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Veröffentlicht am 16.08.2025

Vielschichtiger historischer Roman

Eine Welt nur für uns
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MEINE MEINUNG
Mit ihrem historischen Roman "Eine Welt nur für uns" gelingt der französischen Autorin Claire Deya eine eindrucksvolle und facettenreiche Darstellung der unmittelbaren Nachkriegszeit in Frankreich ...

MEINE MEINUNG
Mit ihrem historischen Roman "Eine Welt nur für uns" gelingt der französischen Autorin Claire Deya eine eindrucksvolle und facettenreiche Darstellung der unmittelbaren Nachkriegszeit in Frankreich im Jahr 1945 gelungen. Auch nach dem offiziellen Waffenstillstand bleiben die verheerenden Folgen des Kriegs allgegenwärtig und prägen das Leben der Menschen nachhaltig. Feinfühlig und atmosphärisch dicht erkundet Deya die menschliche Natur in Zeiten extremer Herausforderungen - zwischen Desillusionierung, Zerstörung, Versöhnung, Hoffnung und Neuanfang nach dem 2. Weltkrieg. Mit der gefahrvollen Minenräumung an den Stränden der Côte d’Azur widmet sich die Autorin zudem einem wenig bekannten Aspekt jener Zeit.
Angesiedelt ist die Handlung in der südfranzösischen Küstenstadt Hyères.
Durch wechselnde Erzählperspektiven gewinnen wir vielschichtige Einblicke in das Leben und die Gefühlswelt der unterschiedlichen Figuren. Sie kämpfen nicht nur täglich ums Überleben, sondern müssen sich auch ihren Traumata stellen und nach einem neuen Sinn für ihr Leben suchen.
Im Mittelpunkt der Erzählung steht der französische Arzt Vincent, der nach seiner Rückkehr aus deutscher Kriegsgefangenschaft verzweifelt nach seiner große Liebe Ariane sucht, die spurlos verschwunden ist. Seine Nachforschungen führt ihn zu einer bunt zusammengewürfelten Gruppe von Minenräumern, die aus ehemaligen Resistancekämpfern, Freiwilligen und deutschen Kriegsgefangenen besteht. Unter ihnen ist auch der Deutsche Lukas, der seine lebensgefährliche Arbeit als Chance für einen Fluchtversuch sieht. Vincent erhofft sich von ihm Hinweise auf Arianes Verbleib zu erhalten.
Parallel dazu lernen wir die junge Jüdin Saskia kennen, deren Schicksal besonders erschüttert. Als einzige Überlebende ihrer Familie kehrt sie zurück und muss fassungslos feststellen, dass ihr einstiges Elternhaus inzwischen von einer anderen Familie bewohnt wird. Buchstäblich vor dem Nichts stehend begegnet das traumatisierte Mädchen Vincent, der ihr Unterschlupf gewährt.
Deya entwirft ein vielschichtiges Porträt der französischen Gesellschaft sowohl während der Besatzungszeit als auch im Übergang zur Nachkriegsordnung. Mit atmosphärisch dichten und detailreichen Schilderungen gelingt es ihr, die beklemmende und angespannte Stimmung jener Zeit einzufangen. Eindringlich beleuchtet sie die komplexe Realität dieser Epoche, die von tiefem Misstrauen, gesellschaftlichen Umbrüchen und vielfältigen moralischen Verstrickungen geprägt war, aber auch von Menschlichkeit, Versöhnung und Hoffnung auf Normalität.
Für besondere Authentizität und Spannung sorgen die präzise recherchierten und anschaulich geschilderten Minenräumarbeiten. Wir erleben die nervenaufreibenden, lebensgefährlichen Einsätze hautnah mit, bei denen ehemalige Feinde Seite an Seite arbeiten müssen – eine Aufgabe, die höchste Konzentration, gegenseitiges Vertrauen und eingespieltes Teamwork verlangt.
Sehr einfühlsam und differenziert sind die faszinierenden Charaktere gezeichnet. Ihre komplexen Persönlichkeiten und inneren Widersprüchlichkeiten sind sorgfältig und überzeugend ausgearbeitet. Eindrücklich stellt Deya die Verletzlichkeiten, Schwächen, Ängste und moralischen Dilemmata ihrer Figuren in all den verschiedenen Grautöne des menschlichen Verhaltens dar. Besonders anschaulich sind sind nicht nur die psychologischen Spannungen zwischen den Figuren ausgearbeitet, sondern auch das fragile Band von Vertrauen und Freundschaft, dass sich allmählich zwischen den Minenräumern entwickelt.
Die Figuren und ihre inneren Konflikte hätten allerdings deutlich glaubwürdiger und authentischer gewirkt, wenn die Autorin sie stärker durch ihr Handeln, ihre Entscheidungen und Reaktionen hätte sprechen lassen, statt ihre Gefühle und Motive explizit zu benennen. Zudem wirkt die Darstellung der deutsch-französischen Zusammenarbeit etwas idealisiert; tief verwurzelte Ressentiments, gegenseitige Vorbehalte und Misstrauen hätten noch tiefgründiger thematisiert werden können.
Besonders lesenswert ist das interessante Nachwort der Autorin, in dem sie autobiografische Bezüge offen legt. Die Figur des Vincent basiert auf Deyas Großvater, dessen Briefe aus der deutschen Kriegsgefangenschaft als Vorlage für den Roman dienten. Auch Saskia ist keine erfundene Figur, sondern geht auf eine reale Begegnung der Autorin mit einer KZ-Überlebenden zurück, die ihr ihre Geschichte anvertraute. Diese Authentizität und emotionale Tiefe sind auf jeder Seite des Romans spürbar und machen ihn zu einem ein bewegenden Leseerlebnis, das lange nachhallt.
FAZIT
Ein vielschichtiger, atmosphärisch dichter Roman, der eine wenig bekannte Facette der französischen Nachkriegszeit beleuchtet und trotz kleiner Schwächen durch seine emotionale Tiefe und Authentizität zu überzeugen weiß.
Ein bewegender Roman, der die Erinnerung an eine schwierige Zeit lebendig hält und zum Nachdenken anregt.

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Veröffentlicht am 16.08.2025

Ein aufrüttelnder Roman

Eden
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MEINE MEINUNG
Mit „Eden“ legt Jan Costin Wagner einen vielschichtigen, nachdenklich stimmenden Roman vor, der sich ebenso eindringlich wie sensibel mit den Folgen einer erschütternden Familientragödie ...

MEINE MEINUNG
Mit „Eden“ legt Jan Costin Wagner einen vielschichtigen, nachdenklich stimmenden Roman vor, der sich ebenso eindringlich wie sensibel mit den Folgen einer erschütternden Familientragödie auseinandersetzt. Die zutiefst berührende Geschichte beginnt mit einem dramatischen Einstiegsszenario: Bei einem Popkonzert kommt es zu einem Anschlag eines jungen Selbstmordattentäters, bei dem die zwölfjährige Sofie ihr Leben verliert.
Wagner gelingt es, existenzielle Fragen von Trauer, Schuld, Vergebung und dem Umgang mit persönlichem Verlust sowie der Verantwortung des Einzelnen in der Gesellschaft facettenreich zu beleuchten.
Durch die multiperspektivische Erzählweise lässt er uns unterschiedlichste Sichtweisen auf die Ereignisse und ihre Nachwirkungen erleben. Mit großem Feingefühl zeichnet Wagner das Innenleben vieler seiner Charaktere nach.
Besonders gelungen sind die differenzierten und eindringlichen Schilderungen, wie Sofies Eltern in einen Strudel aus Schmerz, Sprachlosigkeit und Entfremdung stürzen. Besonders überwältigend ist es mitzuerleben, wie beide ganz eigene Wege finden (oder suchen), um mit dem Verlust, ihrer Ohnmacht und Trauer umzugehen und nach Halt zu ringen. Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang insbesondere Markus’ Entwicklung, der – trotz aller Verbitterung – den Dialog mit der Familie des Attentäters sucht und damit einen ungewöhnlichen Versuch zur Verständigung wagt.
Darüber hinaus richtet Wagner den Blick auf weitere Betroffene, etwa die Familie des jugendlichen Täters. So wird deutlich, dass die Folgen der unfassbaren Katastrophe nicht auf eine einzelne Familie beschränkt bleiben, sondern sich auf das soziale Umfeld und die gesamte Gesellschaft ausdehnen. Geschickt thematisiert Wagner schließlich auch, wie Medien und Politik das Geschehen für eigene Zwecke instrumentalisieren und so zur gesellschaftlichen Spaltung beitragen.
Der Schreibstil des Romans verlangt den Lesenden jedoch einiges ab. Wagners Reduktion auf das Wesentliche, seine distanzierte Erzählweise und die oft knapp gehaltenen, fast fragmentarisch wirkenden Dialoge lassen vieles unausgesprochen und offen. Vieles bleibt im Vagen, wodurch häufig erst die eigene Vorstellungskraft die Leerstellen hinsichtlich Innenleben und Motivationen der Figuren füllen muss.
Der konsequent eingehaltene Blickwinkel der dritten Person erschwert es jedoch, eine echte Nähe zu den Charakteren herzustellen und mit ihnen zu fühlen.
Gerade Sofies Mutter und ihren Freund Tobias blieben für mich überraschend blass und wenig greifbar; auch die Innensicht des Attentäters und die Erklärung für die Hintergründe seiner Tat werden nicht umfassend ausgearbeitet, was zu einer gewissen Distanz führt.
Gleichzeitig sorgen die häufigen Perspektivwechsel und die episodisch strukturierten, kurzen Kapitel für eine spürbare Unruhe, was sehr stimmig das Gefühl von Ohnmacht, Aufgewühltheit und Fassungslosigkeit unterstreicht und hervorragend zur Thematik und den Figuren passt.
Kritisch anzumerken ist allerdings, dass Wagner in seinem Roman eine Vielzahl gesellschaftlich relevanter Themen wie Rassismus, rechtsextremistische Radikalisierung und den Umgang mit Demenzerkrankungen zwar aufgreift, diese aber meist nur andeutet und selten in ihrer vollen Komplexität beleuchtet. Dadurch bleiben manche Aspekte eher an der Oberfläche und werden teilweise nur schlaglichtartig und ohne eingehende Vertiefung gestreift. Die wichtigen Zwischentöne und Ambivalenzen, die gerade vor dem Hintergrund der gegenwärtigen gesellschaftlichen Debatte nötig wären, fehlen stellenweise, wodurch der Roman leider etwas von seinem Potenzial einbüßt.
Positiv hervorzuheben ist jedoch, dass Wagners sachliche Sprache und die klar strukturierte, oft kurze und prägnante Erzählweise den Roman gerade für die jüngere Leserschaft sehr zugänglich machen. Dies prädestiniert „Eden“ als Schullektüre und schafft vielfältige Anknüpfungspunkte für Diskussionen über Schuld, Verantwortung, gesellschaftliches Miteinander und die Rolle der Medien.

FAZIT
Ein bewegender Roman, der viele gesellschaftlich brisante und drängende Themen der Gegenwart aufgreift und zum Nachdenken über Verlust, Schuld und gesellschaftlichen Zusammenhalt anregt. Auch wenn manche Themen nur angerissen und einige Figuren etwas schemenhaft bleiben, beeindruckt der Roman durch seine emotionale Wucht und ist eine bereichernde Lektüre!

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Veröffentlicht am 11.08.2025

Ein bewegendes, sehr poetisches Porträt der Unsichtbaren

Der Kaiser der Freude
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MEINE MEINUNG
Mit „Der Kaiser der Freude“ legt Ocean Vuong nach seinem gefeierten Debüt einen weiteren außergewöhnlichen Roman vor, der die Schattenseiten des amerikanischen Traums eindrucksvoll beleuchtet ...

MEINE MEINUNG
Mit „Der Kaiser der Freude“ legt Ocean Vuong nach seinem gefeierten Debüt einen weiteren außergewöhnlichen Roman vor, der die Schattenseiten des amerikanischen Traums eindrucksvoll beleuchtet und all jenen eine Stimme gibt, die am Rand der gnadenlosen Konsumgesellschaft ums Überleben ringen.
Mit viel Feingefühl thematisiert Vuong zudem Themen wie Migration, Rassismus, Identität, Außenseitertum, soziale Marginalisierung sowie die Last von Trauma und Erinnerungen.

Angesiedelt ist die in vier Abschnitte gegliederte Handlung in der trostlosen fiktiven Kleinstadt East Gladness in Connecticut, die stellvertretend für das postindustrielle, abgehängte Amerika steht.
Im Mittelpunkt steht Hai, der neunzehnjährige Sohn einer vietnamesischen Einwanderin, der an der eigenen Ausweglosigkeit und Einsamkeit zu zerbrechen droht und kurz vor einem Suizid steht. Während er auf einer Brücke steht, hält ihn Grazina, einer älteren, an Demenz erkrankten Frau mit litauischen Wurzeln, von seinem Vorhaben ab. Aus dieser zufälligen Begegnung entwickelt sich eine fragile, aber tief berührende Beziehung, die für beide zu einem Wendepunkt wird. Hai findet als Grazinas Pfleger nicht nur Unterkunft und eine Aufgabe bei ihr, sondern auch eine neue Form von Zuneigung, Halt und Zugehörigkeit.

Vuong gelingt es, mit großer poetischer Kraft und Genauigkeit die trostlose Atmosphäre von East Gladness einzufangen - eine kontrastvolle Welt, in der Arbeits- und Perspektivlosigkeit, Drogenkrise und Armut allgegenwärtig sind. Äußerst beeindruckend ist Vuongs bildgewaltiger Schreibstil; voller Metaphern und sinnlich-intensiver Beschreibungen taucht er das Alltägliche in eine schmerzlich-melancholische Schönheit. Zudem versteht es hervorragend, uns die widersprüchliche Gefühlswelt seiner Figuren sehr plastisch nahe zu bringen.
Seine fragmentarische, von Rückblicken und inneren Monologen durchzogene Erzählweise ist von faszinierender Leichtigkeit, verlangt aber eine erhöhte Aufmerksamkeit.
Ein besonderes Highlight sind die vielschichtigen, liebevoll gezeichneten Charaktere, die in all ihrer Fragalität und ihren Eigenheiten sehr lebensnah eingefangen sind. Sie stellen keine klassischen Helden dar, sondern verletzliche, gebrochene und vereinsamte Figuren, die von der Gesellschaft ausgegrenzt werden, aber trotz aller Widrigkeiten auch in ihrer kleinen Zweckgemeinschaft Nähe, Freundschaft und Solidarität finden können.
Mit Hai hat der Autor einen beeindruckenden Protagonisten geschaffen, der mit seiner Identität, Herkunft und Erwartungen im Lebensalltag zu kämpfen hat. Mit großer Empathie und psychologischer Tiefe zeichnet er seine Unsicherheit, Sehnsucht nach Zugehörigkeit und seinen Kampf gegen seine Drogensucht und inneren Dämonen.
Auch Grazina ist eine sehr beeindruckende Hauptfigur. Eindrucksvoll führt Vuong uns vor Augen, dass ihre Demenz nicht nur individuelles Vergessen, sondern auch eine kollektive Komponente des Erinnerns an andere Zeiten und Traumata umfasst und manchmal einen befreienden Schutz bietet. Gekonnt verdeutlicht er, dass das kollektive Verdrängen von Geschichte, Leid und Verantwortung sinnbildlich für ein grundlegendes gesellschaftliches Klima steht. Einfühlsam und glaubwürdig schildert Vuong die zarte, freundschaftliche Beziehung zwischen Hai und Grazina, die neben den alltäglichen Problemen und Missverständnissen auch berührende Momente von menschlicher Nähe und gegenseitigem Verständnis aufweist.
Auch die Nebenfiguren wie Hais Cousin Sony und seine Arbeitskollegen im Diner sind vielschichtig und glaubwürdig ausgearbeitet. Sie stehen exemplarisch für die „Unsichtbaren und gesellschaftlich Abgehängten“ der amerikanischen Gesellschaft - Menschen, die von Armut, Sucht, Krankheit und Ausgrenzung gezeichnet sind, aber dennoch in der Gemeinschaft auch die faszinierende Kraft von menschlicher Verbundenheit erleben und die beflügelnde Hoffnung auf eine zweite Chance im Leben finden können.
Mit schonungsloser Klarheit kritisiert Vuong in seinem anspruchsvollen und sehr facettenreichen Roman die zerstörerischen Folgen des Spätkapitalismus, der Prekarisierung von Arbeit und der gnadenlosen Ausgrenzung der Schwächsten. Gleichzeitig gelingt es ihm, inmitten der Hoffnungslosigkeit Momente von Zärtlichkeit, Freundschaft und Solidarität zu zeigen, die dem gelungenen Roman eine besondere emotionale Kraft verleihen

FAZIT
Ein herausfordernder und berührender Roman über die Kraft von Gemeinschaft und über die Möglichkeit von Schönheit und Würde in einer oft grausamen Welt.
Ein ebenso schmerzliches wie hoffnungsvolles Porträt der Ausgegrenzten und Unsichtbaren in der amerikanischen Gesellschaft, das noch lange nachhallt!

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Veröffentlicht am 03.08.2025

Rilke jenseits des Mythos - Eine beeindruckende Biografie

Rilke
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MEINE MEINUNG
Anlässlich des 150. Geburtstag des berühmten Lyrikers Rainer Maria Rilke legt der Literaturwissenschaftler Manfred Koch mit seiner umfangreichen Biografie „Rilke: Dichter der Angst“ eine ...

MEINE MEINUNG
Anlässlich des 150. Geburtstag des berühmten Lyrikers Rainer Maria Rilke legt der Literaturwissenschaftler Manfred Koch mit seiner umfangreichen Biografie „Rilke: Dichter der Angst“ eine spannende, tiefenpsychologisch fundierte Gesamtschau vor, die den Dichter und sein Werk neu und eindrucksvoll beleuchtet.
Mit seinen eingehenden Analysen präsentiert er uns überraschende Erkenntnisse über den Menschen hinter dem Mythos und einen frischen Kontrapunkt zu den gängigen Rilke-Vorstellungen. Koch gelingt es überzeugend, bekannte Klischees aufzubrechen und Rilke nicht als idealisierten „Dichterpriester“, sondern als sensiblen Künstler darzustellen, der zeitlebens von Selbstzweifeln und existenziellen Ängsten geprägt war.
Beeindruckend verbindet der Literaturwissenschaftler akribische biografische Rekonstruktionen mit präziser Werkdeutung. Sehr anschaulich zeigt er, wie Rilkes literarisches Schaffen als eine Art Überlebensstrategie diente – als Reaktion auf traumatische Kindheitserlebnisse, psychische Krisen und permanente Unsicherheit, die ihn ein Leben lang begleitete.
Besonders eingehend widmet sich Koch der Kindheit Rilkes und analysiert anhand bislang weitgehend unbeachteter Briefe, Tagebuchfragmente und medizinischer Unterlagen die problematische Mutter-Kind-Beziehung. Er macht deutlich, wie diese Beziehung seine Schwierigkeiten im Aufbau von Bindungen sowie seinen hohen Perfektionismus im Schreiben nachhaltig beeinflusste.
Darüber hinaus beleuchtet Koch die Ambivalenzen in Rilkes Beziehungen zu Frauen und Mäzenen, die häufig von Abhängigkeiten geprägt waren und auf seinen tiefen existentiellen Ängsten beruhten.
Besonders faszinierend sind zudem Kochs Deutungen in Bezug auf Rilkes nuancierter Haltung zu Geschlechterrollen und Identitätsfragen. So zeigt er auf, dass Rilke in seinen Gedichten bewusst mit den Grenzen von Geschlecht spielte – als ein Versuch, Schutzräumen gegenüber der Komplexität realer zwischenmenschlicher Beziehungen zu schaffen.
Koch scheut sich nicht davor, auch die weniger schmeichelhaften Seiten und Widersprüche des Genies zu thematisieren: Hierzu gehörten beispielsweise dessen finanzielle Abhängigkeiten, sein egoistisches Verhalten gegenüber Freunden und Geliebten sowie die Tendenz, alltägliche Probleme philosophisch zu überhöhen. Dabei bewahrt die Biografie stets einen fairen und empathischen Ton, der Rilkes Schwächen und seine tiefe Verwundbarkeit menschlich nachvollziehbar macht, ohne sie moralisch zu verurteilen.
Die Verbindung von Biografie und Werk wird durch zahlreiche neue Quellen gestützt, darunter viele bislang unveröffentlichte Briefe und Notizen, die im äußerst umfangreichen wissenschaftlichen Anhang dokumentiert sind. Diese fundierte Quellenbasis belegt gekonnt die Thesen des Autors und verleiht dem Werk großes Gewicht.
Zu kritisieren bleibt jedoch, dass sich Koch teilweise zu stark auf seine „Angst-These“ fokussiert, die nicht immer durchgängig überzeugt und womöglich auch andere Deutungs- oder Lebensaspekte Rilkes etwas zu kurz kommen lässt.
Dennoch ist die Biografie ein bedeutender Fortschritt in der Rilke-Forschung, der den Dichter aus einer neuen, zeitgemäßen Perspektive zeigt.
Kochs einfühlsame Biografie eröffnet einen spannenden Zugang zu Rilkes Werk, indem sie psychologische Tiefe und literarisches Verständnis gekonnt vereint und so den Dichter-Mythos differenziert relativiert.
Gekonnt zeichnet Koch ein sensibles und schonungslos ehrliches Porträt eines zutiefst verletzlichen Menschen, der sein Leben lang mit inneren Dämonen rang und einen hohen Preis für seine Kunst zahlte.
Für alle, die hinter das Bild des Genies schauen wollen, die eine Verbindung von Psychologie und Literatur schätzen und keine klassische, rein werkorientierte Biografie erwarten, bietet Kochs Werk neue, faszinierende Einsichten und frische Zugänge zu Rilke – ein Meilenstein voller Empathie und kritischer Reflexion.

FAZIT
Ein beeindruckendes, psychologisch nuanciertes Porträt eines zutiefst komplexen Künstlers, das den bekannten Rilke-Mythos herausfordert und die Ängste, Widersprüche und Verletzlichkeiten des Dichters eindrucksvoll in den Mittelpunkt stellt.
Eine äußerst anspruchsvolle, aber bereichernde Lektüre für alle, die hinter das Genie blicken wollen!

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Veröffentlicht am 01.08.2025

Faszinierende Fantasy-Reise ins Unbekannte 

Handbuch für den vorsichtigen Reisenden durch das Ödland
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MEINE MEINUNG
Mit ihrem Roman „Handbuch für den vorsichtigen Reisenden durch das Ödland“ ist Sarah Brooks ein faszinierendes und, atmosphärisch dichtes Debüt gelungen.
Der Roman besticht durch eine ungewöhnliche ...

MEINE MEINUNG
Mit ihrem Roman „Handbuch für den vorsichtigen Reisenden durch das Ödland“ ist Sarah Brooks ein faszinierendes und, atmosphärisch dichtes Debüt gelungen.
Der Roman besticht durch eine ungewöhnliche Genrevielfalt auf, die sich am ehesten dem „Magischem Realismus“ zuordnen lässt. Geschickt verwebt die Autorin Elemente aus historischem Roman, Krimi und Fantasy mit surrealen Einschüben und erschafft so eine originelle, facettenreiche und ungemein fesselnde Geschichte, die uns immer wieder aufs Neue überrascht.
Die Ende des 19. Jahrhunderts angesiedelte Handlung nimmt uns mit auf eine ungewöhnliche Reise mit dem Transsibirien-Express - mitten durch die bedrohlich wirkende, feindselige Landschaft des legendären Ödlands. Obwohl die Transsibirien-Kompanie ihren Reisenden vollkommene Sicherheit in dem hermetisch abgeriegelten Zug verspricht, offenbaren sich hinter der vertrauenerweckenden Fassade schon bald unberechenbare Gefahren.
Die wendungsreiche Geschichte wird aus den wechselnden Perspektiven verschiedener Passagiere und Angestellter des Transsibirien-Express erzählt, von denen jeder seine eigenen Beweggründe für die Reise hat. Ob nun das Findelkind Weiwei, das als „Zugkind“ sein ganzes bisheriges Leben im Zug verbracht hat, die rätselhafte Frau Maria Petrowna, die unter falschen Namen reist und den Selbstmord ihres Vaters aufklären möchte oder der in Ungnade gefallene Naturforscher Henry Grey, der um seine wissenschaftliche Reputation kämpft – sie alle bringen ihre individuellen Schicksale, Hoffnungen und Geheimnisse mit, die erst im Verlauf der Handlung allmählich enthüllt werden. 
Einfühlsam und facettenreich sind die verschiedenen Figuren mit ihren Eigenheiten, Geheimnissen und Verletzlichkeiten beschrieben, so dass man ihnen gerne durch die Geschichte folgt. Dennoch erschienen mir die Charaktere oftmals etwas blass und zu wenig greifbar, was es erschwerte, eine wirkliche emotionale Bindung zu ihnen aufzubauen.
Eingestreut in die Handlung finden sich immer wieder Passagen aus dem „Handbuch für den vorsichtigen Reisenden durch das Ödland“, verfasst von einem gewissen Rostow, der die mystische und gefährliche Natur des  Ödlands und seine Durchquerung akribisch erforscht und niedergeschrieben hat.
Mit ihrem lebendigen, äußerst anschaulichen Erzählstil gelingt es der Autorin hervorragend, sowohl das einzigartige Ambiente des Transsibirien-Expresses als auch die geheimnisvolle Weite des Ödlands samt seiner bizarren Kreaturen eindrucksvoll und facettenreich zu beschreiben. Rasch verliert man sich in dieser faszinierenden, von unheilvoller Atmosphäre und ungewöhnlichen Ereignissen geprägten Welt, die vor originellen Details nur so sprüht.
Das Geschehen entfaltet sich aus unterschiedlichen Blickwinkeln und nimmt erst allmählich Fahrt auf, wodurch sich das Gesamtbild erst schrittweise zusammensetzt. Es braucht eine gewisse Zeit, bis sich anfangs verwirrende Details zuordnen und gewisse Zusammenhänge erkennen lassen. Teilweise gerät die Handlung jedoch ins Stocken und wirkt phasenweise etwas langatmig. Gleichzeitig lockert Brooks die Erzählung zunehmend mit magischen und surrealen Elementen auf, die für eine zusätzliche Vielschichtigkeit sorgen.
Mit zahlreichen unerwarteten Wendungen gewinnt die Geschichte aber schließlich deutlich an Dynamik und Spannung und steuert auf ein höchst packendes Finale zu, das mit einigen überraschenden Verwicklungen aufwartet.
Brooks thematisiert in ihrem Roman grundlegende Fragestellungen zum respektvollen Umgang mit der Natur sowie den Risiken von Industrialisierung und Kommerzialisierung. Das Ödland wird zum kraftvollen Symbol für das Unbekannte und Unkontrollierbare, das sich einer Vereinnahmung durch die Menschen widersetzt. Durchzogen von subtilen gesellschaftskritischen Anklängen liest sich der Roman zugleich als eindringliche Mahnung, einen harmonischen Einklang mit der Natur zu suchen und zu bewahren – eine wunderbare Botschaft dieses faszinierenden und tiefgründigen Romans!

FAZIT
Ein beeindruckendes, atmosphärisch dichtes Debüt voller origineller Ideen - mit einem faszinierenden Genre-Mix, einer fesselnden,  tiefgründigen Handlung und einer wichtigen, zeitlosen Botschaft!
Trotz gelegentlicher Längen und etwas distanzierter Figurenzeichnung empfehlenswert für alle, die Lust auf eine ungewöhnliche Mischung aus Abenteuer, Fantasy und literarischer Reise haben!

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