Ich habe nicht das Recht dazu, dieses Buch zu bewerten...
SoziopathinMemoiren subjektiv zu bewerten ist immer schwierig, denn woher hat man das Recht, das Erlebte, dass eine andere Person teilen möchte, zu beurteilen? Ich bin der Meinung, dass man das als Leser:in nur begrenzt ...
Memoiren subjektiv zu bewerten ist immer schwierig, denn woher hat man das Recht, das Erlebte, dass eine andere Person teilen möchte, zu beurteilen? Ich bin der Meinung, dass man das als Leser:in nur begrenzt tun kann. Bei "Soziopathin" ist es mir allerdings überhaupt nicht möglich, das Gelesene zu bewerten, weil ich mich nicht in die Autorin Patric Gagne hineinversetzen konnte. Und genau das ist der Punkt an diesem Buch.
Patric Gagne ist promovierte Psychologin, Therapeutin - und Soziopathin. Sie erzählt in dieser Autobiographie ihr Aufwachsen und Umgehen mit ihrer Persönlichkeitsstörung. Damit will sie Stigmata abbauen, Verständnis schaffen und anderen Soziopath:innen helfen. Es geht um ihr destruktives Verhalten und wie sie ihr Leben lang versucht hat, sich selbst zu verstehen sowie um Liebe und Freundschaft. Sie zeigt, dass Psychoedukation eine zentrale Säule der Behandlung von psychischen Erkrankungen sein kann, dass das Problem jedoch darin besteht, dass die Forschung sich zu wenig mit Soziopathie befasst. Deshalb widmet Gagne ihr Leben diesem Ziel, um zu zeigen, dass Soziopath*innen nicht per se böse sind.
Ich kann nicht beurteilen, inwiefern dieses Buch Betroffenen helfen kann. Mir persönlich fiel es schwer, in das Buch reinzukommen, weil ich die Abwesenheit von Emotionen, die Gagne erlebt und mit destruktiven Verhalten auszugleichen versucht, nur sehr begrenzt nachvollziehen kann. Hilfreich fand ich hierbei, dass Gagne immer wieder psychologische Einordnungen und Ergebnisse aus ihren Therapiesitzungen teilt.
Ich denke die beste Haltung, um als Nicht-Betroffene an dieses Buch heranzugehen ist diese: unvoreingenommen und nicht verurteilend. Dadurch hat dieses Buch dazu beigetragen, dass ich Soziopathie an sich besser verstehe und als weniger negativ wahrnehme. Ich habe allerdings beim Lesen auch gemerkt, dass ich an manchen Stellen eine gewisse Abneigung verspürt habe, die mir zeigt, dass ich meinen Vorsatz des Nicht-Verurteilens nicht an jedem Punkt einhalten konnte. Trotzdem nehme ich die Lektüre als bereichernd wahr, nicht nur weil sie mir diesen Spiegel vorgehalten hat, sondern auch, weil sie sich sehr fundiert und verständlich mit der Thematik auseinandersetzt und ihrem entstigmatisierenden Vorsatz durchaus nachkommt. Denn es zeigt auf, dass Soziopathie normal und nicht kriminell ist und dass es möglich ist, einen Umgang damit zu finden, sowohl für Betroffene, als auch für die Gesellschaft, um Betroffene zu unterstützen.