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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 13.08.2025

Mehr Psychodrama als Thriller

Himmelerdenblau
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Vor zwanzig Jahren ist die 16-jährige Julie Novak aus ihrem Elternhaus verschwunden, die Mutter hat morgens eine Lösegeldforderung auf dem Computermonitor ihres Mannes entdeckt. Anders als in dem Text ...

Vor zwanzig Jahren ist die 16-jährige Julie Novak aus ihrem Elternhaus verschwunden, die Mutter hat morgens eine Lösegeldforderung auf dem Computermonitor ihres Mannes entdeckt. Anders als in dem Text gefordert, schalten die Eltern dennoch die Polizei ein, die Entführer melden sich nicht wieder und Julies Schicksal bleibt ungeklärt. Doch Julies Vater Theo glaubt immer noch, dass seine Tochter lebt und er sie finden könnte. Aber die Zeit drängt. Der inzwischen 74-jährige, einst so erfolgreiche und eloquente Herzchirurg, gleitet in die Demenz ab. Klare und verwirrte Zustände wechseln in rasantem Tempo, ihm bleibt nicht mehr viel Zeit für die Suche nach seiner ältesten Tochter.

Liv und Phil sind sehr erfolgreich mit ihrem True Crime Podcast und rollen den Fall Julie Novak anlässlich des traurigen Jubiläums ihres Verschwindens erneut auf. Anders als in ihren bisherigen Fällen steigen sie dieses Mal sehr viel tiefer ein. Trotz der anfänglichen Skrupel nach der Entdeckung von Theos Demenz beginnt Liv gemeinsam mit ihm und seiner jüngsten Tochter Sophia die Geschehnisse von damals intensiv zu untersuchen.

Ebenso wie die früheren Romane der Autorin lässt sich auch Himmelerdenblau sehr gut lesen. Besonders beeindruckend sind die Abschnitte, die aus Theos Sicht geschildert sind oder in denen Theos Wortfindungsschwierigkeiten in der Kommunikation mit anderen deutlich werden. Auch die Reaktionen seiner Familie, seines Arztes und langjährigen Freundes und insbesondere von Liv, die etliche schwierige Situationen mit ihm durchsteht, sind glaubwürdig und berührend beschrieben.

Der Blick auf die Menschen, die im Zuge von Ermittlungen in den Fokus der Öffentlichkeit geraten und selbst nach Jahren noch befürchten müssen, erneut verdächtigt zu werden und hilflos Anfeindungen ausgeliefert zu sein, ist ebenfalls gelungen.

Allerdings nehmen die intensiven Schilderungen von Theos Verfassung und die Spurensuche in der Vergangenheit viel Raum ein und bremsen die Handlung aus. Das geht zu Lasten des Spannungsaufbaus. Erst im zweiten Teil des Romans zieht das Tempo an und die Geschichte wird spannender. Für einen Thriller ist das insgesamt etwas zu wenig, deshalb kann ich nur 3 Sterne vergeben. Fans von Romy Hausmann werden den Roman wahrscheinlich trotzdem mögen, Thrillerfans könnten aber enttäuscht sein.

Veröffentlicht am 09.06.2025

Auf den Spuren der Großeltern

Frau im Mond
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Die Zwillingsschwestern Lilit und Lina el Shami sind bei ihrem Großvater Maroun in Montreal, Kanada, aufgewachsen. Ihre Großmutter haben sie nie kennengelernt. Eine alte Postkarte weckt jedoch Lilits Interesse, ...

Die Zwillingsschwestern Lilit und Lina el Shami sind bei ihrem Großvater Maroun in Montreal, Kanada, aufgewachsen. Ihre Großmutter haben sie nie kennengelernt. Eine alte Postkarte weckt jedoch Lilits Interesse, und sie beginnt, sich für die Geschichte ihrer Familie zu interessieren. Anders als ihre Schwester hat sie die Freiheit, in den Libanon zu reisen und sich intensiv mit den Spuren ihrer Vorfahren auseinanderzusetzen.

Wie schon in seinem sehr lesenswerten Debütroman „Am Ende bleiben die Zedern“ erzählt Pierre Jarawan eine Geschichte, in der Bürgerkrieg und Flucht eine wichtige, aber nicht alles bestimmende Rolle spielen. Neben den tragischen Ereignissen, die auch in diesem Roman viel Raum bekommen, geht es auch um Hoffnung, Zuneigung und Verbundenheit.

Positiv herauszuheben ist dabei die wenig bekannte Lebanese Rocket Society, die bereits 1966 eine Weltraumrakete zündete – im krassen Gegensatz zu der furchtbaren Explosion im Hafengebiet von Beirut genau 54 Jahre später. Gelegentlich etwas weitschweifig erzählt, ist der Roman passend in drei Stufen gegliedert, wie die Zündstufen einer Rakete, und die Kapitel folgen einem Countdown von fünfzig abwärts. Allerdings wird die Geschichte nicht strikt chronologisch erzählt, sondern in Zeitsprüngen, was etwas Aufmerksamkeit erfordert – insbesondere, wenn die Geschichte des Libanons noch relativ unbekannt ist.

Der dritte Roman des Autors zeichnet sich dadurch aus, dass den Lesenden ein Bild des Libanons und seiner Menschen vermittelt wird, das über die Kriegsberichterstattung in den Medien hinausgeht. Lesenswert!

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 31.05.2025

Realistischer Blick auf das Dorfleben im Wandel

Hier draußen
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Ingo und Lara Fenske sind Eltern von zwei Kindern im Grundschulalter. Sie ist freiberufliche Grafikdesignerin, er Mitgründer eines sehr erfolgreichen Start-Ups in Hamburg. Auf Laras Wunsch haben sie einen ...

Ingo und Lara Fenske sind Eltern von zwei Kindern im Grundschulalter. Sie ist freiberufliche Grafikdesignerin, er Mitgründer eines sehr erfolgreichen Start-Ups in Hamburg. Auf Laras Wunsch haben sie einen großen Resthof mit erheblichem Sanierungsbedarf in einem schleswig-holsteinischen Dorf mit 200 Einwohnern erworben. Der Traum vom idyllischen Landleben mit viel Natur, Entspannung und Ruhe erweist sich schnell als Trugschluss. Hohe Hypotheken, lange Fahrt- und Arbeitszeiten für Ingo, die zusätzliche Arbeitsbelastung, die Haus und Grundstück fordern und Laras alleinige Zuständigkeit für Kindererziehung und alles, was sonst so anfällt – die Beziehung zwischen Lara und Ingo verschlechtert sich zusehends.

Als Ingo völlig übermüdet eine weiße Hirschkuh anfährt, muss das Tier erschossen werden. Uwe, Jäger und Schweinezüchter aus dem Dorf, kommt ihm zu Hilfe, erzählt aber auch von dem Aberglauben, dass die Tötung des Tieres innerhalb eines Jahres Unglück und Tod bringt. Vordergründig wird diese Prophezeiung als Unsinn abgetan, aber sie schwebt das ganze folgende Jahr über dem Paar. Der Kontakt zu den Alteingesessenen nimmt durch dieses Ereignis zu. Insbesondere zwischen Uwe und Ingo bahnt sich eine Verbindung an, die auf den ersten Blick erstaunt. Unterschiedlicher können zwei Menschen eigentlich nicht sein. Doch Ingo genießt die Ruhe und das anspruchslose Zusammensein, das mit Uwe möglich ist. Lara hat für diese Beziehung allerdings kein Verständnis. Sie hat in der Zwischenzeit langsam Kontakt zu anderen Bewohnerinnen des Dorfes aufgenommen und beginnt sich über die Teilnahme am Dorfleben stärker zu integrieren.

Das Paar aus der Großstadt steht zwar eindeutig im Mittelpunkt dieses Romans, aber die gar nicht so einheitliche Dorfbevölkerung wird in sehr detaillierten, liebevoll gezeichneten Charakterstudien in all ihren Facetten geschildert.
Dazu gehören Jutta und Armin, die vor 30 Jahren als Teil einer WG von einem alternativen Leben geträumt haben, aber schnell als einzige geblieben sind und vielleicht etwas mehr als nur eine Wohngemeinschaft sind.
Es gibt den unsympathischen, gewaltbereiten Schweinezüchter, der traditionell arbeitet und seine Ehefrau so mies behandelt, bis auch sie die Hoffnung auf Besserung aufgibt.
Im Gegensatz dazu hat der sensible, etwas eigenartige Uwe seinen Betrieb gewinnbringend auf hochmoderne Technik umgestellt, weil er dazu gedrängt wurde.
Es gibt noch eine überschaubare Anzahl ganz unterschiedlicher Menschen, die Teil dieser Gemeinschaft sind, in sie hineingeboren wurden oder vor vielen Jahren durch Heirat hinzugekommen sind und sich immer noch nicht als ganz zugehörig fühlen.

Anhand dieses Mikrokosmos zeigt die Autorin sehr anschaulich den Wandel in der Landwirtschaft auf. Betriebe müssen aufgeben oder kämpfen ums Überleben, andere sind wirtschaftlich erfolgreich durch Hochtechnisierung. Wieder andere stellen auf Biolandwirtschaft um. Die Übernahme der Höfe durch Söhne oder Töchter ist nicht mehr sichergestellt, weil diese einträglichere Berufe in der Stadt anstreben.

Auf der anderen Seite sind da die Städter, die sich ein Bullerbü-Leben vorstellen und mit dieser Erwartung aufs Land ziehen. Doch sie unterschätzen Anfahrtswege, die deutliche Mehrarbeit, die ihre größeren Häuser und Grundstücke bedeuten, und sie stellen sich die Aufnahme in gewachsene Gemeinschaften viel zu einfach vor.

Martina Behm hat in ihrem lesenswerten Debütroman nicht nur einen realitätsnahen Blick auf ein fiktives Dorf im Wandel geworfen, sondern auch sehr feinsinnig sich verändernde Beziehungsstrukturen aufgezeigt. Allerdings wird am Beispiel ihrer Hauptpersonen auch deutlich, wie schnell unterschiedlich hohe Einkommen und gemeinsame Kinder Paare in längst überholt geglaubte patriarchale Muster zurückbefördern.

Vielschichtige Charaktere, eine glaubwürdige Handlung und am Ende ein realistischer und vorsichtig optimistischer Blick in die Zukunft sind die Bestandteile dieses auch sprachlich überzeugenden Romans. Uneingeschränkte Leseempfehlung!

Veröffentlicht am 31.05.2025

Aufstieg und Fall in der Kultur- und Medienlandschaft

Der Einfluss der Fasane
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Hella Renata Karl ist Feuilletonchefin einer Berliner Zeitung und sorgte kürzlich mit einem vernichtenden Artikel über den Theaterintendanten Kai Hochwerth für dessen Karriereende. Nach seinem spektakulären ...

Hella Renata Karl ist Feuilletonchefin einer Berliner Zeitung und sorgte kürzlich mit einem vernichtenden Artikel über den Theaterintendanten Kai Hochwerth für dessen Karriereende. Nach seinem spektakulären Suizid in der Sydney Opera in Australien brach ein Shitstorm über Hella herein. Anfangs hoffte sie noch, dass die Wogen sich schnell glätten würden, doch schließlich wurde sie von ihrer Zeitung freigestellt. Die gleichen Menschen, die von ihr eine Steigerung der Auflage gefordert hatten und sie erst zum Verfassen des reißerischen Artikels getrieben hatten, ließen sie jetzt im Stich. Für Hella, die ihr ganzes Leben ihrer Karriere untergeordnet hat, ist das nicht hinnehmbar. Nach ersten Zweifeln, ob sie tatsächlich Schuld am Tod Hochwerths trägt, beginnt sie, um ihre Rehabilitation zu kämpfen. Sie nutzt ihre Kontakte, um entlastende Informationen zu sammeln.
Da die Handlung ausschließlich aus Hellas Perspektive und ihren Gedanken erzählt wird, offenbaren sich hier auch unangenehme Charakterzüge. Hella denkt voller Verachtung über die Menschen, die ihr nützlich sind, und hat keinerlei Skrupel, sie für ihre eigenen Interessen einzusetzen. Auch in ihrem Privatleben lässt sie keine echte Nähe zu. Obwohl sie seit Jahren mit T. zusammenlebt, dessen Name nur abgekürzt wird, steht für Hella die sexuelle Beziehung im Vordergrund. Als sie schließlich doch mehr Nähe und Unterstützung sucht, ist es bereits zu spät.
Die Buchpreisträgerin von 2021 überzeugt auch in ihrem neuesten Roman sowohl inhaltlich als auch sprachlich. Besonders beeindruckend ist, dass der Lesefluss trotz der vielen eleganten und anspruchsvollen Formulierungen nicht beeinträchtigt wird. Die Charaktere, vor allem Hella und Kai Hochwerth, werden langsam entwickelt. Ihr familiärer Hintergrund ist vergleichbar: Beide haben sich in einem Bereich hochgearbeitet, zu dem sie ursprünglich keinen Zugang hatten. Trotz des anklagenden Zeitungsartikels pflegen sie in der Vergangenheit eher einen freundschaftlichen Umgang. Sympathieträger sind beide nicht unbedingt, doch im Gegensatz zu Hochwerth hat sich Hella keiner wirklichen Verfehlung schuldig gemacht.
Der Kulturbetrieb wird vielleicht etwas zu plakativ dargestellt, obwohl ähnliche Vorfälle von Machtmissbrauch in der Realität hinreichend bekannt sind.
„Der Einfluss der Fasane“ ist ein lesenswerter Roman, der sowohl sprachlich anspruchsvoll als auch angenehm leicht zu lesen ist. Er erzählt die Geschichte einer Frau, die sich aus eigener Kraft eine bemerkenswerte Karriere aufgebaut hat – in einer Welt, in der Ruhm und Absturz eng beieinanderliegen.

Veröffentlicht am 31.05.2025

Spannender, brandaktueller Auftakt einer Polit-Thriller-Trilogie

Echokammer
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Fünfunddreißig Tage vor der Parlamentswahl in Norwegen werden durch Zufall Hinweise auf ein bevorstehendes Attentat mit Rizin gefunden. Die aus Oslo stammende Polizistin Liselott Benjamin muss mit dem ...

Fünfunddreißig Tage vor der Parlamentswahl in Norwegen werden durch Zufall Hinweise auf ein bevorstehendes Attentat mit Rizin gefunden. Die aus Oslo stammende Polizistin Liselott Benjamin muss mit dem zwielichtigen Martin Tong, einem in der Vergangenheit anerkannten Anti-Terror-Ermittler, möglichst unauffällig das Schlimmste verhindern.
Parallel dazu arbeitet das Team um Christina Nielsen daran, ihr als Spitzenkandidatin der Arbeiterpartei zum Sieg zu verhelfen. Unterstützt wird sie dabei von Jens Meidell, der ihr als juristischer Berater zur Seite steht.

Der erste Fall für Benjamin und Tong zählt in zwei Parallelsträngen in einer Art Countdown bis zur Wahl herunter. Sehr glaubwürdig werden die Vorgänge hinter den Kulissen im Wahlkampf beschrieben, die politischen Ränkespiele und das Bedienen von Ängsten und Vorurteilen bei potenziellen Wählern.
Beängstigend vorstellbar ist die Bedrohung durch rechtsextreme Terrorgruppen, die soziale Medien sehr effektiv nutzen und bereit sind, durch Giftgasanschläge skrupellos Menschenleben zu opfern.

Der persönliche Hintergrund der Hauptprotagonist:innen spielt zwar eine Rolle, wird der Gesamthandlung aber wohltuend untergeordnet.

Echokammer ist ein gutgeschriebener, beklemmend realistischer Auftakt einer Reihe, die ich sicher weiterverfolgen werde.