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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 26.03.2026

Spiele, Geheimnisse und ein Geist namens Louisiana Veda

Darkly
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Dia ist kein typischer Teenager: Sie spielt Backgammon, liebt Stickkissen, trägt Faltenröcke und verbringt ihre Nachmittage im Antiquitätenladen ihrer Mutter; ihre zwei liebsten Menschen sind über 75 Jahre. ...

Dia ist kein typischer Teenager: Sie spielt Backgammon, liebt Stickkissen, trägt Faltenröcke und verbringt ihre Nachmittage im Antiquitätenladen ihrer Mutter; ihre zwei liebsten Menschen sind über 75 Jahre. In ihrer altmodischen, ruhigen Welt verehrt sie vor allem eine: Louisiana Veda, die geniale Gründerin der Brettspielfirma Darkly, die vor 39 Jahren starb und deren rätselhafte Spiele noch heute als Kunstwerke gelten — Originale werden für Millionen gehandelt.
Als die Louisiana-Veda-Stiftung sieben Sommerpraktikantinnen und -praktikanten sucht, bewirbt sich Dia sofort. Hunderttausende konkurrieren — und Dia gehört wider Erwarten zu den Auserwählten. Sie fliegt nach London, doch was sie dort erwartet, ist kein ruhiges Büropraktikum, sondern das größte und gefährlichste Abenteuer ihres Lebens: gemeinsam mit sechs anderen jungen Menschen muss sie ein Rätsel lösen, bei dem möglicherweise das Leben auf dem Spiel steht.
Die Geschichte ist wirklich richtig spannend — und das liegt zu einem guten Teil daran, dass die Natur der Darkly-Spiele bewusst im Ungewissen gehalten wird. Alles wirkt mysteriös, hinter jeder Ecke scheint ein weiteres Geheimnis zu lauern. Dieser Kunstgriff funktioniert ausgezeichnet: Man liest weiter, nicht nur weil man wissen möchte, was als Nächstes passiert, sondern auch, weil man Louisiana Veda und ihre Spiele besser verstehen möchte.
Ja, manches mag etwas überzogen wirken — eine 17-Jährige, die plötzlich massiv über sich hinauswächst und Gefahren meistert, die vorher undenkbar waren. Aber die Geschichte ist so gut erzählt, dass man bereitwillig über diese kleinen Schwächen hinwegliest.
Was wirklich herausragt, ist die Aufmachung des Buches. Schon der Umschlag wirkt düster und mysteriös — ganz so wie alles, was sich um Louisiana Veda dreht. Der gesamte Buchschnitt ist bedruckt: geheimnisvolle Motive, passend zum Cover. Zwischen den Kapiteln finden sich immer wieder eingestreute Dokumente aus Louisianas Leben — Briefe, Zeitungsausschnitte, Anwaltsschreiben — die das Ganze ungemein auflockern und lebendig machen. Eine insgesamt wirklich tolle Aufmachung, die das Leseerlebnis deutlich bereichert.

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Veröffentlicht am 13.03.2026

Ausbruch im Zoo – Mitmachen erwünscht!

Bloß nicht öffnen
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Na das ist deutlich: "Bloß nicht öffnen!" steht in großen bunten Lettern oben auf dem Buch. Aber die fünf Tiere darunter sehen so lustig und süß aus - da muss man es einfach öffnen. Gesagt, getan - und ...

Na das ist deutlich: "Bloß nicht öffnen!" steht in großen bunten Lettern oben auf dem Buch. Aber die fünf Tiere darunter sehen so lustig und süß aus - da muss man es einfach öffnen. Gesagt, getan - und schon ist es passiert: Die Tiere entkommen und laufen jetzt frei im Zoo herum.
Statt einfach eine Geschichte vorgelesen zu bekommen, werden die Kinder hier aktiv miteingebunden und müssen mithelfen, die Zootiere wieder einzufangen. Da darf man Antippen, mit der Nase malen oder gleich das ganze Buch schütteln, damit die Tiere wieder zurück in ihr Gehege kommen. Jede Doppelseite fordert mit wenigen Sätzen zum erneuten Mitmachen auf, insgesamt gibt es nur wenig Text.
Die Illustrationen sind liebevoll, fröhlich und sehr gut auf das Geschehen abgestimmt: Beispielswiese sieht man im dunklen Schuppen nur fünf Augenpaare und den Lichtschalter. Und nachdem man die Tieren die Farben weggepustet hat, folgen zwei kunterbunte Seiten.
Gedacht ist dieses Mitmachbuch für Kinder ab 3 Jahren, ist aber durch die kurzen und einfachen Sätze auch schon für Jüngere gut geeignet: beim mit der Nase malen, rubbeln oder pusten haben sie bestimmt auch ihre Freude.
Insgesamt ein tollen Mitmachbuch mit abwechslungsreichen und lustigen Aufträgen - Langeweile kommt da keine auf.

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  • Cover
Veröffentlicht am 08.03.2026

Wo früher Kühe standen

Melken
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Sanna Samuelssons Debütroman verbindet Erinnerungen an eine Kindheit auf dem Bauernhof mit der stillen Gegenwart eines Ortes, der seine ursprüngliche Funktion verloren hat. Ellen, die Tochter eines Bauern, ...

Sanna Samuelssons Debütroman verbindet Erinnerungen an eine Kindheit auf dem Bauernhof mit der stillen Gegenwart eines Ortes, der seine ursprüngliche Funktion verloren hat. Ellen, die Tochter eines Bauern, kehrt während der Ferien spontan auf den Hof zurück, auf dem sie aufgewachsen ist. Die neuen Besitzer sind verreist, der Schlüssel liegt noch immer unter dem Topf – und so betritt sie einen Ort, der gleichzeitig vertraut und fremd geworden ist.
Der Hof ist inzwischen zur eleganten Villa umgebaut: Die Weide ist leer, die Scheune verschlossen, und aus ehemaligen Stallmaterialien sind Designobjekte geworden. Ellen richtet sich in ihrem alten Kinderzimmer ein, trinkt den Kaffee der neuen Bewohner und bleibt länger, als geplant. Während sie durch Räume und Erinnerungen streift, tauchen Bilder ihrer Kindheit auf – von harter Arbeit, Nähe zu den Tieren und einem Leben, das untrennbar mit dem Hof verbunden war.
Der Roman erzählt von der Entfremdung zwischen Land und Stadt, Vergangenheit und Gegenwart. Ellen schämte sich früher für den Geruch von Mist in ihrer Kleidung und musste das Dorf einst mit ihren Eltern verlassen. Zwar brachte die Stadt ihr Freiheit, aber weder Ruhe noch Orientierung. Als sie zurückkehrt, stellt sich jedoch die Frage, ob es überhaupt noch etwas gibt, zu dem man wirklich zurückfinden kann.
Samuelsson beschreibt das Landleben ohne Nostalgie. Sie zeigt sowohl die harte Arbeit der Bauern als auch die ambivalenten Seiten der Tierhaltung. Immer wieder blitzen auch agrarpolitische Hintergründe auf, die zeigen, warum solche Höfe verschwinden. Gleichzeitig überrascht der Text mit ungewöhnlichen, manchmal bissig-humorvollen Bildern: Gedanken über Kühe, Menschen und sogar Darmflora werden zu eigenwilligen Vergleichen über Nähe, Prägung und Identität.
Am Ende wirkt Ellens Aufenthalt wie ein stiller Heilungsprozess – und wie ein verspäteter Abschied von einer Lebensform, die langsam verschwindet.

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Veröffentlicht am 28.02.2026

Eine Maus namens Merlin – leise Schritte zurück ins Leben

Eine Maus namens Merlin
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Helen Cartwright ist 83 Jahre alt.
„Aber eigentlich war ihr Leben vorbei. ... Jeder Tag, der verging, war eine Wiederholung des vorherigen Tages. Es war, als käme man immer nur einen winzigen Schritt weiter. ...

Helen Cartwright ist 83 Jahre alt.
„Aber eigentlich war ihr Leben vorbei. ... Jeder Tag, der verging, war eine Wiederholung des vorherigen Tages. Es war, als käme man immer nur einen winzigen Schritt weiter. Als müsste man sogar für den Tod Schlange stehen.“
Nach mehreren Schicksalsschlägen ist sie vor drei Jahren in ihren Heimatort zurückgezogen, nachdem sie 60 Jahre in Australien gelebt hat. Hier soll ihr Leben enden – dort, wo es begonnen hat. Doch eines Tages entdeckt Helen eine Maus, die ihre Hilfe braucht. Und mit diesem unscheinbaren Wesen beginnt eine Kette von Ereignissen, die ihr festgefahrenes Leben gründlich durcheinanderwirbeln.
Zumindest das erste Drittel ist eine sehr, sehr ruhige Geschichte. Helens Tagesablauf wird beinahe minutiös beschrieben, denn praktisch jeder Tag gleicht dem anderen. Nur ihre Erinnerungen und Selbstgespräche durchbrechen die Monotonie – und eröffnen nach und nach den Blick auf ihr Leben. Überraschenderweise wirkte das auf mich nie langweilig, denn immer wieder blitzt ein feiner, leiser Humor auf, der mich zum Schmunzeln brachte.
Auch wenn Helens Schicksal anfangs recht vorhersehbar scheint, hält das letzte Drittel eine echte Überraschung bereit, mit der ich so nicht gerechnet hätte. Ab diesem Punkt wird die Geschichte deutlich turbulenter – und stellenweise wunderbar witzig.
Weniger schön fand ich die vergleichsweise vielen Druckfehler sowie den falschen Namen der Maus. Im Deutschen heißt sie Merlin, im Original jedoch Sipsworth – und dieser Name beziehungsweise die Abkürzung „Sip“ taucht im Buch mehrfach auf. Hier hätte man dem Lektorat oder Korrektorat ruhig ein wenig mehr Aufmerksamkeit gönnen können.
Alles in allem aber eine warme, leise und sehr menschliche Geschichte, die zeigt, dass selbst ein scheinbar abgeschlossenes Leben noch Platz für unerwartete Wendungen hat.

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Veröffentlicht am 24.02.2026

Was macht den Menschen aus?

Ich, die ich Männer nicht kannte
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Wow. Nach dieser Lektüre fühle ich mich regelrecht erschlagen. Und das Seltsame ist: Es passiert eigentlich nicht viel. Aber vielleicht ist genau das die größte Wucht dieses Buches.
Vierzig Frauen werden ...

Wow. Nach dieser Lektüre fühle ich mich regelrecht erschlagen. Und das Seltsame ist: Es passiert eigentlich nicht viel. Aber vielleicht ist genau das die größte Wucht dieses Buches.
Vierzig Frauen werden in einem Käfig ohne Tageslicht gefangen gehalten. Die Jüngste unter ihnen kennt kein anderes Leben – und aus ihrer Perspektive erleben wir alles. Niemand weiß, warum sie hier sind. Drei Wächter bewachen sie ununterbrochen, sprechen nie mit ihnen, lassen keine Nähe, keine Intimität zu. Die Toilette steht mitten im Raum, Wasser ist knapp, Kleidung kaum vorhanden. Berührungen sind verboten, ebenso wie laute Emotionen. Verstöße werden mit Peitschenhieben bestraft.
Dann, eines Tages, ein Alarm. Die Wächter fliehen. Die Schlüssel bleiben zurück. Die Frauen sind frei.
Doch die Freiheit, die sie erwartet, ist keine Erlösung, sondern nur eine andere Form der Gefangenschaft.
Während die älteren Frauen von Erinnerungen an ihr früheres Leben geprägt sind und unter dem Verlust leiden, steht die Erzählerin vor einer völlig anderen Herausforderung: Sie hat nichts verloren, denn sie hatte nie etwas. Für sie ist die Welt ein unbeschriebenes Blatt. Was für die anderen Verlust bedeutet, ist für sie Anfang. Was für die anderen Schmerz ist, ist für sie Neugier.
Diese Neugier wird zu ihrem eigentlichen Überlebenswerkzeug. Unermüdlich versucht sie zu verstehen. Sie beobachtet, misst, denkt nach. Mit Hilfe von Thea entwickelt sie eigene Systeme zur Zeit- und Entfernungsmessung – kleine, verzweifelte Versuche, Ordnung in eine Welt zu bringen, die keine Antworten mehr liefert.
Ihr Hunger nach Wissen ist grenzenlos, doch die Welt bleibt stumm.
Und genau darin liegt die eigentliche Kraft dieses Buches: Es verweigert Erklärungen. Man erfährt weder, warum die Frauen gefangen waren, noch, was geschehen ist. Keine Auflösung. Kein Trost. Nur Existenz.
So wird die Erzählerin zu einer Art philosophischem Urmenschen. Ohne gesellschaftliche Prägung, ohne kulturelle Orientierung, ohne Vergangenheit. Sie stellt die grundlegendsten Fragen: Was ist Zeit? Was ist Sinn? Was ist ein Mensch?
Unwillkürlich fühlt man sich an das Kaspar-Hauser-Phänomen erinnert – ein Bewusstsein, das sich selbst und die Welt erst erschaffen muss, ohne Anleitung, ohne Kontext.
Das Buch ist ruhig, fast emotionslos erzählt, und gerade deshalb so intensiv. Es zwingt einen, sich mit der vielleicht unbequemsten Frage überhaupt auseinanderzusetzen:
Was bleibt vom Menschen, wenn alles, was ihn definiert, verschwindet?
Eine beeindruckende, verstörende und tief nachwirkende Lektüre, die keine Antworten gibt – aber Fragen, die einen noch lange begleiten werden.

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