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Veröffentlicht am 12.04.2026

Langeweile in Buchform

Five Broken Blades
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Five Broken Blades ist eines dieser Bücher, für die ich ewig gebraucht habe: Der Klappentext und die ersten paar Seiten waren so interessant, dass ich das Buch unbedingt lesen wollte, aber sehr schnell ...

Five Broken Blades ist eines dieser Bücher, für die ich ewig gebraucht habe: Der Klappentext und die ersten paar Seiten waren so interessant, dass ich das Buch unbedingt lesen wollte, aber sehr schnell verflog die Spannung und die Geschichte plätscherte langsam dahin. Dabei war die Grundidee so vielversprechend!

Leider hat es mehr als die Hälfte der fast 500 Seiten gebraucht, bis die Hauptfiguren auch nur aufeinandertreffen. Bis dahin werden mal mehr, mal weniger episodisch und mal mehr, mal weniger vage Werdegang und Motivation der fünf Charaktere in jeweils eigenen Kapiteln beschrieben und ein grobes Bild der Welt skizziert. Erst bei etwa 65 % von Five Broken Blades fing es für mich an spannender zu werden, und selbst dann zog sich die Handlung viel zu sehr in die Länge. Deshalb habe ich das Lesen oft unterbrochen und zwischendurch sogar immer wieder ein paar andere Bücher eingeschoben.

Die Planung und Vorbereitung des Auftrags, den König zu töten, nimmt viel Raum ein, nur damit die Durchführung dann nach gefühlt 2 Seiten vorbei war. Es erinnerte mich an schlechte Spionagefilme, in denen die Hauptfiguren extrem viel über die Vorbereitung zum Beispiel eines Diebstahls reden, aber nichts filmisch gezeigt wird. Für mich gehört das in die Kategorie „Netter Versuch, Ziel verfehlt“.

Auch das Ende von Five Broken Blades hat mir nicht wirklich gefallen, wenn auch die „überraschende Wendung“ endlich einmal wirklich überraschend für mich war. Dass der Plan nicht so einfach umsetzbar ist, das war schnell zu erahnen. Wer aber noch die Finger im Spiel hat und wer tatsächlich die Entscheidungen trifft, das kam aus dem Nichts. So angenehm ich es finde, dass nicht alles mit 10 Kapiteln Anlauf zu erahnen ist, so wenig gefällt es mir, dass es nicht die geringste Andeutung gab. Im Ergebnis wirkt es so, als sei die Auflösung der Verschwörung und die Enthüllung der Strippenzieher der Autorin im letzten Moment eingefallen. Es hatte einfach nichts mit dem gesamten Rest des Buches zu tun.

Und ein Detail ist mir erst beim Schreiben dieser Rezension so richtig aufgefallen; während des Lesens war es eher ein unterschwelliges, aber stets vorhandenes Gefühl: Es gibt in diesem als Fantasy-Roman beworbenen Buch kaum Fantasy-Elemente. Stattdessen liest Five Broken Blades sich vielmehr wie ein historischer Roman mit einer fiktiven Geschichte. Das einzige, was ich hieran als Fantasy bezeichnen würde, sind die scheinbar von Göttern gegebenen Eigenschaften einzelner Artefakte, die sich auf ihre Besitzer übertragen.

Band 2, der offensichtlich in Planung ist, werde ich nicht lesen.

Hinweis: Weil NetGalley – die Online-Plattform, über die ich das Rezensionsexemplar erhalten habe, eine Sternebewertung im Wert von 1 bis 5 im Rahmen von Rezensionen verlangt, bezieht sich der nächste Abschnitt darauf. Am liebsten hätte ich mich nicht auf Sterne festgelegt, wie es für meine Rezensionen hier auf dem Blog üblich ist.

Im Vergleich mit anderen Büchern, die mir nicht recht gefallen wollten, schneidet Five Broken Blades gar nicht mal so schlecht ab. Aber am Lesen hatte ich wirklich kaum Freude. Ich habe immer wieder auf die Seitenzahl geschielt in der Hoffnung, weiter vorangekommen zu sein und nicht mehr so viel vor mir zu haben. Irgendwann wurde das Lesen eine Pflicht, weil ich das Buch endlich beenden wollte. Wäre es kein Rezensionsexemplar gewesen, hätte ich es vielleicht schon vor der Hälfte abgebrochen und nur über diesen Abschnitt meine Rezension geschrieben. Aber dann wiederum war das letzte Drittel ganz in Ordnung – könnte der Rest mit diesem Endspurt mithalten, hätte ich eine ganz andere Meinung zum Buch!

Ich pendele meine abschließenden Gedanken deshalb bei 3 von 5 Sternen ein, mit einer Tendenz nach unten. 2 Sterne wären zu wenig, 3 fühlen sich eigentlich zu viel an – in Momenten wie diesem wünsche ich mir die Möglichkeit, halbe Sterne vergeben zu können.

Veröffentlicht am 12.04.2026

Schöne Geschichte, die etwas zu viel gehypt wird - und furchtbare Grammatik

Fourth Wing – Flammengeküsst
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Ich hinke dem Trend mit dieser Buchreihe wieder einmal etwas hinterher, weil mich extreme Hypes erst einmal abschrecken (zu große Erwartungen wurden leider oft schnell enttäuscht), aber nun habe ich Fourth ...

Ich hinke dem Trend mit dieser Buchreihe wieder einmal etwas hinterher, weil mich extreme Hypes erst einmal abschrecken (zu große Erwartungen wurden leider oft schnell enttäuscht), aber nun habe ich Fourth Wing endlich einmal selbst gelesen. Inzwischen ist es auch in der Onleihe meiner Bibliothek verfügbar, sodass ich den Wälzer nicht kaufen musste – nachdem ich etwa zwei Monate lang auf der Warteliste stand, denn die Nachfrage ist weiter enorm: 35 eBook-Exemplare hat meine Bibliothek und darauf laufen Stand heute 141 Vormerkungen … Also schauen wir doch mal, was es mit Fourth Wing und seinem Hype auf sich hat.

Spoiler: Ich habe Band 2 schon vorgemerkt!

Mein erster Eindruck von Fourth Wing war gut – und das blieb bis zum Ende überwiegend so. Das erste Kapitel wirft uns Lesende direkt ins kalte Wasser und erst mit der Zeit beginnen wir, die Zusammenhänge und Weltstrukturen zu begreifen. Es stört jedoch nicht das Verständnis der Konflikte unserer Hauptfigur Violet. Im Gegenteil hätten mich ein langer Prolog und viel Erklärung am Anfang wahrscheinlich eher gestört.

Die zwanzigjährige Violet hat sich ihr Leben lang auf ein Leben als Schriftgelehrte vorbereitet und es stand für sie gar nicht zur Debatte, dass sie irgendwann den Drachenreitern beitreten könnte, der elitären Kriegerklasse am Basgiath War College. Ihr Körper ist aufgrund angeborener Eigenschaften schwach und in dem Zustand nicht für den Kampf geeignet, Töten widerstrebt ihr und überhaupt hatte sie eigentlich nicht vor, den gefährlichen Wettkampf um die wenigen Drachen anzutreten. Ihre mächtige Mutter entscheidet wie immer über Violets Kopf hinweg und auf einmal sieht ihr Leben ganz anders aus. Es ist wenig überraschend, dass sie bis dahin einen Drang zur Selbstbehauptung und den starken Willen, ihre eigenen Entscheidungen nicht von anderen Menschen treffen zu lassen, entwickelt hat.

Violet eckt also in ihrer neuen Umgebung schon durch ihre eigenen Merkmale überall an. Dazu kommt die jüngere Geschichte des Landes und die Beteiligung ihrer Mutter an bestimmten einschneidenden Momenten. Kurzgefasst hatte Violet schon Feinde, bevor sie das War College betreten hat und danach wurden es eher mehr statt weniger. Sie knüpft ein paar wenige Freundschaften, wird aber auch schnell mit ihrem Erzfeind konfrontiert: während Xadens Vater Violets Bruder getötet hat, wurden Xadens Eltern wiederum von Violets Mutter hingerichtet und beide können es kaum erwarten, sich dafür aneinander zu rächen. Zu dumm, dass Xaden äußerst attraktiv ist und auch Violet ihn nicht kaltzulassen scheint.

Auch, wenn es nicht die komplexeste Welt ist (jedenfalls in Fourth Wing – es sieht so aus, als ob da noch wesentlich mehr in den Fortsetzungen käme) und auch, wenn die Liebesgeschichte dem beliebten Enemies-to-Lovers-Trope folgt, ohne dass die Autorin den damit vorgegebenen Weg der Beziehung ihrer Hauptfiguren besonders kreativ gestaltet hätte, hat es mir Spaß gemacht der Entwicklung zu folgen, mit Violet zu wachsen und die Spannungen zwischen die einzelnen Charakteren mitzuerleben. Es wird genau die richtige Prise Geheimnis und Mysterium über die einzelnen Story-Elemente gestreut, während nach und nach andere Details aufgedeckt oder Zusammenhänge erklärt werden, sodass es durchgehend interessant bleibt.

Der Klappentext hat mich befürchten lassen, dass wir es bei Fourth Wing mit einer neuen Harry-Potter-Variante zu tun hätten, nachdem der Aspekt des Internatslebens so betont wurde – so ähnlich, wie es bei dem Kinderbuch Smaragour war, nur vielleicht nicht so extrem. Doch obwohl einzelne Lehrinhalte beschrieben werden und die Handlung durchaus irgendwie der Struktur eines Schuljahres inklusive Prüfungen folgt, fühlt es sich nicht danach an. Vielmehr ist Violets Entwicklung entscheidend für den Fortgang der Geschichte.

Es wird an mehreren Stellen eine Redensart erwähnt, sinngemäß etwa: Wenn man nach Basgiath kommt, werden alle Schichten von einem abgetragen und das, was man im Kern wirklich ist, tritt zum Vorschein. Genauso verändert sich auch Violet und es hat mir wirklich gut gefallen das zu beobachten. Sie ist keine starre Figur, in eine Genre-Schablone gepresst, sondern eine junge Frau, die mit ihren Aufgaben wächst. Genauso sind auch ihre Freunde und Feinde. Sie verändern sich mit der Zeit und wer am Anfang Freund ist, bleibt das vielleicht nicht bis zum Ende – und umgekehrt. Diese Vielschichtigkeit und die Flexibilität von Beziehungsformen ist meiner Meinung nach gut umgesetzt und macht – neben den Drachen natürlich – den größten Reiz von Fourth Wing aus.

Fourth Wing ist mit seiner Selbstverständlichkeit von Gewalt, Tod und fantastischen Elementen für mich auf den ersten Blick eine Mischung aus Veronica Roths Die Bestimmung (besonders die anfängliche Szene mit dem Viadukt brachte Erinnerungen an Tris‘ Einführung in ihre neue Gruppe zurück), Richelle Meads Vampire Academy oder Jennifer Esteps Mythos Academy mit ihrem Internats-Feeling und Licia Troisis Die Drachenkämpferin.

Ein wichtiger Unterschied zwischen Fourth Wing und vielen anderen Romantasy-Büchern, die momentan im Trend sind, ist für mich das Alter der Hauptfiguren: Violet und Xaden und auch all ihre Freunde sind volljährig. Sie dürfen und können (mit wenigen Ausnahmen) ihre eigenen Entscheidungen treffen; die Gewalt, die ein Buch über Drachenreiter und Grenzkriege mit sich bringt, ist in dieser Altersgruppe passend und auch körperliche und sexuelle Erfahrungen und Beschreibungen sind stimmig.

Es geht bei Violet und Xaden nicht um erste Liebe oder den ersten Sex, sondern um das erste Mal zusammen. Beide sind nicht unerfahren und beide wissen, was sie wollen. Consent ist vorhanden. Es ist schade, das so sagen zu müssen, aber das ist in aktuellen Hype-Büchern wirklich nicht die Norm und es deshalb wert, das hervorzuheben.

Und obwohl es zwischen den beiden so heiß her geht, dass buchstäblich die Funken fliegen (bei diesem Hype um Fourth Wing, insbesondere auf TikTok, wenig überraschend), obwohl viele Faktoren gegen eine Beziehung sprechen – allem voran ihr Status als Erzfeinde und ungelöste Rachefantasien auf beiden Seiten – wirkte es auf mich sehr natürlich, wie sie zusammenkamen. Der erste Eindruck kann täuschen, und mit diesem Element wird hier viel gespielt.

Der Schreibstil ist angenehm zu lesen, Autorin und Übersetzerin haben einen guten Job gemacht. An weniger Stellen als erwartet wirkte es aber ein bisschen wie nicht überarbeitete Wattpad-Texte: sich wiederholende Phrasen und Beschreibungen und ein, zwei Logikfehler sind mir aufgefallen. Das Ergebnis des Lektorats hat mir auch nicht so gut gefallen. Ja, wenn ein Buch fast 800 Seiten hat, dann kann da schon einmal etwas durchrutschen, aber wenn ich in jedem dritten Kapitel über zwei Grammatikfehler stolpere oder wenn es tatsächlich passiert, dass zwei Namen wichtiger Personen vertauscht werden, dann sieht das nicht nach sorgfältiger Überarbeitung aus. Ich hoffe, dass diese Fehler in späteren Auflagen der Print-Ausgaben korrigiert wurden und dass sie irgendwann Eingang in die eBook-Version finden werden.

Fazit
Insgesamt war Fourth Wing für mich eine gute Unterhaltung, die mich zwar nicht in einen solchen Hype versetzt, wie der Trend erwarten ließ, aber das Buch habe ich trotzdem innerhalb weniger Tage beendet und mir direkt den zweiten Band Iron Flame bei der Bibliothek vorgemerkt. Ich mag den Weltenbau, die Gestaltung der Beziehung von Drache und Mensch und die Chemie zwischen den beiden Hauptfiguren. Auch die Nebenfiguren, die Freundeskreise haben es mir angetan.

Besonders gut gefällt mir das kleine aber unfassbar wichtige Detail, dass die Hauptfiguren erwachsen sind – es hätte genauso gut wieder einmal eine Siebzehnjährige sein können, die in eine erotisch aufgeladene Fantasy-Situation stolpert, nur dass dann viele Szenen einfach nicht okay gewesen wären. Fourth Wing löst dieses Genredilemma gut und hat damit meine Erlaubnis, so spicy zu sein wie es will. Dass das Buch trotzdem noch in einem gewissen Rahmen bleibt und nicht in diverse kinks ausartet, finde ich für eine Geschichte, die eigentlich Fantasy sein möchte, super.

Negativ aufgefallen ist mir eigentlich ausschließlich das lückenhafte Lektorat bzw. das Ergebnis der Textüberarbeitung. Fehler in Grammatik, Schrift oder sogar inhaltliche Verwechslungen sollten nicht vorkommen. Das legt für mich die Vermutung nahe, dass man die Übersetzung des Buches, das schon im englischen Original auf Social Media Hypes ausgelöst hat, rasch über die Bühne und Fourth Wing auf den Markt bringen wollte und dabei die Priorität auf Schnelligkeit statt Qualität verschoben hat.

Wie gesagt, das ist nur eine Vermutung und es ist absolut möglich, dass es im Print inzwischen ganz anders aussieht (es ist schon die 10. Auflage). Dass das eBook, das am einfachsten zu korrigieren wäre, aber immer noch diese Mängel hat, macht mich etwas unzufrieden, zumal mir solche Fehler beim Lesen auffallen und ich mich dann schon sehr daran störe. (Aktuell lese ich Five Broken Blades, wo es leider auch oft vorkommt, aber das gehört in die Rezension zu dem Buch, nicht zu Fourth Wing.)

Veröffentlicht am 12.04.2026

Tolle Geschichte, tolle Illustrationen - aber was soll das mit den Namen?

Die Stille im Bauch des Wals
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In der Buchhandlung war ich über Die Stille im Bauch des Wals gestolpert. Ein Bilderbuch, das – so mein Eindruck – nicht ein abenteuerlustiges, energiegeladenes, lautes Kind in den Vordergrund stellt, ...

In der Buchhandlung war ich über Die Stille im Bauch des Wals gestolpert. Ein Bilderbuch, das – so mein Eindruck – nicht ein abenteuerlustiges, energiegeladenes, lautes Kind in den Vordergrund stellt, sondern endlich einmal ein stilles Kind mit einem Bedürfnis nach Ruhe zu Wort kommen lässt. Das musste ich einfach lesen.

Diese Rezension ist ein wenig länger geworden als erwartet, weil ich zur Erklärung meiner wenigen Kritikpunkte sehr genau sein wollte.

Illustrationen und Übersetzung

Als erstes, noch bevor die Geschichte richtig losgeht, fiel mir der Illustrationsstil auf. Ob die Bilder wirklich analog mit Buntstiften gezeichnet und anschließend digital bearbeitet oder komplett digital gezeichnet wurden, kann ich nicht beurteilen. Sie wirken jedoch sehr weich und angenehm fürs Auge. Das hebe ich deshalb hervor, weil ich diese Art der Illustrationen immer seltener sehe. Es sind inzwischen öfter Bilder, die mich durch den Stil an Zeichentrickserien erinnern; die keine Pinsel- oder Buntstiftstriche mehr erkennen lassen. Das ist nicht automatisch gut oder schlecht, es ist einfach eine Stilveränderung und vielleicht auch ein wechselnder Trend, den ich wahrnehme. Hier gefällt mir der Buntstiftstil sehr gut – er passt zur Geschichte.

Die Bilder sind seitenfüllend oder ansprechend mit Weißraum gestaltet. Dabei gibt es sowohl große Motive, als auch viele kleine Details, die erst beim zweiten oder dritten Anschauen auffallen. Jede Seite ist individuell gestaltet und passt hervorragend zur jeweils dargestellten Szene.

Einige Elemente sind eindeutig digital eingefügt worden, insbesondere Schriften. Das hängt natürlich auch mit der deutschen Übersetzung zusammen, denn es ist besonders auffällig bei den Titeln auf gemalten Buchrücken oder bei Lautwörtern wie „Tatütata“, die ebenfalls übersetzt werden mussten. Ich habe mir zum Vergleich eine Innenansicht des englischsprachigen Originals I lived inside a Whale angeschaut, wobei sich meine Vermutung bestätigt: Dort sind die Schriften weicher und ermöglichen dadurch einen ungestörten, viel harmonischeren Gesamteindruck der Illustrationen.

In Die Stille im Bauch des Wals fällt die digitale Bearbeitung deshalb auf, weil die Schriften harte Kanten haben. Es wirkt so, als hätte man in beliebigen Schriftarten die benötigten Texte geschrieben und dann einfach in die Illustration kopiert. Man hat sich kaum – oder erfolglos – Mühe gegeben, sich dabei den Originalschriften anzunähern. Ich kenne mich auf dem Gebiet nicht so gut aus, kann also nicht beschreiben, wie genau es hätte besser gemacht werden können. Aber ich bin mir sicher, dass es digitale Tools und Einstellungen gibt, die eine Anpassung an den Illustrationsstil und das Zeichenwerkzeug – ich behaupte, es sind Buntstifte – erlaubt hätten.

Dass andere Texte einfach so gelassen oder minimal verändert wurden („Pinocchio“ wurde nur auf den Kopf gestellt und leicht verdunkelt und aus „Alice in Wonderland“ wurde durch wenige Striche „Alice im Wunderland“, ohne, dass der Stil des Originaltextes verändert wurde), erlaubt einen direkten Vergleich, wodurch die digital eingefügten deutschen Ersetzungen an anderen Stellen besonders hervorstechen.

Zugegeben, vielleicht ist dies Kritisieren auf hohem Niveau und sehr pingelig von meiner Seite. Weil der Unterschied aber so krass ist, fiel es mir immer wieder auf, was mich wünschen ließ, man hätte diese Dinge etwas liebevoller umgesetzt. Auf wessen Entscheidung das beruht – Übersetzer, Grafik, Satz, Lektorat, etc. – möchte ich gar nicht beurteilen. So, wie diese Übersetzung im Bild umgesetzt wurde (Wichtig: Nicht im Text; die Übersetzung finde ich gut, es geht mir wirklich nur um das grafische Einfügen der deutschen Texte!), fällt sie beim Lesen immer wieder störend ins Auge und lenkt von dem Rest der wirklich tollen Illustrationen und der eigentlichen Geschichte ab. Das finde ich einfach schade.

Handlung

Apropos Geschichte. Die Stille im Bauch des Wals überrascht mich damit, dass der Wal gar kein echter Wal ist – weil diese Geschichte so voller Fantasie ist, war das eine realistische Option -, sondern ein selbst gebauter Rückzugsort für Emma, unsere Protagonistin. Ein kleiner, dunkler, heimelig dekorierter Raum, in dem Emma einfach sie selbst sein kann und nicht in der lauten Welt funktionieren muss. Der Titel und auch die Idee, im Bauch des Wals zu sein, verschluckt zu werden, und dabei Frieden und Ruhe zu finden, hat mich schnell neugierig gemacht.

Die Kombination von „Wal“ und „im Bauch“ erzeugte bei mir bisher immer eher Beklemmung. Kein Wunder, nach der Geschichte von Jona und dem Wal oder auch Pinocchio, die mich beide als Kind schon beunruhigt haben. Hier jedoch ist keinerlei Angst oder Unruhe zu spüren. Ganz im Gegenteil: Während die Welt draußen laut ist, stressig, und immer etwas von Emma will, hat sie hier endlich ihre Ruhe. Sie sagt an einer Stelle sogar ganz ausdrücklich:

„Ich will irgendwo sein, wo es still ist. […] Damit ich meine eigene Stimme hören kann.“

Dabei geht es nicht nur um die Stimme, die laut gesprochen werden kann, sondern auch um die innere Stimme, die sonst so oft von äußeren Eindrücken übertönt wird. Es geht um das Ich-selbst-sein, es geht um Hier-darf-ich-so-sein-wie-ich-bin. Emma schafft sich ihren eigenen Fluchtort. Als plötzlich ein Eindringling, ein abenteuerlustiger Entdecker, Emmas Wal entdeckt und ihre Stille mit lauten Fragen und Ideen und Vorschlägen für Spiele zerreißt, müssen diese beiden sehr unterschiedlichen Kinder erkennen: Nur, weil mir etwas Spaß macht, muss es nicht auch allen anderen Spaß machen.

Emma zieht eine deutliche Grenze und darf mit Überraschung feststellen, dass diese nicht nur akzeptiert, sondern auch respektiert wird. Etwas, das sie bisher scheinbar selten erleben konnte. Deshalb kommt auch sie dem Neuzugang ein wenig entgegen, was zum Happy End der Geschichte führt, bei dem Emma auch von anderen Kindern Wertschätzung erfährt.

Diversität – Whitewashing?

Während des Lesens schoss mir kurz der Gedanke durch den Kopf, ob die Hauptfigur auch im Original Emma heißt, denn die Autorin ist Chinesin und auch das Mädchen in dieser Geschichte kann asiatisch gelesen werden – da erschien mir „Emma“ einfach so sehr generisch-deutsch, dass ich eine Übersetzung für möglich hielt und neugierig wurde.

Wieder habe ich bei I lived inside a Whale nachgesehen und dabei festgestellt, dass das Mädchen tatsächlich auch im Original Emma heißt. Ich fand heraus, dass die Autorin aktuell in Norwegen lebt und ein kurzer Check nach der Beliebtheit des Namens Emma ergibt, dass er in Skandinavien durchaus geläufig ist – wieder etwas gelernt! So weit, so zufriedenstellend war diese kleine Recherche. Wenn es dabei geblieben wäre, hätte ich das in dieser Rezension gar nicht so groß erwähnt.

Aber dann fielen mir zwei Details auf: Im Klappentext des Originals wird ein Nachname genannt, der im Deutschen nicht auffindbar ist: Emma heißt mit Nachnamen Wen. Und der namenlose Junge, der Emmas Stille im Wal stört, ist eigentlich gar nicht namenlos. Er heißt Owen Tang.

Es spielt für die Geschichte meiner Meinung nach keine Rolle, wie die Kinder heißen. Weder der Vorname noch der Nachname sind irgendwie wichtig, wenn es darum geht, die Eigenschaften „das Kind mag lieber Ruhe als Lärm“ oder „das Kind ist laut und abenteuerlustig“ darzustellen. Soweit ich es anhand der Leseproben beurteilen kann, werden diese Namen im Originaltext – also nicht im Klappentext, sondern in der Geschichte – auch nicht genannt. Aber:

Dass es in der deutschen Übersetzung keinerlei Erwähnung dieser beiden typischen chinesischen Nachnamen gibt, welche die Autorin sicherlich bewusst gewählt hat und die im Original zumindest im Klappentext stehen, ist entweder ein sehr unglückliches Versehen, weil man den Klappentext nicht 1:1 übersetzt hat, oder eine bewusste Entscheidung, die in Richtung Whitewashing geht. Dabei ist doch rein optisch offensichtlich, dass die meisten der abgebildeten Kinder asiatisch gelesen werden können, und auch der Name der Autorin steht groß auf dem Cover! Warum sich da die Mühe machen, die chinesischen Namen zu unterschlagen?! Ich hoffe auf ein Versehen und eine Korrektur, falls es weitere Auflagen geben wird.

Die anderen abgebildeten Personen neben Emma und Owen sind überwiegend asiatisch zu lesen. Zusätzlich konnte ich ein Schwarzes Kind und vier weiße Kinder mit verschiedenen Haarfarben entdecken. Eines trägt eine Brille. Davon abgesehen sind keine Einschränkungen oder Behinderungen erkennbar.

Message

Für mich ist die Message dieses Bilderbuches: Kinder sind verschieden. Manche Kinder sind laut, abenteuerlustig, extrovertiert. Andere Kinder sind leise, in sich gekehrt, introvertiert. Die einen sind nicht „richtiger“ oder „falscher“ als die anderen: sie sind einfach nur verschieden. Und in Die Stille im Bauch des Wals wird den ruhigen Kindern eine Stimme verliehen, die sonst im Geräuschpegel der lauten Kinder nicht gehört werden (können). (Es gibt meiner Meinung nach auch wesentlich weniger Bücher mit stillen Hauptfiguren als Bücher mit abenteuerlustigen Charakteren.) Es geht um Akzeptanz von Unterschieden und Respekt vor den Wünschen und Bedürfnissen anderer. Gleichzeitig geht es auch darum, das Setzen eigener Grenzen zu lernen.

Der Fokus liegt hier natürlich eher auf dem stillen Kind und zeigt, dass die Stille nicht nur etwas Schlechtes ist, sondern als Energielieferant auch etwas Positives sein kann: Emma hat erfahren müssen, dass in ihrem Umfeld laute Kinder den Ton angeben und dass sie selbst nicht zu Wort kommt. Nach und nach zieht sie sich deshalb zurück. Owen scheint nach einer langen Zeit der erste zu sein, der ihr wirklich zuhört, ihre Grenzen und Wünsche respektiert und dem sie trotzdem nicht langweilig wird. Dadurch vertraut sie ihm genug, um sich etwas aus ihrem Schneckenhaus – ups, ich meine natürlich: aus dem Bauch des Wals – herauslocken zu lassen und auch außerhalb sie selbst zu sein.

Emma lernt, dass andere Kinder ihr zuhören, wenn sie Geschichten erzählt, obwohl die Welt weiterhin viel zu laut für sie ist. Sie entdeckt ihre verloren geglaubte Stimme und lernt, sie einzusetzen. Owen dagegen lernt, ihr nicht ständig ins Wort zu fallen, sondern richtig zuzuhören und zu akzeptieren, dass nicht jeder Lust auf seine aufregenden Spiele hat. Beide lernen, dass auch sehr unterschiedliche Kinder vielleicht Freunde werden können.

Kurz: Mit Die Stille im Bauch des Wals lernen Kinder ein gesundes gemeinsames Miteinander und wie wichtig deutliche Kommunikation ist. Etwas, was den Erwachsenen aktuell zu fehlen scheint und das sie dementsprechend ihren Kindern auch nicht vorleben können. Diese Message macht Die Stille im Bauch des Wals deshalb für mich nicht nur zu einem schönen, sondern auch zu einem wichtigen Kinderbuch.

Fazit

Die Message ist wichtig, die Illustrationen ansprechend und die Geschichte eine, die mir als stiller Person nahegeht. Ich werde Die Stille im Bauch des Wals lange in Erinnerung behalten, wahrscheinlich an junge Familien in meinem Umfeld verschenken und hoffe, dass die enthaltenen Lektionen gelernt werden. Das einzig Negative an diesem Buch sind für mich die ungeschickte grafische Einarbeitung der übersetzten Textelemente im Bild und die Löschung der chinesischen Namen in der deutschen Übersetzung. Ich hoffe sehr, dass es ein Versehen und keine Absicht war.

Veröffentlicht am 12.04.2026

Hörbuch-Rezension

Der Zauber der Tinte – Totales Klassenchaos
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Der Zauber der Tinte – allein dieser Titel machte mich neugierig auf die Geschichte, die in diesem Buch steckt. Ich erwartete eigentlich mit der Zaubertinte geschriebene Worte, doch der Klappentext belehrte ...

Der Zauber der Tinte – allein dieser Titel machte mich neugierig auf die Geschichte, die in diesem Buch steckt. Ich erwartete eigentlich mit der Zaubertinte geschriebene Worte, doch der Klappentext belehrte mich eines Besseren: gezeichnete Tintenwesen! Was mich schließlich überzeugte, das Hörbuch auszuprobieren, war der Name des Kunstlehrers: Herr Machnacher! Das versprach Wortwitz, und dafür bin ich immer zu haben! Diesen habe ich leider nicht so bekommen wie erhofft, aber Der Zauber der Tinte hat mich trotzdem von sich überzeugen können.

Die Sprecherin Janina Sachau fing mich sofort ein. Sie verleiht jeder Figur in Der Zauber der Tinte sehr liebevoll eine eigene Stimme und schafft es, auch die verschiedenen Tintenmonsterchen eindeutig identifizierbar zu machen. Die Tonqualität ist gut, das Tempo ist sehr angenehm und passend für das Alter der Zielgruppe (ich habe die Geschwindigkeit für mich wieder auf etwa 1,25-1,5 eingestellt), die Stimmen passen zu den Charakteren.

Richtig gut gefielen mir die Handlung und die vielen Details, die ganz selbstverständlich eingewoben wurden. Sehr altersgemäß geht es um einen Schulalltag mit Smartboard und Mobbing, um alleinerziehende Eltern und solche, die nur Bestnoten von ihren Kindern akzeptieren, um den Verlust von Freundschaften und geliebten Haustieren, um den Kontakt zwischen Alt und Jung, um Neuanfänge und die Akzeptanz, dass manches nicht zu reparieren ist.

Ab und zu werden schwierige Wörter verwendet, die sich jedoch immer aus dem Zusammenhang erklären. Dadurch ist die Sprache nicht zu kompliziert, aber auch nicht langweilig und unterfordernd für das Alter der Zielgruppe – 8 Jahre. Die Kinder gehen ganz selbstverständlich mit Smartphones um und reagieren überrascht, wenn sie mit „Steinzeit“-Dingen wie Tastenhandys oder grünen Schultafeln konfrontiert werden. Sie gruseln sich vor dem alten Schulgebäude, in das die Klasse nach einem Wasserschaden kurzfristig umziehen muss – kein einzigartiges Szenario, obwohl es bei uns damals Container waren. Die beschriebenen Szenarios sind insgesamt sehr alltagsnah, trotz des klitzekleinen Details, dass Wanda plötzlich magische Tintenwesen zeichnen uns zum Leben erwecken kann.

Ein paar Beispiele für solche alltäglichen Situationen, die nicht zu sehr spoilern: Ein Kind hat eine Sondererlaubnis, im Unterricht Kaugummi zu kauen, weil es sich dadurch besser konzentrieren kann. Das wird von niemandem kritisiert, außer dem einen Kind, das andere mobbt. Ein Kind will plötzlich nichts mehr mit der bisherigen besten Freundin zu tun haben und kommt nach den Sommerferien mit einer neuen BFF zur Schule. Das führt zu großer Verunsicherung und Trauer bei der ehemaligen Freundin. Ein Kind leidet unsichtbar unter extremem Leistungsdruck durch die hohen Erwartungen der Eltern und kompensiert das durch auffälliges Verhalten im negativen Sinn.

Eine Lehrerin ist extrem motiviert, was die Kinder eher abschreckt, und der Hausmeister darf einfach Mensch sein, was die Kinder viel cooler finden. Die Kinder reagieren positiv überrascht, als sie im gruseligen Keller des neuen Gebäudes feststellen, dass alle Schüler*innen, schon immer, auf den Tischen herumgekritzelt haben, nur damals in Sütterlin. Es gibt Rivalität zwischen den verschiedenen Klassen.

Auch außerhalb der Schule, bei Wanda zuhause, gibt es ganz alltägliche Momente. Das unaufgeräumte Kinderzimmer als Dauerstreitpunkt, der überarbeitete Vater, der seine Tochter mit zur Arbeit im Seniorenheim nimmt, die Freundschaft des Kindes zu schrulligen alten Menschen oder der Nervenkitzel, auf ein Flachdach zu klettern und mit einem Freund die Welt aus einer neuen Perspektive zu betrachten.

Diese Elemente werden es den jungen Lesenden – oder im Fall des Hörbuchs: den Hörenden – leicht machen, sich mit den Charakteren von Der Zauber der Tinte zu identifizieren. Selbst mir mit meinen fast 30 Jahren gelang das problemlos. Daher: Hut ab für die Autorin!

Neben all diesen normalen, aber nicht unwichtigen Alltagsdingen nehmen Wandas magische Tintenfreunde einen scheinbar kleinen Teil der Geschichte ein, dabei bestimmen und verändern sie so viel. Die besonderen Werkzeuge und die durch Wandas Kreativität geschaffenen Wesen finden sie genau im richtigen Moment, um das einsame Mädchen einzufangen und ihr zu zeigen, dass sie genauso toll und besonders ist wie alle anderen auch.

Sie öffnen die Tür für neue Freundschaften, bieten ungeahnte Möglichkeiten für kontrolliertes Chaos (eines der Wesen hat Wanda so geschaffen, dass es alles tip-top sauber hält, ohne das Wanda bestimmen könnte, wann Schluss ist: vom Kinderzimmer über die geputzte Schultafel bis hin zum gemähten Rasen über Nacht) und regen vor allem dazu an, die eigene Kreativität und den eigenen Kopf zu benutzen – in der aktuellen Zeit voller KI eine angenehme Überraschung.

Letzteres wird auch durch den Kunstlehrer Her Machnacher deutlich. Wanda fällt zuerst auf, dass seine Kleidung und sein Bart sie an zwei bekannte Künstler erinnern. Später in der Geschichte gesteht der Lehrer dann selbst, dass er schon länger keine eigenen Ideen mehr hatte und Wandas Zauberfüller benutzen wollte, um auch solche besonderen Bilder zu zeichnen, wie Wanda es geschafft hatte. Obwohl er dasselbe Werkzeug benutzt hatte, wollte es ihm aber nicht gelingen. Die Kinder vollbrachten dann zusammen das Kunststück, den verbitterten und antriebslosen Mann bis zum Überlaufen mit neuer Inspiration zu versorgen, und plötzlich konnte er wieder malen.

Für mich ist daher die wichtigste Botschaft von Der Zauber der Tinte, dass selbst gestaltete Kunst eine wichtige Rolle spielt, nicht nur für Kinder, sondern auch für Erwachsene. Sie bietet ein Ventil zum Stressabbau, zeigt ungeahnte Möglichkeiten auf, wenn man nicht mehr weiter weiß, oder kann einfach ein stiller Freund sein, der einen beständig begleitet. Daher ist es wichtig, die eigene Kreativität am Leben zu erhalten und nicht zu einem Herrn Machnacher zu werden, der einfach Dinge nachmacht, wie sein Name schon sagt. Und man kann auch nach längeren Pausen jederzeit wieder damit anfangen, selbst kreativ zu sein. Alles, was man dafür braucht, ist ein bisschen Inspiration.

Fazit

Ich habe das Hörbuch Der Zauber der Tinte an einem Nachmittag komplett durchgehört. Die Geschichte hat mir nach einem etwas schleppenden Anfang sehr gut gefallen und die Botschaften, die hier vermittelt werden, hallen sehr positiv nach. Besonders hervorheben möchte ich noch einmal die Selbstverständlichkeit und Subtilität, mit der verschiedene Umstände von Schulkindern in die Geschichte verwoben wurden, ohne auch nur im Geringsten zu stören oder aufgetragen zu wirken, und den Anstoß, sich beim Denken und Kreativ sein auf das eigene Gehirn zu verlassen – nicht auf andere, nicht auf Maschinen, nicht auf Magie. Nur auf sich selbst.

Veröffentlicht am 12.04.2026

Es fehlen einfach die Fotos

Fühl dich wohl in deinem Zuhause
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Fühl dich wohl in deinem Zuhause wartet seit 6 (!) Jahren auf mich. Ich hatte es über NetGalley bezogen und schnell gemerkt, dass ich schlicht eine falsche Vorstellung davon hatte, wie dieser Ratgeber ...

Fühl dich wohl in deinem Zuhause wartet seit 6 (!) Jahren auf mich. Ich hatte es über NetGalley bezogen und schnell gemerkt, dass ich schlicht eine falsche Vorstellung davon hatte, wie dieser Ratgeber aufgebaut sein würde. Deshalb gab ich dem Verlag die Rückmeldung, dass ich dieses Buch nicht rezensieren würde – auch, weil ich es einfach nicht zu Ende lesen wollte, wo mir doch der Anfang nicht gefiel.

Trotzdem blieb es immer in meinem Hinterkopf, und nun habe ich diesen Einrichtungsratgeber endlich beendet. Besser spät als nie, wie es so schön heißt … Ich wollte jetzt endlich wissen, ob das Buch wirklich so schlecht ist, wie ich den Anfang in Erinnerung hatte, oder ob ich es einfach im falschen Moment erwischt habe. Und der Verlag bekommt endlich seine Rezension.

Frida Ramstedt erklärt in Fühl dich wohl in deinem Zuhause ausführlich die Grundlagen verschiedener Konzepte: Farben, Formen, Licht und Größenverhältnisse sind nur einige Beispiele. Dazu gibt es stellenweise sehr hilfreiche Abbildungen in Form von Skizzen und einfachen Illustrationen und zusätzlich an passenden Punkten persönliche Tipps oder Begriffserklärungen. Was mir aber damals beim ersten An-Lesen und auch heute beim weiteren Lesen wieder als negativ auffiel, sind die fehlenden Fotos.

Klar, es geht um Grundlagenkenntnisse. Ja, viele Dinge kommen allein mit der Beschreibung aus und brauchen nicht unbedingt eine Bebilderung. Ja, die Autorin sagt in der Einleitung, dass sie Fühl dich wohl in deinem Zuhause geschrieben hat, weil sie selbst beim Recherchieren immer nur Bücher mit Fotos gefunden hat, aber ohne den Text, den sie hiermit nun bietet. Ich verstehe den Gedanken, dass sie einen ganz eigenen Ansatz verfolgt.

Dennoch erwarte ich beim Thema Einrichtung Beispielfotos, die auf verschiedene Weise das umsetzen, was mir als Regel erklärt wird. Das müssen keine Hochglanz-Magazinfotos von Luxuswohnungen sein – einfache Beispiele aus Möbelhäusern oder aus der Berufslaufbahn der Autorin hätten es auch getan. Einfach gar keine Fotos abzubilden – kein einziges! – ist meiner Meinung nach eine schlechte Entscheidung gewesen.

Denn es ist zwar nett, die Anordnung von Farben im Farbkreis mit einer Schwarz-Weiß-Skizze darzustellen, aber warum nicht einfach die entsprechenden Farben nehmen (besonders im eBook, bei dem die Druckkosten keine Rolle spielen), wenn doch sogar die Tipps und Überschriften farbig abgesetzt sind? Wenn es darum geht, Farbakzente oder besondere Texturen in verschiedenen Räumen zu wiederholen um ein stimmiges Gesamtbild zu erzielen, warum nicht einfach Fotos von Beispielwohnungen zeigen? Oder wenn es um positive vs. negative Effekte von Beleuchtung geht, ist es doch gerade für Anfänger*innen einfacher zu verstehen, wenn diese Effekte visuell dargestellt werden.

Ich weiß, wie sich warmweißes von kaltweißem Licht unterscheidet, aber die Zahlen und Werte, die hier aufgelistet werden, helfen wenig. Das sind Informationen, die beim Einkaufen und Aussuchen spezifischer Objekte hilfreich sind. Nicht beim Vorstellen und Planen, beim Konzipieren des von der Autorin vorgeschlagenen Moodboards. Dafür brauche ich Bilder – in Farbe.

Glücklicherweise darf ich von mir behaupten, bereits vorab ein gewisses Grundverständnis der Elemente zu besitzen, die in Fühl dich wohl in deinem Zuhause dargestellt werden. Kunstunterricht und ein gut trainiertes Bauchgefühl sorgen dafür, dass mir viele der hier beschriebenen Methoden und Prinzipien schon bekannt waren. Die Details kannte ich vielleicht im Zusammenhang mit Einrichtung noch nicht so gut, aber es war einfach nicht viel Neues dabei, sodass ich an keinem Punkt das Gefühl hatte, wirklich etwas dazuzulernen. Ich habe mehr exklusives Expertenwissen und eben bildlich dargestellte Beispiele erwartet, die als Inspiration dienen können und das veranschaulichen, was die Autorin so ausführlich zu erklären versucht.

Beispielsweise hätte ich Vorher-Nachher-Fotos interessant gefunden: A zeigt, wie es nicht funktioniert und B zeigt, wie es mit den im Text beschriebenen Tipps verbessert wurde. Das hätte für mich auch einen viel größeren Anreiz geboten, in meiner eigenen Wohnung nach Verbesserungsmöglichkeiten zu schauen. So ist es einfach viel Text über die Grundlagen des Kunstunterrichts, dem der Praxisbezug irgendwie fehlt.

Für absolute Laien, die sich noch nie genauer Gedanken darüber gemacht haben, warum bestimmte Einrichtung und Dekoration funktioniert und was dafür sorgt, dass anderes nicht so harmonisch wirkt, kann Fühl dich wohl in deinem Zuhause trotz all meiner Kritik ein hervorragendes Grundlagenwerk sein. Wo ich keine Erklärung brauchte, warum Tapeten mit großen Mustern Räume kleiner wirken lassen, warum man Gegenstände in kleinen Grüppchen arrangiert anstatt sie einzeln aufzustellen, oder dass das Austauschen von Griffen an Küchenschränken eine einfache, mieterfreundliche Möglichkeit zur Verschönerung der Küche sein kann, können andere vielleicht viel lernen.

Anders herum fand ich die Erklärungen über Sichtlinien zwischen mehreren Räumen spannend oder die genaueren Erläuterungen, welche Art von Blume welche Vase benötigt. Diese Dinge habe ich zwar schon ab und zu bemerkt, aber bisher fehlten mir die richtigen Vokabeln dazu.

Wo Frida Ramstedt richtig ins Detail geht, ist die Dekoration. Mich persönlich interessiert es wenig, auf wie viele verschiedene Arten man Deko-Kissen auf dem Sofa oder dem Bett anordnen kann – und wie diese Varianten genannt werden – oder welche Sortiermöglichkeiten es für Bücher im Bücherregal gibt: alphabetisch, nach Größe, nach Farbe, … Diese Details haben nach meinem Empfinden sehr viel Raum eingenommen.

Und doch kann ich das nicht wirklich kritisieren, denn, wie die Autorin wohl sehr richtig sagt, ist das der letzte Schliff, der dem gesamten Raum das gewisse Etwas gibt. Es gibt viele Möglichkeiten, diesen Effekt zu erzielen, und sie nennt viele davon. Welche Option die richtige für jede Person individuell ist, muss ebenso individuell entschieden werden – und dafür muss man die Optionen erst einmal kennen.

Dass sie derart kleinteilig und ausführlich Details beschreibt, finde ich also gar nicht unbedingt schlecht. Ich hätte mir nur, ich kann es nicht oft genug sagen, Fotos gewünscht, die die beschriebenen Effekte belegen und veranschaulichen.

Wenn ich zur Bewertung dieses Buches also ausschließlich von meinem eigenen Standpunkt ausgehe, dann bietet Fühl dich wohl in deinem Zuhause einige Tipps, die durchaus zum Nachdenken anregen und hilfreiche Begriffstabellen und -definitionen, obwohl ich mir noch tieferes Fachwissen erhofft hatte und über den Mangel an fotografischen Belegen für die vielen beschriebenen Grundlagen und Strategien enttäuscht bin.

Wenn ich es aber so betrachte, dass dieser Ratgeber schlicht für Menschen geschrieben wurde, die keinen Kunstunterricht hatten, denen mein (Laien-) Vorwissen fehlt und für die Fühl dich wohl in deinem Zuhause der erste Kontakt mit dem Thema Einrichtung und Innenraumdesign ist, dann ist es ein gutes Buch, das trotzdem mehr (oder überhaupt) Farbabbildungen und Fotos vertragen könnte.