Profilbild von cosmea

cosmea

Lesejury Star
offline

cosmea ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit cosmea über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 04.10.2025

Happy Tennis

Inside Alcaraz – Die erste Biografie zum kommenden Superstar im Herrentennis
0

In “Inside Alcaraz“ zeichnet Mark Hodgkinson ein Porträt von Carlos Alcaraz, der jüngsten Nummer 1 der Weltrangliste im Herrentennis. Carlos stammt aus El Palmar, einem Ort in der südspanischen Region ...

In “Inside Alcaraz“ zeichnet Mark Hodgkinson ein Porträt von Carlos Alcaraz, der jüngsten Nummer 1 der Weltrangliste im Herrentennis. Carlos stammt aus El Palmar, einem Ort in der südspanischen Region Murcia. Schon der Großvater und der Vater spielten Tennis und erkannten und förderten schon sehr früh das Talent des Jungen, der mit drei Jahren zum ersten Mal einen Tennisschläger in die Hand nahm. Carlos wurde in zwei Tennisakademien ausgebildet und hatte schon frühzeitig psychologische Unterstützung. Auch gab es Unternehmer, die die Karriere des jungen Talents großzügig förderten. Die Familie hätte solche Summen nicht aufbringen können.
Hodgkinson beschreibt das familiäre und kulturelle Umfeld, aber auch wichtige Spiele – Siege und Niederlagen – seiner Karriere und lässt die Leser durch Interviews mit seinem Umfeld an dem steilen Aufstieg teilhaben. Es geht auch immer wieder um die großen drei: Nadal, Federer und Djokovic, die ebenfalls in Zitaten zu Wort kommen. Wichtig sind nicht nur Carlos´ technischen Fähigkeiten, sondern auch seine sympathische Ausstrahlung, sein berühmtes Lächeln. Das ist nicht aufgesetzt, sondern zeigt, wie wichtig die Freude am Tennis für den Spieler ist. “Carlitos“ verliert sein Ziel nie aus den Augen und hat tatsächlich gute Chancen, der beste Spieler aller Zeiten zu werden. Der Tennisspieler, der am meisten verdient, war er bereits mit 21 Jahren, denn da verdiente er schon über 750.000 US-Dollar pro Woche.
Ich habe dieses interessante Porträt gern gelesen und werde sicherlich die nächsten Übertragungen von Turnieren mir Carlos Alcaraz im Fernsehen verfolgen. Was mir an diesem Buch nicht gefällt, ist die Qualität der Übersetzung. Das Buch hätte ein sorgfältiges Lektorat verdient, um eine große Zahl von sprachlichen Mängeln und Fehlern zu vermeiden.

Veröffentlicht am 28.09.2025

Der tiefe Fall einer Tennislegende

Inside
0

In seinem autobiografischen Buch “Inside“ gewährt Boris Becker dem Leser Einblick in sein Inneres und das Leben in zwei berüchtigten englischen Gefängnissen. Angeklagt war Becker in 24 Punkten, verurteilt ...

In seinem autobiografischen Buch “Inside“ gewährt Boris Becker dem Leser Einblick in sein Inneres und das Leben in zwei berüchtigten englischen Gefängnissen. Angeklagt war Becker in 24 Punkten, verurteilt wurde er letztlich wegen vier Insolvenzvergehen zu 30 Monaten Gefängnis. Im schlimmsten Fall hätten es sieben Jahre werden können. Nach sieben Monaten wurde seinem Antrag auf Abschiebung stattgegeben. Im Gefängnis hat er Zeit genug, sich mit seiner Vergangenheit auseinanderzusetzen, sich einzugestehen, dass er Fehler gemacht und auf schlechte Berater gehört hat. Er weiß, dass er nicht anderen die Schuld an dem geben kann, was passiert ist. Alles begann am 7. Juli 1985, als der 17jährige Boris als jüngster Spieler aller Zeiten Wimbledon gewann. Er wurde zu früh berühmt und sehr reich. Als er insolvent wurde, hatte er stolze 60 Millionen Schulden.
Becker beschreibt, wie er im Gefängnis überlebt, neue Freunde gewinnt und nach einiger Zeit im Fitnessraum trainieren und am Stoizismus-Kurs teilnehmen darf. Er betreut zum Schluss sogar selbst Häftlinge und gibt ihnen Ratschläge für ihr gegenwärtiges und künftiges Leben. Er zeigt Resilienz genauso wie die Entschlossenheit, nach der Entlassung einen radikalen Neubeginn zu wagen. Eine große Hilfe war ihm seine Familie, vor allem seine Söhne aus der Ehe mit Barbara Becker sowie seine Partnerin Lilian, die seine dritte Ehefrau wird. Seine Schilderung enthält ausführliche Beschreibungen von berühmten Matches, unterbrochen von Briefen seiner Fans und Freunden. Einige Seiten mit Fotos aus seinem Leben ergänzen die Darstellung.
Mir hat “Inside“ gut gefallen. Ich habe damals Beckers Karriere in der Presse und im Fernsehen verfolgt und zum Beispiel auch die Übertragung seines ersten Wimbledonsieges im Fernsehen gesehen. Sein Buch ist eine lesenswerte Geschichte vom Überleben nach einem tiefen Fall.

Veröffentlicht am 28.09.2025

Familie, Familie, Familie

Prinzessin Alice
0

In ihrem neuen Buch “Prinzessin Alice“ erzählt Irene Dische einen Ausschnitt aus dem Leben der Adligen Alice von Battenberg/Alice Mountbatten, überwiegend mit Alice als Ich-Erzählerin. Sie war die Mutter ...

In ihrem neuen Buch “Prinzessin Alice“ erzählt Irene Dische einen Ausschnitt aus dem Leben der Adligen Alice von Battenberg/Alice Mountbatten, überwiegend mit Alice als Ich-Erzählerin. Sie war die Mutter von Prinz Philip und damit die Schwiegermutter von Queen Elizabeth II. und die Großmutter von König Charles III. Sie war eine ungewöhnliche junge Frau, von großer Schönheit, aber von Geburt an taub. Sie lernte jedoch das Lippenlesen in fünf Sprachen. Verheiratet war sie mit Prinz Andreas, mit dem sie fünf Kinder hatte, vier renitente Töchter und Philip, den geliebten Jüngsten. Ihr Mann verließ sie und lebte in Monaco, wo er auch starb. Die Prinzessin liebte Gott und geriet beim Beten regelrecht in Ektase. Ihre Familie hielt sie für wahnsinnig und ließ sie in der Psychiatrie unterbringen, wo schmerzhafte Therapien an ihr ausprobiert wurden und sie praktisch ein Jahr lang sediert vor sich hinvegetierte. Hinter dieser Maßnahme steckte vor allem ihre Schwägerin Marie Bonaparte, die in Freud verliebt war und sich lange Zeit von ihm therapieren ließ. Später gelang Alice mit Hilfe ihrer reichen Schwägerin Edwina die Flucht nach Griechenland, wo sie – finanziell unterstützt von Edwina – im alten Palast der Familie lebte. Prinzessin Alice betrieb dort zeitweise eine Suppenküche für die Armen und galt als Heilerin.
Dische zeichnet ein sympathisches Porträt einer unkonventionell lebenden Adligen, deren nicht rollenkonformes Verhalten bei ihrem Umfeld nicht gut ankam. Ich habe den Roman zügig gelesen, war aber mit der Personenvielfalt etwas überfordert. Hier waren fast alle irgendwie miteinander verwandt, zumal junge Prinzessinnen gern ihre Cousins ersten Grades heirateten. Da verliert man ein wenig den Überblick. Dennoch halte ich den neuen Roman auch sprachlich für gelungen.

Veröffentlicht am 21.09.2025

Eine toxische Dreiecksbeziehung

No Way Home
0

Der 31jährige Terence Tully genannt Terry arbeitet als Assistenzarzt in einem Krankenhaus in Los Angeles. Dann stirbt seine Mutter, und er hält sich vorübergehend in ihrem Haus in Boulder City, Nevada ...

Der 31jährige Terence Tully genannt Terry arbeitet als Assistenzarzt in einem Krankenhaus in Los Angeles. Dann stirbt seine Mutter, und er hält sich vorübergehend in ihrem Haus in Boulder City, Nevada auf, um die Erbangelegenheiten zu regeln. In einer Bar lernt er die attraktive Bethany kennen, die sich gerade von ihrem Freund Jesse getrennt hat und seitdem wohnungslos und mit geringem Einkommen ist, sodass sie in Terry einen Retter aus ihrer Notlage sieht. Sie quartiert sich nach seiner Abreise heimlich in dem leerstehenden Haus ein und nimmt zudem noch ihre Freundin Lutie auf. Terry ist damit nicht einverstanden. Bethany ist jedoch stärker als er, und er wird sie nicht wieder los. Er hat sich in die schöne junge Frau verliebt und will sie eigentlich auch gar nicht verlieren. Dann taucht ihr Ex Jesse auf, wird zum Stalker und verletzt Terry schwer genauso wie einige Zeit später auch seinen geliebten Hund Daisy. Auch Bethany wird Opfer seiner Gewalttätigkeit. Als Terry dies herausfindet, rächt er sich an Jesse. Es entwickelt sich eine Spirale der Gewalt, und eigentlich will er an der Beziehung nicht länger festhalten, weil Bethany offensichtlich immer noch Gefühle für Jesse hat, egal was dieser tut. Ist er stark genug, sich endgültig von Bethany zu trennen?
Mir hat das Buch gefallen, obwohl es anders ist als die Romane von T.C. Boyle, die ich bisher gelesen habe. Keine der Figuren ist wirklich sympathisch, mit keiner kann ich mich als Leserin identifizieren, aber ich finde das psychologische Kammerspiel schon sehr faszinierend. Auch sprachlich ist Boyles neuer Roman wieder sehr gelungen.

Veröffentlicht am 21.09.2025

Das traurige Leben eines Losers

Der Absturz
0

In seinem neuen Roman schreibt Edouard Louis über das Leben seines neun Jahre älteren namenlosen Halbbruders aus der ersten Ehe seiner Mutter, der im Alter von 39 Jahren bewusstlos in seiner Wohnung aufgefunden ...

In seinem neuen Roman schreibt Edouard Louis über das Leben seines neun Jahre älteren namenlosen Halbbruders aus der ersten Ehe seiner Mutter, der im Alter von 39 Jahren bewusstlos in seiner Wohnung aufgefunden wird. Der Bruder ist nicht mehr zu retten, die Geräte werden abgeschaltet. Der Autor hat seinen Bruder zu diesem Zeitpunkt fast 10 Jahre lang nicht mehr gesehen. Sie standen einander nicht nahe. Deshalb empfindet er auch keine Trauer, möchte eigentlich nichts mit der Beerdigung zu tun haben. Dennoch will er nun die Geschichte eines Mannes aufschreiben, der nie wirklich eine Chance hatte. Er stammt aus dem Arbeitermilieu in der Picardie, fing früh an zu trinken und Drogen zu konsumieren, beging schon als sehr junger Mann eine Reihe von Straftaten. Dennoch träumte er von beruflichem Erfolg und Reichtum, wollte erst der beste Metzger und dann der beste Maurer werden, der die größten Kathedralen restaurierte. Dass er seine Träume auch nicht ansatzweise verwirklichen konnte, lag an seiner prekären Ausgangssituation, aber auch an seinem unmäßigen Alkoholkonsum, durch den er jeden Job nach kurzer Zeit verlor. Hinzukam, dass er unter Alkoholeinfluss immer wieder ausrastete und gewalttätig wurde, auch gegenüber seinen Freundinnen. Dennoch erzählen gerade diese, dass der Bruder auch eine sehr liebenswerte, freundliche Seite hatte, die der Autor nicht kannte.
Louis stellt Fakten aus dem Leben des Bruders zusammen, gibt Interviews wieder, die zeigen, dass der Absturz unaufhaltsam war genauso wie der fortschreitende körperliche Verfall. Gegen sein Suchtverhalten kam er nicht an, zumal er sich nicht helfen lassen wollte, auch von den Menschen nicht, die es gut mit ihm meinten, und schließlich hatte er nur noch Angst vor jeder Form von Veränderung. Im Lauf seiner Nachforschungen erfährt Louis nicht nur vieles, was er nicht wusste. Er stellt sich auch immer wieder die Frage, ob er etwas hätte tun können oder sogar müssen.
Ich habe dieses Buch schnell und mit großem Interesse gelesen. Ich schätze Edouard Louis seit seinem Debütroman und kenne noch zwei weitere. Er wird zu Recht als einer der führenden Autoren seiner Generation betrachtet. Eine sehr lohnende Lektüre.