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Veröffentlicht am 25.03.2026

Ein Funke Menschlichkeit

Solange ein Streichholz brennt
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Christian Huber gelingt mit „Solange ein Streichholz brennt“ ein Roman, der zugleich berührt, aufrüttelt und mit einer ungewöhnlichen Liebesgeschichte überrascht. Im Mittelpunkt stehen zwei Menschen, deren ...

Christian Huber gelingt mit „Solange ein Streichholz brennt“ ein Roman, der zugleich berührt, aufrüttelt und mit einer ungewöhnlichen Liebesgeschichte überrascht. Im Mittelpunkt stehen zwei Menschen, deren Lebensrealitäten kaum weiter voneinander entfernt sein könnten: Bohm, der seit Jahren auf der Straße lebt, und Alina, eine junge Journalistin, die in der Medienwelt Kölns um berufliche Anerkennung kämpft.

Schon früh wird deutlich, wie feinfühlig Huber seine Figuren zeichnet. Die wechselnden Perspektiven ermöglichen einen unmittelbaren Zugang zu ihren Gedanken und Verletzlichkeiten. Diese Genauigkeit macht die Annäherung der beiden glaubwürdig – leise, vorsichtig und getragen von kleinen Gesten, die mehr sagen als große Worte.

Die Metapher des Streichholzes zieht sich wie ein roter Faden durch die Handlung. Für Bohm ist es ein alltägliches Werkzeug, für Alina wird es zum Sinnbild dafür, Dinge aus einem neuen Blickwinkel zu betrachten. Huber nutzt dieses Bild, um die fragile Verbindung zwischen zwei Menschen zu erzählen, die einander eigentlich nie hätten begegnen sollen.

Besonders eindrucksvoll ist die Gegenüberstellung zweier Welten: der harte, oft entwürdigende Alltag auf der Straße und der oberflächliche Druck der Medienbranche. Huber zeigt beides ohne Übertreibung, aber mit einer Klarheit, die nachhallt. Die Szenen, in denen Bohm in Mülltonnen wühlt oder Alina in der Redaktionskonferenz um ihre journalistische Haltung kämpft, sind so eindringlich erzählt, dass sie sich unmittelbar vor dem inneren Auge entfalten.

Der Roman gewinnt zunehmend an Tempo, ohne seine emotionale Tiefe zu verlieren. Spannung entsteht nicht durch künstliche Dramatik, sondern durch die Frage, wie viel Nähe zwei Menschen zulassen können, die so unterschiedliche Erfahrungen mit Vertrauen, Verlust und Verantwortung gemacht haben. Die Beziehung zwischen Bohm und Alina entwickelt sich behutsam und bleibt dabei stets glaubwürdig – fern von Kitsch, aber voller Wärme.

Huber gelingt es, schwere Themen wie Obdachlosigkeit, Sucht, gesellschaftliche Vorurteile und mediale Ausbeutung so zu erzählen, dass sie berühren, ohne zu erdrücken. Gleichzeitig bleibt Raum für Humor, Hoffnung und zarte Momente, die zeigen, wie viel Menschlichkeit selbst in den brüchigsten Lebenssituationen steckt.

„Solange ein Streichholz brennt“ ist ein Roman, der nachdenklich macht und gleichzeitig tief bewegt. Er zeigt, wie schnell ein Leben aus der Bahn geraten kann – und wie viel Mut es braucht, sich einem anderen Menschen zu öffnen. Ein Buch, das man kaum aus der Hand legt und dessen Figuren man noch lange im Kopf behält.

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Veröffentlicht am 27.02.2026

Wenn Optimierung zur Bedrohung wird

Happy Head
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Josh Silver legt mit Happy Head einen Jugendthriller vor, der einen vom ersten Moment an mit voller Intensität erfasst – psychologisch präzise erzählt und erschreckend nah an der Realität. Besonders beeindruckend ...

Josh Silver legt mit Happy Head einen Jugendthriller vor, der einen vom ersten Moment an mit voller Intensität erfasst – psychologisch präzise erzählt und erschreckend nah an der Realität. Besonders beeindruckend ist, dass es sich hierbei um Josh Silvers Debütroman handelt, der bereits eine erzählerische Sicherheit zeigt, die man sonst eher bei erfahrenen Autor*innen erwartet.
Die Grundidee eines Programms, das angeblich das Wohlbefinden junger Menschen steigern soll, entpuppt sich schnell als ein System, das Kontrolle ausübt, Grenzen überschreitet und seine Teilnehmer in eine permanente Unsicherheit stürzt. Dieses Spannungsfeld trägt die Geschichte von der ersten bis zur letzten Seite.
Im Zentrum steht Sebastian, ein 17-Jähriger Junge, dessen innere Zerrissenheit den Roman maßgeblich prägt. Seine Gedankenwelt ist so unmittelbar geschildert, dass man seine Zweifel, seine Sehnsucht nach Anerkennung und seine wachsende Angst beinahe körperlich spürt. Besonders stark ist, wie der Autor Sebastians psychische Belastung greifbar macht, ohne sie zu überdramatisieren. Dadurch entsteht eine Nähe, die den Roman emotional trägt.
Das Camp selbst wirkt wie ein perfekt konstruiertes Labyrinth: modern, glatt, aber voller Risse, durch die immer wieder etwas Bedrohliches hindurchscheint. Die Aufgaben, denen sich die Jugendlichen stellen müssen, werden zunehmend bizarr und gefährlich – und genau dadurch entfaltet die Geschichte ihren Sog. Spätestens in der zweiten Hälfte überschlagen sich die Ereignisse, und das Buch entwickelt eine Dynamik, die kaum noch Pausen zulässt.
Neben der Spannung überzeugt auch die thematische Tiefe. Josh Silver stellt Fragen nach Identität, Leistungsdruck und dem gesellschaftlichen Verständnis von Glück. Wer entscheidet, was ein erfülltes Leben ist? Und was passiert, wenn junge Menschen in ein System geraten, das vorgibt, Antworten zu liefern, aber in Wahrheit nur Gehorsam fordert? Diese Aspekte verleihen dem Roman eine beklemmende Aktualität.
Auch die leise entstehende Verbindung zwischen Sebastian und Finneas fügt sich stimmig ein. Sie bringt Wärme in eine ansonsten düstere Umgebung und zeigt, wie wichtig Nähe und Vertrauen in Situationen sind, in denen alles andere ins Wanken gerät.
Optisch ist das Buch ebenfalls ein Hingucker – das Design greift die Motive der Geschichte auf und verstärkt die Atmosphäre bereits vor dem ersten Satz.
Der Schluss endet mit einem gemeinen Cliffhänger, der unmissverständlich klar macht: Sebastians Weg ist noch lange nicht zu Ende. Happy Head bildet den Auftakt einer Dilogie, deren zweiter Band im Herbst 2026 erscheinen wird. Nach diesem Finale kann man es kaum erwarten, weiterzulesen.


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Veröffentlicht am 15.01.2026

Ein Mosaik an Erinnerungen

Sonnenaufgang Nr. 5
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Carsten Henn lädt seine Leser in Sonnenaufgang Nr. 5 in ein stilles, zugleich geheimnisvolles Universum ein, das von verblassten Erinnerungen, verschütteten Wahrheiten und zarten menschlichen Begegnungen ...

Carsten Henn lädt seine Leser in Sonnenaufgang Nr. 5 in ein stilles, zugleich geheimnisvolles Universum ein, das von verblassten Erinnerungen, verschütteten Wahrheiten und zarten menschlichen Begegnungen durchzogen ist. Im Zentrum steht der 19 jährige Jonas, der in ein abgelegenes Küstendorf reist, um die Biografie der einst gefeierten Schauspielerin Stella Dor festzuhalten. Was zunächst wie ein klar umrissenes Projekt wirkt, entpuppt sich rasch als vielschichtige Suche – nach Vergangenheit, Identität und der Art und Weise, wie Geschichten entstehen, sich verformen und neu zusammengesetzt werden.

Stella hat ihr Leben in Form kleiner Notizzettel festgehalten, die Jonas als Ausgangspunkt dienen sollen. Doch bleibt stets ein Zweifel bestehen: Gibt sie ihre Erinnerungen wahrheitsgetreu wieder, oder erschafft sie sich ein Leben, das sie nach Belieben neu arrangiert? Diese Ambivalenz zieht sich wie ein feiner Faden durch den gesamten Roman und stellt Figuren wie Lesende vor die Frage, was Erinnerung überhaupt ist – und wie verlässlich sie sein kann.

Besonders eindrucksvoll ist Henns Gespür für seine Figuren. Jede von ihnen trägt eigene Wunden, Hoffnungen und Geheimnisse mit sich. Jonas, Stella und die eigenwilligen Bewohner des Dorfes wirken greifbar und menschlich. Bentje und Nessa etwa gehören zu jenen Charakteren, die man im Verlauf der Geschichte ins Herz schließt. Auch Jonas selbst bleibt nicht unberührt: Seine Trauer um die verstorbene Mutter und seine Unsicherheit verleihen ihm eine stille Tiefe.

Henns Sprache verbindet die Schwere von Verlust und Erinnerung mit einer poetischen Leichtigkeit. Zwischen melancholischen Passagen blitzen Humor und kleine, unerwartete Momente auf, die dem Roman Wärme und Menschlichkeit schenken. Die philosophischen Reflexionen über Identität und Erinnerung sind klug und sensibel, ohne je belehrend zu wirken.

Die Erzählstruktur ist ruhig und behutsam – wie ein Mosaik, das sich Stein für Stein zusammensetzt. Die Idee, Erinnerungen in Form von Zetteln zu ordnen, verleiht dem Roman eine besondere Form: Sie macht die Bruchstücke des Erinnerns sichtbar und zeigt zugleich seine Schönheit.

Sonnenaufgang Nr. 5 ist kein Roman, den man nebenbei liest. Er fordert Zeit, Aufmerksamkeit und ein offenes Herz. Er berührt, regt zum Nachdenken an und stellt die Frage, wie viel Wahrheit in unseren eigenen Erinnerungen steckt. Mit seiner stillen, fast meditativen Atmosphäre fängt er die Komplexität menschlicher Gefühle und Beziehungen ein.

Am Ende bleibt ein tief bewegendes Buch über Verlust, Erinnerung und die Suche nach Wahrheit – ein Roman, der nicht nur Jonas’ und Stellas Welt öffnet, sondern auch die Gedanken und Erinnerungen seiner Leser lange nachhallen lässt.

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Veröffentlicht am 15.01.2026

Eine leise Umarmung aus Worten

Mathilde und Marie
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Mit „Mathilde und Marie“ legt Torsten Woywod seinen Debütroman vor – und er tut das mit einer bemerkenswerten Sanftheit, die sofort berührt. Schon nach wenigen Seiten wird klar, dass dies kein lauter, ...

Mit „Mathilde und Marie“ legt Torsten Woywod seinen Debütroman vor – und er tut das mit einer bemerkenswerten Sanftheit, die sofort berührt. Schon nach wenigen Seiten wird klar, dass dies kein lauter, dramatischer Roman ist, sondern einer, der sich leise in das Herz der Lesenden schleicht. Die Geschichte entfaltet sich mit einer Wärme, die man in der heutigen, oft hektischen Literaturwelt selten findet.
Im Mittelpunkt steht die junge Studentin Marie, eine Figur, die man sofort ins Herz schließt. Sie ist empathisch, verletzlich und zugleich voller stiller Stärke. Ihre Flucht aus Paris wirkt wie ein Aufatmen – nicht nur für sie, sondern auch für die Lesenden, die gemeinsam mit ihr in das kleine belgische Bücherdorf Redu eintauchen. Dort findet sie bei Jónína, ein neues Zuhause, die mit ihrer Offenheit und Menschenkenntnis zu einer Art Ankerfigur wird.
Redu selbst ist ein literarischer Sehnsuchtsort: ein Dorf voller Buchhandlungen, liebevoller Menschen und entschleunigter Lebensweise. Woywod beschreibt diesen Ort mit so viel Detailverliebtheit, dass man ihn beinahe riechen, hören und fühlen kann. Der Roman lebt von dieser Sinnlichkeit – er ist atmosphärisch, poetisch und wirkt wie eine sanfte Umarmung.
Die Dorfbewohner – der gutmütige Bäcker Thomas, die Kräuterfrau Louise, die zunächst verschlossene Mathilde und natürlich Labrador Anneliese – sie alle bilden ein warmes Geflecht aus Beziehungen, das Marie langsam wieder Vertrauen fassen lässt. Besonders schön ist, wie der Roman zeigt, dass Heilung oft im Kleinen beginnt: in Gesprächen, in Begegnungen, in der Stille eines Ortes ohne Internet und Supermarkt.
Der Satz „Im Alltag beschränken wir uns auf jene Dinge, die wir für wesentlich halten“ zieht sich wie ein stilles Leitmotiv durch die Geschichte. Er spiegelt die Essenz des Romans wider: das Wesentliche wiederzufinden, indem man sich dem Unwesentlichen entzieht.
„Mathilde und Marie“ ist ein ruhiger, herzöffnender Roman, der mit poetischem Stil und liebevollen Figuren überzeugt. Er lädt dazu ein, langsamer zu werden, hinzusehen und sich auf die kleinen, heilsamen Momente des Lebens einzulassen. Torsten Woywods Debüt fühlt sich an wie ein literarischer Rückzugsort – warm, vertraut und voller Menschlichkeit.
Wer Geschichten mag, die nicht laut, sondern tief wirken, wird dieses Buch lieben.

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Veröffentlicht am 26.11.2025

Absolutes Lesehighlight

Before I met Supergirl
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Mit „Before I Met Supergirl“ hat Rea Garvey seinen ersten autobiographischen Roman veröffentlicht – und direkt den Sprung auf die Spiegel-Bestsellerliste geschafft. Völlig zurecht, wie ich finde.
Der Musiker ...

Mit „Before I Met Supergirl“ hat Rea Garvey seinen ersten autobiographischen Roman veröffentlicht – und direkt den Sprung auf die Spiegel-Bestsellerliste geschafft. Völlig zurecht, wie ich finde.
Der Musiker überzeugt mit einem authentischen, humorvollen Schreibstil, der sofort einen angenehmen Lesefluss erzeugt. Die kurzen Kapitel halten die Spannung aufrecht und machen das Buch zu einer leichten, aber zugleich tiefgehenden Lektüre.
Ein Highlight sind die privaten Fotos im Mittelteil, die einen sehr persönlichen Einblick in Garveys Familienleben geben. Auch das englischsprachige Vorwort setzt einen besonderen Akzent und unterstreicht die internationale Prägung des Autors.
Inhaltlich nimmt Rea Garvey seine Leser mit auf eine Reise durch sein Kindheit und Jugend in Irland.
Aufgewachsen mit sieben Schwestern hat Rea Garvey bereits in jungen Jahren einige Abenteuer erlebt. Auch aus seiner Studienzeit in Dublin und seinen ersten musikalischen Erlebnissen weiß er einige Geschichten zu erzählen. Irland bleibt dabei stets präsent – mit all seinen Eigenheiten, Traditionen und dem unverwechselbaren Charme.
Mich persönlich hat das Buch sehr begeistert. Ich habe es mit großem Vergnügen gelesen und war von Anfang bis Ende gefesselt. Besonders die Mischung aus Humor, Ehrlichkeit und kultureller Tiefe hat mir gefallen.
„Before I Met Supergirl“ ist ein ehrlicher, lebendiger Roman über Rea Garveys Wurzeln, seine Familie und die Jahre vor dem großen Durchbruch. Dieses Buch ist nicht nur für Fans von Rea Garvey interessant, sondern für alle, die eine authentische Lebensgeschichte im rauen, aber warmherzigen Irland der 70er und 80er Jahre lesen möchten.

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