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Veröffentlicht am 29.06.2021

Gelungenes Berlin-Kriminal-Kaleidoskop

Berlin 1922 - Crime Mysteries
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„Berlin 1922“ beruht auf einer originellen Idee, die gerade gestalterisch gut umgesetzt wurde. Das Buch enthält elf fiktive Kriminalfälle, die uns von der Kriminalassistentin Rosalie Menzel berichtet werden, ...

„Berlin 1922“ beruht auf einer originellen Idee, die gerade gestalterisch gut umgesetzt wurde. Das Buch enthält elf fiktive Kriminalfälle, die uns von der Kriminalassistentin Rosalie Menzel berichtet werden, die auf jenes erste Jahr ihrer Tätigkeit und ihre Zusammenarbeit mit Kommissar Hartmann zurückblickt und damit eine kleine Rahmenhandlung liefert.

Schon das Titelbild fällt ins Auge und auch das Innere des Buches ist ausnehmend liebevoll gestaltet. Allerlei Zeicheneffekte, Fotos und kleine Zeichnungen schmücken die Seiten. Ich war von der Gestaltung sehr angetan und habe ein Buch dieser Art bisher auch noch nicht gesehen. Die Fotos scheinen vorwiegend Filmen jener Zeit entnommen und genutzt, um das Erzählte bildlich zu unterstreichen. Das ist originell und gut gelungen.

Die Geschichten lesen sich unterhaltsam, vom Stil her angenehm. Am besten wird Michaela Küpper, wenn sie sich den Berliner Originalen widmet, mit dem Dialekt und der berüchtigten „Berliner Schnauze“ spielt. Das wirkt nicht nur authentisch, sondern ist auch ungemein unterhaltsam. Wenn es in die „feineren“ Gefilde geht, war es mir oft etwas zu gekünstelt geschrieben und gelegentlich waren Dialogteile zu konstruiert, aber insgesamt las ich die Geschichten gerne. Bemerkenswert finde ich, wie viel historische Details dort eingearbeitet wurden, das zeugt von umfangreichem Wissen oder Recherche oder beidem. So bilden auch die Fälle ein Kaleidoskop des Berlins der 1920er – wir begegnen Kriegsveteranen, Drogendealern, naiven Dienstmädchen und ihren Verführern, zimmervermietenden Kriegerwitwen, Prostituierten und Bardamen, kleinen Gaunern und noch vielen anderen. Diese Vielfalt war eine Freude. Ein wenig enttäuschend fand ich lediglich, daß sich vieles nach dem ewig gleichen Schema abspielte, insbesondere die Thematik „Kriminalassistentin muß sich in Männerwelt behaupten, ist aber gewitzt und überrascht die tumben Männer immer wieder“ wurde zunehmend anstrengend und vorhersehbar.

Das Korrektorat kann mit der Sorgfältigkeit der visuellen Gestaltung und historischen Recherche leider nicht annähernd mithalten. Es gab viele Schreibfehler, insbesondere mit der Großschreibung des „Sie“ in der Anrede scheint man manchmal überfordert gewesen sein, aber auch sonst gibt es mehrere Fehler. Besonders unerfreulich fand ich, daß hier die Schlacht von Verdun 1906 anstatt 1916 stattfand. Einen solchen Tippfehler zu übersehen, ist gerade bei Jahreszahlen ein grober Schnitzer. Auch Fehler wie „hatte er (…) fiel Schriftverkehr zu leisten“ sind schon etwas peinlich.

Was die Ermittlungskomponente anging, war ich enttäuscht. Sie besteht lediglich darin, dass jede Geschichte von insgesamt drei Fragen unterbrochen wird, meistens in der Art von „Warum kann das, was xy gesagt hat, nicht stimmen?“ oder „Warum ist xy verdächtig?“. Die Antworten dazu finden sich meistens im Text, manchmal ist Hintergrundwissen erforderlich (größtenteils forensisch, in einem Fall mußte man etwas über Berliner Ringvereine wissen) und manchmal muß man Gedankengänge erraten. Manche Fragen sind sehr einfach, einige nicht ganz nachvollziehbar, einige knackig. Letztlich war es aber völlig egal, ob man die Fragen beantworten kann oder nicht. Sie unterbrechen als Denkanstöße die Geschichte, mehr nicht. Unter „lösen Sie (…) spannende Kriminalfälle“ hatte ich mir mehr vorgestellt, z.B. verschiedene Optionen, die den Fortgang beeinflussen oder auch die Möglichkeit, Beweise zu sichten oder zu finden. Ich kenne dies von anderen Büchern interaktiver und abwechslungsreicher. Auch war das Vorgehen recht schematisch und alle Fälle wurden fast auf dieselbe Weise gelöst – jemand macht eine Aussage, die Ermittler erkennen sofort, warum diese nicht stimmen kann; sie konfrontieren den Aussagenden damit, er gibt es zu und der Fall ist gelöst. So könnte man die meisten Fälle zusammenfassen. Dies ist natürlich auch dem Format geschuldet, ausgefeilte und ausführliche Vorgänge kann man nicht erwarten, aber da wären mir vielleicht fünf abwechslungsreichere, komplexere Fälle lieber gewesen.

Insgesamt bot das Buch aber durch die originelle Gestaltung und die gut lesbaren, eine so schöne Vielfalt an Personen und Schicksalen abbildenden, Geschichten gute Unterhaltung und kann durch eine originelle Idee erfreuen.

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Veröffentlicht am 16.06.2021

Kunstvoll erzählte intensive Geschichte

In Zeiten des Tulpenwahns
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„In Zeiten des Tulpenwahns“ besticht bereits durch das elegant-reduzierte Titelbild, das sich von dem unsäglichen „Frau-vor-Gebäude“-Einerlei der meisten historischen Romane gelungen abhebt. Auch sonst ...

„In Zeiten des Tulpenwahns“ besticht bereits durch das elegant-reduzierte Titelbild, das sich von dem unsäglichen „Frau-vor-Gebäude“-Einerlei der meisten historischen Romane gelungen abhebt. Auch sonst ist das Buch hochwertig gestaltet. Die Autorin führt uns in das Haarlem der Jahre 1620 – 1641, der Hauptteil des Buches spielt 1637. Wir sind also mitten in der Zeit des Tulpenfiebers, das in den Niederlanden zu absonderlichsten Spekulationsauswüchsen führte.

Die ausnehmend schöne Sprache hat mich von Anfang an beeindruckt. Sehr gekonnt, elegant wird hier erzählt, es macht Freude, diese Sätze zu lesen. Die Atmosphäre jener Zeit wird gelungen heraufbeschworen, nicht zuletzt durch fast durchweg historisch passende Dialoge, aber auch durch farbige Beschreibungen und gut eingeflochtene historische Details. Hier hatte ich zu keinem Zeitpunkt das Gefühl, daß historische Informationen nur um ihrer Selbst willen eingefügt wurden, sie passten und hatten Sinn. Die Beschreibungen waren mir dagegen manchmal zu ausführlich und wiederholten sich auch an manchen Stellen. Zudem beschreibt die Autorin manche Szenen wie ein Gemälde, inklusive Erklärungen von Maltechniken. Das ist originell, war für mich aber eher irritierend. Hätte die Geschichte von Malerei gehandelt, hätte ich es nachvollziehen können, so wirkten diese Einschübe – so gut sie geschrieben sein mögen – immer wie Fremdkörper und unterbrachen die Geschichte. Das fand ich dann besonders schade, wenn ich ganz in der Geschichte drin war, alles vor mir sah und mich dann ein solcher theoretischer Einschub herausriß. Letztlich aber waren dies nur punktuelle Kritikpunkte.

Hauptpersonen sind der Gärtner Nicolaes und seine Tochter Margriet. Zu Beginn gibt es mehrere Handlungsstränge, bei denen noch nicht ersichtlich ist, wie diese sich zusammenfinden werden. Diese werden gut zusammengewoben. Lediglich bei einem Charakter blieb mir zu viel im Dunkeln. Wir lernen ihn zu Beginn kennen, Margriet hat Angst vor ihm, ohne daß uns wirklich begreiflich gemacht wird, warum sie diese hat. Es werden einige Handlungen Jacques’ geschildert, aber auch hier bleibt vieles unerklärt. Dies ist der zweite Punkt, der mich bei dem Buch ein wenig gestört hat: es gibt mehrere Stellen, an denen zu viel offenbleibt, einige Handlungen, deren Motivation nicht ersichtlich ist und die auch nie aufgegriffen wird. Auch einige zusätzliche Sätze zu einigen Aspekten des Tulpenwahns und dessen Ausgang hätten nicht geschadet. Manches blieb mir zu sehr an der Oberfläche und auch manchen Charakteren hätte etwas mehr Tiefe gutgetan.

Dafür gibt es allerdings sehr tiefgängige Stellen, die ohne viele Worte sehr viel vermitteln. Gerade Nicolaes ist herrlich sorgfältig ausgearbeitet und die kleinen Momente, in denen sich seine Beziehungen zu anderen zeigen, sind ganz hervorragend geschildert. Auch später, als die Dramatik zunimmt, liest man gebannt und kann gefühlsmäßig nicht ungerührt bleiben. Ohne Pathos, ohne Drama wird ganz intensiv geschildert – eine wundervolle Sprachkraft, die dazu führt, daß man nach dem Lesen der letzten Seite noch eine ganze Weile ergriffen ist. Sehr schön ist es auch, daß die Autorin nicht vor Realismus zurückscheut. Zu viele Bücher verschreiben sich so sehr dem „Alles wird gut“-Credo, daß ihnen jegliche Spannung genommen wird, weil man schnell merkt – irgendein glücklicher Zufall kommt immer wieder zu Hilfe, niemandem passiert etwas. Das ist hier zum Glück nicht der Fall. Das Buch ist lebensnah und durchaus teilweise unbarmherzig. Und genau deshalb ist es spannend und glaubwürdig. Ohnehin gab es in der Geschichte keine Längen (eher, wie oben erwähnt, im Gegenteil), dazu überraschende Wendungen, so daß ich immer wissen wollte, wie es weitergeht.

So erfreut „Zeiten des Tulpenwahns“ also sowohl mit Sprache wie auch Erzähltempo, mit historischem Realismus und einer durchaus ungewöhnlichen Geschichte.

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Veröffentlicht am 10.06.2021

Für meinen Geschmack zu behäbig und zu wenig Krimi

Das Phantom von Baden
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Leider hat mich dieses Buch von Anfang an nicht gepackt. Vielleicht liegt es an meinen Erwartungen: das herrliche Titelbild (sehr schön auch die abgerundeten Ecken!) und der Klappentext ließen mich einen ...

Leider hat mich dieses Buch von Anfang an nicht gepackt. Vielleicht liegt es an meinen Erwartungen: das herrliche Titelbild (sehr schön auch die abgerundeten Ecken!) und der Klappentext ließen mich einen düsteren, eventuell leicht morbiden Krimi erwarten, und das war es ganz und gar nicht. Es beginnt schon ein wenig skurril mit Alfred, der am Tag des Begräbnisses seiner Mutter von einer für meinen Geschmack etwas albernen Situation in die nächste gerät. Während mir die Sprache sofort ausgezeichnet gefiel, erinnerte mich die Geschichte an dieser Stelle an den Humor der 1970er – etwas konstruiert, etwas offensichtlich, ziemlich überdreht. Allerdings gab es hier auch amüsante Passagen.

Auch der weitere Verlauf konnte mich nicht richtig überzeugen, es passiert zwar dann schnell der erste Mord und die ersten Ermittlungen lasen sich recht interessant (auch wenn die Vorgehensweise der Polizei an mehreren Stellen nicht sehr realitätsnah war), aber dann ging es wieder um Alfreds Privatleben und ab da trat der Krimiteil für mich zu sehr in den Hintergrund. Die Geschichte verliert sich in Alfreds persönlicher Entwicklung (die – ebenso wie die Entwicklung der Beziehungen einiger Charaktere untereinander – zu schnell und nicht gänzlich nachvollziehbar geschah). Die zwei weiteren Morde und die weiteren Ermittlungen geschehen fast am Rande, immer wieder macht der Autor ausführliche Ausflüge in Alfreds Privatleben, verliert sich in den Details diverser Anlagemöglichkeiten (Alfred ist eine Art Anlageberater), die sich teilweise wie ein Versicherungsprospekt lesen und wenig interessant waren, allgemein wird einfach zu viel abgeschweift. Ich habe mich nach dem ersten Viertel des Buches fast durchgehend gelangweilt und sehr lange zum Lesen gebraucht, weil ich die Lektüre immer nach kurzer Zeit wieder abgebrochen habe. Es wirkte für mich über große Strecken hinweg zudem nicht wie ein Krimi, sondern wie ein etwas angestaubtes Boulevardstück. Wer der Mörder war, war mir schließlich recht egal, was für einen Krimi kein gutes Zeichen ist. Die Auflösung fand ich dann auch nicht wirklich überzeugend. Außerdem fehlte mir das Lokalkolorit – ich kenne Baden, mag diese pittoreske Stadt sehr gerne und hatte mich auch aus diesem Grund für das Buch interessiert. Allerdings fand ich recht wenig Baden im Buch, die Geschichte hätte in jeder anderen Stadt spielen können und auch hier lasen sich einige beschreibende Passagen eher nach Reiseprospekt und vermittelten das Gefühl für Baden und Umgebung für mich nicht.

So war es mir also wesentlich zu behäbig und zu wenig Krimi, zu viel „Alfred Eder findet sein Glück“. Gefallen hat mir die auf charmante Weise etwas altmodische, schön zu lesende Sprache und gelegentlich gelungener Humor. Auch wenn mich persönlich der Fall und die Auflösung nicht so sehr überzeugen, ist er doch sorgfältig ausgedacht. Wen die oben genannten Punkte nicht stören, wird an diesem Buch sicher Freude haben.

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Veröffentlicht am 31.05.2021

Eher eine - ausgesprochen informative - Reise durch Asien

In 80 Zügen um die Welt
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Schon das fröhliche Titelbild weckt Urlaubsgefühle, der Titel „In 80 Zügen um die Welt“ umgehende Jules-Verne-Assoziationen. Sieben Monate lang reiste Monisha Rajesh in Zügen umher und berichtet davon ...

Schon das fröhliche Titelbild weckt Urlaubsgefühle, der Titel „In 80 Zügen um die Welt“ umgehende Jules-Verne-Assoziationen. Sieben Monate lang reiste Monisha Rajesh in Zügen umher und berichtet davon in einer unterhaltsamen Mischung aus Anekdoten, Hintergrundinformationen und Erlebtem.

„Um die Welt“ ist hier etwas vollmundig – die südliche Hemisphäre wird komplett ausgelassen (wobei man der Fairness halber sagen muß, daß es bei Verne nicht anders war). Das mag sicher auch an der Zug-Infrastruktur liegen. So führt die Reise sie von London durch Europa, Asien und Nordamerika, dann geht es wieder durch Asien und Europa zurück. Über zwei Drittel des Buches widmen sich den asiatischen Ländern. Aus Europa erfahren wir letztlich nur etwas über Lourdes, eine überteuerte Reinigung in Italien und verwirrende venezianische Kanäle. Die immerhin achtundzwanzig europäischen Stationen (darunter Madrid, Rom, Warschau, Riga) sind keine Erwähnung wert. Das fand ich irritierend und bedauerlich und hier werden durch Titel, Klappentext und Städteliste eindeutig falsche Erwartungen geweckt.

Allerdings ist das, was berichtet wird, vielfältig und interessant. Die Autorin erzählt farbig von den diversen Zügen, in denen sie im Laufe ihrer Reise so ziemlich alle Komfortstufen erfährt. Unterhaltungen mit anderen Reisenden oder Leuten vor Ort bieten ausgezeichnete Einblicke in die Reise- und Lebensumstände unterschiedlicher Länder und sorgen dafür, dass wir nicht nur Land, sondern auch Leute erfahren. Diese persönliche Komponente ist erfreulich, eine weitere leider die große Schwäche des Buches: die Autorin selbst. Während sie einerseits den Kontakt zu den Menschen mit ehrlichem Interesse sucht, ist es andererseits unangenehm, ihre ständige Arroganz lesen zu müssen. Sie bedient sich vieler Vorurteile (Kleinstädte in den USA? Dort besteht laut ihr die Gefahr, von Hinterwäldlern auf offener Straße erschossen zu werden.) und wer sich nicht genau so verhält, wie sie es möchte, wird gnadenlos herabgesetzt. Einem dänischen Ehepaar, das keine Lust auf eine Unterhaltung hat und sich den wiederholten (!), hartnäckigen Versuchen der Autorin, die dies missachtet, schließlich durch demonstratives Lesen entzieht, wird viel Raum gewidmet, die Autorin beklagt sich anhaltend über eine solche „Unfreundlichkeit“ und freut sich, daß dieses Paar vor einem besonders schönen Streckenabschnitt aussteigt und diesen somit nicht mehr genießen kann. Ich habe immer wieder den Kopf geschüttelt, wenn sie giftig über Leute schreibt, die nichts getan haben, außer ihren Erwartungen nicht zu entsprechen. Es wurde zunehmend unangenehm zu lesen. Auch ihre ständige Herablassung vergiftete das Leseerlebnis. Hinzu kommt, daß diese sich mit einer ziemlichen Doppelmoral verbindet. Immer wieder läßt sie uns an ihren Meinungen teilhaben. So verteufelt sie gerne die zunehmende Abhängigkeit von Smartphones und Tablets, erwähnt andererseits mit solcher Hingabe iPads, Macbooks und andere Produkte dieses Herstellers, dass ich irgendwann ganz ernsthaft nach einem „Sponsored by“-Vermerk suchte. Sie erklärt uns gerne ihre Gewissenskonflikte in manchen Situationen, handelt aber in keiner dieser Situation danach. Auch das ging – ebenso wie die Überemotionalität – immer mehr auf die Nerven.

Abgesehen davon schreibt sie in einem zugänglichen, gut lesbaren Stil, oft mit herrlich trockenem Humor (an zwei Stellen finden sich leider zwei sehr alberne Szenen) und manch geradezu poetischen Formulierungen. Herrlich ist auch, wie viel man hier erfährt. Historische Hintergrundinformationen werden durch Interviews mit Zeitzeugen gelungen bereichert und sind berührend, manchmal beklemmend. Politische Hintergründe werden gut dargestellt und in den meisten Fällen benennt die Autorin glasklar die wirklichen Intentionen, die z.B. von China hinsichtlich Tibet gerne verfälscht dargestellt werden. Lediglich bei Nordkorea scheint sie sich entgegen ihrer mehrfach bekundeten Absicht etwas von der Propaganda einlullen zu lassen. Trotzdem ist ihr Bericht über den dortigen Besuch eine der interessantesten Passagen des Buches. Auch aus anderen Regionen, über die man sonst wenig erfährt – z.B. Kasachstan, dem uigurischen Gebiet, Tibet – gibt es hier farbige, informative Berichte. Zu bekannteren Ländern findet die Autorin Themen, die eher unbekannt sind und kann so viele neue Facetten beitragen. Bedauerlich ist es, daß sie die grausame Behandlung von Tieren in vielen dieser Länder völlig außer Acht läßt. Kleine Bemerkungen zeigen, daß sie in Situationen ist, in denen sie diese sieht, aber sie übergeht sie völlig. Als ihr von einem Gericht erzählt wird, bei dem lebendige, junge Mäuse gegessen werden, entfährt ihr, die so gerne ihre hehren moralischen Prinzipien darlegt, kein kritisches Wort – im Gegenteil: sie bekommt Hunger. Daß sie am Ende der Fahrt dann auch noch Foie Gras ißt, natürlich ohne ein Wort über die unfassbare Tierquälerei, die dahinter steht, paßt leider auf traurige Weise dazu und hat mich wirklich wütend gemacht.

Bedauerlich ist, daß der Leser völlig im Dunkeln gelassen wird, an welchem Tag der Reise wir uns gerade befinden, welcher Monat – oder auch nur welche Jahreszeit – gerade herrscht. Es gibt Übersichtskarten der Reise und eine Liste der 80 Züge und ihrer Ziele, das hat mir gefallen, aber abgesehen davon wissen wir nie, wie viel Zeit schon vergangen ist, auch die einzelnen Etappen werden den Kapiteln leider nicht vorangestellt, wie ich es von anderen Reiseberichten kenne. Sehr schön dafür zwei Abschnitte mit Farbfotos in ausgezeichneter Qualität.

Ich habe trotz der oben aufgeführten Schwächen genossen, wie viel ich in diesem Buch erfahren habe und wie informativ und vielfältig dies geschah. Größtenteils ist es eine wirklich gelungene Mischung.

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Veröffentlicht am 31.05.2021

Eine stilistisch bemerkenswerte Reise in die 1920er

Tage mit Gatsby
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Schon das Titelbild dieses Buches ist eine absolute Freude. Herrliche Farben, ein zum Thema und zur Zeit passendes Motiv, ein Blickfänger. Der gesamte Buchumschlag ist liebevoll gestaltet, hier stimmt ...

Schon das Titelbild dieses Buches ist eine absolute Freude. Herrliche Farben, ein zum Thema und zur Zeit passendes Motiv, ein Blickfänger. Der gesamte Buchumschlag ist liebevoll gestaltet, hier stimmt alles. Auch inhaltlich kann der Roman, der aus der Sicht Zelda Fitzgeralds vom Sommer 1924 berichtet, in dem Scott Fitzgerald „Der Große Gatsby“ schrieb, erfreuen.

Dies geschieht insbesondere durch den außergewöhnlichen Schreibstil (der lediglich bei den Dialogen abfällt). Ich war sofort hingerissen von diesem Sprachkönnen, gerade bei einem Romandebüt ist dies bemerkenswert. Die Autorin malt mit ihren Wörtern opulente Bilder, findet Formulierungen, die ich gleich mehrfach gelesen habe. Die Metapherverliebtheit wirkt gelegentlich ein wenig überbordend, paßt aber zu dieser Geschichte, in der das Überbordende das Leitmotiv ist. Die Sprache ist kunstvoll, etwas blumig, man merkt, wie an diesen Formulierungen liebevoll gefeilt wurde.

Zelda Fitzgerald als Ich-Erzählerin zu nehmen, erfordert Mut, Recherche und Einfühlungsvermögen, wurde aber gelungen umgesetzt. Zeldas Erzählstimme klingt glaubhaft und zeigt, wie intensiv die Autorin sich mit ihrer Persönlichkeit beschäftigt hat. Auch die Welt der 1920er lebt auf. Die fiebrigen Partys in New York und Paris sieht man ebenso vor sich wie die schleppende Schläfrigkeit der Sommertage an der französischen Riviera. Auch hier merkt man die sorgfältige Recherche. Allerdings wiederholen sich viele Szenen. Partys werden immer wieder minutiös geschildert und da es in der Natur der Sache liegt, daß sie sich nur marginal unterscheiden, wurde es irgendwann zäh, immer wieder zu ähnliche Schilderungen zu lesen, in denen sich gut gekleidete Menschen bei Champagner affektiert unterhalten, Zelda durch zu viel Alkohol ausflippt und die Party im Streit endet. Auch die Auseinandersetzungen von Scott und Zelda sowie die Flirtereien Zeldas ähnelten sich zu sehr, teilweise bis hin zu den Formulierungen. Der Mittelteil des Buches zieht sich somit und hat etwas von einer Endlosschleife.

Als weitere Schwachstelle empfand ich die etwas krampfhafte Einbindung von Hintergrundinformationen und Personen. Oft ist sie zwar gelungen, mehrmals aber merkt man, daß die Informationen um ihrer selbst Willen eingefügt werden, was immer etwas ungeschickt wirkt. Dies merkt man auch bei mehreren Personen aus dem Umfeld der Fitzgeralds. Während uns einige immer wieder begegnen, vertraut werden und gelungen zur Geschichte beitragen, bleiben andere bloße Namen, die hier und da eingeworfen werden und für die meisten Leser kaum Bedeutung haben dürften. Einige Personen werden recht ausführlich beschrieben, kommen in einer Szene vor, ohne Wirkung auf die Geschichte zu haben, und verschwinden wieder. Das ist leider nicht gelungen und passiert hier zu oft.

Erfreulich sind Zeldas Erinnerungen, die uns relevante und interessante Informationen über die Vorgeschichte dieses Paars geben. So bleibt der Erzählrahmen zwar im Sommer 1924, wird aber inhaltlich über diese Zeit heraus erweitert ohne den Lesefluß zu stören. Es ist erfreulich, wie gut diese Rückblenden eingebunden wurden. Faszinierend waren auch die Einblicke in Scott Fitzgeralds Arbeitsweise, die Hintergründe des Gatsby und einiger anderer Werke. Ein Epilog gibt uns Informationen über die späteren Jahre und endet berührend. Ohne die Längen und Wiederholungen wäre das Buch perfekt gewesen, aber auch so war es insbesondere wegen des herrlichen Schreibstils eine Lesefreude und ist für jeden, der an den Fitzgeralds interessiert ist, oder einfach in das Lebensgefühl der wilden 1920er eintauchen möchte, empfehlenswert.

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