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Veröffentlicht am 18.09.2021

Irgendwann rafft es auch Herr Schmidt

Barbara stirbt nicht
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Dass nämlich seine Frau Barbara nicht mehr so wird, wie sie war. Auch, wenn er zunächst ihre Krankheit nicht wahrhaben wollte.

Aber komischerweise wissen ganz schön viele Menschen Bescheid. ...

Dass nämlich seine Frau Barbara nicht mehr so wird, wie sie war. Auch, wenn er zunächst ihre Krankheit nicht wahrhaben wollte.

Aber komischerweise wissen ganz schön viele Menschen Bescheid. Zumindest darüber, wer er ist und wer Barbara ist. Besonders Letzteres. Und sie sind bereit, ihm zu helfen. Ihm, der im Haushalt nie einen Finger gerührt hat. Ihm, der trotzdem immer alles besser wusste.

Und so lernt Walter kochen - für sich selbst. Naja, eigentlich auch für Barbara, aber sie mag nix. Bzw. träumt sie von dem russischen Zeug, das er immer so voll daneben fand. Denn: wenn man in Deutschland ist, dann isst man auch deutsch. Findet Walter.

Er macht weiter. Nicht nur mit Kochen. Nein, auch mit Backen. Denn es gibt massenweise Aktivitäten, in die Barbara eingebunden ist. Und - wie wir ja schon wissen - will Walter nicht wahrhaben, dass sie sich nicht mehr berappeln wird. Höchstwahrscheinlich jedenfalls. Aber was heißt schon höchstwahrscheinlich.

Und sie da - seinen Kuchen, den mag sie. Und zwar nicht nur sie. Denn Walter hat seine Begabung gefunden - köstliche Kuchen zu backen.

Wenn bloß nicht die Kinder wären, die immer zur Kontrolle vorbeischneien. Und ihn beraten - ungefragt natürlich.

Autorin Alina Bronsky legt mal wieder den Finger genau in die Wunde. Mitten rein. Und verschont keinen. Herrn Schmidt schon gar nicht. Wenn gleich zum Ende hin eine gewisse Milde waltet, denn Walter gibt sich ja Mühe, auch wenn er selbst es nicht wahrhaben will - niemals!

So schreibt nur Alina Bronsky. Sie wäre der Schrecken aller Spießbürger - wenn diese sie kennen würden. Denn Spießbürger lesen sowas nicht, bzw. legen es bald aus der Hand, weil es ihnen nicht ganz geheuer ist. Kein Wunder.

Wer Alina Bronsky schon kennt und schätzt, der greift sowieso zu. Und wer gerne ungeschminkte Wahrheiten liest, auch auf die Gefahr hin, dass ihm selbst mal der Spiegel vorgehalten wird - der ist hier an der richtigen Adresse. So etwas haben Sie garantiert noch nicht gelesen. Ich kann ihnen nicht garantieren, dass Sie sich danach noch pudelwohl fühlen werden - ins Grübeln kommen Sie in jedem Fall. Aber das kann ja auch mal ganz inspirierend sein!

Veröffentlicht am 17.09.2021

Ein brüchiges Familienglück

Lichtblaue Sommernächte
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beschreibt Emily Bold in diesem so luftig-leichtem Roman mit sehr, sehr ernsthaftem Hintergrund: Lauren, die nach ein paar Hindernissen früh ihren Traummann getroffen und irgendwann auch geheiratet hat ...

beschreibt Emily Bold in diesem so luftig-leichtem Roman mit sehr, sehr ernsthaftem Hintergrund: Lauren, die nach ein paar Hindernissen früh ihren Traummann getroffen und irgendwann auch geheiratet hat und mit Tim zwei Töchter großzieht, erkrankt an Krebs, der so spät entdeckt wird, dass sie nicht mehr zu retten ist. Sie hat einen Tumor im Gehirn, der sich bereits ausbreitet hat.

Dass so etwas auch einen sehr lebensfreudigen und impulsiven Menschen treffen kann, das hat die Autorin Emily Bold hier sehr gut dargestellt - geht es zunächst doch um Laurens Liebes- und Lebensglück. Lauren lebt nämlich offensiv und impulsiv, man könnte es teilweise sogar als oberflächlich bezeichnen, wären da nicht ihre sehr tiefen menschlichen Beziehungen - nicht nur zu ihrer engsten Familie, sondern auch zu ihren Freunden und deren Umfeld. Ein Mensch, der das Leben genießt, der die Höhen würdigt und mit den Tiefen klarkommt - das ist Lauren, bis das Schicksal sie - noch keine 35 Jahre alt - so entscheidend trifft, dass es für sie nicht mehr möglich ist, in den Tag hineinzuleben. Eine Entscheidung muss getroffen werden...

Emily Bold ist es gelungen, ein sehr ernstes Thema so aufzubereiten, dass sogar Menschen, die sich in Regel vor so etwas drücken, bis es anders nicht mehr geht, bereit sind, sich damit auseinanderzusetzen. Böse Zungen könnten dies als Problembewältigung to go bezeichnen, da die Autorin doch recht leicht und gefällig über die Höhen und vor allem Tiefen von Laurens Leben hinweggleitet und die jeweiligen Entwicklungen sehr selbstverständlich darstellt, doch auf der anderen Seite ist genau dies ihr besonderes Verdienst: ein Thema so aufzubereiten, dass es jedem zugänglich gemacht wird, dass sich jede Leserin - denn es ist ganz klar ein Frauenroman - den traurigen Entwicklungen zu öffnen bereit ist.

Ich weiß dies zu würdigen und schätze die Fähigkeit von Emily Bold, ein sehr schweres Thema einer breiten Leserinnenschicht anzubieten, doch um selbst uneingeschränkt begeistert zu sein, hätte ich mir doch ein wenig mehr Tiefe gewünscht.

Veröffentlicht am 17.09.2021

Ganz besondere Rezepte

Pur genießen
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stellt Pascale Naessens in ihrem neuen Kochbuch "Pur genießen" vor. Purer Genuss: das bedeutet einerseits einfache, klar strukturierte Rezepte ohne viel Chichi, andererseits jedoch beste Zutaten. Beste ...

stellt Pascale Naessens in ihrem neuen Kochbuch "Pur genießen" vor. Purer Genuss: das bedeutet einerseits einfache, klar strukturierte Rezepte ohne viel Chichi, andererseits jedoch beste Zutaten. Beste Zutaten: das sind gesunde und vor allem frische Zutaten bester Herkunft und Qualität.

Derartiges Gemüse, Fisch und Fleisch schmecken quasi von allen, da bedarf es nicht vieler weiterer Bestandteile im Rezept, nein, es geht schlicht und einfach - und gerade das macht es so besonders.

Und es steckt noch viel mehr dahinter: mit ihrem Kochbuch propagiert die Autorin einen ganz neuen Ernährungsstil, allerdings einen sanften, milden, bei dem viel erlaubt. Zum Beispiel Käse: dieser kommt bei ihr in rauhen Mengen vor - es muss nur richtig kombiniert werden: bei Pascale Naessens macht's die Zusammenstellung. In einer ausführlichen Einführung, die leider von aus meiner Sicht recht unnötigen Fotografien begleitet wird, auf denen keine Speisen, sondern Pascale und ihr Mann bzw. der engere Kreis bei diversen "Speisungen" abgebildet ist, erläutert sie ihr Prinzip der gesunden Küche, das auf zwei Säulen ruht:
1. Gesunden Lebensmittelkombinationen
2. Natürlichen Zutaten

Und das macht es für mich wieder ein wenig kompliziert, denn alles muss hier stimmen bzw. geht es um die Abstimmung: es gibt zahlreiche Rezepte bspw. mit Quinoa, einem Produkt, das mir schon aus der veganen Küche vertraut ist, das ich jedoch nicht unbedingt favorisiere. Und dann gibt es ganz klare Schwerpunkte, die aus meiner Sicht auf Lachs, Kurkuma als Gewürz und dem bereits erwähnten Quinoa liegen.

Naja, es gibt natürlich auch jede Menge Rezepte, die mich begeistern, wie Hähnchenschenkel auf Kürbis oder mit Ricotta gefülltes Gemüse. Ausserdem gibt es in diesem gesunden Kochbuch auch sündhaft üppige Nachtische, naja: einen, nämlich eine Mousse au Chocolat. Es gibt auch ein paar sehr vernünftige Kuchen und einen eher abschreckenden Quinoa-Nachtisch, den meine Familie bzw. meine Gäste niemals erleben werden.

Also: ein Kochbuch, aus dem ich vieles nachkochen werde. Ich werde jedoch nicht der von Frau Naessens vorgeschlagenen Ernährungsumstellung folgen, die mir dann doch zu komplex ist.

Veröffentlicht am 17.09.2021

Wo meine Wiege stand, da ist mein Heimatland! Oder doch nicht?

Baba Dunjas letzte Liebe
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Heimat - das ist ein ganz subjektiver Begriff. Die meinige befindet sich in Riga in Lettland. Ich habe dort nie eine Wohnung gehabt und mich dort nicht länger als zwei Monate am Stück aufgehalten, aber ...

Heimat - das ist ein ganz subjektiver Begriff. Die meinige befindet sich in Riga in Lettland. Ich habe dort nie eine Wohnung gehabt und mich dort nicht länger als zwei Monate am Stück aufgehalten, aber das ändert nichts daran, dass ich mich dort am meisten zu Hause, am meisten bei mir fühle.

Für Baba Dunja, Alina Bronskys Heldin - und zwar eine Heldin im allerwahrsten Sinne des Wortes - ist die Heimat an einem Ort, an dem kaum jemand sein will, nämlich in Tschernowo. Das liegt in der Todeszone rund um Tschernobyl, die nach dem Reaktorunglück geräumt und nie wieder besiedelt wurde - aber einige wenige sind aus freiem Willen zurückgekehrt und leben hier so vor sich hin.

Die Sache ist die, dass sie überhaupt nirgendwo anders hin wollen, es genügt ihnen das, was sie hier haben. Das kann zwar kaum jemand von außen verstehen, aber solange niemand diese Heimat abspenstig machen will, stört sie das nicht weiter.

Genau - solange! Denn auf einmal passiert etwas und die Polizei ist da. Und es entwickelt sich eine Solidarität, die vor allem Baba Dunja ganz tief in ihrem Herzen empfindet und die sie für die anderen einstehen lässt - ob diese es nun wollen oder auch nicht.

Baba Dunja ist eine Wahnsinnsfrau - sie ist auf ihre eigene Art tollkühn, ja wahnsinnig und will einfach ihr Leben so leben, wie es ihr passt. Nicht so, wie ihre Tochter Irina, Ärztin im fernen Deutschland, sich das vorstellt und auch nicht so, wie es die Menschen in der Stadt sich für sie ausmalen.

Und irgendwann wird klar: auch anderswo kocht man nur mit Wasser und zwar in vielerlei Hinsicht. Und es ist nicht einmal immer Minze drin, wie es bei Baba Dunja stets der Fall ist!

Ein kleines Buch mit großem Inhalt: Alina Bronsky schreibt spritzig, tragikomisch - und vor allem unglaublich originell. Sie ist die einzige mir bekannte Autorin, die es vermag, aus wenigen Worten einen blumigen, ja wilden Stil zu kreieren und das ist eine Kunst, die man nicht lernen kann - sie ist tief in einem drin verwurzelt sowie Baba Dunja es in der Gegend um Tschernowo ist.

Ein Buch, das auf besondere, spezielle Weise in sich ruht, mit sich in einem ist - obwohl es lebhaft, überraschend und aufwühlend wirkt. Aber auch auf eigenartige Art und Weise beruhigend. Auf mich jedenfalls, denn es bringt mich - zumindest in Gedanken - dahin, wo ich hingehöre und damit zur Ruhe. Heimat ist ein Gefühl, das jeder für sich entwickelt und das keiner ihm nehmen kann. Eine unbedingte Leseempfehlung von mir!

Veröffentlicht am 17.09.2021

Heiße Ermittlungen in Montana

Brennender Fluss
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Es gibt ein Wiedersehen mit der Ermittlerin Macy Greeley, inzwischen alleinerziehende Mutter eines anderthalbjährigen Sohnes, Luke, die es mitten im Sommer, in der brütendsten Hitze, ins Flathead Valley ...

Es gibt ein Wiedersehen mit der Ermittlerin Macy Greeley, inzwischen alleinerziehende Mutter eines anderthalbjährigen Sohnes, Luke, die es mitten im Sommer, in der brütendsten Hitze, ins Flathead Valley in Montana verschlägt, wo ein junger Soldat ermordet aufgefunden wurde, nachdem er mehrere gefährliche Auslandseinsätze, unter anderem in Afghanistan, überlebt hatte.

Obwohl längst nicht so brutal wie sein Vorgänger "Eisiges Geheimnis", geht es hier doch ordentlich zur Sache und in seiner überaus atmosphärischen Art erinnert mich das Buch an die Thriller von Linda Castillo und die Bücher von Daniel Woodrell, vor allem "Winters Knochen", das auch verfilmt wurde, sowie an den Film "Fargo" der Coen Brothers. Sie alle zeigen die amerikanische Einöde, die Menschen dort in ihrer Einsamkeit und Hoffnungslosigkeit - Menschen, die kein Wertesystem, keine Struktur mehr in ihrem Leben haben und soweit gehen, das Liebste in ihrem Leben in Frage zu stellen, wenn nicht gar zu verleugnen - wenn sie ein solches überhaupt noch zu identifizieren imstande sind. In diesen Kreisen muss die alleinstehende Macy ermitteln und es tun sich Abgründe auf, die teilweise mit lange zurückliegenden Ereignissen zusammenhängen und deutlich machen, dass der Mensch sich irren kann - in vielerlei Hinsicht. Doch hat sie diesmal Unterstützung durch den örtlichen Sheriff Aiden Marsh, einen überaus charismatischen Typen, den sie zudem noch von früher kennt. Und auch ihr Chef Ray Davidson, der noch viel mehr als das ist, ist immer wieder - wenn auch selten persönlich - präsent, was es nicht unbedingt leicht für Macy macht.

Der Autorin Karin Salvalaggio ist hier ein außergewöhnlicher Krimi gelungen, der im Vergleich zum ersten Band "Eisiges Geheimnis" an Atmosphäre gewonnen hat und frei von Längen ist. An der Darstellung von Übergängen und Zusammenhängen hapert es immer noch ein bisschen, was bei mir zeitweise für Verwirrung sorgte. Zudem spielen diesmal eine ganze Reihe von Charakteren eine Rolle, deren Einführung teilweise etwas unübersichtlich vonstatten geht. Doch dies sind Marginalien - man hört, es soll eine ganze Serie von Thrillern um Macy Greeley entstehen - also, ich freue mich schon auf den nächsten Band und bin gespannt, ob Macys weiterer Weg ebenso abwechslungsreich, überraschend und unvorhersehbar sein wird wie der bisherige.