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Veröffentlicht am 12.10.2023

Nicht nur Gras-, sondern auch Blutgeschmack

Wodka mit Grasgeschmack
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begegnet den Brüdern Markus und Stefan, die nach langen Jahren der Vertreibung eine erste kurze Reise mit ihren Eltern in deren frühere Heimat, nämlich nach Schlesien, wagen. Es ist eine Reise voller Schmerz, ...

begegnet den Brüdern Markus und Stefan, die nach langen Jahren der Vertreibung eine erste kurze Reise mit ihren Eltern in deren frühere Heimat, nämlich nach Schlesien, wagen. Es ist eine Reise voller Schmerz, vor allem auf Seiten der Eltern, aber ganz ohne Hass.

Allerdings begegnen den Eltern traumatische Erinnerungen auf Schritt und Tritt - auch die Söhne hören Geschichten, die sie mehr als einmal schlucken lassen. Als junge Leute verließen die Eltern die geliebte Region, nicht einer eigenen Entscheidung folgend - nein, sie wurden enteignet und vertrieben. Ihre Familien und zahllose andere mussten büßen für die Kriegsverbrechen der Nationalsozialisten, ohne irgend etwas damit zu tun zu haben.

Stellvertreter-Abstrafung anstelle von Stellvertreter-Krieg. Diese sehr persönliche Geschichte zu lesen, tat mir in der Seele weh und ich brauchte dafür sicher fast so lange wie der Autor zum Niederschreiben, war ich doch wesentlich feiger als er und seine Familie. Ihre Erlebnisse - die früheren und auch die jetzigen - ließen mich weiter meinen Gedanken nachhängen: wie konnte es passieren, dass so viele Kriegsverbrecher des Nationalsozialismus ungestraft davonkamen und statt dessen Zivilisten leiden mussten? Es ist doch mmer wieder dasselbe während und nach den Kriegen - es leiden die, die keine Schuld tragen.

Doch Markus Mittmann schildert auch ein Aufeinander-Zugehen: die polnische Familie, die jetzt im Elternhaus des Vaters lebt, begegnet dem ehemaligen Bewohner des Hauses mit Achtung und mit Verständnis. Ja, die Würde des Menschen sollte unantastbar sein und das ist sie auch, wenn Menschlichkeit und Mitgefühl agieren!

Der Autor hat seiner Leserschaft ein großes Geschenk gemacht, in dem er uns die Geschichte seiner Eltern erzählt und ihren Umgang mit der Vergangenheit schildert. Ein wirklich sehr besonderes Buch!

Veröffentlicht am 11.10.2023

(K)Eine Ode an eine Freundin

Die Jungfrau
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Gloria ist in allem besser als Moni, jedenfalls war sie es in den sogenannten coolen Disziplinen. Aber das ist ja nichts Ungewöhnliches, dass man als Jugendliche so von seiner Freundin denkt. Und irgendwie ...

Gloria ist in allem besser als Moni, jedenfalls war sie es in den sogenannten coolen Disziplinen. Aber das ist ja nichts Ungewöhnliches, dass man als Jugendliche so von seiner Freundin denkt. Und irgendwie war diese Gloria auch extrem - aber nicht so sehr, dass es sich lohnen würde, einen Roman über sie zu schreiben.

Finde ich, die ich die Autorin Monika Helfer durchaus schätze: "Die Bagage" und mehr noch "Vati" habe ich gerne gelesen und denke auch heute, Jahre später noch gern an die Lektüre zurück. Diesen Roman jedoch empfand ich als ausgesprochen schwer zu lesen. Und ich denke auch nicht allzu gern daran zurück, muss ich gestehen.

Veröffentlicht am 09.10.2023

Leben durch ein Buch

Das Buch Eva
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Das widerfährt Beatrice, einer jungen Nonne, Bibliothekarin in einem Kloster, die sich nach einem anderen, lebenswerteren Leben sehnt - zu lange schon lebt sie hinter Klostermauern in einer sehr ...

Das widerfährt Beatrice, einer jungen Nonne, Bibliothekarin in einem Kloster, die sich nach einem anderen, lebenswerteren Leben sehnt - zu lange schon lebt sie hinter Klostermauern in einer sehr zurückgezogenen Gemeinschaft.

Ihre Bücher und auch die alten Sprachen, die sie unterrichtet, sind ihr wichtig, doch das reicht nicht aus. Ein Buch, sie von zwei schwer verletzten, sterbenden Frauen, die gerade noch in das Kloster aufgenommen werden können, bevor sich Fremde - natürlich Männer ihrer bemächtigen, erhält. Es hat einen besonderen Wert für sie hat - eine Schrift aus alten Zeiten - wird auf merkwürdige Art lebendig - wird es ihr zu einer Freiheit verhelfen können in Zeiten, in denen Männer in das Kloster eindringen und es sich untertan machen wollen. Für sie ist es eine Schrift der Ketzer.

Eine Handlung, die mich sehr reizte und von der ich mir ein prächtige, schillernd bunte Entwicklung erhoffte, die sich aber leider als über längere Strecken als langatmig, teils sogar langweilig erwies - mir fiel es ausgesprochen schwer, am Ball zu bleiben und die Lektüre erreichte mich nicht. Eine vielversprechende Idee - die sich leider als Enttäuschung entpuppte - zumindest für mich.

Veröffentlicht am 06.10.2023

Gemeinsam einsam

Die einsame Stadt
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Kann man sich vorstellen, dass jemand überaus einsam, aber überhaupt nicht traurig ist? Mich verwundert es nur deswegen nicht, weil es sich dabei um die englische Kulturwissenschaftlerin Olivia Laing handelt, ...

Kann man sich vorstellen, dass jemand überaus einsam, aber überhaupt nicht traurig ist? Mich verwundert es nur deswegen nicht, weil es sich dabei um die englische Kulturwissenschaftlerin Olivia Laing handelt, die es der Liebe wegen nach New York verschlug. Dort lebte nämlich ihr Freund, mit dem alles zu Ende war, kaum dass sie zu ihm gezogen war.

Kurz danach lebte Laing allein in einer Bruchbude, in einer Gegend, in der sie keine Menschenseele kannte. Ich will nicht ausschliessen, dass sie ganz zu Beginn zumindest ein bisschen traurig war, aber das legte sich rasch wieder - gab es doch so viele Aspekte, denen man nachgehen konnte. Nämlich, warum gerade New York als die einsame Stadt gilt und wie diese Einsamkeit in Kreativität umgemünzt werden kann.

Bei ihr selbst in die Autorentätigkeit, andere - vor allem Edward Hopper - haben gemalt. Haben der Einsamkeit ein Gesicht gegeben auf unterschiedliche Art, wobei Laing wieder und wieder zu Hopper zurückkehrt. Auch vieles andere lässt sich mit ihr gemeinsam entdecken zum Thema Einsamkeit - das mir nach der Lektüre gar nicht mehr nur schrecklich vorkommt, sondern auch tröstlich und sogar inspirierend. Ich glaube, ich muss unbedingt mal alleine nach New York!

Veröffentlicht am 02.10.2023

Hanna bekommt es mit Evangelikalen zu tun

Tief im Schatten
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Hanna ist immer noch in Nordschweden und hat sich inzwischen ein wenig eingelebt, zumal ihr der neue Ort ihrer Tätigkeit Are ja noch aus Urlauben mit ihrer Familie in Jugend und Kindheit zumindest ...

Hanna ist immer noch in Nordschweden und hat sich inzwischen ein wenig eingelebt, zumal ihr der neue Ort ihrer Tätigkeit Are ja noch aus Urlauben mit ihrer Familie in Jugend und Kindheit zumindest ein wenig vertraut ist.

Wer wie ich Hannas ersten Fall in Are mit großem Genuss verfolgt hat, der darf sich freuen: es geht ähnlich spannend weiter. Wenngleich mir einige der Entwicklungen im vorliegenden Fall ein wenig vorhersehbar erscheinen, was aber nicht auf die Täterschaft zutrifft.

Diesmal wird zu Beginn - später wird sich das ändern - erstmal niemand vermisst, sondern es wird die brutal mißhandelte Leiche eines Mannes aus dem Ort im Wald durch reinen Zufall gefunden. Er ist aufgrund seiner Berufs - ein Handwerker mit eigenem Betrieb durchaus bekannt. Und in jungen Jahre hatte er sogar einmal eine Medaille in einer Weltmeisterschaft im Skifahren errungen - ein lebenslustiger und freundlicher Mensch, der bei allen beliebt war. Was um Himmels Willen ist geschehen?

Bald gibt es einen Vermisstenfall: Rebecka, eine junge Frau aus der lokalen sektenartigen Religionsgemeinschaft, wird vermisst. Sehr merkwürdig, dass sich anscheinend nur ihre Vorgesetzte in dem Kindergarten, in dem sie tätig ist, sich Sorgen macht.

Hanna arbeitet inzwischen vertrauensvoll mit ihrem Kollegen Daniel im Team und hat sich gut eingelebt. Die fürchterlichen Ereignisse in Stockholm vor wenigen Monaten, die sowohl ihren Beruf als auch ihr Privatleben betrafen, sind in den Hintergrund gerückt, aber nicht vergessen: vielmehr haben sie sie in mancher Hinsicht sensibilisiert. Dennoch konnte selbst sie nicht mit der Auflösung beider Fälle rechnen.

Viveca Sten schreibt wie gewohnt so fesselnd und mitreißend, dass ich das Buch kaum aus der Hand legen konnte und die gut 500 Seiten in zwei Tagen durch hatte. Ich habe mich durch den Fall gefressen, muss ich sagen. Denn nicht nur der Stil der Autorin vermag zu begeistern, nein, mehr noch ist es der Inhalt. Auch diesmal hätte es gerade so passieren können! Wieder hält geschickt die Balance zwischen Zufällen und wahren Ereignissen bzw. den Entwickungen der letzten Jahre.