In der Buchhandlung war ich über Die Stille im Bauch des Wals gestolpert. Ein Bilderbuch, das – so mein Eindruck – nicht ein abenteuerlustiges, energiegeladenes, lautes Kind in den Vordergrund stellt, sondern endlich einmal ein stilles Kind mit einem Bedürfnis nach Ruhe zu Wort kommen lässt. Das musste ich einfach lesen.
Diese Rezension ist ein wenig länger geworden als erwartet, weil ich zur Erklärung meiner wenigen Kritikpunkte sehr genau sein wollte.
Illustrationen und Übersetzung
Als erstes, noch bevor die Geschichte richtig losgeht, fiel mir der Illustrationsstil auf. Ob die Bilder wirklich analog mit Buntstiften gezeichnet und anschließend digital bearbeitet oder komplett digital gezeichnet wurden, kann ich nicht beurteilen. Sie wirken jedoch sehr weich und angenehm fürs Auge. Das hebe ich deshalb hervor, weil ich diese Art der Illustrationen immer seltener sehe. Es sind inzwischen öfter Bilder, die mich durch den Stil an Zeichentrickserien erinnern; die keine Pinsel- oder Buntstiftstriche mehr erkennen lassen. Das ist nicht automatisch gut oder schlecht, es ist einfach eine Stilveränderung und vielleicht auch ein wechselnder Trend, den ich wahrnehme. Hier gefällt mir der Buntstiftstil sehr gut – er passt zur Geschichte.
Die Bilder sind seitenfüllend oder ansprechend mit Weißraum gestaltet. Dabei gibt es sowohl große Motive, als auch viele kleine Details, die erst beim zweiten oder dritten Anschauen auffallen. Jede Seite ist individuell gestaltet und passt hervorragend zur jeweils dargestellten Szene.
Einige Elemente sind eindeutig digital eingefügt worden, insbesondere Schriften. Das hängt natürlich auch mit der deutschen Übersetzung zusammen, denn es ist besonders auffällig bei den Titeln auf gemalten Buchrücken oder bei Lautwörtern wie „Tatütata“, die ebenfalls übersetzt werden mussten. Ich habe mir zum Vergleich eine Innenansicht des englischsprachigen Originals I lived inside a Whale angeschaut, wobei sich meine Vermutung bestätigt: Dort sind die Schriften weicher und ermöglichen dadurch einen ungestörten, viel harmonischeren Gesamteindruck der Illustrationen.
In Die Stille im Bauch des Wals fällt die digitale Bearbeitung deshalb auf, weil die Schriften harte Kanten haben. Es wirkt so, als hätte man in beliebigen Schriftarten die benötigten Texte geschrieben und dann einfach in die Illustration kopiert. Man hat sich kaum – oder erfolglos – Mühe gegeben, sich dabei den Originalschriften anzunähern. Ich kenne mich auf dem Gebiet nicht so gut aus, kann also nicht beschreiben, wie genau es hätte besser gemacht werden können. Aber ich bin mir sicher, dass es digitale Tools und Einstellungen gibt, die eine Anpassung an den Illustrationsstil und das Zeichenwerkzeug – ich behaupte, es sind Buntstifte – erlaubt hätten.
Dass andere Texte einfach so gelassen oder minimal verändert wurden („Pinocchio“ wurde nur auf den Kopf gestellt und leicht verdunkelt und aus „Alice in Wonderland“ wurde durch wenige Striche „Alice im Wunderland“, ohne, dass der Stil des Originaltextes verändert wurde), erlaubt einen direkten Vergleich, wodurch die digital eingefügten deutschen Ersetzungen an anderen Stellen besonders hervorstechen.
Zugegeben, vielleicht ist dies Kritisieren auf hohem Niveau und sehr pingelig von meiner Seite. Weil der Unterschied aber so krass ist, fiel es mir immer wieder auf, was mich wünschen ließ, man hätte diese Dinge etwas liebevoller umgesetzt. Auf wessen Entscheidung das beruht – Übersetzer, Grafik, Satz, Lektorat, etc. – möchte ich gar nicht beurteilen. So, wie diese Übersetzung im Bild umgesetzt wurde (Wichtig: Nicht im Text; die Übersetzung finde ich gut, es geht mir wirklich nur um das grafische Einfügen der deutschen Texte!), fällt sie beim Lesen immer wieder störend ins Auge und lenkt von dem Rest der wirklich tollen Illustrationen und der eigentlichen Geschichte ab. Das finde ich einfach schade.
Handlung
Apropos Geschichte. Die Stille im Bauch des Wals überrascht mich damit, dass der Wal gar kein echter Wal ist – weil diese Geschichte so voller Fantasie ist, war das eine realistische Option -, sondern ein selbst gebauter Rückzugsort für Emma, unsere Protagonistin. Ein kleiner, dunkler, heimelig dekorierter Raum, in dem Emma einfach sie selbst sein kann und nicht in der lauten Welt funktionieren muss. Der Titel und auch die Idee, im Bauch des Wals zu sein, verschluckt zu werden, und dabei Frieden und Ruhe zu finden, hat mich schnell neugierig gemacht.
Die Kombination von „Wal“ und „im Bauch“ erzeugte bei mir bisher immer eher Beklemmung. Kein Wunder, nach der Geschichte von Jona und dem Wal oder auch Pinocchio, die mich beide als Kind schon beunruhigt haben. Hier jedoch ist keinerlei Angst oder Unruhe zu spüren. Ganz im Gegenteil: Während die Welt draußen laut ist, stressig, und immer etwas von Emma will, hat sie hier endlich ihre Ruhe. Sie sagt an einer Stelle sogar ganz ausdrücklich:
„Ich will irgendwo sein, wo es still ist. […] Damit ich meine eigene Stimme hören kann.“
Dabei geht es nicht nur um die Stimme, die laut gesprochen werden kann, sondern auch um die innere Stimme, die sonst so oft von äußeren Eindrücken übertönt wird. Es geht um das Ich-selbst-sein, es geht um Hier-darf-ich-so-sein-wie-ich-bin. Emma schafft sich ihren eigenen Fluchtort. Als plötzlich ein Eindringling, ein abenteuerlustiger Entdecker, Emmas Wal entdeckt und ihre Stille mit lauten Fragen und Ideen und Vorschlägen für Spiele zerreißt, müssen diese beiden sehr unterschiedlichen Kinder erkennen: Nur, weil mir etwas Spaß macht, muss es nicht auch allen anderen Spaß machen.
Emma zieht eine deutliche Grenze und darf mit Überraschung feststellen, dass diese nicht nur akzeptiert, sondern auch respektiert wird. Etwas, das sie bisher scheinbar selten erleben konnte. Deshalb kommt auch sie dem Neuzugang ein wenig entgegen, was zum Happy End der Geschichte führt, bei dem Emma auch von anderen Kindern Wertschätzung erfährt.
Diversität – Whitewashing?
Während des Lesens schoss mir kurz der Gedanke durch den Kopf, ob die Hauptfigur auch im Original Emma heißt, denn die Autorin ist Chinesin und auch das Mädchen in dieser Geschichte kann asiatisch gelesen werden – da erschien mir „Emma“ einfach so sehr generisch-deutsch, dass ich eine Übersetzung für möglich hielt und neugierig wurde.
Wieder habe ich bei I lived inside a Whale nachgesehen und dabei festgestellt, dass das Mädchen tatsächlich auch im Original Emma heißt. Ich fand heraus, dass die Autorin aktuell in Norwegen lebt und ein kurzer Check nach der Beliebtheit des Namens Emma ergibt, dass er in Skandinavien durchaus geläufig ist – wieder etwas gelernt! So weit, so zufriedenstellend war diese kleine Recherche. Wenn es dabei geblieben wäre, hätte ich das in dieser Rezension gar nicht so groß erwähnt.
Aber dann fielen mir zwei Details auf: Im Klappentext des Originals wird ein Nachname genannt, der im Deutschen nicht auffindbar ist: Emma heißt mit Nachnamen Wen. Und der namenlose Junge, der Emmas Stille im Wal stört, ist eigentlich gar nicht namenlos. Er heißt Owen Tang.
Es spielt für die Geschichte meiner Meinung nach keine Rolle, wie die Kinder heißen. Weder der Vorname noch der Nachname sind irgendwie wichtig, wenn es darum geht, die Eigenschaften „das Kind mag lieber Ruhe als Lärm“ oder „das Kind ist laut und abenteuerlustig“ darzustellen. Soweit ich es anhand der Leseproben beurteilen kann, werden diese Namen im Originaltext – also nicht im Klappentext, sondern in der Geschichte – auch nicht genannt. Aber:
Dass es in der deutschen Übersetzung keinerlei Erwähnung dieser beiden typischen chinesischen Nachnamen gibt, welche die Autorin sicherlich bewusst gewählt hat und die im Original zumindest im Klappentext stehen, ist entweder ein sehr unglückliches Versehen, weil man den Klappentext nicht 1:1 übersetzt hat, oder eine bewusste Entscheidung, die in Richtung Whitewashing geht. Dabei ist doch rein optisch offensichtlich, dass die meisten der abgebildeten Kinder asiatisch gelesen werden können, und auch der Name der Autorin steht groß auf dem Cover! Warum sich da die Mühe machen, die chinesischen Namen zu unterschlagen?! Ich hoffe auf ein Versehen und eine Korrektur, falls es weitere Auflagen geben wird.
Die anderen abgebildeten Personen neben Emma und Owen sind überwiegend asiatisch zu lesen. Zusätzlich konnte ich ein Schwarzes Kind und vier weiße Kinder mit verschiedenen Haarfarben entdecken. Eines trägt eine Brille. Davon abgesehen sind keine Einschränkungen oder Behinderungen erkennbar.
Message
Für mich ist die Message dieses Bilderbuches: Kinder sind verschieden. Manche Kinder sind laut, abenteuerlustig, extrovertiert. Andere Kinder sind leise, in sich gekehrt, introvertiert. Die einen sind nicht „richtiger“ oder „falscher“ als die anderen: sie sind einfach nur verschieden. Und in Die Stille im Bauch des Wals wird den ruhigen Kindern eine Stimme verliehen, die sonst im Geräuschpegel der lauten Kinder nicht gehört werden (können). (Es gibt meiner Meinung nach auch wesentlich weniger Bücher mit stillen Hauptfiguren als Bücher mit abenteuerlustigen Charakteren.) Es geht um Akzeptanz von Unterschieden und Respekt vor den Wünschen und Bedürfnissen anderer. Gleichzeitig geht es auch darum, das Setzen eigener Grenzen zu lernen.
Der Fokus liegt hier natürlich eher auf dem stillen Kind und zeigt, dass die Stille nicht nur etwas Schlechtes ist, sondern als Energielieferant auch etwas Positives sein kann: Emma hat erfahren müssen, dass in ihrem Umfeld laute Kinder den Ton angeben und dass sie selbst nicht zu Wort kommt. Nach und nach zieht sie sich deshalb zurück. Owen scheint nach einer langen Zeit der erste zu sein, der ihr wirklich zuhört, ihre Grenzen und Wünsche respektiert und dem sie trotzdem nicht langweilig wird. Dadurch vertraut sie ihm genug, um sich etwas aus ihrem Schneckenhaus – ups, ich meine natürlich: aus dem Bauch des Wals – herauslocken zu lassen und auch außerhalb sie selbst zu sein.
Emma lernt, dass andere Kinder ihr zuhören, wenn sie Geschichten erzählt, obwohl die Welt weiterhin viel zu laut für sie ist. Sie entdeckt ihre verloren geglaubte Stimme und lernt, sie einzusetzen. Owen dagegen lernt, ihr nicht ständig ins Wort zu fallen, sondern richtig zuzuhören und zu akzeptieren, dass nicht jeder Lust auf seine aufregenden Spiele hat. Beide lernen, dass auch sehr unterschiedliche Kinder vielleicht Freunde werden können.
Kurz: Mit Die Stille im Bauch des Wals lernen Kinder ein gesundes gemeinsames Miteinander und wie wichtig deutliche Kommunikation ist. Etwas, was den Erwachsenen aktuell zu fehlen scheint und das sie dementsprechend ihren Kindern auch nicht vorleben können. Diese Message macht Die Stille im Bauch des Wals deshalb für mich nicht nur zu einem schönen, sondern auch zu einem wichtigen Kinderbuch.
Fazit
Die Message ist wichtig, die Illustrationen ansprechend und die Geschichte eine, die mir als stiller Person nahegeht. Ich werde Die Stille im Bauch des Wals lange in Erinnerung behalten, wahrscheinlich an junge Familien in meinem Umfeld verschenken und hoffe, dass die enthaltenen Lektionen gelernt werden. Das einzig Negative an diesem Buch sind für mich die ungeschickte grafische Einarbeitung der übersetzten Textelemente im Bild und die Löschung der chinesischen Namen in der deutschen Übersetzung. Ich hoffe sehr, dass es ein Versehen und keine Absicht war.