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Veröffentlicht am 04.08.2022

Hitze in Schweden

Im Feuer
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Die erfolgreiche Polizistin Lilly Hed wechselt aus persönlichen Gründen von Stockholm ins verträumte Nynäshamn. Aufgrund von Hitze, Wassermangel und Brandgefahr muss sie mit ihrer Kollegin Katja Straßensperren ...

Die erfolgreiche Polizistin Lilly Hed wechselt aus persönlichen Gründen von Stockholm ins verträumte Nynäshamn. Aufgrund von Hitze, Wassermangel und Brandgefahr muss sie mit ihrer Kollegin Katja Straßensperren bewachen und andere Routineaufgaben übernehmen. Als jedoch in einem abgebrannten Haus die Leiche eines Familienvaters geborgen wird, bekommt sie vom Feuerwehrchef Jesper den Tipp, dass es sich möglicherweise nicht um einen Unfall, sondern um Brandstiftung gehandelt haben könnte. Gewissenhaft geht Lilly diesem Hinweis nach, während immer mehr Brandherde aufflackern und die Menschen in Gefahr bringen.

Pernilla Ericson gliedert diesen ersten Band einer neuen Krimireihe in übersichtliche, eher kurze Kapitel und schildert die Gegebenheiten aus unterschiedlichen Blickwinkeln. Eingestreute Tagebucheinträge sind für den Leser interessant, aber keiner konkreten Person zuordenbar. Auch bei den Bränden und im Feuer Verunglückten weiß niemand, ob es sich um tragische Unglücke handelt oder ob ein Brandstifter sein Unwesen treibt. Rasch stellt Lilly fest, dass sie über Pyromanie zu wenig Detailwissen hat und holt sich Unterstützung von Experten. Die sachlichen Darstellungen zu diesem Thema sind der Autorin recht gut gelungen und wirken informativ und gut verständlich.

Ebenfalls wunderbar vorstellbar sind die handelnden Personen charakterisiert, sowie die flirrende Hitze im schwedischen Sommer, die dürren Gräser und trockenen Äste der Bäume, die durch den kleinsten Funken in Brand geraten können. Weniger ansprechend finde ich die Hinweise auf den Klimawandel, welche tadelnd mit erhobenem Finger daherkommen oder eigenwillige Wortkreationen wie „Studierendenbüro“, wobei sich natürlich nicht feststellen lässt, ob dies direkt von der Autorin stammt oder bei der Übersetzung so formuliert worden ist. Dennoch überwiegt ein angenehm zu lesender Schreibstil mit einer gut durchdachten Handlung und einer überraschenden Wende zum Schluss.

Kurzum, „Im Feuer“ ist ein flüssig lesbarer Krimi mit sympathischen Figuren und einer ansprechenden Themenwahl. Somit darf man sich schon auf die Fortsetzung freuen.



Titel Im Feuer

Autor Pernilla Ericson

ISBN 978-3-651-00109-1

Sprache Deutsch

Ausgabe Taschenbuch, 400 Seiten

Ebenfalls erhältlich als e-book und Hörbuch

Erscheinungsdatum 27. Juli 2022

Verlag Fischer SCHERZ

Originaltitel 300 Grader

Übersetzer Friederike Buchinger

Reihe Ein Fall für Lilly Hed

Veröffentlicht am 02.08.2022

Arznei oder Gift

Die versteckte Apotheke
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Nella lebt Ende des 18. Jahrhunderts und hat sich als Apothekerin zur Aufgabe gestellt, Frauen zu helfen, Leid zu lindern, auch, wenn es bedeutet, dass dabei ein brutaler Ehemann, ein zudringlicher Cousin, ...

Nella lebt Ende des 18. Jahrhunderts und hat sich als Apothekerin zur Aufgabe gestellt, Frauen zu helfen, Leid zu lindern, auch, wenn es bedeutet, dass dabei ein brutaler Ehemann, ein zudringlicher Cousin, zu Tode kommt. Ebenso wie ihre Mutter führt sie akribische Aufzeichnungen über Kundinnen und Arzneien, sodass nichts und niemand in Vergessenheit gerät.

Caroline lebt in der heutigen Zeit. Anlässlich ihres 10. Hochzeitstages ist eine Reise nach London gebucht. Dort stößt sie durch Zufall auf Spuren der einstigen Apothekerin und gerät nicht nur aufgrund der unglaublichen Entdeckung ins Grübeln.

Spannend aufgrund dreier Sichtweisen, jeweils in der Ich-Form, aber übersichtlich und klar am Kapitelanfang gekennzeichnet, baut Sarah Penner diesen ungewöhnlichen Roman auf. Trotz der sehr persönlichen Blickwinkel bleiben alle drei Frauen, Apothekerin Nella, Hilfskraft Eliza und die Historikerin Caroline, irgendwie auf Distanz, was aber der Geschichte keinerlei Abbruch tut. Die Herstellung und Anwendung der Arzneien aus der Pflanzen-, ebenso wie aus der Tierwelt, ist sehr gut recherchiert und plastisch dargestellt. Die Schüsselchen und Töpfchen, die bunten Glasflakons und Tongefäße, Blätter, Wurzeln, Käfer, alles ist samt den dazugehörigen Gerüchen und Düften spürbar und lebendig beschrieben, ebenso Nellas Liebe zu ihrem Tun, wobei sich erst im Laufe der Geschichte der Grund dafür offenbart. Auch Eliza und Caroline haben ihre ganz persönlichen Schicksale, welche sie dorthin führen, wo sie eben sind. Eliza ist ein wenig der Mystik und dem Zauber verfallen, was sich insbesondere am Ende gut ins Buch fügt, Caroline nimmt einen alten Fund zum Anlass, um über die letzten zehn Jahre nachzudenken. Auch diese beiden sind passend in die Handlung eingewoben und gefallen mir an ihren Plätzen, wenngleich im Heute der Zufall ein wenig auffällig mithilft. Drei Frauen, die stark sind, bzw. stark werden und ihr Leben im 18. Jahrhundert ebenso wie in der heutigen Zeit in die Hand nehmen.

Sarah Penner hat mit diesem Roman eine außergewöhnliche Geschichte erschaffen, ruhig und beinahe nüchtern im Schreibstil, etwas unnahbar die drei weiblichen Hauptfiguren, dennoch mit versteckten Gefühlen wie Sehnsucht und Verlangen nach Liebe. Schlussendlich sind noch das wunderschöne Titelbild zu erwähnen und die informative „Giftapotheke“ am Ende des Buches.



Titel Die versteckte Apotheke

Autor Sarah Penner

ISBN 978-3-365-00150-9

Sprache Deutsch

Ausgabe Gebundenes Buch, 384 Seiten

ebenfalls erhältlich als e-book

Erscheinungsdatum 21. Juli 2022

Verlag HarperCollins

Originaltitel The Lost Apothecary

Übersetzer Julia Walther

Veröffentlicht am 31.07.2022

Die Welt verändern

Findelmädchen
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Nach Jahren als Findelkinder bei einer freundlichen Gastfamilie in Frankreich wird im Dezember 1954 endlich über den Suchdienst des Roten Kreuzes der Vater von Helga und Jürgen gefunden. Aufgeregt und ...

Nach Jahren als Findelkinder bei einer freundlichen Gastfamilie in Frankreich wird im Dezember 1954 endlich über den Suchdienst des Roten Kreuzes der Vater von Helga und Jürgen gefunden. Aufgeregt und überglücklich reisen sie zurück nach Köln. Während der Vater mit einer kleinen Verkaufsbude beginnt und Jürgen bei Ford arbeitet, möchte Helga mit ihrer raschen Auffassungsgabe und ihrem Talent zu schreiben das Gymnasium besuchen. Dies wird ihr jedoch verwehrt, sie soll sich mit ihren „deux mains gauches“ (zwei linke Hände) durch die Haushaltungsschule plagen und sich auf ein Leben als Ehefrau und Mutter vorbereiten. Beim Praktikum im Waisenhaus gerät sie an die Grenzen des Erträglichen, so wie manches Kind dort behandelt wird. Bald gerät sie in einen Gewissenskonflikt zwischen Akzeptanz und Widerstand.

Mit besonderer Gewissenhaftigkeit und Hingabe scheint Lilly Bernstein sich diesem Buch gewidmet zu haben. Aus Helgas Sicht erzählt sie einfühlsam und mit spürbarer Empathie über das Schicksal der beiden Geschwister, welche behütet aber doch als „boches“ (Deutsche, Außenseiter) in Frankreich bei Tante Claire und Onkel Albert einige Jahre ihrer Kindheit verbringen. Zurück in Köln hausen sie in ärmlichen Verhältnissen in ihrem früheren Wohnhaus, in dem aber jetzt die unbarmherzige Tante Meta ein strenges Regiment führt. Dazwischen sind Tagebucheinträge einer verzweifelten Frau zu lesen, welche von Schutt und Trümmern, Hunger und Krankheit berichten.

Gut recherchiert und detailgenau geht die Autorin auf die schwierige Nachkriegszeit ein, beschreibt beengte und heruntergekommene Wohnverhältnisse und harte Arbeit ebenso wie die Freude über den Aufschwung, unterhaltsame Musik und schwingende Pettycoats. Die Zeit um 1955 ist sehr lebendig und gut vorstellbar eingefangen. Rasch fühlt man als Leser mit Helga mit, egal, ob es um den ausgelassenen Jitterbug geht, den sie tanzt oder um die Traurigkeit, nicht ins Gymnasium zu dürfen. Insbesondere ihre Erlebnisse mit den Zöglingen im Heim sind erschütternd realistisch und unglaublich nahegehend widergegeben. (Den Dankesworten am Ende des Buches ist zu entnehmen, dass Lilly Bernstein mit Zeitzeugen gesprochen hat.)

Die Spannung in diesem sehr emotionalen Roman steigt kontinuierlich an und zeigt die inneren Konflikte einer jungen Frau vom Bouche de Noel (Biskuitrolle mit Schokocreme) 1954 bis zum Weihnachtsbaumkuchen 1955. Ein ereignisreiches Jahr, das voller Aufregung steckt. Soll man sich gesellschaftlichen Konventionen beugen oder doch lieber um Veränderung kämpfen? Soll man Akzeptanz von bestehenden Normen über oder Unrecht wie Rassentrennung bekämpfen? Einerseits ist Helga furchtbar naiv und gutgläubig, andererseits hat sie ganz klare Vorstellungen davon, wie sie ihr Leben (nicht) gestalten möchte. Geschickt verquickt Bernstein historische Details mit einer tollen fiktiven Handlung und schafft so einen überaus lesenswerten Roman, den ich nur wärmstens empfehlen kann.



Titel Findelmädchen

Autor Lilly Bernstein

ISBN 978-3-548-06568-7

Sprache Deutsch

Ausgabe Taschenbuch, 592 Seiten

ebenfalls erhältlich als ebook und Hörbuch

Erscheinungsdatum 28. Juli 2022

Verlag Ullstein

  • Einzelne Kategorien
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Veröffentlicht am 29.07.2022

Im Spiegel der Vergangenheit

Elternhaus
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Eine alte Villa in Hamburg hat es dem charismatischen Barpianisten Tobias Hansen angetan. Gerne parkt er nach seinen Vorstellungen noch vor dem knorrigen Haus und schaut auf die dunklen Erker und windschiefen ...

Eine alte Villa in Hamburg hat es dem charismatischen Barpianisten Tobias Hansen angetan. Gerne parkt er nach seinen Vorstellungen noch vor dem knorrigen Haus und schaut auf die dunklen Erker und windschiefen Fensterläden. Alsbald zieht Familie Winkler in den renovierungsbedürftigen Kasten ein und Hansen sucht als Klavierlehrer deren Nähe. Niemand ahnt, warum er gerade den vier Winkler-Kindern Musikunterricht geben will.

Sehr ruhig startet Jennifer Mentges diesen Thriller. Verschiedene Figuren werden vorgestellt, die Zusammenhänge bleiben über etliche Kapitel im Verborgenen. Während die Handlung erst allmählich in Gang kommt und die Spannung sich recht langsam aufbaut, besticht von Anfang an die klare Charakteristik der Personen. Schnell lernt der Leser die wenigen wesentlichen Menschen kennen. Was unklar bleibt: was fesselt Tobias Hansen tatsächlich so sehr an diesem alten Haus, das sowohl finanziell als auch von der Größe her „mindestens drei Nummern zu groß“ für ihn ist? Im Gegensatz zu den anderen scheint er schwer durchschaubar, wiewohl recht früh in der Geschichte so manches vorhersehbar wird aufgrund versteckter Details, die da und dort preisgegeben werden. Zwischen die abwechslungsreichen Szenen aus unterschiedlichen Blickwinkeln gibt es schicksalhafte Zeilen aus den 1970er und -80er-Jahren. Schließlich fügt sich die Vergangenheit wie ein fehlendes Puzzlestück in die Gegenwart.

Insgesamt ein Buch, das erst nach und nach an Spannung und Knistern gewinnt. Der Aufbau ist logisch und durchdacht, die Sprache überaus angenehm und stellenweise poetisch: „Sie würde nicht das Glück der anderen im Sonnenschein mit ansehen müssen, denn niemand war so allein wie der Einsame bei gutem Wetter.“ [kindle, Pos.1847] „Die Nacht hatte bereits vom Schlaf verklebte Lider.“ [kindle, Pos.2911].

Ein Buch für Thrillerfreunde, die es lieber unblutig wollen.



Leseprobe: https://www.fischerverlage.de/buch/jennifer-mentges-elternhaus-9783104905389



Titel Elternhaus

Autor Jennifer Mentges

ISBN 978-3-651-02555-4

Sprache Deutsch

Ausgabe Taschenbuch, 416 Seiten

ebenfalls erhältlich als ebook (1. Juli 2022)

Erscheinungsdatum 10. August 2022

Verlag Fischer Scherz

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 28.07.2022

Helden ihres Lebens

Die Freundinnen vom Strandbad (Die Müggelsee-Saga 2)
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Berlin, 1961: Clara kann in den Westen fliehen, Martha und Betty bleiben im Osten zurück. Völlig im Ungewissen, wie es Clara geht, ob sie verhaftet oder gar erschossen worden ist, entwickelt sich auch ...

Berlin, 1961: Clara kann in den Westen fliehen, Martha und Betty bleiben im Osten zurück. Völlig im Ungewissen, wie es Clara geht, ob sie verhaftet oder gar erschossen worden ist, entwickelt sich auch deren Leben in ganz unterschiedliche Richtungen. Betty versucht sich anzupassen, während Martha immer mehr den Protest wagt. Wie wird sich das auf die Freundschaft auswirken?

Nahtlos knüpft Band 2 der Müggelsee-Saga an den Vorgänger an. Claras Flucht wird auf bewegende und beängstigende Weise beschrieben. Nicht minder aufregend geht es im Osten weiter; den Verhörmethoden und Versuchen, Menschen zum Spionieren zu bewegen, ist schwer zu widerstehen. So mancher verliert den Kampf oder gar sein Leben. Sehr gut recherchiert und absolut glaubwürdig wird das Leben diesseits und jenseits der Mauer geschildert. Einfühlsam und mit ein wenig Melancholie zeichnet Julie Heiland ein grandioses Bild der unterschiedlichen Welten in den Jahren 1961 – 1990. Trotz aller Verluste, Trauer und Zorn bleibt aber immer ein gerüttelt Maß an Zuversicht, welche die drei jungen Frauen auf ihren Wegen begleitet.

Übersichtliche Kapitel mit Namen und Jahreszahl führen spannend und fesselnd durch die Jahre, begleiten die drei Freundinnen durch schwierige Zeiten, in denen alles auseinanderzubrechen droht. Familie oder Karriere, Hausmütterchen oder Berufsleben, Anpassung oder Protest? Viele Fragen werden gestellt, Richtungen eingeschlagen und Weichen verändert. Zum Glück gibt es fast immer eine Wahl, auch wenn es nicht leicht fällt.

Die Schicksale von Clara, Betty und Martha werden anhand ihres Alltags überaus plastisch beschrieben, als Leser kann man sich die Szenen bildlich vorstellen, schmunzeln, staunen, Angst verspüren. Der Kontrast zwischen Ost und West ist gut gelungen, nicht alles ist unbedingt auf einer Seite besser Was vermittelt ein Gefühl von Heimat und Geborgenheit? Nylonstrümpfe und Dosenpfirsiche oder der kratzige Wollstoff des abgetragenen Kleides? Sehr gut zeigt die Autorin in diesem Buch, worauf es im Leben wirklich ankommt, wie wichtig Freunde und Rückhalt in der Familie sind.

Fazit: eine wunderschöne Zeitreise in die Jahre „hinter der Mauer“ …



Titel Die Freundinnen vom Strandbad, Wogen der Freiheit

Autor Julie Heiland

ISBN 978-3-548-06560-1

Sprache Deutsch

Ausgabe Flexibler Einband, 592 Seiten

ebenfalls erhältlich als ebook

Erscheinungsdatum 28. Juli 2022

Verlag Ullstein

Reihe Die Müggelsee-Saga, Band 2

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