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Veröffentlicht am 19.08.2025

Familiengeheimnisse aus unruhigen Zeiten

Die Holunderschwestern
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Der Start in das Buch macht neugierig: ein Abschiedsbrief aus dem Jahre 1936 leitet in den Roman ein, geschrieben von einer F. Doch wer ist F. und was ist passiert?

Mit „Die Holunderschwerstern“ hat die ...

Der Start in das Buch macht neugierig: ein Abschiedsbrief aus dem Jahre 1936 leitet in den Roman ein, geschrieben von einer F. Doch wer ist F. und was ist passiert?

Mit „Die Holunderschwerstern“ hat die promovierte Historikerin Brigitte Riebe alias Teresa Simon einen historischen Roman verfasst, der dieser Frage nachgeht. Es gibt zwei Handlungsstränge, die sich gut auseinanderhalten lassen. Der eine spielt im Jahr 2015 und dreht sich um die Restauratorin Katharina, die zusammen mit einer Kollegin eine eigene Werkstatt unterhält und liebevoll Möbel restauriert. Mit viel Detailwissen hat die Autorin ihr dabei über die Schulter geschaut. Und das ist typisch für den Schreibstil von Teresa Simon. Sie recherchiert sehr genau und lässt ihre Erkenntnisse dann in das Buch einfließen. Katharina hat ein angespanntes Verhältnis zu ihrer Mutter und kennt ihre weiblichen Vorfahrinnen aus vielen Erzählungen. Doch manches blieb dabei unausgesprochen. Es gibt Tabuthemen, die sich über Generationen weiterverbreitet haben. Doch erst als ein mysteriöser Kunsthändler aus London auf der Bildfläche erscheint, und der überraschten Katharina die Tagebücher ihrer Urgroßmutter Fanny übergibt, setzt sie sich intensiver mit der Geschichte ihrer Familie auseinander. Und das ist weitestgehend eine Geschichte der Frauen.

Anhand der Tagebücher reisen wir mit Katharina zurück in die Jahre zwischen 1918 und 1936, eine Zeit der gesellschaftlichen Umbrüche und politischen Unruhen. Beginnend mit den Entbehrungen des Ersten Weltkrieges begleiten wir Urgroßmutter Fanny auf ihrem Weg aus der bayrischen Provinz nach München und erfahren viel über die Lebens- und Arbeitsbedingungen in der damaligen Zeit. Auch hier überzeugt Simon mit dem Detailreichtum und ihren historischen Kenntnissen. Ausgestorbene Berufe tauchen auf, aber auch Persönlichkeiten aus der damaligen politischen und kulturellen Welt. Das beinhaltet dann natürlich auch die faschistischen Umtriebe. Und so ist manches Erlebnis eine schwere Kost. Auch wenn die Geschichte eine wichtige Rolle spielt, im Mittelpunkt steht immer die Protagonistin Fanny, der ihre Zwillingsschwester Fritzi nach München folgt. Das Verhältnis der Schwestern ist problematisch. Während die eine in einem jüdischen Haushalt in Stellung geht und auch viele Künstler wie etwa Paul Klee kennenlernt, wird die andere vom aufstrebenden Nationalsozialismus geblendet. Warum das Buch „Die Holunderschwestern“ heißt, möchte ich hier nicht verraten.

Teresa Simon hat in dieses Buch auch die Geschichte ihrer eigenen Familie und eigene Erlebnisse mit einfließen lassen. Das macht das ganze sehr lebendig. Allerdings bleiben am Ende doch auch einige Fragen offen. Das ist mutig von der Autorin und logisch nachvollziehbar, da sich die Geschichte nun einmal aus Tagebucheinträgen speist, für mich als Leserin aber dennoch leicht unbefriedigend. Zudem überzeugt mich der Handlungsstrang in der Gegenwart nicht ganz so wie der in der Vergangenheit.

Dennoch spreche ich eine eindeutige Leseempfehlung aus. So wie Simon schreibt, wird Geschichte lebendig.

Ach ja, abgerundet wird das Buch durch eine kleine Sammlung alter bayrischer Rezepte. Sehr verführerisch!

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Veröffentlicht am 12.07.2025

Zwischen Kinshasa und London - zwei Frauenleben, miteinander verwoben wie "cornbraids"

Wohin du auch gehst
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Großartiger Debütroman über Frauenleben und Identität vor dem Hintergrund kultureller Identität und patriarchaler Strukturen

Unglaublich, welche Themenvielfalt Christina Fonthes in ihr Erstlingswerk gepackt ...

Großartiger Debütroman über Frauenleben und Identität vor dem Hintergrund kultureller Identität und patriarchaler Strukturen

Unglaublich, welche Themenvielfalt Christina Fonthes in ihr Erstlingswerk gepackt hat! Wo soll ich da beginnen?

Zunächst einmal geht es um zwei kongolesisch-stämmige Frauen, die miteinander verwandt sind und gemeinsam in einer kleinen schäbigen Wohnung in London leben. Bijoux ist jung und hat ein lesbisches Coming out, ihre Tante Mira ist Mitglied einer protestantischen Sekte und richtet ihr Leben an der dort verkündeten patriarchalen Interpretation der Bibel aus. Homosexualität ist für sie aber nicht nur des Teufels , sondern zudem unafrikanisch.

Erst nach und nach erfahren wir, warum Bijoux überhaupt bei Tante Mira wohnt. Dazu verwebt Fonthes sehr eindrücklich die Lebensgeschichte von Mira, beginnend 1974 mit der von Bijoux. Die zahlreichen Rückblenden erfordern die volle Aufmerksamkeit der Lesenden. Und durch sie erfahren wir sehr viel über die kongolesische Geschichte. Immerhin ist die Demokratische Republik Kongo das zweitgrößte Land Afrikas, gemessen das der Bevölkerung das viergrößte. Allein in der Hauptstadt Kinshasa leben mehr als 16 Millionen Menschen.

Doch auch wenn die Geschichte des Landes und die politische Situation im Laufe der Jahrzehnte immer wieder eine Rolle spielt, geht es in „Wohin du auch gehst“ vor allem um Indentität. Wir begleiten Mira, einst ein wilder und aufmüpfiger Teenager auf ihrem oft schmerzvollen Weg von Kinshasa über Brüssel und Paris nach London. Und wir erleben, wie Bijoux sich erste eine eigene Identität erkämpfen muss. Obwohl das Buch viele schmerzhafte Themen berührt, und eindrücklich beschreibt, wie Ausgrenzung und patriarchale Strukturen, familiäre und politische Machtinteressen, Religion und Moralvorstellungen ineinandergreifen, ist es eine wahnsinnig spannende Lektüre.

Fonthes beweist eindrücklich, dass sie komplexe Geschichten erzählen kann, geschickt ineinander verwoben wie die einzelnen Strähnen der cornrows afrikanischer Frauen. Die deutsche Übersetzung stammt von Michaela Grabinger, die u.a. Elif Shafak übersetzt. Bereichert wird das Buch zudem durch die Verwendung eines Glossars, in dem die auftauchenden Begriffe aus der kongolesischen Sprache Lingala erläutert werden.

Ich vergebe eine eindeutige Leseempfehlung und fünf Sterne.

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Veröffentlicht am 06.07.2025

Ein wundervolles Buch über das Leben und Überleben

Die Hummerfrauen
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Was für ein wundervolles Buch! Es beginnt bereits mit der Covergestaltung. Auf dem Schutzumschlag prangt ein orange-pinker Hummer, der blaue Titel verleiht dem Buch zudem einen maritimen Eindruck. Du nimmt ...

Was für ein wundervolles Buch! Es beginnt bereits mit der Covergestaltung. Auf dem Schutzumschlag prangt ein orange-pinker Hummer, der blaue Titel verleiht dem Buch zudem einen maritimen Eindruck. Du nimmt man den Umschlag ab, erwartet einen die erste Überraschung. Auf dem Buch selbst ist der Hummer in Blautönen abgebildet. Schnell wird klar, dass es sich dabei nur um Mr. Darcey handeln kann, das ungewöhnliche Haustier einer der Hauptprotagonistinnen.

Ann ist 72 und die älteste Hummerfischerin in einem kleinen fiktiven Hummerfischerort im Maine. Dann ist da noch die Mittfünfzigerin Julie, die sich nach einem schweren Unfall zurück in das Leben gekämpft hat. Beide Frauen haben sich trotz aller Widerstände in der Männerdomäne der Hummerfischerei behauptet. Und schließlich Mina, Ende Zwanzig, die nach einem tragischen Ereignis an den Sehnsuchtsort ihrer Kindheit zurückkehrt. Viele weiter Personen tauchen auf. Sie alle eint, dass sie mit Verlust und Trauer, Enttäuschungen und unerfüllten Wünschen, verflossener Liebe und anderen Schicksalsschlägen auseinandersetzen müssen. Was hier sehr düster und melancholisch klingt, ist am Ende jedoch das Leben, was nicht immer so verläuft, wie man es sich erträumt hätte. Und so ist das Buch keineswegs traurig, sondern wundervoll geschrieben, sehr einfühlsam und in einer schönen Sprache. Der raue Charme der Landschaft spiegelt sich in der Sprache der Bewohner wieder. Und es ist spannend zu beobachten, wie die Frauen aus Veränderungsprozessen hervorgehen. Der Vergleich zu den sich häutenden Hummern ist da naheliegend. Beatrix Gerstberger ist ein oft sogar humorvoller Debütroman gelungen. Dabei gelingt es ihr, in die Tiefe zu gehen, philosophisch zu werden, ohne dass dies beschwerlich wirkt.

Fazit: Ein großartiges Werk voller Einfühlsamkeit und mit Gespür für die Menschen, insbesondere die Frauen. Ein Buch über ungewöhnliche Lebensverläufe und die Möglichkeiten, das eigene Leben zu steuern.

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Veröffentlicht am 15.06.2025

Ein Wechseljahr auf Guernsey

Alice und das Blau des Wassers
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Katja Keweritsch schreibt wundervolle Bücher über Frauen in Umbruchsituationen. In ihrem dritten Roman geht es um Alice, die ausgerechnet an ihrem Hochzeitstag damit konfrontiert wird, dass ihr Mann eine ...

Katja Keweritsch schreibt wundervolle Bücher über Frauen in Umbruchsituationen. In ihrem dritten Roman geht es um Alice, die ausgerechnet an ihrem Hochzeitstag damit konfrontiert wird, dass ihr Mann eine neue - jüngere - Frau hat, und die ist auch noch schwanger. Alice ist 49, die Kinder sind erwachsen und sie selbst kämpft mit den körperlichen Veränderungen der Wechseljahre. Bislang hat sie im Betrieb des Ehemannes mitgearbeitet, hat die Care-Arbeit übernommen und steht nun gefühlt vor dem Nichts.

Die Autorin lässt ihrer Heldin Zeit, diesen Umbruch zu verarbeiten. Sie beschreibt eindrücklich die Leere, die nach solch einem Schock zunächst entsteht. Doch dann beginnt eine zaghafte, sanfte Entwicklung. Alice Tochter arrangiert einen Haustausch, und wir tauchen mit Alice ein in die wundervolle Welt der Kanalinsel Guernsey. Geradezu wohltuend sind die Landschaftsbeschreibungen, die nun die Handlung ergänzen.

Keweritsch erzählt von Frauen auf dem Weg zu sich selbst. Was mir an diesem Buch besonders gefallen hat, ist dass Alice dabei viele Unterstützerinnen findet. Während oft die Konkurrenz zwischen Frauen thematisiert wird, steht hier die Solidarität von Frauen im Mittelpunkt. Sie unterstützen Alice auf vielfältige Weise dabei, sich mit ihrer Situation, ihrem sich verändernden Körper, aber auch mit der gesellschaftlichen Rolle von Frauen in den Wechseljahren auseinanderzusetzen. Das ist für mich ein deutlicher Unterschied zu "Agnes geht", denn Agnes hatte zwar auch Begegnungen, ging ihren Weg aber alleine. Auch Alice hat aber eine aktive Form der Reflektion: sie schwimmt, und auf Guernsey tut sie das im Meer.

Besonders gefallen hat mir wieder die schöne Sprache, das einfühlsame Erzählen, welches so typisch ist für die Bücher von Katja Keweritsch.

Fazit: ein Buch für alle, die keine Superfrau erwarten, die von jetzt auf gleich ihr Leben umkrempelt, sondern die sich auf einen Veränderungsprozess einlassen. Ich vergebe fünf von fünf Sternen ⭐⭐⭐⭐⭐

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Veröffentlicht am 11.06.2025

Ein Blick hinter die Fassaden einer Vorstadt

Lauter kleine Lügen
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Kate Kemps Debütroman „Lauter kleine Lügen“ beginnt mit einem spektakulären Mordfall. Ein Krimi also? Keineswegs, oder eben nicht ausschließlich. Die reine Krimihandlung ist eher unspektakulär und die ...

Kate Kemps Debütroman „Lauter kleine Lügen“ beginnt mit einem spektakulären Mordfall. Ein Krimi also? Keineswegs, oder eben nicht ausschließlich. Die reine Krimihandlung ist eher unspektakulär und die Aufklärung des Falles steht nur scheinbar im Mittelpunkt des Buches. Vielmehr blicken wir hinter die Hecken der Vorgärten und die Fassaden der Einfamilienhäuser in einer beschaulichen Vorstadt Canberras. Wir schreiben das Jahr 1979 und über der kleinen Siedlung, die in einer Sackgasse liegt, drückt die Hitze des australischen Sommers. Hier leben ganz gewöhnliche Menschen – doch was bedeutete das in der damaligen Zeit? Es gilt das weiße, christlich geprägte, patriarchale, heterosexuelle Normativ. Ungeachtet der Tatsache, dass die Menschen diesem auch damals schon nicht entsprochen haben. Kemp spricht viele Themen an, Rassismus, Sexismus, Ausgrenzung und Mobbing, Vorurteile und Lügen. Und trotzdem ist „Lauter kleine Lügen“ keine schwere Lektüre. Im Gegenteil, ich habe mich durch den lebendigen Schreibstil und die gelungene Darstellung der Atmosphäre der kleinen Straße großartig unterhalten gefühlt. Kemp beschreibt, ohne den Zeigefinger zu erheben. Und so tauchen wir ein in diese Welt mit all ihren Gerüchten und Geheimnissen, lernen die Bewohner kennen und erleben hautnah, wie es sich damals angefühlt hat. Wir betrachten vieles durch die Augen der 12jährigen Tammy, erleben die unterschiedlichen Frauenbilder, machen uns Gedanken über hetero- und homosexuelle Geschlechterrollen, erleben Multiethnizität, Unzufriedenheit und unerfüllte Wünsche, erlittene Traumata und befreiende Entwicklungen. Man merkt dem Buch an, dass Kate Kemp systemische Psychotherapeutin ist. Und das ist alles andere als ein Manko. Denn meine Antwort auf die Frage, worum es in diesem Roman geht, lautet: Es geht um Identität. „Lauter kleine Lügen“ ist ein großartiges feministisches Buch, ein Sittengemälde der Endsiebzigerjahre des 20.Jahrhunderts, ein Spannungsroman und ja, irgendwie auch ein Krimi. Ich spreche voller Überzeugung meine uneingeschränkte Leseempfehlung aus.

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