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Veröffentlicht am 09.12.2024

Funktionieren müssen

Das Glaskind
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Maya ist das älteste von drei Geschwisterkindern und kümmert sich schon in ihrer Kindheit um ihren Bruder Tobi, der durch das Autismus Spektrum geprägt ist. Als ihre Mutter nach einem Unfall schwer verletzt ...

Maya ist das älteste von drei Geschwisterkindern und kümmert sich schon in ihrer Kindheit um ihren Bruder Tobi, der durch das Autismus Spektrum geprägt ist. Als ihre Mutter nach einem Unfall schwer verletzt ins Krankenhaus eingeliefert wird, muss Maya in Hamburg alles liegen und stehen lassen, ihren Job als Ärztin für Neugeborene pausieren, um Tobi in München zu unterstützen. Wie lange kann sie diese ewige Bürde noch verkraften?

Neben den beiden Brüdern, einer mit Beeinträchtigung, einer als süßes Nesthäkchen, wird Mayas Dasein als selbstverständlich angesehen, ja, sogar ihre Mithilfe als “große Schwester“ eingefordert. Maya wird zum sogenannten Glaskind, zu einem Kind, durch das alle hindurchsehen, weil andere scheinbar mehr Aufmerksamkeit benötigen. Stefanie Gregg verwebt dieses wichtige und ernste Thema spielerisch in eine authentische Handlung, bei der alle Beteiligten zu Wort kommen und so schlussendlich das Unmögliche möglich wird. [„Es gibt immer verschiedene Möglichkeiten, auch bei einem nicht lösbaren Konflikt.“ kindle, Pos. 2566.] Greggs Figuren sind trotz der knappen Charakterisierung sehr gut vorstellbar, insbesondere deren Gefühlswelt wird überaus gut vermittelt. Auch die Schwierigkeiten, mit welchen Menschen mit Autismus Spektrum immer wieder konfrontiert werden, sind bestens zusammengefasst und mit Leichtigkeit ins Geschehen eingebettet. Interessant und gut gelungen ist die Darstellung der Vergangenheit, welche als Zwischenkapitel oder auch nur durch Mayas Erinnerungen immer wieder aufflackert, sodass der Leser die Lebensrealität der jungen, engagierten Ärztin gut nachvollziehen kann. Die Geschichte selbst ist schon bewegend, das Ende übertrifft das Ganze dann aber nochmals und der Ausblick in die Zukunft lässt den Leser schlussendlich sehr zufrieden zurück.

Stefanie Gregg hat dieses schwierige Thema „Glaskinder“ perfekt umgesetzt und mit ihrem angenehmen Schreibstil in einen lesenswerten Roman verwandelt, der unter die Haut geht. Ich vergebe gerne fünf Sterne und eine Leseempfehlung.

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  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 08.12.2024

Berlin - London - Paris

Herrliche Zeiten - Die Himmelsstürmer
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Im Jahre 1871 herrscht Frieden, im böhmischen Kurort Karlsbad trifft man Gäste aus ganz Europa. Im legendären Hotel Pupp lernen sich drei junge Menschen kennen: Vicky aus London, die interessiert ist an ...

Im Jahre 1871 herrscht Frieden, im böhmischen Kurort Karlsbad trifft man Gäste aus ganz Europa. Im legendären Hotel Pupp lernen sich drei junge Menschen kennen: Vicky aus London, die interessiert ist an der Untertunnelung des Ärmelkanals, Paul Biermann, ein Ingenieur, der nach dem Vorbild der Champs-Elysees einen Prachtboulevard namens Kurfürstendamm in Berlin errichten möchte und schließlich Auguste Escoffier, ein Pariser Meisterkoch, der die französische Küche weit über seine Heimat hinaus in die Welt tragen will.

Nach dem Einstieg in Karlsbad vergehen einige Jahre, bevor Vicky, Paul und Auguste wieder aufeinandertreffen. In sehr kurz gehaltenen Kapiteln begleiten wir die Lebenswege der drei Hauptfiguren, wobei der Wechsel zwischen den Szenen fast zu rasch erfolgt, sodass man kaum an einem Schauplatz verweilen und sich in die Szene vertiefen kann. So dauert es eine gewisse Zeit, bis man richtig ins Geschehen eintaucht und einem roten Faden folgt, der im Laufe der Jahre aber an Spannung zunimmt und die engen Verstrickungen zwischen den Personen immer deutlicher zum Vorschein bringt.

Peter Pranges an die Zeit angepasster Sprachschatz lässt die Handlung angenehm dahinfließen und die Atmosphäre des ausklingenden 19. Jahrhunderts erwachen. Bildhaft nimmt der Leser teil am Leben der Tochter einer englischen Industriellenfamilie, erfährt von den Schwierigkeiten auf Berlins Baustellen und begleitet einen Küchenjungen auf seinem Weg zum umjubelten Meister. Bestens verknüpft Prange seine fiktive Geschichte mit historischen Gegebenheiten und historisch verbürgten Personen, sodass die Grenzen glaubhaft verschwimmen zu einem Roman, der wie aus dem wahren Leben erzählt.

Ein interessantes Buch, das durch Eloquenz und Detailgenauigkeit ebenso überzeugt wie durch sehr wirklichkeitsnahe Figuren. Ich habe die Zickzack-Reise quer durch Europa jedenfalls genossen.

Veröffentlicht am 05.12.2024

Alte Knochen

Mord im Böhmischen Prater
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Da der Herbst sich von seiner schönsten Seite zeigt, entschließen sich Ernestine Kirsch und Anton Böck zu einem Ausflug in den Böhmischen Prater am Wiener Laaer Berg. Mit dabei sind Enkelin Rosa und die ...

Da der Herbst sich von seiner schönsten Seite zeigt, entschließen sich Ernestine Kirsch und Anton Böck zu einem Ausflug in den Böhmischen Prater am Wiener Laaer Berg. Mit dabei sind Enkelin Rosa und die Cockerspanielhündin Minna, die im Wirtshausgarten schnüffelt, buddelt – und tatsächlich Knochen findet. Diese sind allerdings menschlicher Natur und schon länger unter der Erde. Hat Ernestine recht mit ihrer Vermutung, dass dem schaurigen Fund ein Verbrechen zugrunde liegt?

Bereits zum neunten Mal nimmt uns Beate Maly mit ins Wien der 1920er-Jahre und lädt uns ein, gemeinsam mit der pensionierten Lateinlehrerin Ernestine und dem Apotheker Anton auf Mörderjagd zu gehen. Die Autorin erschafft auch in diesem Buch wieder eine einzigartige Atmosphäre, die das Wien vor hundert Jahren bestens widerspiegelt und uns Wahrsager und Hutschschleuderer vorstellt. Wie nebenbei gibt es allerlei Wissenswertes aus dem Bereich der Ziegelfabriken im Süden der Stadt, dort, wo sich Arbeiter aus den Kronländern, die sogenannten „Ziegelböhm“, unter extremen Bedingungen abrackern mussten.

In angenehmem Fluss liest sich diese spannende Geschichte, die sich durch Ausdrucksstärke und Eloquenz auszeichnet. Ebenso sorgfältig sind die Charaktere gezeichnet, welche man rasch bildhaft vor Augen hat, egal, ob man diese schöne Reihe bereits kennt (was natürlich von Vorteil ist) oder nicht. Der Krimianteil und die persönliche Entwicklung der Hauptpersonen sind gut aufeinander abgestimmt, sie bilden eine ausgewogene Mischung aus Mordrätsel für die Kriminalpolizei und charmanten privaten Ermittlungen einer pfiffigen Lehrerin, die den Apotheker mit Leidenschaft für gutes Essen (Stichwort Powidltascherl) immer wieder um den Finger wickelt. So treffen Scharfsinn auf Humor und exzellente Recherche auf eine historisch interessante Tätersuche. Die Gabe, Wissenswertes auf originelle Art und Weise ganz unaufdringlich zu verpacken, scheint Beate Maly und Ernestine Kirsch gleichermaßen gegeben zu sein.

Liebenswerte Figuren und ein Kriminalfall mit geschichtlichem Hintergrund – eine weitere gelungene und unterhaltsame Zeitreise, die ich sehr gerne weiterempfehle.


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  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 04.12.2024

Der Kaufmann

Helden
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Jacop der Fuchs ist in Köln nur knapp dem Tode entronnen und führt auch jetzt kein beschauliches Leben. 1263 begegnen wir ihm auf einem Schiff und blicken immer wieder zurück auf die vergangenen drei Jahre. ...

Jacop der Fuchs ist in Köln nur knapp dem Tode entronnen und führt auch jetzt kein beschauliches Leben. 1263 begegnen wir ihm auf einem Schiff und blicken immer wieder zurück auf die vergangenen drei Jahre. Ein Abenteuer jagt das nächste.

Fulminant beginnt dieser zweite Teil der Jacop-der-Fuchs-Trilogie und fesselt den Leser sofort mit Frank Schätzings brillanter Ausdrucksweise, mit der er die Atmosphäre der damaligen Zeit auf beachtenswerte Art einfängt. Genaueste Recherche lässt das Geschehen im Roman lebendig werden, seien es die Details rund um den Rahsegler im Ärmelkanal, seien es die Farben und Gerüche am Markt, seien es kaufmännische und politische Einzelheiten, seien es die Unterredungen in französischer und lateinischer Sprache, oft (nicht immer) vermittels Fußnoten für jedermann verständlich übersetzt. Häufig springt der Autor hin und her zwischen Gegenwart (1263) und Vergangenheit, trotz der genauen Kapitelüberschriften fällt es nicht immer leicht, diesen Wechseln zu folgen und die Figuren richtig einzuordnen. Nichtsdestotrotz trägt genau dieser Erzählstil dazu bei, dass die Geschichte spannend und eindrucksvoll wird und den Leser mitnimmt auf eine abenteuerliche Mittelalterreise.

Großartig in seiner Wortwahl, bildreich in seinen Beschreibungen, so entwirft Frank Schätzing sehr anschauliche Szenen rund um einen gerissenen Fuchs, den man am besten von Anfang an (Tod und Teufel) liest. Ich hoffe, Teil 3 erreicht uns mit einem kürzeren Zeitabstand als das zwischen den ersten beiden Bänden der Fall war. Leseempfehlung für jene, die sich gerne ausschweifenden und detaillierten Betrachtungen hingeben.

Veröffentlicht am 01.12.2024

Bilder gehen viral

Zimtsterne im Schnee
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Paulina, eine ausgezeichnete Konditorin, hat Bäckerasthma und muss wohl oder übel an eine Umschulung denken. Ihr Bewerbungsvideo geht unbeabsichtigt viral. Gleichzeitig übersiedelt ihre WG-Mitbewohnerin ...

Paulina, eine ausgezeichnete Konditorin, hat Bäckerasthma und muss wohl oder übel an eine Umschulung denken. Ihr Bewerbungsvideo geht unbeabsichtigt viral. Gleichzeitig übersiedelt ihre WG-Mitbewohnerin Mia für eine gewisse Zeit ins Ausland und überlässt ihr Zimmer einem Bekannten, Patrick, vergisst jedoch in der Eile, Paulina darüber zu informieren. Missverständnisse nehmen ihren Lauf und sorgen für viel Lachen.

Hinter dem einladenden Titelbild verbirgt sich eine witzige, unterhaltsame Geschichte, die von Missgeschicken und Selbstironie getragen wird. Paulina und Patrick dominieren das Geschehen, einige kleinere Rollen runden das Ganze schön ab. Mit ihrem locker daherkommenden Schreibstil schafft Birgit Gruber stimmungsvolle vorweihnachtliche Szenen, in denen schon einmal der Backzucker aufs Näschen staubt, das Mehl nicht nur im Kekserlteig landet, sondern auch die Haarpracht sprenkelt. Die Handlung selbst ist zwar vorhersehbar, aber dennoch voller Humor und Heiterkeit. Somit sind entspannte Lesestunden garantiert.

Eine leichte, sympathische Romanze, die Paulina und Patrick bildhaft in Szene setzt und dem Leser so manches Schmunzeln ins Gesicht zaubert.