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Veröffentlicht am 20.11.2025

Chan oder Chan

Belladonnas
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Die Zwillingsschwestern Julie Chan und Chloe Chan werden nach dem Unfalltod der Eltern getrennt. Während Chloe in eine reiche Adoptivfamilie kommt, muss Julie bei ihrer geizigen Tante und dem unliebsamen ...

Die Zwillingsschwestern Julie Chan und Chloe Chan werden nach dem Unfalltod der Eltern getrennt. Während Chloe in eine reiche Adoptivfamilie kommt, muss Julie bei ihrer geizigen Tante und dem unliebsamen Cousin aufwachsen. Als Chloe, die sich zu einer bekannten Influencerin entwickelt hat, plötzlich nicht mehr erreichbar ist, fliegt Julie aus ihrem kanadischen Dorf nach New York – und verwickelt sich in ein Netz von wirren Geschehnissen. Kann sie nahtlos in das Leben ihrer Schwester wechseln?

Liann Zhang schafft es immer wieder, unterschiedliche Welten aufeinanderprallen zu lassen, so sind es zu Beginn die Gruppe der Influencerinnen rund um Chloe und das harte Arbeitsleben von Julie an der Supermarktkassa, später die Welt der „Normalsterblichen“ versus der eingeschworenen Gruppe von Belladonnas auf einer Privatinsel. Bemerkenswert ist, wie sich die Atmosphäre im Buch im Laufe der Zeit wandelt, von einer verführerischen Illusion in eine dunkle Phase von Gruppenzwang und Machtausübung. Während ich vom Beginn der Geschichte durchwegs gefesselt war, ist mir das Ende aber dann doch ein wenig zu stark in eine sektenähnliche Stimmung abgedriftet. Aber wer weiß, unter dem Einfluss von allen möglichen Drogen empfindet und tut man vielleicht wirklich so verstörende Dinge. Die Auflösung kommt kurz und bündig daher, lässt den Leser verwundert den Kopf schütteln und das Buch dennoch zufrieden zur Seite legen.

Außergewöhnliche Szenen, ein mitnehmender Schreibstil und gelungene Charakterstudien verleihen dem spannenden Roman seine Besonderheit.


Veröffentlicht am 19.11.2025

Trauriger Tagträumer

Königin Esther
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James Winslow wächst unter ungewöhnlichen Umständen auf, denn er hat zwei Mütter, eine leibliche, Esther, und eine Ziehmutter, Honor. Mit zweiundzwanzig Jahren reist er von New Hampshire nach Wien, ein ...

James Winslow wächst unter ungewöhnlichen Umständen auf, denn er hat zwei Mütter, eine leibliche, Esther, und eine Ziehmutter, Honor. Mit zweiundzwanzig Jahren reist er von New Hampshire nach Wien, ein spektakulärer Auftrag soll ihn vor einer Einberufung in den Vietnamkrieg schützen. Außerdem möchte er hier endlich seiner Königin Esther begegnen.

Es wäre wohl nicht John Irving, würde die Geschichte tatsächlich mit James, genannt Jimmy, beginnen. Nein, die Handlung setzt ein mit den Großeltern, Jimmy betritt erst etwa nach einem Viertel des Geschehens die Bühne. Von einem Thema ins nächste stürzend, erfahren wir von einem Krankenhaus und einem Waisenhaus, welche bereits in einem anderen Roman Irvings eine Rolle spielen, wird erörtert, ob beschnittene oder unbeschnittene Penisse empfehlenswerter sind und wie man wohl am besten zu einer Bescheinigung „nicht wehrdienstfähig“ kommt. James als „Honors Kind – ein trauriger Tagträumer“ [kindle Pos. 8476] steht dann doch im Mittelpunkt, denn schon vor seiner Geburt entspinnt sich ein abenteuerliches Schauspiel über seine geplante Entstehung, welche wohl nicht nur mir eine erstaunte Miene entlockt. Die Kindheit wird kurz gestreift, ausführlicher geht es dann wieder in Wien zu, wo unter anderem bekannte Lokale wie der Augustinerkeller oder das legendäre Café Hawelka erwähnt werden und das Experiment „Wehrdienstunfähig“ starten kann.

Ein detailverliebter Schreibstil, ausgesprochen ungewöhnliche Szenen und eine bisweilen derbe Ausdrucksweise kennzeichnen diesen Roman, Motive wie Verlust – einer Mutter, eines Kniegelenkes oder eines Armes –, ungewöhnliche Sexualbeziehungen und der Einfluss Charles Dickens‘ fallen ins Auge, die Charakteristik der Figuren ist bemerkenswert. Es ist durchaus interessant, einmal „einen Irving“ zu lesen, dennoch werde ich wohl kein erklärter Freund dieser Art von Literatur werden.

Veröffentlicht am 18.11.2025

Erwachen

Die Tote in meinem Bett
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Selenes Erwachen am Morgen bringt einen Schock mit sich, denn anstatt des warmen Körpers ihres Verlobten liegt eine kalte Leiche neben ihr, eine Fremde, von Blut überströmt. Da ihr jegliche Erinnerung ...

Selenes Erwachen am Morgen bringt einen Schock mit sich, denn anstatt des warmen Körpers ihres Verlobten liegt eine kalte Leiche neben ihr, eine Fremde, von Blut überströmt. Da ihr jegliche Erinnerung fehlt, beschleicht sie der Verdacht, dass sie vielleicht selbst mit dem Verbrechen zu tun haben könnte, ein Messer mit ihren Fingerabdrücken liegt schließlich neben ihr.

Drei größere Abschnitte mit steigendem Tempo beschwören nicht nur bei Selene einen Alptraum herauf, auch der Leser ist hin- und hergerissen zwischen den unerwarteten Ereignissen und kann sich nur schemenhaft ein Bild davon zusammenreimen, was die junge Frau tatsächlich verfolgt. Wenige Charaktere beherrschen die Handlung, sodass man sich aufs Wesentliche konzentrieren kann, der flotte Schreibstil verführt dazu, den Psychothriller ohne Pause durchzulesen. Aus Sicht der Hauptfigur in der Ich-Form geht es durch wenige Wochen in Selenes Leben, wobei aber durchaus auch frühere Momente eingefangen werden, welche das aktuelle Geschehen beeinflussen. Auch wenn ich mir an manchen Stellen noch mehr Spannung und Dramatik vorstellen kann, hat mir „Die Tote in meinem Bett“ packende Lesestunden beschert.

Eine Achterbahn der Gefühle, ein mehrfaches Erwachen, das am Ende hoffentlich auch Selene die Augen öffnet. Aber wer weiß? Leseempfehlung für Freunde von perfiden Psychodramen.

Veröffentlicht am 17.11.2025

Erinnerungen spüren

Weil wir es uns versprochen haben
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Gabriel Sinclair wird als Architekt vom Technikunternehmer Henry Hughes engagiert, er soll einen prächtigen Neubau errichten. Bei einer schwungvollen Party auf dem Anwesen der Hughes steht Gabriel plötzlich ...

Gabriel Sinclair wird als Architekt vom Technikunternehmer Henry Hughes engagiert, er soll einen prächtigen Neubau errichten. Bei einer schwungvollen Party auf dem Anwesen der Hughes steht Gabriel plötzlich der Dame des Hauses gegenüber und verspürt diffuse Erinnerungen, welche er nicht einordnen kann. Im Gegensatz zu ihm weiß Kierra ganz genau, welches Schicksal sie verbindet und dass Gabriel in einer verhängnisvollen Nacht zwanzig Jahre zuvor sein Gedächtnis verloren hat.

Ein aufregender Roman mit vielen nahegehenden Themen (im Bedarfsfall Triggerwarnungen lesen!) beginnt mit der neunzehnjährigen Kierra, um alsbald in die Gegenwart - etwa zwei Jahrzehnte später - umzuschwenken. Kierra Hughes steckt in einer unglücklichen Ehe fest, da sie bei einer Scheidung ihre Stieftochter verlieren würde, Gabriel hat sich nach seinem Gedächtnisverlust mühsam ins Leben zurückgekämpft und vergräbt sich buchstäblich in seiner Arbeit. Um dieses Grundgerüst herum baut Brittainy C. Cherry allerlei Gefühlvolles und Tragisches auf und ist damit mindestens ebenso erfolgreich wie der Architekt im Buche. Ein einehmender Schreibstil, sowie eine Handlung mit durchaus realistischen Szenen beeindrucken den Leser quer durch den Roman, der mit einigen nicht chronologisch eingestreuten Rückblenden wesentliche Informationen aus der Vergangenheit preisgibt. Die Spannung steigt von Kapitel zu Kapitel, die Situation spitzt sich immer mehr zu, genau so, wie man es von einem fesselnden Roman erwartet.

Brittainy C. Cherry erzählt eine bewegende Geschichte, die gar nicht so fern der Realität angesiedelt ist. Ich habe sie sehr gerne gelesen und lege sie all jenen ans Herz, die tiefgreifende emotionale Themen suchen.

  • Einzelne Kategorien
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Veröffentlicht am 16.11.2025

Wuppertal

Hass ist meine Liebe
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In der schönen Stadt Wuppertal wird gestorben, im denkmalgeschützten Brunnen am Toelleturm oder auf der bunten Holsteiner Treppe. Unfall oder Mord, Vorsehung oder Serie – das müssen die beiden Kommissare ...

In der schönen Stadt Wuppertal wird gestorben, im denkmalgeschützten Brunnen am Toelleturm oder auf der bunten Holsteiner Treppe. Unfall oder Mord, Vorsehung oder Serie – das müssen die beiden Kommissare Mia Sommer und Björn Lassner rasch herausfinden. Es wird düster und spannend.

Der Auftakt dieser neuen Krimireihe vereint lokales Flair mit dunklen Ecken, schickt zwei glaubwürdige - weil überaus menschliche - Ermittler ins Rennen und überzeugt durch einen ausgefallenen und dennoch gut durchdachten Handlungsverlauf. Andreas Schmidts Schreibstil fesselt und bietet auch in den einzelnen Kapiteln nochmals kurze, knackige Blickwechsel, wodurch Spannung erzeugt und gehalten wird. Ermittlungen in alle Richtungen sind nötig, da die ersten Befragungen natürlich unbefriedigend verlaufen, ein Innehalten und Achten aufs Bauchgefühl lässt Mia an so mancher Zeugenaussage zweifeln. Ein klitzekleines bisschen Privatleben darf da und dort durchblitzen ohne vom Kriminalfall abzulenken und auch die Stadt Wuppertal selbst verleiht dem Roman eine anschauliche Kulisse, welche man schon nach wenigen Seiten nicht mehr missen möchte.

Neugierig auf eine mir bis dato noch fremde Stadt und überzeugt vom mörderischen Geschehen kehre ich sehr gerne auch beim nächsten Fall wieder zu Mia und Björn zurück. Ich bin gespannt, was da noch auf uns zukommt und empfehle dieses Buch sehr gerne weiter.