Profilbild von clematis

clematis

Lesejury Star
offline

clematis ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit clematis über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 30.08.2025

Träume

Das Orangenblütenversprechen
0

Magdalena hat sich gerade einen Traum verwirklicht, indem sie ein kleines Café in London eröffnet hat, da erreicht sie die Nachricht, dass sie ein altes Herrenhaus auf Mallorca geerbt hat. Völlig überrascht, ...

Magdalena hat sich gerade einen Traum verwirklicht, indem sie ein kleines Café in London eröffnet hat, da erreicht sie die Nachricht, dass sie ein altes Herrenhaus auf Mallorca geerbt hat. Völlig überrascht, weil sie die Insel nie zuvor besucht hat, schon gar nicht irgendjemanden dort kennt, reist Magdalena auf eine blühende Orangenplantage.

In regem Zeitenwechsel erzählt Eva-Maria Bast von Magdalena im Jahre 1978 und von Maria Lourdes Fuentes ab 1905. Maria muss befürchten, dass ihr Vater die Orangenplantage und damit ihre Heimat aufgeben wird, denn der Transport der köstlichen Früchte ist aufwendig und teuer. Eine Bahnlinie von Sóller nach Palma könnte Abhilfe schaffen, stößt aber bei einflussreichen Personen auf Widerstand. Nun ist es die mutige junge Maria, die um den Fortbestand der kleinen Orangenbauern kämpft, und das zu Beginn des 20. Jahrhunderts, als wirtschaftspolitische Entscheidungen noch ausschließlich von Männern getroffen werden. Ob ihre Träume und Visionen aufgehen? Jahrzehnte später begibt sich Magdalena mit einem jungen Advokaten auf Spurensuche, will sie doch schnell herausfinden, was sie mit Orangen und einem Herrenhaus zu tun hat.

Beide Handlungsstränge gestalten sich als sehr interessant und zeigen uns prachtvolle Seiten der bekannten Baleareninsel, abseits von Trubel und Tourismus. Duftende Orangenblüten, weitläufige Olivenhaine und ein wohlgehütetes Geheimnis verbergen sich hier und warten darauf, entdeckt zu werden. Da wie dort passieren aufregende Dinge, jedoch empfinde ich so manche Entwicklung als zu plötzlich und zu abrupt, wodurch die Glaubwürdigkeit der Geschichte ein wenig leidet. Die Portraits von Magdalena und Maria und die verbindenden Puzzlestücke sind dennoch sehr gut gelungen, die malerische Kulisse sorgt für eine überaus angenehme Atmosphäre und etliche historisch belegte Details bieten zusätzlich noch wertvolle Informationen rund um Mallorca, die Eisenbahn und die Orangenbauern.

Mit dem Roman „Das Orangenblütenversprechen“ liefert Eva-Maria Bast ein weiteres vergnügliches Buch für entspannte Lesestunden, Sóller und Port de Sóller scheinen eine Reise wert zu sein.


Veröffentlicht am 28.08.2025

Viktoria - Agnes - Elisabeth

Morgen sind wir wild und frei
0

München und Oberammergau, 1909: Drei recht unterschiedliche junge Frauen, die Sekretärin Viktoria, die Architekturstudentin Agnes und die Schneiderin Elisabeth, treffen in den Alpen aufeinander und freunden ...

München und Oberammergau, 1909: Drei recht unterschiedliche junge Frauen, die Sekretärin Viktoria, die Architekturstudentin Agnes und die Schneiderin Elisabeth, treffen in den Alpen aufeinander und freunden sich an. Alle drei leiden auf ihre Art unter fehlenden Rechten für die Frauen und planen, ohne entsprechende finanzielle Mittel, einen Berghof zu ersteigern.

Im ersten Drittel des Romans stellt Stephanie Schuster einmal die drei Damen einzeln vor und geht auf deren schwierige Lebensumstände ein. Dann lässt sie sie einander kennenlernen und gemeinsame Pläne schmieden. Ein Sammelsurium an Themen, von ledigen Müttern über Schmuggelwaren bis hin zu den Passionsspielen, wird aufgegriffen und nach sorgfältiger Recherche zu einem bunten, unterhaltsamen Konglomerat zusammengefügt. Abwechselnde Blickwinkel bringen Kurzweil ins Geschehen, das Ende wird fast ein bisschen zu turbulent und büßt an Glaubwürdigkeit ein. Aber im Roman darf das schon sein, die historischen Tatsachen sind hier bestens eingefügt, sogar reale Persönlichkeiten von damals finden Erwähnung.

Abwechslungsreiche Szenen und vielfältige Themen lassen die gut 500 Seiten rasch dahinschmelzen, die Zeit mit Viktoria, Agnes und Elisabeth zeigt auf originelle Art und Weise, mit welchen Schwierigkeiten Frauen damals zu kämpfen hatten.

Veröffentlicht am 28.08.2025

Stahlskelett

Hier oben sind wir unendlich
0

1930: Ein gigantisches Stahlskelett erhebt sich über den Dächern New Yorks, das Empire State Building wächst mit hoher Geschwindigkeit Stockwerk für Stockwerk dem Himmel entgegen. Furchtlose Männer, oder ...

1930: Ein gigantisches Stahlskelett erhebt sich über den Dächern New Yorks, das Empire State Building wächst mit hoher Geschwindigkeit Stockwerk für Stockwerk dem Himmel entgegen. Furchtlose Männer, oder solche, die schlicht und einfach ihre Familie ernähren müssen, betreten tagtäglich schmale Stahlträger und vollbringen ihr erstaunliches Werk in schwindelerregender Höhe. Darunter Patrick O’Connell, der sich eines Tages so verletzt, dass er unmöglich am nächsten Morgen weiterarbeiten kann. Miete und Medikamente für die jüngere Schwester sind aber dennoch zu bezahlen, der Vater ist bereits beim Arbeiten an den Docks umgekommen, er also verantwortlich für die Mutter und die Geschwister. Ein irrwitziger Plan nimmt Gestalt an: Patricks Zwillingsschwester Grace, die bislang als Tänzerin aufgetreten ist, soll an seiner Stelle sechs Wochen lang als Stahlarbeiter das vierköpfige Team ergänzen. „Du könntest es machen.“ „Ich könnte deinen Platz einnehmen.“ [Patrick und Grace O’Connell, kindle, Pos. 882]

Auf überaus detaillierte und lebendige Weise erzählt Gemma Tizzard aus den 1930er-Jahren in New York, beschreibt die aus der Wirtschaftskrise resultierende Armut und Not der Bevölkerung. Auf engstem Raum wohnen kinderreiche Familien, für wenig Geld nimmt man jede auch noch so anstrengende Arbeit an, man lebt von einem Tag auf den anderen, hofft darauf, auch im nächsten Monat noch die hungrigen Mäuler stopfen zu können und das Geld für die schäbigen Zimmer aufzubringen. Grace und Patrick aus einer irischen Einwandererfamilie stehen neben den Italienern Francesco und Guiseppe Gagliardi im Mittelpunkt und lehren die Leser das Fürchten, denn es geht mit dem Aufzug hinauf in den 21. Stock, hinaus auf nackte Stahlträger, ein einziger falscher Schritt kann den Tod bedeuten. Auch mit festem Boden unter den Beinen fühlt man Schwindel in sich aufsteigen beim Lesen, hält den Atem an ob der komplizierten Arbeiten mit glühend heißen Nieten, jedem Wind und Wetter ausgesetzt. Einer muss sich auf den anderen verlassen können, diese Regel gilt ausnahmslos, nun ist es eine als Mann verkleidete Frau, die diese verantwortungsvolle Rolle ohne mit der Wimper zu zucken übernimmt, denn verlassen können muss sich auch die Familie, welche keinen anderen Ausweg sieht. Tanzschuhe im Austausch gegen Stahlkappen, Zirkuserfahrung gegen Höhenangst, das ist es, was Grace bieten kann und auf bewundernswerte Weise am Stahlskelett des Empire State Buildings unter Beweis stellt.

Großartig recherchiert, verknüpft Gemma Tizzard die Geschichte des damals höchsten Stahlkonstruktes der Welt mit einer einfühlsamen Erzählung über den Kampf ums nackte Überleben, über Mut, Freundschaft, Vertrauen und die Liebe. Ein phantastisches Buch, welches mir mitunter Gänsehaut beschert hat und das ich uneingeschränkt weiterempfehle.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 26.08.2025

Mörderische Schatten

Welcome Home – Du liebst dein neues Zuhause. Hier bist du sicher. Oder?
0

Endlich fährt der Umzugswagen Richtung Spessart in die Neubausiedlung Auf Mons, Ines und Marco Winkler richten sich mit Töchterchen Emilia und Labradoodle James im neuen Heim ein und auch die Nachbarn ...

Endlich fährt der Umzugswagen Richtung Spessart in die Neubausiedlung Auf Mons, Ines und Marco Winkler richten sich mit Töchterchen Emilia und Labradoodle James im neuen Heim ein und auch die Nachbarn scheinen fast alle sehr freundlich zu sein. Das Glücksgefühl ändert sich jedoch rasch, als Ines in der Nacht einen Schatten im Zimmer sieht und ein Licht im noch unbewohnten Nachbarhaus wahrgenommen haben will. Leidet sie unter Alpträumen oder überbordender Phantasie? Wohl nicht, obwohl die Polizei Entwarnung gegeben hat, denn tags darauf entdeckt Marco eine tote Frau im Haus nebenan.

Eine unheimliche Stimmung liegt von Anfang an über dem Neubaugebiet, wo die Bewohner einen lockeren Umgang untereinander pflegen, insbesondere das Ehepaar Mannstein freundet sich überraschend schnell mit der Familie Winkler an. Der Mord ändert die Lage schlagartig, die Bewohner fühlen sich unsicher und richten eine eigene Bürgerwehr ein, da der Polizei einfach die nötigen Kapazitäten fehlen. Dennoch geht die Mordserie weiter, niemand kann sich erklären, wie das möglich ist. Mitten im Buch bin ich völlig verblüfft, Arno Strobel erwischt mich kalt mit den Szenen, die sich während der Nachtwache einiger entschlossener Bürger im Siedlungsgebiet abspielen. Ist die Handlung bisher schon packend, wird es nun noch ein wenig aufregender, die Nerven liegen blank, denn es geht jetzt wohl auch um die Zeit. Raffiniert führen Strobel und der Mörder alle an der Nase herum, am Ende gibt es eine so knappe wie logische Auflösung.

Nervenkitzel, wie man es von Arno Strobel gewohnt ist, Seiten, die nur so dahinfliegen und die Angst um die Familie als Ausgangsbasis für mitreißende Lesestunden. Ich sperre gleich alle Türen ab und lausche nach den geringsten Geräuschen!

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 26.08.2025

Komm heim oder Zwei kleine weiße Porzellanpferde

Die Verlorene
0

Änne ist 93, als sie wenige Tage nach einem Sturz verstirbt. Sie hinterlässt ein kleines weißes Porzellanpferd und ein Gemälde, das man ihr erst kürzlich geschickt hat und das sie selbst gar nicht mehr ...

Änne ist 93, als sie wenige Tage nach einem Sturz verstirbt. Sie hinterlässt ein kleines weißes Porzellanpferd und ein Gemälde, das man ihr erst kürzlich geschickt hat und das sie selbst gar nicht mehr zu Gesicht bekommen hat. Neugierig, was das bedeuten soll, sind ihre Tochter Ellen und noch viel mehr ihre Enkelin Laura. Eine Reise nach Schlesien, Ännes ursprüngliche Heimat, beantwortet zumindest einige Fragen, die bislang offen geblieben sind und über die Änne nie gesprochen hat.

Wundervoll aufgeteilt auf zwei Zeitebenen spielt dieser überwältigende Roman, der mich sofort in seinen Bann gezogen und kaum noch losgelassen hat, wobei sowohl die Gegenwart mit Laura und Ellen als auch die zurückliegenden Jahre - 1941 bis 1946 - jeweils auf ihre ganz eigene Art und Weise spannend sind und voller Emotionen stecken. Bildhafte Beschreibungen von Landschaft, Geräuschen und Gerüchen begleiten uns durch den Roman, sodass die Szenen ausgesprochen lebendig wirken, die Figuren sind detailgetreu und liebevoll dargestellt, man kann nicht anders, als sich mitten im Geschehen zu fühlen. Das Besondere an Miriam Georgs Schilderung ist die langsame Annäherung an die Wahrheit, nur Stück für Stück wird preisgegeben, oftmals wechseln die Perspektiven, wodurch die Sogwirkung nur noch weiter angefacht wird. Dennoch habe ich vergleichsweise langsam gelesen, um nur ja keine Einzelheit zu verpassen, um in die jeweilige Stimmung voll und ganz eintauchen zu können. Da sind einerseits zwei Frauen auf der Suche nach ihrer Vergangenheit, andererseits eine Familie auf einem schlesischen Gutshof, mitten in Kriegszeiten, wobei die Kampfhandlungen selbst noch gar nicht hier angekommen sind. Die wenigen Szenen von der Front sind realistisch, aber doch so bedacht verfasst, dass kein seitenlanges brutales Gemetzel vorgeführt wird, der Rest schwingt zwischen den Zeilen mit und lässt diesen Roman zu einem besonders wertvollen Zeugnis der Geschichte werden. Besonders berührt natürlich der eine Soldat, der einen Zettel mit der russischen Aufforderung „Komm heim“ mit sich trägt. Aber auch sonst kann man sich problemlos in die einzelnen Figuren hineinversetzen, ihre Gefühle, ihre Ängste, aber auch ihre Hoffnung immer wieder spüren.

Ein hervorragendes Buch, inspiriert vom Schicksal einzelner Familienmitglieder von Miriam Georg (wie man im Nachwort lesen kann) und wahrscheinlich genau deshalb so bewegend und einfühlsam erzählt. Die Verlorene wird mir noch lange in Erinnerung bleiben, die Themen Heimatverlust und Identität sind bestens ins Geschehen eingeflochten. Unbedingte Leseempfehlung!

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere