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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 18.09.2025

Krimi mal ganz anders

Plant Lady
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Die junge Autorin hat für ihren Krimi um Yu-hee, Inhaberin eines besonderen Pflanzenladens, in dem sie die Gewächse quasi auf die jeweilige Kundschaft "zupflanzt", einen ebenso besonderen Stil ...

Die junge Autorin hat für ihren Krimi um Yu-hee, Inhaberin eines besonderen Pflanzenladens, in dem sie die Gewächse quasi auf die jeweilige Kundschaft "zupflanzt", einen ebenso besonderen Stil gewählt. Dieser ist nichts für Leser:innen, die alles genau erklärt, hinterfragt und ausgeschildert haben wollen. Nein, der Stil ist ebenso reduziert und geheimnisvoll wie ihre Protagonistin Yu-hee.

Es ist bald klar, dass Yu-hee einen Sinn und ein Herz für Frauen hat, die getrieben sind oder sich verstecken wollen - oder ist sie am Ende selbst eine von ihnen? Auf jeden Fall sind gleich mehrere Männer - keiner von ihnen sonderlich sympathisch - nach ihrem Besuch in ihrem Laden nicht mehr aufzufinden.

Ein Roman, der ebenso reduziert wie geheimnisvoll und auch feministisch ist. Ein Krimi, in dem der Ermittler nicht fehlt, aber eine eventuelle Tatwaffe?

Wer sich auf diesen besonderen Krimi einlässt, sollte offen sein: für bestimmte Erkenntnisse, aber auch dafür, das vieles hier ganz anders ist als man es von Krimis gewohnt ist, gewissermaßen eine Neuheit. Nichts für die breite Masse, umso mehr jedoch für Leser:innen, die nach neuen Wegen in der (Kriminal)Literatur suchen.

Veröffentlicht am 17.09.2025

Ein Denkmal für Anna

Anna oder: Was von einem Leben bleibt
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Und zwar ein literarisches: verfasst über eine Frau, die vor über neunzig Jahren, nämlich 1932 verstarb - im Alter von 65 Jahren. Gesetzt hat es ihr ihr Urenkel, mehrfach preisgekrönter Redakteur der ZEIT ...

Und zwar ein literarisches: verfasst über eine Frau, die vor über neunzig Jahren, nämlich 1932 verstarb - im Alter von 65 Jahren. Gesetzt hat es ihr ihr Urenkel, mehrfach preisgekrönter Redakteur der ZEIT - sie hat es mehr als verdient.

Wobei aus meiner Sicht fast jeder Mensch ein solches Andenken verdient hätte, doch in Annas Fall ist es wirklich so, dass sie ein ungewöhnliches Leben führte, so zumindest meine Meinung.

Als junge Frau, fast noch ein Mädchen, verschlug es sie nach Cobbenrode im Sauerland, wo sie, aus einer mittellosen Großfamilie stammend, eine Stelle als Lehrerin antreten sollte, die sie fünfzehn Jahre ausfüllen sollte und dann: der Knaller!

Anna heiratet, und zwar nicht irgend jemanden, sondern den begehrtesten Junggesellen des Ortes, begütert und vier Jahre jünger als sie. Nach dessen frühem Tod füllt sie etliche seiner amtlichen Positionen aus, obwohl sie inzwischen Mutter ist, wird Wirtin im örtlichen Gasthaus, führt die Post.

Ihr zweiter Mann ist gar 19 Jahre jünger - auch mit ihm bekommt sie ein Kind, aufgrund seines Alters wird er im Ersten Weltkrieg eingezogen, auch das keine leichte Situation.

Ein Lob auf Henning Sussebach, der in der literarischen Aufarbeitung ihres Schicksals aus meiner Sicht alles richtig macht. Es ist eine warmherzige Darstellung ihres Lebens beruhend auf den wenigen Fakten, die ihm zur Verfügung stehen. Diese bettet er ein in eine zeitgeschichtliche umrahmende Darstellung ihrer Umgebung, der Lebensbedingungen, möglicher beziehungsweise durchaus wahrscheinlicher Entwicklungen, Freuden, Sorgen und Nöte. Und zeigt immer wieder auf, dass Anna ein für ihre Zeit ausgesprochen ungewöhnliches Leben führte. In einer fremden Stadt allein auf sich gestellt, brachte sie - wie man damals sagte - zu etwas. Nämlich neben einer Familie auch zu beruflichem Erfolg, sie war für ihre Zeit eine erfolgreiche Unternehmerin, nämlich als Gastwirtin. Und eine ebenso erfolgreiche Arbeitnehmerin, nämlich als Postangestellte.

Ein Buch, das sich ganz wunderbar liest und mir, die ich mich derzeit - oder eigentlich immer - mit meinen eigenen Vorfahren beschäftige, in vielerlei Hinsicht die Augen geöffnet hat. Vor allem in der, dass es nicht schlimm ist, nicht alles über die jeweilige Person zu wissen. Ein historisches Verständnis und ein ebensolches Einfühlungsvermögen in damalige Umstande und Ansichten ist mindestens genauso wichtig.

Ein wundervolles Buch, dem ich viele Leser wünsche!

Veröffentlicht am 17.09.2025

Ein Krimi mit Herz

Über die Toten nur Gutes
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Mads Madsen ist die unbestrittene Hauptfigur in diesem Krimi - er hat viel Herz - oftmals so viel, dass es ihm selbst Schwierigkeiten bereitet - und eine ganze Reihe von Menschen, denen er sich ...

Mads Madsen ist die unbestrittene Hauptfigur in diesem Krimi - er hat viel Herz - oftmals so viel, dass es ihm selbst Schwierigkeiten bereitet - und eine ganze Reihe von Menschen, denen er sich verbunden fühlt. Viele davon leben nicht mehr - Mads ist von Beruf Trauerredner, einer von denen, denen es wichtig ist, die Verstorbenen wieder aufleben zu lassen im Gedächtnis ihrer Hinterbliebenen - genau so, wie sie waren. Aber auch seine Freunde und Angehörigen trägt er im Herzen, egal, wie lange er diese nicht mehr gesehen bzw. gesprochen hat: Einer von denen ist sein Kindheitsfreund Patrick, den er längst aus den Augen verloren hat.

Und dieser Kumpel aus alten Zeiten soll auf einmal ebenfalls verstorben sein? Mads hatte seit Ewigkeiten keinen Kontakt zu ihm, aber er weiß ganz sicher, dass Patrick nicht freiwillig gegangen ist. Und beginnt, der Sache auf nachzugehen - und weil Mads eben Mads ist, tut er dies gründlich und umfassend und bringt sich selbst nicht nur einmal in Gefahr.

Das gesamte Setting ist humorvoll und warmherzig gestaltet, auch wenn es durchaus nicht immer nur friedlich und gerecht zugeht - auch dafür findet der Autor den richtigen Ton. Als zeitweilige Gegenspielerin von Mads im Zuge der Ermittlungen spielt Hauptkommissarin Luisa Mills, Spitzname MillsKills eine immer größer werdende Rolle und auch Mads' Vater Fridtjof, Freund Fiete, ein frisch verliebter Bestattungsunternehmer sind wichtige Akteure - denen wir Leser*innen hoffentlich in einem neuen Fall wieder begegnen werden.

Veröffentlicht am 10.09.2025

No way home

No Way Home
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T.C. Boyle ist ein Autor, der mich bereits seit Jahrzehnten zu überraschen vermag, in unterschiedlichster Hinsicht. "Wassermusik" habe ich bis heute nicht gelesen, weil ich irgendwie nicht reinkomme (und ...

T.C. Boyle ist ein Autor, der mich bereits seit Jahrzehnten zu überraschen vermag, in unterschiedlichster Hinsicht. "Wassermusik" habe ich bis heute nicht gelesen, weil ich irgendwie nicht reinkomme (und das bei inzwischen mindestens zehn Versuchen in den unterschiedlichsten Lebenssituationen), bin von vielen anderen Romanen aber sehr begeistert bspw. von "Der Samurai von Savannah", "Willkommen in Wellville" und "Dr. Sex", um nur einige zu benennen.

Bei vorliegendem Roman habe ich durchgehend den unterhaltsamen Stil genossen, auch die Beschreibungen der Protagonisten sprachen mich an. Allerdings konnte ich mit der Geschichte selbst nicht so recht etwas anfangen, weil mich irritierte, wie die Hauptfigur, der Arzt Terry, der übergriffigen Bethany dermaßen auf den Leim gehen konnte, dass er sich aus dem Schlamassel kaum herausziehen konnte. Oder gar nicht? Lassen Sie sich überraschen, dieser Roman lohnt sich schon aufgrund seiner Lesbarkeit und ist die ideale Lektüre für eine lange Zugfahrt oder entspannte Tage am Meer. Aber für Ewigkeiten in mein Gedächtnis einbrennen wird er sich nicht.

Veröffentlicht am 08.09.2025

Junge Frau mit Krankheit(en)

Junge Frau mit Katze
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Diese junge Frau namens Ela, in der sich offenbar die Autorin selbst beschreibt, leidet an zahlreichen, nein: eigentlich zahllosen Krankheiten. Und es sind keine eingebildeten, obwohl hier zunächst ...

Diese junge Frau namens Ela, in der sich offenbar die Autorin selbst beschreibt, leidet an zahlreichen, nein: eigentlich zahllosen Krankheiten. Und es sind keine eingebildeten, obwohl hier zunächst so einige Eigen- und Fremddiagnosen (von Freunden und Familie) getroffen werden, ohne dass ein Arzt konsultiert wird. Wobei die junge Frau die von Ärzten festgestellten Diagnosen und deren Vorgehensweisen auch nicht immer anerkennt.

Das alles klingt deprimierend und düster, doch ist das Buch alles andere als das. Naja, jedenfalls nicht durchgehend. Denn es gibt ihre Katze, die eigentlich ein Kater ist und auch andere Protagonistinnen - allen voran Henny, die Tochter ihrer besten Freundin, fünfjährig, weise und äußerst präsent, die ebenso humorvoll wie warmherzig beschrieben werden. Allerdings ist es gerade Henny, an der ich meine Kritik festmache. Nicht an ihr als Charakter, sondern an der Art, wie Ela mit ihr umgeht: sie wird häufig zur Nebenfigur - nicht für die Leserinnen, sondern für Ela und das in Situationen, wo sie eigentlich verantwortlich ist.

Dennoch: Bis kurz vor Schluss mochte ich den Roman sehr und nahm dafür auch einige etwas zu ausführliche Quengeleien sehr gern in Kauf, doch dann platzte mir während eines Fluges, den Ella gemeinsam mit Henny tätigte, der Kragen. In dieser Zeit, wo Ela sich eigentlich um das Kind kümmern sollte, das zum ersten Mal fliegt, kümmert sie sich nur um sich selbst. Ja, Ela stellt sich ordentlich in den Mittelpunkt bei dem ganzen Gejammer, das sie da veranstaltet und das ist häufig nicht so recht am Platz. Er ist dennoch lesenswert, aber man sollte damit rechnen, dass man zwischenzeitlich ziemlich genervt ist.