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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 14.10.2025

Starker Roman

Kopflos
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Lisa ist Mutter von zwei Jungs, es sind Zwillinge. Sie hat das Umgangsrecht verloren, kommt damit absolut nicht zurecht. Heimlich beobachtet sie die beiden Jungs, doch das reicht irgendwann nicht mehr. ...

Lisa ist Mutter von zwei Jungs, es sind Zwillinge. Sie hat das Umgangsrecht verloren, kommt damit absolut nicht zurecht. Heimlich beobachtet sie die beiden Jungs, doch das reicht irgendwann nicht mehr. Kurzerhand entführt sie die Kinder und verschwindet. Geplagt von innerer Zerrissenheit übertritt sie immer mehr Grenzen, verstrickt sich immer mehr in kriminelle Handlungen.

Wow, was für eine intensive Leseerfahrung. Ariana Harwicz gelingt es eine unglaublich authentische Mutter zu erschaffen, sie bricht mit dem konventionellen Rollenbild. Intensiv, wild und rau wird erzählt, dann wieder ganz sanft. Lisa liebt ihre Kinder, doch wurde ihr kein Familienglück vergönnt. Die toxische Beziehung zum Vater der Kinder spitzte sich immer mehr zu. Es gibt viele verstörende Momente, die irritierend und berührend sind. Diese Zerrissenheit ist dadurch ganz wunderbar eingefangen. Auch der Erzählstil ist ungewöhnlich. Die Zeiten werden vermischt. Manchmal wusste ich nicht genau wo ich gerade bin. Man muss sehr aufmerksam lesen um zu verstehen. Wer sich darauf einlässt und nicht nur die klassischen Erzählweisen mag, wird große Freude an diesem Roman haben. Ich finde ihn richtig stark.

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Veröffentlicht am 13.10.2025

Interessant

Marseille 1940
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Frankreich 1940. Deutschland breitet seine Angriffe immer weiter aus, Teile von Frankreich werden besetzt. Viele Künstler, Schriftsteller und Intellektuelle haben vor ein paar Jahren Deutschland verlassen ...

Frankreich 1940. Deutschland breitet seine Angriffe immer weiter aus, Teile von Frankreich werden besetzt. Viele Künstler, Schriftsteller und Intellektuelle haben vor ein paar Jahren Deutschland verlassen und sind jetzt wieder auf der Flucht. Ziele gibt es einige, nur wenig Möglichkeiten dahin zu gelangen. Der amerikanische Journalist Varian Fry versucht mit Hilfe des Emergency Rescue Committee’s Visas und Ausreisedokumente zu organisieren und so den Menschen zu helfen.

Eigentlich ein Sachbuch, doch es liest sich fast wie ein Roman. In kurzen Kapiteln lernen wir die hier betroffenen Menschen kennen, unter anderem Hannah Arendt, Anna Seghers, Heinrich Mann, Lion Feuchtwanger und Franz Werfel. Einfühlsam geschrieben, tief berührend ist das Schicksal dieser Menschen. Uwe Wittstock führt uns ganz nah ran, an die Verzweiflung, an die Hoffnung. Marseille fungiert hier als Dreh- und Angelpunkt des Wartens und des Ankommens. Wir lesen über Menschlichkeit, Hilfsbereitschaft aber auch Machtlosigkeit. Wittstock führt hier viele einzelne Schicksale in dem Jahr zusammen mit dem literarischen und politischen Kontext. Alles was in diesem Buch geschrieben steht, ist gründlich recherchiert. Ein wichtiger Teil unserer deutschen Geschichte, sehr lesenswert.

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Veröffentlicht am 10.10.2025

Toll

Die Einladung – Mord nur für geladene Gäste
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Die ältere Dame Mimi, lebt zurückgezogen. Die einzige Angehörige ist ihre Enkelin Addie und mit ihr läuft es seit dem letzten Besuch auch nicht mehr so gut. Mimi löst da lieber ihre Kreuzworträtsel und ...

Die ältere Dame Mimi, lebt zurückgezogen. Die einzige Angehörige ist ihre Enkelin Addie und mit ihr läuft es seit dem letzten Besuch auch nicht mehr so gut. Mimi löst da lieber ihre Kreuzworträtsel und hat ihre Ruhe. Als eine Einladung zu einem Fest von ihrer Nachbarin Jane sie erreicht, bekommt ihr ruhiges Dasein ein paar Risse. Ihre Nachbarin lebt in einem alten Herrenhaus, ist reich und erpresst Mimi. Zwangsläufig muss sie hingehen, bittet ihre Enkelin Addie sie zu begleiten. Ein paar ungewöhnliche Gäste, ein Schneesturm, Stromausfall und Jane wird ermordet aufgefunden. Alle Gäste scheinen dunkle Geheimnisse zu haben, könnten der Mörder sein. Addie und Mimi beginnen zu ermitteln und versuchen herauszufinden wer hier der Täter ist.

Ein ganz wunderbarer Cozy Crime Roman, der mich bestens unterhalten hat. Ich hab ihn fast an einem Tag durchgelesen. Nur die Nacht und die müden Augen kamen mir dazwischen. Ein perfekter Roman zum abschalten, sich an einem Herbsttag einzukuscheln und einfach genießen. Bis zum Schluss hin hielt für mich die Spannung an. Die Charaktere liebevoll gezeichnet, etwas schrullig, richtig gelungen. Mimi und Addie sind toll. Mimi mit ihrer Lebenserfahrung ist nicht die liebe Omi, sondern hat ordentlich Ecken und Kanten. Addie dagegen ist gerade frisch getrennt und enttäuscht vom Leben. Beruflich ist sie Game Designerin für ein Computerspiel, bei dem man Morde aufklärt. Mimi als Kreuzworträtsel-Queen und Addie mit ihrer Erfahrung bei den Computerspielen ergeben ein grandioses Team bei der Aufklärung dieses Mordes. Ein rundum sehr gelungener Roman, den ich euch unbedingt empfehlen möchte.

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Veröffentlicht am 09.10.2025

Berührend

Anna oder: Was von einem Leben bleibt
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Henning Sussebach setzt sich mit dem Leben von Anna, seiner Großmutter auseinander. Anhand von einem Poesiealbum, ein paar Fotos und Postkarten resümiert er ihr Leben. Er spekuliert, setzt Teile aus Fotos, ...

Henning Sussebach setzt sich mit dem Leben von Anna, seiner Großmutter auseinander. Anhand von einem Poesiealbum, ein paar Fotos und Postkarten resümiert er ihr Leben. Er spekuliert, setzt Teile aus Fotos, Postkarten und mündlichen Überlieferungen zusammen. Anna war für ihre Zeit eine moderne Frau. Erst war sie Lehrerin, durfte wegen des Berufes nicht heiraten. Als sie später mit ihrer großen Liebe zusammen findet, hält das Glück nicht lange an. Anna hatte es nicht leicht, war mutig, hat sich durchgebissen.

Der Roman ist kein gewöhnlicher Roman. Der Autor packt alle Überlieferungen und Dokumentationen zusammen und rekonstruiert so die Geschichte seiner Großmutter. Hart ist ihr Leben aber zart und poetisch die Worte, die der Autor für sie findet. Er möchte, dass sie nicht vergessen wird, ein Teil von ihr für immer bleibt. Mittendrin werden interessante Fakten aus der aktuellen Zeit geliefert. Fast eine kleine Geschichtsstunde ist dieses Buch. Sehr interessant fand ich hier die Erwartungen und Ansprüche an die Frauen dieser Zeit. Auch die Auswirkungen der politischen Hintergründe auf das Leben von Anna und ihrer Familie ist ganz toll. Manchmal war ich Anna ganz nah, in anderen Abschnitten war sie mir eher fern. Ein Leben, das heute unvorstellbar erscheint und es doch so wichtig ist, sich zu erinnern, zu wissen wie unsere Vorfahren gelebt haben und dadurch vielleicht auch etwas mehr Dankbarkeit für das Heute zu empfinden.

Mich hat das Buch sehr berührt und deshalb empfehle ich es euch gern weiter.

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Veröffentlicht am 09.10.2025

Gesellschaftskritik

Und Federn überall
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Ein Geflügelimperium und die Menschen in einem kleinen Ort im Emsland. Die alleinerziehende Sonia, gefangen in einem harten Job im Geflügelschlachthof, ist zunehmend überfordert mit ihrer Arbeit und ihren ...

Ein Geflügelimperium und die Menschen in einem kleinen Ort im Emsland. Die alleinerziehende Sonia, gefangen in einem harten Job im Geflügelschlachthof, ist zunehmend überfordert mit ihrer Arbeit und ihren pubertierenden Kindern. Sie hofft auf einen besseren Job. Merkhausen ist in dieser Firma in einer leitenden Position tätig, sucht eine Frau fürs Leben mit polnischen Wurzeln. Nassim, ein Flüchtling mit einer Augenkrankheit, schreibt Gedichte und ist auf der Suche nach einem bessern Leben. Die Polin Justyna trifft Nassim gelegentlich. Sie mag ihn sehr aber mehr als eine Freundschaft Plus ist für sie nicht drin. Er ist zwanzig Jahre jünger und sie auf der Suche nach einem deutschen Mann via Internet. Roshi ist eine iranische Schriftstellerin. Nassim versucht sie zu überzeugen seine Gedichte ins Deutsche zu übersetzen. Anna verkauft eine selbstentwickelte Software zur Überprüfung der Fleischqualität an die Firma, so können zukünftig Arbeitsplätze eingespart werden.

Diese Personen und deren komplexe Beziehung untereinander werden verwebt zu einer gemeinsamen Geschichte, in der Flucht, Geschlechterrollen und Migration eine große Rolle spielen. Im Mittelpunkt steht der Geflügelkonzern. Die Arbeit dort ist anstrengend und monoton.
Einfühlsam und poetisch erzählt wird dieser gesellschaftskritische Roman, der berührt und fasziniert zugleich. Jeder kämpft für sich allein, hat eigene Sorgen und Nöte. Trotz der vielen Protagonisten kommen wir den einzelnen Menschen sehr nah, bekommen Einblicke in ihre Gedanken und Gefühle. Eine Momentaufnahme aus der Realität stellvertretend für viele andere Menschen. Ich hab den Roman sehr gern gelesen, allerdings kam mir das Ende zu schnell. Da hätte es sich für mich gern noch einiges aufklären dürfen.

Für alle Liebhaber von gesellschaftskritischen Romanen, in denen Migration eine große Rolle spielt, ist dieses Buch eine Empfehlung.

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