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Veröffentlicht am 22.05.2021

Bedienungsanleitung für sachlichen, verständlichen Diskurs

Die kleinste gemeinsame Wirklichkeit
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Die Autorin, promovierte Chemikerin, hat bereits ein Buch veröffentlicht, "Komisch, alles chemisch", in dem sie chemische Phäomene und Fragestellungen erklärt. zusätzlich zu "musstewissen Chemie" führt ...

Die Autorin, promovierte Chemikerin, hat bereits ein Buch veröffentlicht, "Komisch, alles chemisch", in dem sie chemische Phäomene und Fragestellungen erklärt. zusätzlich zu "musstewissen Chemie" führt sie seit mehreren Jahren den YouTube-Kanal mailab, wo sie aktuelle wissenschaftliche Fragestellungen erklärt und seit der Pandemie regelmäßig in den deutschen Trends landet.

Mit ihrem Sachbuch "Die kleinste gemeinsame Wirklichkeit", das sie während des ersten Pandemiejahres 2020 geschrieben hat, möchte sie sich "auf die Suche begeben, auf die Suche nach der kleinsten gemeinsamen Wirklichkeit. Ich will nicht nur herausfinden, worauf wir uns tatsächlich einigen können, sondern auch - und das ist eigentlich viel spannender -, wo die Fakten aufhören, wo Zahlen und wissenschaftliche Erkenntnisse noch fehlen und wir uns völlig berechtigt gegenseitig persönliche Meinungen an den Kopf werfen dürfen." (S. 13)
Dieses Zitat fasst eigentlich das Kernthema des Buches perfekt zusammen, auf eine auch für Laien verständliche, zuweilen trockene Art, die den Zuschauern des mailab-Kanals bekannt vorkommen wird.

In neun Kapiteln wird jeweils ein anderes, aktuell debattiertes Thema in den Blick genommen. Dazu werden die wissenschaftlichen Grundlagen, die zum Verständnis benötigt werden, erklärt, beispielsweise der Unterschied zwischen Korrelation und Kausalität oder wie die Zulassung von Arzneimitteln abläuft. Das passiert entweder im Text oder anhand von Schaubildern, die das Ganze nochmal sehr eindrücklich zeigen.

Bei ihrem anderen Buch ist ein Grundinteresse für Chemie von Vorteil, hier nicht. Natürlich ist es gut, ein kleines bisschen verrückt zu sein, um vor Begeisterung ausflippen zu können, wenn es vier Seiten Infografik als Zeitstrahl über Medizin-Nobelpreise gibt, oder mehrere Graphen nebeneinander, um vergleichen zu können, aber es geht auch ohne.

Gewürzt wird der Inhalt durch kleine persönliche Anekdoten, die die geballte Ladung an Fakten, Informationen und Wissen etwas auflockern und für ein Schmunzeln sorgen.

Allgemein ist dieses Buch visuell sehr ansprechend aufgebaut. Die Seiten sind eher creme- als reinweiß, dazu kommt dann die Gestaltung mit üblicher schwarzer Schrift und roten Akzenten. Besonder wichtige Wörter oder Sätze sind ebenfalls in rot, das wird aber sparsam verwendet. Auch die Grafiken sind nur in schwarz und rot, sodass das ganze Buch sehr einheitlich und gleichmäßig wirkt.

Zu diversen Aussagen gibt es genaue Verweise und Belege auf Artikel und Studien, sodass das Quellenverzeichnis am Schluss 20 Seiten umfasst. So ist es möglich, die Themen, die erklärt werden, auch zu verstehen, und das ganz ohne selbst nachschlagen zu müssen, was denn der Fachbegriff nochmal bedeutet.

Was auch nett ist: Auf dem rückseitigen Cover steht ganz klein nochmal der Verweis: "Aus ökologischen Gründen ist dieses Buch nicht in Folie eingeschweißt."

Insgesamt ist dieses Buch unglaublich informativ und ausgezeichnet verständlich, passend für alle Altersgruppen. Und weil öffentlich diskutierte Themen behandelt werden, muss man noch nicht einmal nerdig in irgendeine Richtung sein, um dieses Buch zu mögen, es reicht, sich ein wenig für Wissenschaft, ihre Erklärungen und aktuelles Weltgeschehen zu interessieren.

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Veröffentlicht am 21.05.2021

wahrhaft staunenswert

Womit das Vakuum gefüllt ist
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Die Bewertung nach Sternen ist hier ein bisschen schwierig, handelt es sich doch um ein Sachbuch und nicht um einen fiktionalen Roman. Wenn man nun aber die Naturwissenschaften stellvertretend für die ...

Die Bewertung nach Sternen ist hier ein bisschen schwierig, handelt es sich doch um ein Sachbuch und nicht um einen fiktionalen Roman. Wenn man nun aber die Naturwissenschaften stellvertretend für die Charaktere nimmt, kann man guten Gewissens viele Sterne geben.

Für dieses Buch sollte man eine Grundbegeisterung für Naturwissenschaften haben, andernfalls ist es schon schwierig, in Jubelstürme auszubrechen. Es ist allerdings kein besonders tiefes Wissen erforderlich, weil de Erklärungen ziemlich gut sind, das Grundwissen aus der Schule sollte ausreichen. Wer mal in einem naturwissenschaftlichen Leistungskurs saß, sollte aber sicherlich einige Dinge wiedererkennen.

Der Fokus liegt auf Physik, besonders Astrophysik, und Biologie, aber auch ein wenig Chemie. Dabei werden Naturphänomene und Gesetzmäßigkeiten erklärt. Besonders betont werden dabei Geschehnisse im All, wie beispielsweise die verschiedenen Atome entstehen. Besonders gegen Ende des Buches sind dann biologische Phänomene an der Reihe.

In den 33 Kapiteln werden jeweils abgeschlossen bestimmte Aspekte behandelt, sodass sie einzeln gelesen werden können.
Insgesamt sind die Erklärungen sehr gut verständlich und die Kapitel inhaltlich so abwechslungsreich, dass für jeden Menschen etwas spannendes dabei sein sollte, durch das man über die Natur staunen kann.

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Veröffentlicht am 17.05.2021

Trotz Klischees wunderschön

Die Rebellinnen von Oxford - Verwegen
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„Verwegen“ ist der erste Teil der Reihe um „Die Rebellinnen von Oxford“.


Inhalt:

Annabelle Archer lebt auf im späten 19. Jahrhundert auf dem Bauernhof ihres Cousins Gilbert, wo sie schwer schuften muss. ...

„Verwegen“ ist der erste Teil der Reihe um „Die Rebellinnen von Oxford“.


Inhalt:

Annabelle Archer lebt auf im späten 19. Jahrhundert auf dem Bauernhof ihres Cousins Gilbert, wo sie schwer schuften muss. Durch ein Stipendium, dass sie durch die Mitarbeit in einer Suffragistinnen-Gruppe erhält, darf sie an der Universität Oxford studieren. Neben dem Lernen und der Arbeit in der Gruppe, bei der sie für eine Reform des Wahlrechts und des Heiratsgesetzes kämpft, bleibt nicht viel Zeit für anderes. Dann wird sie, zusammen mit ihren Freundinnen, auf den Landsitz von Herzog Sebastian Montgomery eingeladen, den sie davon überzeugen soll, für die Reform zu stimmen, obwohl er einer der schärfsten Gegner ist. Im Laufe der Zeit kommen die beiden sich näher, sodass sie auf den Silvesterball eingeladen wird. Doch das schafft mehr Probleme als dass es löst, denn die Adelskreise des Englands des 19. Jahrhunderts passen nicht direkt zu einem Bauernmädchen aus armen Verhältnissen.


Meine Meinung:

Die Hauptfiguren sind Annabelle Archer, Oxford-Stipendiatin, und Sebastian Montgomery, Herzog.
Die Charaktere sind allgemein sympathisch. Von jeder „Sorte Mensch“ ist jemand dabei: Da sind überhebliche Charaktere, die man nach Herzenslaune verachten kann, stille Menschen, vorlaute, selbstbewusste, belesene… So ist für jeden etwas dabei und man kann sich gut identifizieren.
Aber auch mit den Hauptfiguren konnte ich mich identifizieren, weil durch den Perspektivenwechsel beide Gedanken klar werden.
Annabelle ist wortgewandt, selbstbewusst und lässt sich nicht davon einschüchtern, dass ihr Umfeld zu einer höheren sozialen Schicht angehört als sie. Das macht es für heutige Leser leicht, weil man eher dazu neigt, das gesellschaftliche Klassensystem als antiquiert anzusehen; und dass sich die Hauptfigur nun dagegen auflehnt, ist aus heutiger Sicht deutlich leichter vorstellbar.

Besonders in ihren Interaktionen fällt auf, dass Annabelle und Sebastian sich sehr ähneln. Sie sind beide intelligent und belesen, aber auch stur, sodass es zu einigen Auseinandersetzungen führt. Die sind stets mit Witz geführt und beinhalten einen so trockenen Humor, dass ich beim Lesen lachen musste. Das war vermutlich mein liebster Anteil des Buches. Diese Auseinandersetzungen kommen immer genau zum richtigen Zeitpunkt, sodass sie nicht zu viel werden, sondern nur das Gesamte auflockern.

Wer mehr über das Leben und Lernen in Oxford erfahren möchte, der ist mit diesem Buch nicht immer gut beraten, weil das, trotz anfänglicher Richtung, eher Nebenthema bleibt.

Der Schreibstil ist unfassbar flüssig. Es ist super-leicht geschrieben, die perfekte Lektüre, um darin zu versinken. Die Worte klingen einfach schön, wenn man sie im Kopf liest. Es ist unglaublich schwer, das Buch wegzulegen, weil es so gut geschrieben ist. Obwohl dieser Stil so leicht zu lesen ist, wirkt er nicht zu einfach oder platt, sondern immer noch kunstvoll und blumig.
Auch die Beschreibungen sind schön, weil man sich gut vorstellen kann, wie die Personen und Orte aussehen.
Stilistisch und inhaltlich ist das Buch sehr rund, sodass man mühelos in der Geschichte versinken kann.

Ein bisschen kitschig ist es manchmal schon, wenn etwas zu dick aufgetragen wird. Das macht das Buch manchmal vorhersehbar. Dass man schon ahnen konnte, wie das Buch ungefähr ausgeht, macht das Ende aber nicht weniger schön, vor allem, weil man im Mittelteil ziemlich davon abgelenkt wird und man auch die genauen Umstände nicht vorhersehen kann.

Das Cover ist wunderschön. Das Material fühlt sich toll an und das Farbschema passt super zum Buch. Allgemein repräsentiert es die Geschichte, ohne viel darüber preiszugeben.


Fazit:

Bei diesem Buch wurde bis zum Ellenbogen in den Klischeesack gegriffen. Die Ähnlichkeiten zu anderen historischen Romanen oder auch Romanen, die in der Zeit geschrieben wurden, sind leicht zu sehen. Dennoch macht es das nicht zu einem schlechten Buch. Obwohl die Handlung relativ vorhersehbar ist, gibt es überraschende Wendungen, die noch mehr auffallen, weil man denkt, man wüsste schon, was passieren wird.
Außerdem kann man dadurch besser einschätzen, ob einem das Buch gefallen wird. Wer diese Genres gerne liest, dem wird auch dieses Exemplar gefallen, schließlich ist es geradezu ein Musterbeispiel.
Am besten gefallen haben mir persönlich das erste und letzte Drittel, was perfekt für ein Buch ist, weil ich so erst in den Bann gezogen wurde und es dann am Ende nochmal richtig schön wurde.

In den nächsten Teilen geht es nicht mehr hauptsächlich um Annabelle, sondern um die Freundinnen, die sie bei der Suffragistinnen-Gruppe gefunden hat. Auf der einen Seite ist das schade, weil ich Annabelle ziemlich ins Herz geschlossen habe, auf der anderen Seite klingt das sehr vielversprechend, weil sie immer noch Nebencharakter sein kann und ich auch mehr über ihre Freundinnen erfahren möchte, die in diesem Buch ein bisschen im Hintergrund geblieben sind.

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Veröffentlicht am 18.04.2021

gruselig vom ersten Satz an

Die Patienten
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Inhalt
Kriminalpsychologin Caro Löwenstein wird zusammen mit Kommissar Simon Berger zu einem abgelegenen Therapiehof im Taunus gerufen. In einer Kapelle im Wald wurde eine Frau gefunden, deren Bauch aufgeschlitzt ...

Inhalt
Kriminalpsychologin Caro Löwenstein wird zusammen mit Kommissar Simon Berger zu einem abgelegenen Therapiehof im Taunus gerufen. In einer Kapelle im Wald wurde eine Frau gefunden, deren Bauch aufgeschlitzt wurde, nachdem sie gefoltert wurde. Die Ermittlungsarbeit auf dem von der Außenwelt abgeschnittenen Anwesen erweist sich als schwierig, weil keiner mit den Ermittlern redet, wobei nicht klar ist, wie sehr der Leiter der Einrichtung dort seine Finger im Spiel hat. Die einzige Möglichkeit ist, dass Caro alleine dort bleibt, um Hinweise zu sammeln, die sie in die Vergangenheit führen, während sie in der Gegenwart ins Visier des Mörders gerät.

meine Meinung
Die Geschichte ist komplett krank. Es war mir nicht möglich, das Buch lange aus der Hand zu legen, weil es so unfassbar spannend war, sodass ich es an einem Tag durchgelesen habe.
Insgesamt war der Handlungsverlauf irgendwie seltsam: Erst zog sich alles, nichts ging voran, und dann überschlugen sich auf einmal die Ereignisse. Das war sicherlich auch gewollt und lässt Leser mitfühlen, was im Buch passiert. Hilfreich dabei sind die Datumsangaben alle paar Kapitel, um zeitlich besser einordnen zu können.

Obwohl die Figuren eher oberflächlich beschrieben wurden, über Caro, die Hauptfigur, blieb mir nur in Erinnerung, dass sie rothaarig ist, eine jugendliche Tochter hat und einen Ex-Mann, schaffte der Autor es, dass man sich in sie hineinversetzen konnte. Caro ähnelt dem DurchschnittskrimileserInnen mehr als viele andere Ermittler. Sie kann dem Täter nur durch psychologische Hinweise auf die Spur kommen, hat also keine weiteren Möglichkeiten als Lesende, wodurch gemeinsam geraten wird. Außerdem trägt sie keine Waffe, was sie angreifbarer macht, und ähnlicher. Das sorgt auf jeden Fall für Angst im Dunkeln und alleine, weil man sich besser in sie hineinversetzen kann.

Schade fand ich allerdings, dass obwohl Caro Profilerin ist, die psychologischen Hintergründe ziemlich kurz kamen. Zumindest für meinen Geschmack hätte da noch mehr sein dürfen.

Das Cover passt extrem gut zur Handlung, mit blutigem Messer und dem gruseligen Wald im Hintergrund. Gerade nach dem Lesen kann man die einzelnen Elemente sehr gut der Geschichte zuordnen.

Das Ende dagegen hat mich nicht hundertprozentig überzeugt. Gefühlt gab es eine komplette Kehrtwende, was sicherlich geplant und absichtlich war, mir aber nicht hundertprozentig zugesagt hat, weil die Hinweise darauf vorher zu dünn waren, wodurch es ein bisschen an den Haaren herbeigezogen wirkte.
Auch ist die Aufklärung im Schnelldurchlauf nicht mein Favorit gewesen. Es wirkte ein bisschen so, als wolle der Autor nochmal schnell alles erklären, was vielleicht einen Überblick gegeben hat, aber in der Tiefe nicht nötig gewesen wäre, weil man das schon aus den Ereignissen lesen konnte. So wirkte die Szene etwas konstruiert und gestellt, im Gespräch wirkte es heruntergerasselt und abrupt. Für Menschen, die am Ende den Überblick verloren haben, ist das aber bestimmt hilfreich, um wieder Durchblick zu erlangen.

Fazit
Das Buch war unfassbar spannend. Ich werde wahrscheinlich noch ein paar Tage paranoid im Dunkeln sein, aber das war es wert, da gibt es noch heftigere Bücher. Auch wenn man die Figuren noch nicht in besonderer Tiefe kennenlernen konnte, ist das erst der erste Band der "Löwenstein und Berger"-Reihe, sodass das vermutlich in den Folgebänden passiert. Zumindest sympathisch waren sie, deshalb ist die knappe Beschreibung verzeihlich.

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Veröffentlicht am 14.04.2021

angenehmer Krimi in spannungsvollem historischen Setting

Der nasse Fisch
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Inhalt
Deutschland im Jahre 1929: Kriminalkommissar Gereon Rath wird aus Köln nach Berlin versetzt, nachdem ein Schusswechsel ungünstig verlief. Dort wird er, trotz Beziehungen, zunächst in der Abteilung ...

Inhalt
Deutschland im Jahre 1929: Kriminalkommissar Gereon Rath wird aus Köln nach Berlin versetzt, nachdem ein Schusswechsel ungünstig verlief. Dort wird er, trotz Beziehungen, zunächst in der Abteilung "Sitte" eingesetzt, wo er sich statt mit Mordfällen mit Pornokaisern herumschlagen darf.

Nachdem ein Russe unter mysteriösen Umständen zu Tode kommt, ermittelt er auf eigene Faust und ohne Erlaubnis.
Dabei muss er zwischen Kommunisten und Sozialisten des politisch gebeutelten Berlins in der Wirtschaftskrise auch auf sich selbst aufpassen, den spätestens nachdem ein nächster Schusswechsel unglücklich ausgeht, muss er zusehen, dass ihm sein Gebilde aus Halbwahrheiten nicht selbst um die Ohren fliegt.


Meine Meinung
Der Schreibstil Volker Kutschers ist angenehm zu lesen, zwar nicht besonders kunstvoll, aber das würde auch nicht zu diesem Roman passen.
Das Setting ist spannend, dazu muss gar nicht viel passieren außer den historischen Ereignissen, die zumindest im Hintergrund eingeflochten werden. Ich freue mich schon auf die Folgebände, um ein wenig Fiktion im historischen Kontext zu finden. Das Zitat "eine gerahmte Fotografie von diesem Hitler, einem komischen Kauz mit Charlie-Chaplin-Bart" macht ziemlich anschaulich, was für einen historischen Wissensvorsprung Leser den Buchfiguren gegenüber haben.

Eigentlich auch ein wenig mehr Fiktion, wenn man sich den Inhalt genauer anschaut. Einige Dinge wirkten übertrieben, zu gestellt, selbst für Fiktion. So viele Zufälle sind einfach unrealistisch, sodass die Handlung an einigen Stellen ein wenig konstruiert und dick aufgetragen wirkte, weil gerade zufällig das richtige Puzzlestück im richtigen Moment geliefert wurde. Ergänzt wurde das durch einige (nicht alle!) Wendungen, die nicht wirklich überraschen konnten.
Teilweise kamen so viele Ereignisse zueinander, dass es fast zu viel wurde. Das macht aber verständlich, warum eine Serie aus dem Buch gemacht wurde, genug einzelne Ereignisse sind auf jeden Fall da.

Und auch die moralische Fragwürdigkeit einiger Taten ist wahrscheinlich historisch nicht weit hergeholt, aber etwas dick aufgetragen. Hier schafft Kutscher es aber, seinen Protagonisten gerade eben so viele Sympathiepunkte sammeln zu lassen, dass sich solche Zweifelhaftigkeiten zähneknirschend akzeptieren ließen.

Die Spannungskurve ist angenehm eingeflochten. Am Anfang ziehen sich die Ereignisse ein wenig, sodass ich überrascht wurde, nach dem Motto "Hoppla, das ist ja ein Spannungshöhepunkt, wo kommt der denn jetzt her?"
Insgesamt ist das Buch unter dem Gesichtspunkt aber flüssig zu lesen, weil trotz einiger vorhersehbarer Wendungen immer genug passiert, um Leser bei der Stange zu halten. Die kurzzeitigen "Spannungsflauten" sind nicht zu ausgedehnt, um den Lesespaß zu mindern.

Die Figuren hätten allerdings noch etwas besser ausgearbeitet werden können, indem sie mehr Raum bekommen. Kommissar Rath stand ganz klar im Mittelpunkt, ohne anderen viel Bühnenplatz zu gewähren. Dadurch blieben einige Charaktere ein bisschen blass. Obwohl Rath sicherlich auch Einzelkämpfer ist und das durch diese Zentrierung zum Ausdruck gebracht wird, wurde es mir persönlich ein bisschen zu viel von ihm.

Das Cover in Graustufen ist vielleicht nicht unbedingt Eyecatcher, passt aber gut zum Roman und seiner Atmosphäre.

Fazit
Insgesamt ist das Buch lesenswert, trotz einiger Vorhersehbarkeiten. Ein Krimi, dessen 600 Seiten sich innerhalb einiger Abende entspannt auf dem Sofa lesen lässt, der spannend genug ist, um weiterzulesen, aber nicht so sehr, dass er einem den Schlaf raubt, weil man hinter jeder Ecke Attentäter vermutet.

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