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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 31.10.2023

Berührend und bewegend

Vom Mond aus betrachtet, spielt das alles keine Rolle
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Ein Lockdown bildet die Rahmenhandlung für die Geschichte, während dem Sally, ihre Mutter Marianne und die Geschwister Charlie, Franny und Henry zusammen in ihrem Haus leben. Eine komische Zeit, was auch ...

Ein Lockdown bildet die Rahmenhandlung für die Geschichte, während dem Sally, ihre Mutter Marianne und die Geschwister Charlie, Franny und Henry zusammen in ihrem Haus leben. Eine komische Zeit, was auch durch Sallys Unentschiedenheit über ihre berufliche Zukunft und ihr passives Leben verstärkt wird. Neben gemeinsamen Projekten, gibt es aber auch viel Kritik und Streit zwischen der Mutter und einiger ihrer Kinder. Jede/r hat eine eigenen Meinung und eigene Angelegenheiten, die oft aufeinanderprallen. Und dann zieht auch noch Leni ein, Mariannes Mitarbeiterin, von der sie schon immer geschwärmt hat, während Sally selbst das Gefühl hat nicht genug zu sein. Somit bringt Lenis Einzug erst so richtig alles durcheinander.

"...und ein Problem wälzt, das für andere die Erfüllung ihrer Träume bedeutet. Es ist schon irgendwie komisch, wie unterschiedlich etwas aussehen kann, je nachdem, von wo aus man es betrachtet. Ein schmaler Grat namens Leben zwischen Traum und Albtraum.", S. 77

Ich hab mich so sehr auf Anne Freytags neuen Jugendroman gefreut und auf den ersten Seiten sofort verspürt warum: Annes Schreibstil ist gefühlvoll, empathisch, poetisch und trifft vor allem mit ihren Worten genau auf den Punkt. Die Gefühle und Emotionen der Protagonisten wurden so gefühlvoll und nachvollziehbar vermittelt – als würde Anne Freytag mit ihrer Feder nicht auf Papier (vielmehr Tastatur), sondern direkt in das Herz der Leser/innen schreiben. Und dabei nutzt sie so wunderschöne und ungewöhnliche Beschreibungen, dass einem das Herz aufgeht. Ich habe so viele Textstellen markiert! Die Kehrseite dieses wunderbaren Schreibstils ist es aber, dass die Gefühle und Gedanken von Sally die Leser/innen auch intensiv treffen. In vielen Aspekten unseres Lebens sind Sally und ich unterschiedlich, aber ihre Situation und Emotionen haben mich so sehr getroffen, dass ich mit der Zeit immer nur kleine Stücke der Geschichte lesen konnte und sie auch mal für eine Woche liegen gelassen habe. Eine wunderschöne, aber nicht immer leichte Geschichte. Ich finde es toll, dass Sallys Gefühle so allgemeingültig sind, dass zumindest einige Emotionen davon schon jede/r von uns selbst gespürt hat und sich bestimmt auch viele junge Personen in ihrer Lebenssituation widerfinden können.

"In manchen Momenten spielt fast nichts mehr eine Rolle. Als wäre man so weit unten, dass es nicht tiefer geht. (Was natürlich Quatsch ist, weil es immer tiefer geht, weil selbst in einer Talsohle eine Falltür lauern kann.)", S. 307

So folgt man einige Wochen vor und während Weihnachten Sally und ihrer Familie, was insgesamt vielleicht wenig ereignisreich sein mag, aber dafür viele Emotionen in den Charakteren und auch Leser/innen aufwirbelt. Die Geschichte ist sehr charakterorientiert, da stets Sallys Familien- und Liebesleben im Mittelpunkt stehen. Es wird z. B. nicht nur Sallys gegenwärtige Beziehung zu Felix thematisiert, sondern auch in Rückblicken alle ihre bisherigen Erfahrungen diesbezüglich. Auch in anderen Bereichen erfährt man sehr genau durch Rückblicke und Gedanken, wie Sally tickt. Später dann ist die Geschichte auch aus Lenis Sichtweise beschrieben, was nochmal mehr Tiefe gibt, aber für mich nicht immer gut genug vermerkt wird. Zum Ende hin gibt es zwei Dinge, die ich nicht gänzlich nachvollziehen konnte. Ich hätte die Situation bzw. das Gefühl gerne auch selbst nachempfinden und nicht nur als gegeben hinnehmen wollen, weil dies für mich zu einer runden Geschichte gehört. Das endgültige Ende zeigt nochmal viel vom Leben von Leni, Sally und deren Familie und insgesamt auch, wie das Leben so spielen kann, was ein schöner Abschluss ist.


Fazit:
„Vom Mond aus betrachtet, spielt das alles keine Rolle“ zeigt Sallys eher passive Rolle in ihrem eigenen Leben und all ihre Gefühle und Gedanken. Eben diese der vielen Charaktere stehen im Vordergrund und füllen das Haus der Familie bzw. die Seiten. Dadurch handelt es sich um eine langsame Geschichte, die leise anfängt, aber emotional doch sehr intensiv wird.

Veröffentlicht am 21.10.2023

Unglaublich spannend und aufwühlend

Happy Meat – Der Geschmack der Liebe
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Seit den letzten Seiten von “Spicy Noodles” war ich so gespannt auf Cava, ihre Fähigkeit und ihre Familie. Hier folgen wir Cava, als sie erfährt, dass einer ihrer Brüder mit DIET (FBI-Einheit für Göttererben) ...

Seit den letzten Seiten von “Spicy Noodles” war ich so gespannt auf Cava, ihre Fähigkeit und ihre Familie. Hier folgen wir Cava, als sie erfährt, dass einer ihrer Brüder mit DIET (FBI-Einheit für Göttererben) zusammengearbeitet hat. Sie ist enttäuscht von dem Toten und fragt sich, warum er die Familie so verraten hat und versucht dies nun herauszufinden. Bei einigen ihrer Einsätze für die Familie stößt Cava auf Colt, der nur indirekt Teil der Göttererben-Welt ist, und auf einige interessante Zusammenhänge. Also beschließt sie gemeinsam mit Colt nachzuforschen.

Ich war immer so gespannt, welche Fähigkeit in Cavas Familie liegt. Diese Frage steht in dem Buch auch lange im Raum und wird erst am Ende gelüftet. Unglaublicher Spannungsbogen! Ich hab so viel gerätselt, bin aber nicht ansatzweise drauf gekommen. Ebenfalls sehr fesselnd sind die anderen Geschehnisse, also die Einsätze Cavas und ihrer Brüder für die Familie und ihre Nachforschungen bezüglich ihres verstorbenen Bruders. Demnächst findet das Street Food Festival von Very Happy Meat statt, wobei hinter den Kulissen nicht nur Vorbereitungen in den Metzgereien dafür laufen, sondern sich auch noch anderes anbahnt. Die Geschichte ist durchweg spannend und ein echter Page-Turner. Nebenbei erfährt man viel über ihre Familie (der Stammbaum und Verzeichnis ihrer vielen Brüder am Anfang des Buches ist sehr hilfreich für mich gewesen), wie sie tickt und auch wie Cava aufgewachsen ist. Das Familiengefüge hat mich schockiert, ihre Eltern total wütend und Cavas nachvollziehbar geschilderte Situation einfach traurig gemacht.

Die Welt fühlt sich manchmal zu schwer an. Als läge sie mit ihrem ganzen beschissenen Gewicht auf mir. [...] Aber [hier] kann ich das hin und wieder zumindest vergessen. Wenigstens für ein paar Sekunden. S. 142

Das Ende finde ich schlussendlich passend. Endlich wird in einer gewaltigen Szene Cavas Fähigkeit enthüllt, die mir gefällt. Einiges hat mich hier aber auch enttäuscht. Erstens, dass Colt und seine Hintergrundgeschichte einfach zu perfekt sind, ich hab immer mehr erwartet. Außerdem hätte ich mir gerne mehr Informationen zu Cavas Großmutter gewünscht. Es wird immer wieder etwas angedeutet, die Großmutter zum Schluss auch kurz erwähnt, da hätte ich mir zumindest ein Gespräch über ihre Vergangenheit gewünscht, damit dieser Erzählstrang rund um die Familie Very Happy Meats abgerundet ist. Das letzte störende Detail für mich ist die Überleitung zum nächsten Band im Food-Universe. Ich finde es nicht passend für Cavas Geschichte, wodurch die Einführung des Protagonisten für den nächsten Teil der Reihe ist für mich sehr plump gewesen ist.


Fazit:
„Happy Meat“ ist von Anfang an extrem spannend und mitreißend. Außerdem konnte mich Cavas Geschichte auch berühren und sehr oft aufregen (Triggerwarnung beachten). Zum Ende hin spitzt sich alles zu und wird fesselnd und glaubhaft abgeschlossen. Einige Aspekte haben mich jedoch gestört, weil sie meiner Meinung nach gefehlt oder nicht gepasst haben. Nichtsdestotrotz ist „Happy Meat“ eine unglaublich spannende Geschichte über eine mafiaähnliche Familie und für mich das beste Buch von Marie Graßhoff seit einiger Zeit.

  • Einzelne Kategorien
  • Handlung
  • Erzählstil
  • Charaktere
  • Cover
  • Fantasie
Veröffentlicht am 16.10.2023

Wo ist das Besondere?

Das Glück der Geschichtensammlerin
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Janice ist Putzfrau und deshalb für manche Menschen das unterste Glied in der Kette, für andere ein Kummerkasten oder sogar Freundin. Und so sammelt sie während all der vielen Jahre ihrer Tätigkeit die ...

Janice ist Putzfrau und deshalb für manche Menschen das unterste Glied in der Kette, für andere ein Kummerkasten oder sogar Freundin. Und so sammelt sie während all der vielen Jahre ihrer Tätigkeit die Geschichte der unterschiedlichsten Menschen. Das Buch setzt an, als sie beginnt für die 92-jährige Mrs B zu putzen. Herrisch und intelligent erzählt hingegen sie Janice eine Geschichte, die sich über das gesamte Buch erstreckt, bis Janices eigene Geschichte ans Licht kommt. Währenddessen lernt sie auch den Busfahrer Euan kennen, der ihr vier Geschichten seines Lebens erzählt.

In diesem Buch geht es viel um Geschichten, um Lebensgeschichten unterschiedlichster Menschen, die das Leben der Protagonistin nur gestreift haben, aber hier durch Erzählungen auftauchen. Viele sind herzlich oder gar berührend, aber mit der Zeit werden sie zu knapp hingeworfen, weil sie eben große Gefühle bewirken, dir wir Leser/innen gar nicht fühlen dürfen, weil die jeweilige Geschichte schon auserzählt ist. Insbesondere zum Ende hin nimmt das Buch eine tiefgründigere und trocknere Atmosphäre ein, wo kein Platz mehr für angedeutetes bleibt. Mrs B Geschichte ist nicht langweilig, aber ich habe mich mit jeder Seite gefragt, was an ihrer Geschichte, die nicht mal ihre eigene ist, so besonders sein soll. Auch wenn diese Erzählung etwas Geduld erfordert, wird der Grund am Ende deutlich.

Der Schreibstil ist angenehm trägt durch die Geschichte. Die Autorin bringt uns Janice und die anderen Protagonisten nahe, ist aber nie zu intensiv oder emotional, anfangs oft auch noch amüsant. Besonders der Hund Decius und seine Bemerkungen sind ein sehr schönes Detail des Buches.

Als Janice zum Schluss endlich ihre eigene Geschichte erzählt, war es eine Überraschung und hat ebenfalls Emotionen bei mir hervorgerufen. Denn sie hat früher noch so viel mehr erlebt, als uns das jetzige Abbild ihres Lebens verrät. Sie ist nicht nur Putzfrau und mit einem nervigen Mann verheiratet – sie ist mehr. Apropos nerviger Mann: Sein Verhalten bezüglich seines Berufs und ihrer Ehe wurde von Anfang an immer wieder aufgegriffen, was mich mit der Zeit sehr gestört hat, da es einfach unglaublich nervig und teilweise bedrückend ist, so nervig! Doch so einzigartig Janices Geschichte, so wie jede fiktive im Buch und jede einzelne von uns realen Menschen, auch ist, so wenig besonders empfand ich nach den vielen anderen Schicksalen das von Janice.


Fazit:
„Das Glück der Geschichtensammlerin“ erzählt so viele unterschiedliche, oft zu kurz angerissene Geschichten. Das Buch punktet definitiv mit den besonderen Charakteren auf die Janice trifft, insbesondere der Hund Decius ist eine lustige Konstante. Manchmal ist die Geschichte aber auch nervig (Janices Mann) oder düster (durch einzelne Lebensgeschichten). „Das Glück der Geschichtensammlerin“ ist eine berührende und tragische Geschichte über so viele Lebensgeschichten, die jemanden von uns gehören könnte.

  • Einzelne Kategorien
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 10.10.2023

Gelungene Fortsetzung für die gruselige Herbstzeit

Der Totengräber und der Mord in der Krypta (Die Totengräber-Serie 3)
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Unter dem Wiener Stephansdom werden Führungen in die Krypta angeboten, wo sich noch viele alte Schädel und Skelette stapeln. Bei einer solchen Führung wird der Gruselfaktor noch erhöht, denn die Schaulustigen ...

Unter dem Wiener Stephansdom werden Führungen in die Krypta angeboten, wo sich noch viele alte Schädel und Skelette stapeln. Bei einer solchen Führung wird der Gruselfaktor noch erhöht, denn die Schaulustigen entdecken eine frische Leiche: Ein Arzt, der einige beliebten spiritistische Sitzungen hat auffliegen lassen. Als Julia, die Tatortfotografin, ihre Bilder entwickelt, entdeckt sie darauf ein Gespenst. Hat sich etwa ein Geist an dem Arzt gerächt? Während Leo sich auf die Suche nach einem lebenden Mörder macht, stoßen der Totengräber Augustin und seine Tochter Anna auf den Nachtkrapp, der Kinder aus dem Kinderheim stehlen soll. Sagengestalten und Geister – was steckt dahinter?

Wie immer schafft Oliver Pötzsch einen spannenden Krimi rund um den Inspektor Leopold und dem Totengräber Augustin. Fesselnd werden die zwei Fälle aufgewickelt und immer detailreicher und aufregender dargestellt. Indizien vermischen sich und die Spannung spitzt sich zu, bis Leo am Ende den oder die Täter überführt, was ich vorher kein bisschen habe kommen sehen. Zwischendurch fragt man sich, ob nicht wirklich ein Geist seine gestaltlosen Finger im Spiel haben könnte. Neben den Geisterfotografien dürfen wir Leser/innen einer Geisterbeschwörung beiwohnen und auch die alte Wissenschaft, dass man anhand der Schädelform Charaktereigenschaften, gar das Böse erkennen könnte, spielt eine Rolle und geben den kriminalistischen Fällen einen leicht unheimlichen Flair.

Ebenfalls wie gewohnt bilden Wien und die damalige Zeit eine faszinierende Rahmenhandlung für den Krimi, weil man den Charakteren auf der im Buch abgedruckten Straßenkarte Wiens folgen kann und sogar als Hochdeutsch sprechende/r Leser/innen ein Glossar mit einigen Begriffen des typischen Dialekts erhält. Außerdem sind auch wieder einige Auszüge aus Augustins neuem Buch enthalten, diesmal schreibt er über „Spuk und Geisterscheinungen“, von denen er als Totengräber womöglich mehr Erfahrung hat als die Geisterbeschwörer. Das Privatleben der Buchfiguren füllt die Geschichte auf, wodurch man ihnen sehr nahe kommt. Sogar Leos Mutter kommt ihn schließlich besuchen und auch ein Herr namens Arthur Conan Doyle verweilt während der Geisterscheinungen in Wien. Leos und Julias Beziehung hat mich zeitweise etwas genervt, weil ich immer mehr davon überzeugt bin, dass die beiden nicht zusammen passen und Julia auch manchmal gegensätzliches gedacht hat, als im zweiten Teil dieser wunderbaren Reihe. Aber am spannenden Ende war ich wieder mit Julia versöhnt und ihrer beider Beziehung zufrieden.


Fazit:
„Der Totengräber und der Mord in der Krypta“ ist wieder ein sehr spannender Krimi mit mehreren faszinierenden Fällen, die der Inspektor Leo und Totengräber Augustin auf der Spur sind. Gespickt mit Geisterscheinungen, Spiritismus und Séancen ist dem Autor wieder ein schöner cosy crimi gelungen, der perfekt in die spukvolle Herbstzeit passt. Ich freu mich nun riesig auf den nächsten Fall und kann es kaum erwarten gemeinsam mit dem Totengräber Augustin in neuen Fällen nach aufregenden Hinweisen zu graben.

Veröffentlicht am 23.09.2023

Verliert an Spannung

Der Porzellaner
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Gleich zu Beginn des Buches begleiten wir 1719 den flüchtenden Samuel, was zugleich die Frage aufwirft, wie es dazu kommen konnte und somit direkt Spannung bringt. Denn danach folgen die Kapitel von 1706 ...

Gleich zu Beginn des Buches begleiten wir 1719 den flüchtenden Samuel, was zugleich die Frage aufwirft, wie es dazu kommen konnte und somit direkt Spannung bringt. Denn danach folgen die Kapitel von 1706 an chronologisch, während der Bergmann Samuel nach Meißen in die Albrechtsburg kommt, um dort mit Kollegen bei der Herstellung von Gold helfen soll. Böttger hat dies dem Kurfüsten von Sachsen demonstriert, der ihn seitdem gefangen hält und auf das ersehnte Gold wartet, dass er so dringend für seinen teuren Krieg benötigt. Doch was bisher nur ein Trick war, ist nicht leicht zu entwickeln, weswegen Böttger nun zusammen mit Tschirnhaus zunächst hinter das Geheimnis der Porzellanherstellung kommt – das erste Mal außerhalb Asiens. Doch Tschirnhaus stirbt und Böttger leitet die Porzellanmanufaktur mit Nehmitz, der das Bindeglied zum Kurfürsten darstellt, die sich beide ständig uneins sind und streiten. Die erfolgreiche Produktion von vergleichbarem Porzellan aus China geht einen langen Weg.

"Und doch ist es zerbrechlich, das Porzellan, wie unser Glück, der Reichtum, unser Leben. Im Streit und ohne Frieden bleibt davon nicht mehr als ein paar Scherben.", S. 226

In diesen Roman wird auch die politische Lage von Sachsen und das Leben des Kurfürsten August aufgegriffen. Denn Augusts Gier auf das Gold und sein Umgang mit der Manufaktur sind genauso ausschlaggebend für das weiße Gold, wie die Erfindungen von Böttger und die Leitung von Nehmitz, sowie schlussendlich auch die Flucht und der Verrat von Samuel Stöltzel. Die politische Lage und Samuels Leben werden durch unterschiedliche Perspektiven dargestellt. Neben dem eigentlichen Protagonisten Samuel, kommt auch seine große Liebe Sophie in einigen Kapiteln zu Wort, genauso wie Constantia, die Mätresse des Kurfürsten Sachsens, und August selbst. Die unterschiedliche Sichtweise der Kapitel gefällt mir und gibt der Geschichte ein umfassendes Bild. Man erfährt die Motive und Wünsche der Charaktere, deren Beziehungen verwoben und anschaulich dargestellt sind, sodass alle Reibereien, Streit und Eifersucht nachvollziehbar werden. Constantia ist dabei eine der interessantesten Charaktere im Buch. Sie ist klug und wissenschaftlich interessiert, kein Wunder also, dass sie als die Mätresse Augusts sogar politisch auf ihn eingewirkt hat. Durch ihre Abhängigkeit und Augusts Eifersucht zeichnet die Autorin hier ein sehr gutes Bild über Constantias Leben.

Leider wird die Geschichte dann irgendwann ermüdend, denn die erfolgreiche Porzellanherstellung lässt auf sich warten. Viele Probleme, die dem im Weg standen, werden auch ausgeräumt, doch irgendwie kommt trotzdem nicht richtig Fahrt auf, irgendein Hindernis ist zur Stelle und verhindert eine funktionierende Manufaktur. Vielleicht empfand ich die Geschichte auch irgendwann als langwierig, weil das Potenzial der europäischen Porzellanherstellung zum Greifen nah war, aber doch nie genutzt wurde. Weil aus heutiger Sicht so ein Drama bei der Führung der Manufaktur und die große Gier nach Gold in Akkordherstellung einfach unvorstellbar sind. Auch politisches oder die einzelnen Charaktere nehmen immer mehr Raum ein, weshalb das Thema der Porzellanherstellung noch mehr in den Hintergrund rückt. Die Geschichte zieht sich also, bis am Ende doch wieder mehr Spannung aufkommt und man endlich erfährt, wie es zu Samuels Verlassen der Meißner Manufaktur kam. Andererseits hat mir das Ende nicht ganz gefallen und ich hätte mir zumindest einen Epilog zur Manufaktur gewünscht. Was ich mir auch sehr gewünscht hätte und eigentlich essentiell für einen Roman mit wahrem Hintergrund ist, ist ein Nachwort: Welche Charaktere sind real? Was ist genauso passiert, was wurde für die Spannung des Romans verändert? Nicht einmal die Dankesworte der Autorin lassen die Recherche erkennen, die sie doch gemacht haben muss. Nach dem Beenden des Buches habe ich direkt die Geschichte des Meißner Porzellans auf deren Website und in Wikipedia nachgelesen.


Fazit:
„Der Porzellaner“ ist die Geschichte über Samuel, der maßgeblich an der Erfindung und Entwicklung des europäischen Porzellans beteiligt war. Darüber hinaus wird auch die politische Seite zu Beginn des 18. Jahrhunderts durch den Kurfürsten August und seiner Maträsse Constantia erläutert, die auch in eigenen Kapiteln zu Wort kommen und den Aufbau der Porzellanmanufaktur beeinflusst haben. In diesem Buch geht es aber vielmehr über die erste Entdeck des Porzellans außerhalb Asiens, als um die Erfolgsgeschichte der Meißner Manufaktur. Mit der Zeit wird die Geschichte langwieriger und gipfelt in einem unzufrieden stellenden Ende. Das fehlende Nachwort und damit Informationen über tatsächliche Begebenheiten und Personen ist leider auch ein Defizit.

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