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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 11.04.2022

Ein würdiger Nachfolger

Die Diplomatin
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Lucy Fricke wusste schon mit „Töchter“ zu überzeugen und auch ihr neuer Roman steht dem in nichts nach. Auf unterhaltsame und eindrückliche Weise erzählt die Autorin von ihrer Protagonistin Friedericke ...

Lucy Fricke wusste schon mit „Töchter“ zu überzeugen und auch ihr neuer Roman steht dem in nichts nach. Auf unterhaltsame und eindrückliche Weise erzählt die Autorin von ihrer Protagonistin Friedericke (Fred) Andermann, die als Diplomatin nach einem Vorfall in Montevideo nach Istanbul versetzt, und in der politisch aufgeheizten Stadt vor große Herausforderungen gestellt wird.

Fred wirkt sehr abgeklärt und bringt eine große Portion trockenen Humor mit. Ich musste mich erstmal daran gewöhnen, habe sie als Hauptcharakter aber sehr zu schätzen gelernt. Vor allem im letzten Teil des Buches bekommt der Leser tiefere Einblicke in Freds Welt. Die Nebenspieler bleiben mir allerdings etwas zu farblos.
Der Hauptteil der Handlungen spielt in der Türkei und greift damit zusammenhängende aktuelle Aspekte auf, die man aus den Nachrichten der letzten Monate und Jahre nur zu gut kennt. Mehr als einmal wird Fred hier mit ihrer eigenen Ohnmacht vor den herrschenden Verhältnissen konfrontiert, was sie allerdings nicht auf sich sitzen lassen kann.

Das Buch greift aktuelle Fragen auf und hinterfragt auf eine schnörkellose Art und Weise, übt Kritik dort, wo es nötig ist. Ein mutiges Buch, das tief blicken lässt. Eine klare Empfehlung.

Veröffentlicht am 24.02.2022

Spannung pur

Das Loft
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Worum geht es? Eine ungewöhnliche Wohngemeinschaft – Sarah und Marc sind ein Paar und leben zusammen mit Henning, Mars bestem Freund, in einem Hamburger Loft. Henning ist verschwunden und in der Küche ...

Worum geht es? Eine ungewöhnliche Wohngemeinschaft – Sarah und Marc sind ein Paar und leben zusammen mit Henning, Mars bestem Freund, in einem Hamburger Loft. Henning ist verschwunden und in der Küche findet sich eine große Lache seines Blutes. Zu viel Blut, um den Verlust zu überleben. Kriminalkommissarin Bianca Rakow nimmt Sarah und Marc ins Visier und verhört die beiden. Retrospektiv kommen Sarah und Marc zu Wort und erzählen voneinander unabhängig ihre Geschichte – gerade das ist ein sehr gut gewähltes Mittel, da die Erzählungen und Wahrnehmungen der beiden nicht immer übereinstimmen. Wem kann man glauben?
Schon früh in der Geschichte werden Andeutungen gemacht, die Spannung aufbauen. Welches Geheimnis hat Marc? Die Geschichte wird zunehmend verworrener und wirft immer mehr Fragen und Zweifel auf – sehr unterhaltsam.

Die Charaktere wirken teilweise etwas stereotyp (der charmante Typ auch reichem Elternhaus, der unangepasste Draufgänger und das naive Blondchen) und vorhersehbar. Manchmal hat es mir aber gerade deshalb Spaß gemacht, ihre Geschichte zu verfolgen. Gerade der Wechsel der Erzählerperspektiven von Sarah, Marc und der Kommissarin gefallen mir gut und halten die Spannung hoch.

Das Ende kommt mit einer unvorhersehbaren Wendung daher, die mir aber etwas zu konstruiert ist. Bis zum Schluss bleibt die Frage offen, wie die Geschichte nun ausgeht und die vielen offenen Fragen und Wendungen macht die Spannung aus. Der Autor lässt dabei die Bomben oft ganz subtil platzen – mit nur einem einzigen Satz stehen die Dinge plötzlich in einem völlig anderen Licht da.

Insgesamt habe ich mich gut unterhalten gefühlt und das Buch sehr gerne gelesen.

Veröffentlicht am 20.02.2022

Berührend und eindrucksvoll

Dschinns
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Erzählt wird die Geschichte aus den Perspektiven der sechs Familienmitglieder, was ein schöner und spannender Erzählstil ist, den die Autorin gekonnt einzusetzen weiß. Es ist interessant, die Geschehnisse ...

Erzählt wird die Geschichte aus den Perspektiven der sechs Familienmitglieder, was ein schöner und spannender Erzählstil ist, den die Autorin gekonnt einzusetzen weiß. Es ist interessant, die Geschehnisse aus den unterschiedlichen Wahrnehmungen zu erleben. Die Charaktere sind dabei so authentisch und intensiv gezeichnet, dass ich mich ihnen gleich ganz nah fühle. Jedes Kapitel ist dabei einem Familienmitglied gewidmet, beginnend mit dem Vater und endend mit der Mutter.

Es geht um den Vater der Familie, Hüseyin, der sich nach einem langen und harten Arbeitsleben in Deutschland endlich den Traum einer Eigentumswohnung in Istanbul erfüllt. Die Frührente macht es möglich, in sein Heimatland zurückzukehren. Er fährt schon einmal vor und möchte den Rest seiner Familie nachholen, stirbt jedoch kurz nach seiner Ankunft. Die Familie macht sich auf den Weg zu seinem Begräbnis, der nicht ganz ohne Zwischenfälle verläuft. Es geht auch um Rassismus und damit einhergehende alltägliche Bedrohungen, um Familie und die manchmal schmerzhaften Beziehungen untereinander, um Wurzeln und Identität in der heutigen Gesellschaft.

Fatma Aydemir erzählt diese berührende Geschichte ganz behutsam und mit gekonnten Zwischentönen. Sie spielt mit Klischees und Vorurteilen und beleuchtet diese sehr differenziert.

Ich kann dieses sprachgewaltige und beeindruckende Buch nur jedem ans Herz legen und uneingeschränkt empfehlen. Es hat mich berührt und noch einige Zeit zum Nachdenken angeregt.

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Veröffentlicht am 06.12.2021

Ein wichtiges Thema, kindgerecht und locker aufbereitet

Fanny und die Liebe
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Es geht um Freundschaft, Liebe und das verliebt sein – denn Ester möchte, dass ihre beste Freundin Fanny sich in sie verliebt. Ester und Fanny? Genau, denn „Mädchen können in Jungs und Mädchen verliebt ...

Es geht um Freundschaft, Liebe und das verliebt sein – denn Ester möchte, dass ihre beste Freundin Fanny sich in sie verliebt. Ester und Fanny? Genau, denn „Mädchen können in Jungs und Mädchen verliebt sein“. Fanny weiß auf Esters Wunsch nichts zu erwidern (sie möchte lieber spielen und klettern und ist verwirrt) und geht nachdenklich nach Hause. Auf eine wunderbar liebevolle, offene Art geht sie dann mit ihrer Mutter und Oma der Liebe auf die Spur – Wie fühlt es sich an verliebt zu sein? Wie fühlt sich ein Kribbeln im Bauch an? Kann ich mit jemandem befreundet sein, der in mich verliebt ist? Wo liegen die Grenzen bei Freundschaft und Liebe? Am Ende kommt Fanny selbst auf eine gute Idee. Das Buch wird immer wieder durch witzige Szenen aufgelockert, wie etwas die Aufräumaktion in Fannys Zimmer. Gleichgeschlechtliche Liebe spielt eine wichtige Rolle, steht aber nicht im Vordergrund des Buches, was genau die richtige Botschaft vermittelt: sie wird als selbstverständlich betrachtet.
Protagonistin Fanny hat so eine wunderbar liebevolle, offene und ehrliche Art den Dingen nachzugehen, dass man sie sofort ins Herz schließen muss. Der Text ist gut verständlich aufgebaut und mit Fannys Redestil wird der Leser gut abgeholt. Die Schriftgröße ist perfekt für Erstleser, die Kapitel kurzgehalten und gut gegliedert.
Wunderschön gestaltete Schwarzweißzeichnungen von Jutta Bauer begleiten den jungen Leser durch das Buch und lockern den Text auf.

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Veröffentlicht am 15.11.2020

Ein kluger Roman, in den man reinfinden muss

Die Farbe von Glück
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Clara Maria Bagus hat eine poetische und sprachgewaltige Art zu schreiben, die ich so selten erlebt habe. Schon in „Der Duft des Lebens“ hat die sie mich damit in ihren Bann gezogen und auch in ihrem neuesten ...

Clara Maria Bagus hat eine poetische und sprachgewaltige Art zu schreiben, die ich so selten erlebt habe. Schon in „Der Duft des Lebens“ hat die sie mich damit in ihren Bann gezogen und auch in ihrem neuesten Werk „Die Farbe von Glück“ steht die Autorin sich in nichts nach. Das Buch stellt die großen Fragen des Lebens, spricht Themen wie die Liebe, den Sinn des Daseins oder das Streben nach Glück an. Es geht um überraschende Wendungen und wie aus ungünstigen Startbedingungen und unvorhergesehenen Wendungen etwas Gutes werden kann.

Es geht um die Krankenschwester Charlotte, die von einem Richter gezwungen wird, dessen sterbenskrankes Baby gegen ein gesundes zu tauschen. Er erpresst sie und droht damit, ihr den verwaisten Pflegejungen Antoine wieder wegzunehmen. Jules, der Richter, sieht darin den einzigen Ausweg, als er nach etlichen Fehlgeburten seiner Frau mit einem schwerkranken Neugeborenen konfrontiert wird. Er wird von großer Schuld und Reue ergriffen, bis er schließlich resigniert und verdrängt, was er getan hat. Das Schuldgefühl ist auch bei Charlotte groß. So groß, dass sie schließlich mit Antoine Zuflucht in einem anderen Land sucht.

Obwohl ich Clara Maria Bagus außergewöhnlichen Schreibstil mag, hatte ich einige Schwierigkeiten, in die Geschichte zu finden, was sich leider bis zum Ende nicht geändert hat. Einige Thematiken waren mir fremd (alte Seelen, das Übernatürliche und Magische), ich bin mit den Hauptcharakteren nicht warm geworden und konnte einige Handlungen und Motive nur schwer nachvollziehen. Dieses Buch wühlt auf, tröstet dabei aber gleichzeitig auf eine sehr unaufdringliche und kluge Art und Weise, man muss sich aber darauf einlassen können, was mir schwergefallen ist.

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