine wendungsreiche Geschichte, die immer wieder überraschen kann. Melanie Raabe nimmt sich viel Zeit, um Norahs Gedankengänge und Gefühle klar und detailliert auszuformulieren, behandelt Themen wie Schuld, Angst, Rache, Einsamkeit, Liebeskummer und Trauer sehr tiefgründig. Etwas schlecht kommt zwischenzeitlich Österreichs Hauptstadt Wien weg, in der sich hauptsächlich schwierige, tratschende, Pelz tragende, misogyne und transphobe Menschen zu tummeln scheinen, allerdings wird Norahs negative Weltsicht zumindest zu einem späteren Zeitpunkt noch revidiert.

Doch die Erwartungen waren sehr hoch (bei dem Hype kein Wunder!) und ein Problem hatte ich leider mit der Geschichte: Obwohl ich stellenweise wirklich gefesselt und gebannt auf die Auflösung gewartet habe, so konnte sie mich leider schlussendlich nicht überzeugen. Ich hätte mir hier irgendwie mehr erwartet, irgendetwas Größeres, Logischeres, einen Aha-Moment. Eigentlich bin ich immer ein Fan ungewöhnlicher Ausgänge, aber hier muss ich leider jenen enttäuschten LeserInnen zustimmen, die behaupten, die Geschichte wirke konstruiert und an den Haaren herbeigezogen.

„[…] und plötzlich war da ein Summen. Sie spürte den Ton mehr, als dass sie ihn hörte, irgendwo zwischen Zwerchfell und Brustbein. Nein, es war kein Ton. Es war ein Gefühl, und sie brauchte einen Moment, bis sie es benennen konnte, weil sie es in den letzten Jahren, in denen sie praktisch nie alleine gewesen war, beinahe vergessen hatte. Ihre Einsamkeit war ohrenbetäubend.“ Seite 24

Protagonistin (♥)

Norah ist eine sehr liebevoll ausgearbeitete, komplexe Protagonistin, die ich sehr mochte und die mir schnell ans Herz gewachsen ist. Mir fiel es sehr leicht, mit ihr mitzufühlen und mitzufiebern. Die Autorin nimmt sich Zeit für ihre Protagonistin, was ich sehr wichtig finde. Norah ist intelligent, hat einen großen Gerechtigkeitssinn und ist eine stolze Feministin, die tatsächlich auch im Alltag gegen Sexismus kämpft (und genau das ist so wichtig!). Sie hat mich teilweise ein bisschen an mich selbst erinnert, auch wenn Norah eine viel impulsivere, direktere, wütendere Weise hat, auf Ungerechtigkeiten zu reagieren (oft waren ihre Reaktionen jedoch so befriedigend, weil die Leute sie einfach verdient haben!). Auch Norahs "soziale Projekte" fand ich sehr sympathisch - mit ihrer Hilfsbereitschaft, ihrem gutem Herzen, ihrem Mut, tatsächlich etwas zu verändern, mit ihrem tollen Musikgeschmack, ihrer sozialen Kompetenz und mit all ihren Fehlern und Schwächen hat mich sofort für sich gewonnen und sehr beeindruckt. Die österreichische Künstlerin Soap&Skin, die auch im Buch immer wieder erwähnt wird, sei LiebhaberInnen guter Musik und melancholischer, düsterer Töne übrigens sehr ans Herz gelegt. Hört einmal rein – es lohnt sich!

Nebenfiguren (♥)

Auch die Nebenfiguren sind sehr gut ausgearbeitet, erscheinen wie plastische Menschen, die auch abseits des Rampenlichts ihre Leben weiterführen. Sogar Figuren, die nur selten vorkommen, erhalten ihre Fehler, sympathischen Seiten und ihre schwierige Vergangenheit. Hier gibt es also überhaupt nichts auszusetzen, im Gegenteil, ich bin sehr begeistert!

Spannung & Atmosphäre (+/-)

Die Geschichte kommt (wie erwähnt) nur sehr schleppend in Gang, es dauerte relativ lang (zwischen 50 und 100 Seiten), bis ich wirklich von der Geschichte gefesselt war. Ab dann gelingen der Autorin Spannungsaufbau und -steigerung aber sehr gut. Norahs Situation ist so unerklärlich und rätselhaft, dass man unbedingt wissen möchte, wie es weitergeht. Ständig versucht man, Antworten auf die vielen Fragen zu finden. Immer wieder gibt es unerwartete Wendungen, die mich unvorbereitet getroffen haben und gut unterhalten konnten. Besonders loben möchte ich an dieser Stelle auch die düstere, unheimliche Atmosphäre, die im Buch ständig mitschwingt. Die Autorin weiß ihr Setting, das winterliche Wien, sehr gut zu nutzen.

Ich mochte an sich die ruhige Erzählweise, dennoch gibt es leider immer wieder Spannungseinbrüche, manche Abschnitte wirken langatmig und zäh. An diesen Stellen hätte gekürzt werden können, denn dies hätte das Buch noch besser gemacht und ihm das nötige Tempo verliehen.

„Und die Bettler. Die Obdachlosen. Wie Geister kamen sie ihr vor. Ihre Rufe halten durch die Straßen, immer und immer wieder, wie die von Gespenstern. Hallo? Hallo? Und die Lebenden fröstelten, wenn sie ihre Stimmen vernahmen, und taten so, als hörten sie nichts.“ Seite 16

Geschlechterrollen (♥)

Norah ist eine sehr selbstbewusste, soziale, starke und mutige Frau, die erfolgreich im Beruf ist und die sich als überzeugte Feministin für Gleichberechtigung und gegen Misogynie und Transphobie/Homophobie stark macht. Dafür gibt es ein großes Lob! Erfrischend war für mich auch die Tatsache, dass die Autorin darauf achtet, ganz verschiedene Frauen und Männer zu porträtieren. In männlich dominierten Berufen stellt Melanie Raabe sicher, dass auch Frauen gezeigt werden, um Geschlechterstereotypen entgegenzuwirken. Zudem gibt es hier keine Lästereien über das Aussehen oder Liebesleben von anderen Frauen. Gerade das finde ich wirklich wichtig - dass Frauen zusammenhalten und sich gegenseitig unterstützen!

Mein Fazit

„Der Schatten“ von Melanie Raabe ist ein Thriller mit vielen Stärken, aber auch einigen Schwächen. Der angenehme, routinierte, bildhafte Schreibstil voller schöner Vergleiche und Metaphern konnte mich ebenso überzeugen wie die liebenswert ausgearbeitete, mutige, gutherzige, starke Heldin und die ebenfalls komplexen Nebenfiguren. Über weite Strecken kann die Autorin auch, was Spannung und Atmosphäre betrifft, punkten. Der Schauplatz, das winterliche, düstere Wien, wird sehr gut eingeflochten, es gibt einige überraschende Wendungen, viele Geheimnisse wollen von den LeserInnen entdeckt werden. Leider kommt es jedoch immer wieder zu Spannungseinbrüchen, manchmal ist die Geschichte langatmig und verläuft schleppend, und der Einstieg fiel mir aufgrund der wenigen Dialoge sehr schwer. Obwohl ich ihm entgegengefiebert habe, konnte mich das Ende nicht überzeugen, ich empfand es als zu konstruiert, hätte mir etwas anderes erwartet. Was moderne Geschlechterrollen betrifft, so punktet Melanie Raabe aber mit ihrer feministischen Protagonistin, die sich gegen Misogynie, Homophobie und andere Ungerechtigkeiten engagiert einsetzt. Insgesamt hat mich „Der Schatten“ also dennoch gut unterhalten, auch wenn er sein Potential nicht voll ausschöpfen konnte. Den Hype kann ich, was dieses Buch betrifft, aber leider nicht wirklich verstehen.

Mein letztes Buch der Autorin wird es definitiv nicht bleiben, weil ich die Figuren und den Schreibstil sehr mochte. „Die Falle“ habe ich bereits als Hörbuch bestellt.

Bewertung

Idee, Themen, Botschaft: 3,5 Sterne
Worldbuilding: 4 Sterne
Ausführung: 3,5 Sterne
Einstieg: 2 Sterne
Schreibstil: 5 Sterne ♥
Protagonistin: 5 Sterne ♥
Nebenfiguren: 5 Sterne ♥
Atmosphäre: 4 Sterne
Spannung: 3 Sterne
Ende: 2,5 Sterne
Emotionale Involviertheit: 4,5 Sterne
Geschlechterrollen: ♥
Tiefgründig!

Insgesamt:

❀❀❀,5 Lilien

Dieses Buch bekommt von mir 3,5 Lilien!

Veröffentlicht am 16.08.2018

Hochatmosphärischer, spannender Thriller, der einen frösteln lässt

Ins Dunkel
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Spoilerfreie Rezension!

Inhalt

Fünf ganz unterschiedliche Frauen in verschiedenen beruflichen Positionen machen von ihrer Firma aus eine Wanderung durchs Giralang-Massiv, einen undurchdringlichen Dschungel, ...

Spoilerfreie Rezension!

Inhalt

Fünf ganz unterschiedliche Frauen in verschiedenen beruflichen Positionen machen von ihrer Firma aus eine Wanderung durchs Giralang-Massiv, einen undurchdringlichen Dschungel, um das „Teambuilding“ zu fördern. Sie werden nur mit einer Karte, einem Kompass, Zelten und Nahrung ausgestattet, Handys haben im Wald ohnehin keinen Empfang. Der Pfad, den sie gehen sollen, gilt als sicher und einfach. Nach einigen Tagen kommen jedoch nur vier Frauen zurück, sie tauchen an einem vollkommen anderen Punkt auf als geplant, alle von ihnen verletzt und erschöpft. Was ist im Wald geschehen? Und wo ist Alice, die vorhatte, mit der Polizei zusammenzuarbeiten und die kriminellen Machenschaften der Firma aufzudecken?

Übersicht

Einzelband oder Reihe: Band #2 der Reihe um Aaron Falk
Verlag: ROWOHLT Taschenbuch
Seitenzahl: 416
Erzählweise: Figuraler Erzähler, teilweise ins Auktoriale gehend, Präteritum
Perspektive: aus männlicher Perspektive (Falk, Ermittler) & verschiedenen weiblichen Perspektiven (die Frauen)
Kapitellänge: mittel bis sehr kurz (nur eine Seite)
Tiere im Buch: + Es wird erwähnt, dass die Hauptfigur früher mit ihrem Vater angelte, jedoch werden konkret in der Geschichte keine Tiere verletzt, gequält oder getötet.

Warum dieses Buch?

Dieses Mal war es das Cover, das mich sofort überzeugt hat. Ich liebe das glänzende Bild des Dschungels. Aber auch den Klappentext und die Rezensionen auf englischsprachigen Buchseiten fand ich vielversprechend. Die Tatsache, dass sich Reese Witherspoon die Filmrechte des ersten Bandes der Reihe gesichert hat, machte das Buch noch interessanter für mich. Eigentlich führte an „Ins Dunkel“ also kein Weg vorbei.

Meine Meinung

Einstieg (+/-)

Das ist eigentlich der einzige Kritikpunkt, den ich habe. Der Einstieg gelang mir nämlich nicht so leicht. Es dauerte einige Seiten, bis mich die Geschichte wirklich gepackt hatte und bis ich mittendrin war. Sobald ich allerdings die Figuren auseinanderhalten konnte und mich an den detaillierten Schreibstil gewöhnt hatte, wollte ich unbedingt weiterlesen.

„[…] alle Köpfe fuhren herum, als vier Gestalten auf der Hügelkuppe erschienen. Zwei stützten eine dritte, während die vierte neben ihr her taumelte. Aus der Entfernung wirkte das Blut auf ihrer Stirn ganz schwarz. […] ‚Ist Alice hier? Ist sie in Sicherheit? Hat sie es geschafft?‘“ Seite 9

Schreibstil (♥)

Jane Harper hat einen unheimlich angenehmen Schreibstil, den man sehr schätzt, sobald man sich an ihre eher detaillierten (aber nie ausufernden) Beschreibungen der Umgebung gewöhnt hat. Die Autorin schreibt einfach und sehr flüssig, unterhält die Leserinnen mit angemessener Komplexität und Tiefe. Auf mich wirkte die Sprache, die frei von Wiederholungen oder holprigen Stellen ist, sehr routiniert und gekonnt. Jane Harper ist eine wirklich gute Geschichtenerzählerin, der man gerne ins dunkle Giralang-Massiv nach Australien folgt. Besonders toll fand ich auch, wie nuanciert Gefühle und Mimik und Gestik der Figuren beschrieben werden. So werden einzelne Stimmungsumschwünge und auch die Spannungen in der Gruppe beim Lesen intensiv spürbar.

„Er war das zweite Mal auf diesem Pfad unterwegs, aber er erkannte nichts wieder. Die Landschaft schien sich zu verschieben und zu verändern, wenn sie unbeobachtet war.“ Seite 184

Inhalt, Themen, Botschaften & Ende (♥)

Jane Harper hat eine sehr geschickte Erzählweise gewählt: Abwechselnd erfahren wir in der Gegenwart, wie die polizeilichen Ermittlungen, die Befragungen und die Suche nach Alice laufen, und in der Vergangenheit, was tatsächlich in diesem dunklen Wald geschehen ist, als sich die fünf Frauen bei ihrer „Teambuilding“-Wanderung verirrten und die Nerven verloren. Falls nun jemand fürchtet, dass eine der Handlungen langweilig ist oder dass wir Alice und Co seitenlang und ohne interessante Vorkommnisse durch den Dschungel irren sehen – dann kann ich euch beruhigen. Der Autorin gelingt es, bei beiden Erzählsträngen die Spannung hochzuhalten. Ständig passieren bedeutende Kleinigkeiten, Katastrophen oder Durchbrüche, und auch wenn der Fokus oft auf der Gruppendynamik, den gruppeninternen Spannungen und den Geheimnissen liegt, die jede der Frauen zu verbergen hat, war ich vollkommen gefesselt und konnte das Buch kaum beiseitelegen.

„Ins Dunkel“ ist ein frischer, unterhaltsamer, routiniert geschriebener Thriller, der sich nicht an Klischees bedient, sondern neue Wege sucht. Niemals weiß man, wie es weitergeht, das Miträtseln und Vermuten macht richtig Spaß. Die Autorin behandelt Themen wie Schuld, Freundschaft, Angst, Verzweiflung, Sucht, Familie und alte Wunden sehr gekonnt und tiefgründig. Die schwierige Situation in der Wildnis und das langsame Eskalieren der Lage werden anschaulich und eindrucksvoll beschrieben. Immer wieder gibt es auch dramatische oder tragische Passagen, die dazu führen, dass einem die Figuren leidtun. Genau so muss ein guter Thriller sein! Das Ende ist erfrischend unspektakulär, aber: Die Autorin inszeniert auch kleinere Geschehnisse so, dass man den Atem anhält, weil man sich fast nicht weiterzulesen traut. Übrigens ist es problemlos möglich, den zweiten Band vor dem ersten zu lesen, da es nur sehr wenige Anspielungen auf die Vorgeschichte gibt.

Protagonisten & Figuren (♥)

Jane Harper hat in ihrer Geschichte komplexe Figuren geschaffen, die oft in den Graubereichen zwischen gut und schlecht, sympathisch und unsympathisch leben. Vor allem die fünf Frauen wurden sehr liebevoll gezeichnet und die vielen verschiedenen Perspektiven (etwas, das ich eigentlich nicht so gern mag) waren nötig und sinnvoll, um herauszufinden, was in ihnen vor sich geht. Man lernt Lauren, Jill, Bree, Beth und Alice auf den knapp vierhundert Seiten immer besser kennen und beginnt langsam, sie zu verstehen. Immer wieder kommt es hier zu überraschenden Enthüllungen, die ich so niemals erwartet hätte. Ihre Entwicklungen sind glaubwürdig.

Auch Aaron Falk mochte ich als Ermittler. Er ist zwar ruhig, recht wortkarg und gibt nur wenig von sich preis, aber man merkt, dass er ein gutes Herz hat. Auch er war gut ausgearbeitet. Etwas blass fand ich seine Partnerin Carmen, die ich bis zum Schluss nicht richtig einschätzen und greifen konnte. Hier hätte ich mir noch etwas mehr Charakterarbeit gewünscht. Aber bei einem so großen Ensemble wichtiger Figuren und bei den ebenfalls gut ausgearbeiteten Nebenfiguren kann ich das leicht verzeihen.

Spannung & Atmosphäre (♥)

Eines steht fest: Ich habe noch nie erlebt, dass eine Autorin einen Handlungsschauplatz derart gut nutzt. Der Dschungel mit seinen undurchdringlichen Bäumen, seiner Kälte, seinen Gefahren und seiner grausigen Vorgeschichte bildet nicht nur einen kleinen Aspekt im Handlungsrahmen, sondern wird fast selbst zu einer wichtigen Figur im Buch, einem Monster, das stets bedrohlich im Hintergrund lungert und leise atmet. Die Autorin verwebt die Geschichte so eng mit dem Setting, das eines ohne das andere unvorstellbar erscheint. Dabei gelingt es der Autorin, so atmosphärisch dicht zu schreiben, dass man immer wieder – und auch bei 30 Grad Außentemperatur – fröstelt und es einem vorkommt, als wäre man selbst dort. Man spürt die Kälte in den Knochen, die Feuchtigkeit im Gesicht, den Wind im Haar. Toll!

Dieses Buch bietet mit Sicherheit nicht Action und spritzendes Blut auf jeder Seite, jedoch überzeugt die Autorin mit einer viel feineren atmosphärischen und psychologischen Spannung, die sie immer weiter steigert. Dabei helfen ihr sowohl ihr wunderbar genutztes Setting als auch die geschickt platzierten Cliffhanger, manche unerwartete Wendung, unheilvolle Vorausdeutungen und das Tempo, das durch immer kürzer werdende Kapitel bis zum Ende immer weiter erhöht wird. Es gibt glückliche, unheimliche, traurige und wütend machende Momente in „Ins Dunkel“, und die Autorin stellt auch immer wieder die wilde, ungezähmte Schönheit der Natur in den Mittelpunkt. Dennoch: Über allen Geschehnissen liegt stets eine unheilvolle Drohung, die man niemals ausblenden kann und die immer wieder zu Gänsehaut-Momenten führt.

„‘Da draußen sollte man nicht allzu lange herumirren. Das Schlimmste ist die Panik. Nach ein paar Tagen sieht allmählich alles gleich aus, und du traust deinen eigenen Augen nicht mehr.‘ Er schielte nach draußen. ‚Das macht die Leute verrückt.‘“ Seite 28

Geschlechterrollen (+)

Jane Harper präsentiert uns in ihrem Buch eine breite Bandbreite verschiedener Frauen und Männer, die sehr gut die Realität abbilden. Jede Frau ist charakterlich und körperlich vollkommen unterschiedlich, niemals ist eine Frau bloß hübscher Schmuck. Die Frauen im Buch sind großteils stark und selbstbewusst, viele haben machtvolle Positionen im Unternehmen und arbeiten hart für ihre Karriere. Jedoch gibt es leider auch einen Vorfall von Slutshaming (noch dazu von einer Frau und Mutter), ansonsten wird mit einem schwierigen Vorfall sehr vernünftig umgegangen. Zusätzlich fällt auch mehrmals das Wort „Miststück“, das aber niemals das Liebesleben der Frauen beschreiben soll, sondern als Beleidigung für unsoziales Verhalten benutzt wird. Dennoch hätte ich mir, die Fotos betreffend, etwas mehr Sensibilität der Autorin für das Thema „Geschlechterstereotypen“ gewünscht. Einmal wird sich gewundert, dass ein Mann kochen kann (eine mehr als altmodische Aussage, da heute jeder kochen können sollte) – bei einer Frau hätte es wieder jeder selbstverständlich angenommen. Insgesamt bin ich mit dieser Geschichte jedoch auch, was den Genderaspekt betrifft, sehr zufrieden.

Mein Fazit

„Ins Dunkel“ von Jane Harper ist ein Thriller, der diese Genrezuordnung verdient und der mich vollkommen überzeugen konnte. Obwohl mir der Einstieg etwas schwerfiel und obwohl bei einer Nebenfigur noch etwas mehr Charakterarbeit nötig gewesen wäre, punktet das Buch in allen anderen Bereichen. Der Schreibstil ist sehr angenehm, anschaulich und routiniert, die Hauptfiguren sind komplex und liebevoll gezeichnet, und die Geschichte ist wendungsreich und wird sehr geschickt erzählt. Jane Harper bietet nicht Action auf jeder Seite, sondern eine viel feinere, hochatmosphärische und psychologische Spannung, die sie bis zum Schluss steigern kann. Dabei gelingt es der Autorin, das Setting, diesen undurchdringlichen Dschungel, perfekt zu nutzen. Über allem liegt stets eine unheilvolle Drohung – der Wald wirkt wie ein Monster, das stets versteckt im Hintergrund lungert und leise atmet. So kommt es vor, dass man oft vergisst, dass man eigentlich nur ein Buch liest und dass Hochsommer ist. Und plötzlich – bei 30 Grad Außentemperatur – fröstelt man.

Der erste Band ist schon bestellt, auch auf die Verfilmung des ersten Buches und etwaige Folgebände freue ich mich schon sehr!

Leseempfehlung: Uneingeschränkte Leseempfehlung! Besonders Menschen, die psychologische Spannung und einen toll genutzten, unheimlichen Schauplatz lieben, werden mit diesem Buch große Freude haben!

Bewertung

Idee, Themen, Botschaft: 5 Sterne ♥
Worldbuilding: 5 Sterne ♥
Ausführung: 5 Sterne ♥
Einstieg: 3,5 Sterne
Schreibstil: 5 Sterne ♥
Protagonisten: 5 Sterne ♥
Nebenfiguren: 5 Sterne
Atmosphäre: 5 Sterne ♥
Spannung: 5 Sterne ♥
Ende: 5 Sterne ♥
Emotionale Involviertheit: 5 Sterne ♥
Geschlechterrollen: +
Tiefgründig!

Insgesamt:

❀❀❀❀,5 Lilien und trotzdem ein Herz

Dieses Buch bekommt von mir 4,5 Lilien, die aufgerundet werden, und ein Herz – und somit den Lieblingsbuchstatus und eine uneingeschränkte Leseempfehlung!