Bedienungsanleitung für sachlichen, verständlichen Diskurs
Die kleinste gemeinsame WirklichkeitDie Autorin, promovierte Chemikerin, hat bereits ein Buch veröffentlicht, "Komisch, alles chemisch", in dem sie chemische Phäomene und Fragestellungen erklärt. zusätzlich zu "musstewissen Chemie" führt ...
Die Autorin, promovierte Chemikerin, hat bereits ein Buch veröffentlicht, "Komisch, alles chemisch", in dem sie chemische Phäomene und Fragestellungen erklärt. zusätzlich zu "musstewissen Chemie" führt sie seit mehreren Jahren den YouTube-Kanal mailab, wo sie aktuelle wissenschaftliche Fragestellungen erklärt und seit der Pandemie regelmäßig in den deutschen Trends landet.
Mit ihrem Sachbuch "Die kleinste gemeinsame Wirklichkeit", das sie während des ersten Pandemiejahres 2020 geschrieben hat, möchte sie sich "auf die Suche begeben, auf die Suche nach der kleinsten gemeinsamen Wirklichkeit. Ich will nicht nur herausfinden, worauf wir uns tatsächlich einigen können, sondern auch - und das ist eigentlich viel spannender -, wo die Fakten aufhören, wo Zahlen und wissenschaftliche Erkenntnisse noch fehlen und wir uns völlig berechtigt gegenseitig persönliche Meinungen an den Kopf werfen dürfen." (S. 13)
Dieses Zitat fasst eigentlich das Kernthema des Buches perfekt zusammen, auf eine auch für Laien verständliche, zuweilen trockene Art, die den Zuschauern des mailab-Kanals bekannt vorkommen wird.
In neun Kapiteln wird jeweils ein anderes, aktuell debattiertes Thema in den Blick genommen. Dazu werden die wissenschaftlichen Grundlagen, die zum Verständnis benötigt werden, erklärt, beispielsweise der Unterschied zwischen Korrelation und Kausalität oder wie die Zulassung von Arzneimitteln abläuft. Das passiert entweder im Text oder anhand von Schaubildern, die das Ganze nochmal sehr eindrücklich zeigen.
Bei ihrem anderen Buch ist ein Grundinteresse für Chemie von Vorteil, hier nicht. Natürlich ist es gut, ein kleines bisschen verrückt zu sein, um vor Begeisterung ausflippen zu können, wenn es vier Seiten Infografik als Zeitstrahl über Medizin-Nobelpreise gibt, oder mehrere Graphen nebeneinander, um vergleichen zu können, aber es geht auch ohne.
Gewürzt wird der Inhalt durch kleine persönliche Anekdoten, die die geballte Ladung an Fakten, Informationen und Wissen etwas auflockern und für ein Schmunzeln sorgen.
Allgemein ist dieses Buch visuell sehr ansprechend aufgebaut. Die Seiten sind eher creme- als reinweiß, dazu kommt dann die Gestaltung mit üblicher schwarzer Schrift und roten Akzenten. Besonder wichtige Wörter oder Sätze sind ebenfalls in rot, das wird aber sparsam verwendet. Auch die Grafiken sind nur in schwarz und rot, sodass das ganze Buch sehr einheitlich und gleichmäßig wirkt.
Zu diversen Aussagen gibt es genaue Verweise und Belege auf Artikel und Studien, sodass das Quellenverzeichnis am Schluss 20 Seiten umfasst. So ist es möglich, die Themen, die erklärt werden, auch zu verstehen, und das ganz ohne selbst nachschlagen zu müssen, was denn der Fachbegriff nochmal bedeutet.
Was auch nett ist: Auf dem rückseitigen Cover steht ganz klein nochmal der Verweis: "Aus ökologischen Gründen ist dieses Buch nicht in Folie eingeschweißt."
Insgesamt ist dieses Buch unglaublich informativ und ausgezeichnet verständlich, passend für alle Altersgruppen. Und weil öffentlich diskutierte Themen behandelt werden, muss man noch nicht einmal nerdig in irgendeine Richtung sein, um dieses Buch zu mögen, es reicht, sich ein wenig für Wissenschaft, ihre Erklärungen und aktuelles Weltgeschehen zu interessieren.