Sichtbar unsichtbar
Mit anderen AugenErstmals erscheint ein Roman der bislang im deutschsprachigen Raum unbekannten Australierin Jane Tara, den diese im Jahr 2025 veröffentlicht hat (Original: >> Tilda is visible Gesehen werden >Man soll ...
Erstmals erscheint ein Roman der bislang im deutschsprachigen Raum unbekannten Australierin Jane Tara, den diese im Jahr 2025 veröffentlicht hat (Original: >> Tilda is visible <<) und das Verdienst gebührt dem Schweizer Diogenes - Verlag in der flüssigen Übersetzung aus dem australischen Englisch von Tanja Handels.
Morbus Invisibilis lautet die Diagnose bei Tilda Finch, die eines Morgens verstört bemerkt, dass ihr verschiedene Gliedmassen fehlen. Unerklärlich all dies, doch die Ärztin beseitigt schließlich die Ungewissheit : tatsächlich Unsichtbarkeit. Die befallenen Teile sind zwar vorhanden, doch werden von der betroffenen Person und ihren Gegenübern nicht mehr erkannt.
Das langsame Verschwinden einer Frau, längst auf Google thematisiert als ein Problem (nur !) von Frauen im Alter um die 50 Jahre, mangels fehlender Mittel jedoch kaum erforscht und in vier Phasen auftretend.
Dabei ist Tilda in ihrer Eigenwahrnehmung eine durchaus normale Frau, eingebettet in ein soziales Umfeld in Middle Bay mit Freundinnen, einem mittlerweile erfolgreichen Unternehmen, mit interessanten und eigenwilligen Zwillingstöchtern, die aus dem Hause sind und ihrerseits dabei sind, eine eigene Existenz aufzubauen.
Freilich, die Scheidung von Tom vor fünf Jahren hat sie nicht glücklicher gemacht, von einem erfüllten Sexleben ganz zu schweigen.
Aber gleich eine solche Krankheit und die verstörende Ungewissheit einer Heilung...
Ist ein >> Gesehen werden << vielleicht der Schlüssel hierfür ? Doch wie lässt sich ein Leben ändern, wie verhindern, dass weitere Teile von ihr unsichtbar werden ?
Durch Analyse emotionaler Hintergründe oder gar durch eine Sichtbarkeits-Neurotherapeutin ?
Die Autorin Jane Tara, bei der einst selbst fälschlicherweise eine eine degenerative Augenerkrankung diagnostiziert wurde, hat einen überaus unterhaltsamen Roman geschrieben, der sich in 66 Kapitel aufteilt, die jeweils mit interessanten Zitaten übertitelt sind, von Marie Curie über Jane Fonda bis zu Anaïs Nin.
Es entwickelt sich im Laufe des Romans ein Art Sog, denn Tilda lernt andere Leidengenossinen kennen, besucht eine eher fragwürdige und wohl viel zu ernste Selbsthilfegruppe und begibt sich zwangsläufig auf einen steinigen Weg der Selbsterkenntnis.
Schulmedizin ist offenkundig nicht der Ausweg, die umstrittene Alternativheilerin Selma vielleicht schon.
Denn diese stellt ihr eine neue unbequeme Freundin an die Seite, PAULA - Programm Aller Unhinterfragten Langzeit-Automatismen.
Dies befähigt die Protagonistin, sich auf eine Reise in ihr Innerstes zu begeben, die ebenso beschwerlich wie amüsant beschrieben wird.
Es gibt einige Passagen, in denen die Autorin wohl zu viel an Wissen vermitteln möchte, insbesondere dann, wenn es um Meditation geht. Doch dies wird alsbald übermalt von den wahrlich wirklichkeitsnahen Beschreibungen über Versuche, in das eigene Innere vorzudringen - Gedanken des Alltags lassen sich eben nicht so leicht verdrängen.
Und ich habe die schöne Zen-Weisheit gelernt :
>>Man soll jeden Tag zwanzig Minuten meditieren, es sei denn, man hat keine Zeit, dann soll man eine Stunde meditieren.<<
Es ist ein Roman der Ermutigung, der Selbstfürsorge, der Möglichkeit, sein Leben selbstreflektierter anzunehmen.
Und ja - es trägt zuweilen den Charakter eines Märchens, zumal die Symbolik durch die Begegnung der Hautperson Tilda (Fotografin !!) mit einem gut aussehenden und vor allem verständnisvollen Mann doch ziemlich überspannt wirkt.
Denn dieser ist - blind.
Aber ach - die Charaktere sind so liebevoll beschrieben, dass der Hang zum Kitsch zwar gestreift, aber nie wirklich erreicht wird.
Und in Zeiten von Kriegen, Zerstörung und Verlusten nicht nur der Sehkraft ist es wohltuend, einen Roman wie diesen in der Hand zu halten, der uns bei allen inneren Konflikten der Protagonisten warmherzig auffängt und am Leben von Tilda und ihrem ereignisreichen Umfeld äußerst interessiert teilhaben lässt.
Vielleicht ein Roman besonders für Frauen, die sich nicht selbst sehen können oder wollen, die in Ehen ausharren, denen sie sich in Grunde schon innerlich entsagt haben, aber aus Vernunftsgründen dennoch nicht ausbrechen, obzwar ihr Selbstwertgefühl längst schon untergraben wurde.
Dies jedoch sollte auch den Männern zu denken geben, die ihre Aufmerksamkeit ihrer Partnerin gegenüber immer wieder hinterfragen sollten, was nicht an Äußerlichkeiten oder gelegentlichem Sex festzumachen ist.
Denn erst dann kommen sie wohl zur Erkenntnis von Robert Brault, welches einem Kapitel vorsteht :
>> Freu dich an den kleinen Dingen des Lebens, denn irgendwann blickst du zurück und stellt fest, dass es die großen waren. <<
Denn die Sichtbarkeit fängt immer in uns selbst an und die damit verbundenen Fragen und Probleme stellen sich von Kindheitsbeinen an und müssen nicht bis zur Perimeno- oder Andropause verdrängt werden.
>> Wie die Welt uns sieht, wie andere Menschen uns sehen, ist ohne jede Bedeutung. Entscheidend ist, wie wir uns selbst sehen. Wir müssen für uns selbst sichtbar sein. <<
Dies mag ein Schlüsselsatz des Roman sein, dem ich im Lichte (sic!) seiner Wärme, seinem Humor und seinem Anspruch eine Vielzahl glücklicher Leser wünsche.