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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 20.06.2024

Potential nicht ganz ausgeschöpft

Das Baumhaus
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Nora und Henrik reisen mit ihrem fünfjährigen Sohn Fynn nach Schweden, in ein lange leerstehendes Ferienhaus, das Henriks Großvater gehörte. Bereits bei der Ankunft kommen Nora erste Zweifel, ob die Idee ...

Nora und Henrik reisen mit ihrem fünfjährigen Sohn Fynn nach Schweden, in ein lange leerstehendes Ferienhaus, das Henriks Großvater gehörte. Bereits bei der Ankunft kommen Nora erste Zweifel, ob die Idee wirklich gut war und die angespannte Beziehung verbessern wird. Zu groß ist der Unterschied zwischen dem phantasievollen, aber in praktischen Dingen wenig begabten Schriftsteller Henrik und ihr, der erfolgreichen und pragmatischen Karrierefrau, die sich in einer Männerdomäne behauptet. Als Fynn nach einem Versteckspiel mit seinem Vater nicht wieder auftaucht, wird der Traumurlaub zum Horrortrip.

Der Roman wird aus der Perspektive von vier Personen erzählt, dazu gehören Henrik und Nora. Die Perspektivwechsel geschehen relativ schnell, und nicht immer ist sofort deutlich, wann die jeweilige Szene spielt. Das erhöht langfristig die Spannung, verlangsamt aber gerade zu Beginn auch das Tempo. Die Hauptcharaktere sind aufgrund des Erzählstils am Ende sehr genau herausgearbeitet, bieten sich aber eher nicht als Identifikationsfiguren an. Dazu sind sie zu sperrig oder einfach nicht sympathisch genug.

Gegen Ende zieht das Tempo deutlich an. Sicher geglaubte Einschätzungen stellen sich als falsch heraus, nicht alles wird logisch aufgelöst.

Der dritte Roman von Vera Buck konnte mich leider nicht ganz überzeugen. Die Grundidee und auch die Charaktere haben wirklich Potential. Aber zu Anfang fehlte mir das Tempo, gegen Ende wirkte es dagegen fast schon gehetzt. Einige Szenen fand ich unnötig brutal, dafür hätte ich mir mehr Szenen gewünscht, in denen die Autorin gekonnt psychologische Erkenntnisse einsetzt. Die Dynamik gerade in der Beziehung zwischen Henrik und Nora ist allerdings gut getroffen.

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Veröffentlicht am 04.06.2024

Was wäre, wenn man die Vergangenheit ändern könnte

Das andere Tal
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Die 16jährige Schülerin Odile lebt in einem Tal, das im Osten und Westen von völlig identischen Tälern begrenzt wird. Einziger Unterschied ist die Zeit, denn in dem einen Tal leben die Menschen zwanzig ...

Die 16jährige Schülerin Odile lebt in einem Tal, das im Osten und Westen von völlig identischen Tälern begrenzt wird. Einziger Unterschied ist die Zeit, denn in dem einen Tal leben die Menschen zwanzig Jahre zuvor, in dem anderen zwanzig Jahre in der Zukunft. Die Grenzen werden bewacht, ein Überschreiten ist streng verboten und nur auf Antrag und in Begleitung möglich. Entschieden wird darüber von den Mitgliedern des Conseils, deren Autorität nicht in Frage gestellt wird. Die genauen Kriterien, warum Besuche gestattet oder abgelehnt werden, sind nicht transparent.

In der Schule herrscht ein autoritärer Unterrichtsstil, zu dem auch ganz selbstverständlich körperliche Züchtigungen gehören. Obwohl Odile augenscheinlichlich gemobbt wird, schreitet der Klassenlehrer nicht ein, lediglich Alan und Edme, zwei Mitschüler, stellen sich auf ihre Seite.
Am Ende des Schuljahres steht der Übergang in die Ausbildung bevor, am begehrtesten ist natürlich die Aufnahme in die Ausbildung am Conseil. Zunächst bewirbt Odile sich nur, weil es ihrer Mutter so wichtig ist. Doch ein Erlebnis hat Odile zutiefst irritiert, ohne dass sie darüber sprechen konnte. Sie hat Edmes Eltern als Besucher aus der Zukunft gesehen, sie weiß also, dass Edme sterben wird, ohne den genauen Zeitpunkt oder die Ursache zu kennen. Durch einen Zufall erfährt ihr Lehrer davon und empfiehlt sie deshalb für die Ausbildung. Für sie selbst überraschend, beginnen die herausfordernden Aufgaben sie zunehmend zu faszinieren und ihren Ehrgeiz zu wecken. Gleichzeitig ändert sich ihr Status bei ihren Klassenkamerad:innen und sie wird Teil einer Clique. Insbesondere zu Edme fühlt sie sich hingezogen, ohne ihm von ihrem Wissen über seinen bevorstehen Tod zu berichten.

Während dieses ersten Teils liest sich der Roman wie ein Jugendbuch, in dem es im Rahmen einer Dystopie um die ganz typischen Themen wie Außenseitertum, Mobbing, erste Liebe und langsames Erwachsenwerden geht. Gerade Odile wirkt in einigen Szenen viel jünger als 16 Jahre, um dann aber insbesondere im Zusammenleben mit ihrer Mutter viel zu erwachsen für das Alter zu handeln und zu denken. Insgesamt wirkt Odile sehr beherrscht und zeigt viel weniger Emotionen, als zu erwarten wären.

Der zweite Teil spielt 20 Jahre später. Sprachlich unterscheidet er sich gravierend von Teil I. Auch die Stimmung ist viel düsterer, von Aufbruchstimmung keine Spur. Odiles Dasein lässt sich nur als trist und monoton beschreiben, ihre Wünsche sind bescheiden. Doch dann geschehen einige Dinge, die sie aus ihrer Erstarrung aufwecken und Gedanken in Gang setzen, die sie bisher nicht zugelassen hat.

Der promovierte Philosoph Scott Alexander Howard erinnert mit seinem ersten Roman an berühmte Vorbilder, in denen es um autoritäre Systeme oder um klassische Zeitreisen geht. Diese beiden Themen verknüpft er geschickt und unterhaltsam, fordert seinen Leser:innen aber auch einiges an Konzentration ab. Unweigerlich stellt man sich die Frage, wie man selbst handeln würde. Was würde geschehen, wenn man die Vergangenheit ändern könnte? Welche Auswirkungen hätte das, nicht nur für die eigene Person, sondern für ganze Systeme?

Das andere Tal ist kein Wohlfühlbuch, dafür ist die Atmosphäre über weite Strecken zu düster. Der erste Eindruck, es könnte ein Jugendbuch sein, ist spätestens zu Beginn des zweiten Teils verflogen.
Auch Odile, die die tragende Figur des Romans ist, eignet sich nicht als Identifikationsfigur, obwohl sie letztlich eine Sympathieträgerin ist. Ebenso wie sie sind die anderen Hauptcharaktere überzeugend herausgearbeitet.

Klare Leseempfehlung für Leser:innen, die sich auf das Thema einlassen mögen und sich von düsteren Szenarien nicht abschrecken lassen.

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Veröffentlicht am 04.06.2024

Berührender Roman zu einem viel zu wenig bekannten Thema

Wo die Asche blüht
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Nach dem berührenden und sprachlich überzeugenden Roman "Der Gesang der Berge" widmet sich die Autorin in ihrem neuen Roman dem bisher wenig beachteten Schicksal der Amerasier.
So werden die Kinder genannt, ...

Nach dem berührenden und sprachlich überzeugenden Roman "Der Gesang der Berge" widmet sich die Autorin in ihrem neuen Roman dem bisher wenig beachteten Schicksal der Amerasier.
So werden die Kinder genannt, die während des Vietnamkrieges gezeugt wurden und deren Väter in Vietnam stationierte GIs waren. Meist handelte es sich bei den jungen Müttern um arme Vietnamesinnen, die aus materieller Not zur Prostitution gezwungen waren, gelegentlich entstammten die Kinder aber auch Liebesbeziehungen.
Viele dieser Kinder wuchsen in Waisenhäusern auf und wurden wegen ihrer Herkunft geächtet, insbesondere wenn die Hautfarbe sie als Kinder schwarzer GIs auswies. Aus diesem Grund versuchten viele, Vietnam zu verlassen und in den USA ein vermeintlich besseres Leben zu führen. Allerdings mussten sie dazu einen Abstammungsnachweis erbringen, was ihnen kaum möglich war.

Vor diesem realen Hintergrund erzählt der vorliegende Roman auf zwei Zeitebenen die fiktive Geschichte von mehreren Personen, deren Leben auf tragische Weise durch den Vietnamkrieg geprägt wurden.
Da sind die Schwestern Trang und Quynh, die noch Teenager sind, als der Krieg und die Armut sie zwingen, in Saigon als Barmädchen zu arbeiten und sie erkennen müssen, was das tatsächlich heißt.
Da ist der unter PTBS leidende ehemalige Hubschrauberpilot Dan, der im Jahr 2016 mit seiner amerikanischen Ehefrau nach Vietnam zurückkehrt, allerdings ohne ihr von seiner damaligen Geliebten erzählt zu haben.
Und da ist Phong, der als Amerasier in einem Waisenhaus aufwuchs und es als Kind eines schwarzen GIs noch schwerer hat. Inzwischen selbst Vater, versucht er für sich und seine Famile ein Visum für die USA zu bekommen und scheitert an den Vorgaben.
Die Geschichte dieser so unterschiedlichen Menschen, deren Wege sich im Laufe des Romans kreuzen, weist auf die tragischen Folgen eines Krieges hin, über die viel zu wenig berichtet wird. Letzten Endes sind immer Kinder die Leidtragenden, die im Laufe eines Krieges vom sogenannten Feind gezeugt wurden. Aber eben auch die Zivilbevölkerung und die meist jungen Soldat:innen, die für den Rest ihres Lebens mit den schrecklichen Erlebnissen klarkommen müssen.

Ein absolut lesenswerter Roman und empfehlenswerter Einstieg in das Thema.

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Veröffentlicht am 17.04.2024

Überzeugende Verknüpfung von realen Geschehnissen und Fiktion

Meeresfriedhof
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Die Erfolgsgeschichte der einflussreichen norwegischen Reederfamilie Falck reicht weit in die Vergangenheit zurück und hätte mit dem Tod des Reeders Thor Store Falck 1940 enden können. Damals sank das ...

Die Erfolgsgeschichte der einflussreichen norwegischen Reederfamilie Falck reicht weit in die Vergangenheit zurück und hätte mit dem Tod des Reeders Thor Store Falck 1940 enden können. Damals sank das Hurtigrutenschiff nach einer Explosion, auf dem der Reeder mit seiner zweiten Frau Vera Lind und dem kürzlich geborenen Sohn Olav reiste. Viele Passagiere, darunter etliche deutsche Soldaten, überlebten das Unglück ebenso wie der Reeder nicht.
75 Jahre später ist Olav Falck immer noch aktiv im Vorstand von SAGA, einer humanitären Stiftung, in der auch eines seiner drei Kinder, Alexandra, eine Führungsposition einnimmt. Sie hat die engste Beziehung zu der hochbetagten Großmutter. Aber da gibt es auch noch Hans, den Enkel von Thor Store Falck aus seiner ersten Ehe. Er hat einen ganz anderen Karriereweg eingeschlagen und arbeitet als Arzt überwiegend in Krisengebieten. In dieser Funktion hat er es zwar zu Ruhm gebracht, der Reichtum der Falckdynastie ist ihm und seinen Kindern aber verwehrt geblieben.
Als die Schriftstellerin Vera Lind stirbt, ist ihr Testament nicht auffindbar. Die gegensätzlichen Interessen der beiden Familienzweige prallen aufeinander, aber auch innerhalb Olavs Familie tun sich Gräben auf.

Aslak Nore hat im ersten Band der Trilogie viele verschiedene Themenbereiche miteinander verflochten. Es geht nicht nur um Intrigen, Machtstreben und Missgunst innerhalb einer Familie. Einflussnahme in internationalen Krisenherden, glaubwürdig beschriebene militärische Einsätze und Manipulationen sind ebenso Thema wie die psychischen Beschädigungen, die diese Erfahrungen bei den Menschen anrichten. Die historischen und aktuellen politischen Hintergründe, die dem Roman zugrundeliegen, sind beeindruckend beschrieben.

Zu Anfang sind die Charaktere etwas schwer einzuordnen, da ist der vorangestellte Stammbaum der Falck-Familie eine sinnvolle Hilfe, die sich aber schnell erübrigt. Es gibt keine eindeutigen Sympathieträger, die über die gesamte Länge des Romans die Rolle einnehmen könnten. Dafür sind die Hauptprotagonisten viel zu facettenreich gezeichnet. Ebenso überzeugend sind die diversen Beschreibungen der Handlungsorte.

Trotz der Komplexität und der stellenweise recht schwer zu ertragenden Beschreibungen lässt sich der Roman aufgrund des flüssigen und dem jeweiligen Inhalt gut angepassten Schreibstils gut lesen. Die häufigen Perspektiv- und Ortswechsel erfordern ein bisschen Konzentration, erhöhen aber auch die Spannung. Gleichzeitig lockern sie bedrückende Szenen auch wieder auf.

Auch wenn man noch lange auf die Fortsetzung warten muss, Meeresfriedhof verdient eine klare Leseempfehlung für Leser:innen, die sich auf diese Art von Romanen einlassen wollen.

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Veröffentlicht am 11.04.2024

Ein gelungener Roman für Fans von Friedrich Ani

Lichtjahre im Dunkel
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Das Schreibwarengeschäft von Viola Ahorn und ihrem Ehemann Leo hat schon bessere Zeiten gesehen. Das gilt auch für deren Ehe. Als Leo nach einem Besuch seiner Stammkneipe nicht nach Hause kommt, beauftragt ...

Das Schreibwarengeschäft von Viola Ahorn und ihrem Ehemann Leo hat schon bessere Zeiten gesehen. Das gilt auch für deren Ehe. Als Leo nach einem Besuch seiner Stammkneipe nicht nach Hause kommt, beauftragt seine Ehefrau erst nach fünf Tagen eine Detektei mit Nachforschungen, verzichtet aber auf eine Vermisstenanzeige bei der Polizei. Der ehemalige Polizist Tabor Süden beginnt auf seine ganz eigene, gewöhnungsbedürftige Art mit der Spurensuche. Als Leos Leiche gefunden wird, kreuzen sich die Wege von Tabor Süden und seiner ehemaligen Kollegin Fariza Nazri erneut, die jetzt für die Ermittlungen zuständig ist.

Friedrich Ani bleibt auch in dem neuesten Fall für Tabor Süden seinem gewohnten Schreibstil mit seinen ganz speziellen Wortschöpfungen treu: etwas sperrig und das Erzähltempo ist ausgesprochen entschleunigt. Die meisten Charaktere sind in irgendeiner Weise beschädigt und nicht sonderlich sympathisch. Hinter der Fassade verbergen sich Untiefen. Trotzdem entwickelt man ein gewisses Mitgefühl mit ihnen. Melancholie ist der treffendste Begriff für die über allem liegende Stimmung.

Auch dieser Roman um Tabor Süden wird polarisieren. Es handelt sich um keinen klassischen, auf Spannung, rasantes Tempo und fulminantem Finale angelegten Kriminalroman. Stattdessen bekommen Leser:innen einen anspruchsvollen literarischen Roman, in dem es auch um eine Ermittlung geht, die Aufklärung aber letzten Endes gar nicht so bedeutsam ist.
Wer sich darauf einlassen mag, für den ist Lichtjahre im Dunkel absolut empfehlenswert. Alle anderen werden vermutlich enttäuscht sein.

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