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Veröffentlicht am 28.02.2025

Raffiniertes Rätselraten mit Witz und doppeltem Boden

Wackelkontakt
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Ein Wackelkontakt, Kurzschluss oder einfach ein Schluckauf des Schicksals? Es ist geheimnisvoll, unerklärlich: Franz Escher ist Trauerredner, Puzzlefanatiker und ein eher durchschnittlicher, unauffälliger ...

Ein Wackelkontakt, Kurzschluss oder einfach ein Schluckauf des Schicksals? Es ist geheimnisvoll, unerklärlich: Franz Escher ist Trauerredner, Puzzlefanatiker und ein eher durchschnittlicher, unauffälliger Typ. Als großer Liebhaber von Mafiageschichten schmökert er sich durch das Leben des Kronzeugen Elio Russo. Und dann gibt es da Elio Russo selbst, der im Gefängnis sitzt, nachdem er gegen sämtliche Mafiagrößen ausgesagt hat. Und der mit dem Buch seines Zellengenossen die deutsche Sprache zu erlernen versucht, um sich so auf sein neues Leben weit weg von Italien vorzubereiten. Und dieses Buch handelt von Franz Escher, scheinbar dem Franz Escher.
Klingt verwirrend? Ist es nicht, eher verflochten, verstrickt und ineinander verwoben. Zwei Leben, die sich so miteinander verschränken. Scheinbar unabhängig, völlig losgelöst voneinander. Doch auch bei einem Wackelkontakt und Kurzschluss berühren sich die losen Ende, entzünden einen kräftigen Funken. Und eben diesen Funken arbeitet Wolf Haas nach und nach heraus, lässt so Aha-Momente und überraschende Wendungen entstehen und die Gedanken der Leser rotieren und sich ebenso in deren Köpfen umschlingen.
Das macht Spaß. Und lässt mich über die Seiten fliegen. Immer wieder mit kurzen Zwischenstopps, um mich zu sortieren, die Handlungsstränge auszubreiten, nachzuverfolgen. Und das bei sich steigender Frequenz im Wechsel, was der Geschichte zusätzlich Dynamik gibt. Sie nach vorne treibt. Doch das eine oder andere Ampere mehr hätte ich mir noch gewünscht, das Moment, das alles zum Leuchten bringt.

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Veröffentlicht am 22.02.2025

Kolonialismus und die Suche nach der eigenen Identität

Unentdeckt
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Unsere Ahnen lebendig halten – für jeden Menschen mag dies eine eigene Bedeutung, Inhalt und Dringlichkeit haben, ist mit der jeweiligen Kultur, Tradition und Religion verbunden. Für Gabriela Wiener ist ...

Unsere Ahnen lebendig halten – für jeden Menschen mag dies eine eigene Bedeutung, Inhalt und Dringlichkeit haben, ist mit der jeweiligen Kultur, Tradition und Religion verbunden. Für Gabriela Wiener ist es ein Zurückblicken auf ihre Familiengeschichte in Peru, auf ihren Ururgroßvater, welcher Beutekunst, tausende präkolumbianische Objekte – dingliche und lebendige Menschen – nach Europa gebracht hat. Diebesgut, gestohlen im Namen der Wissenschaft und für die Neugierde und den Voyeurismus seiner Bevölkerung.
Gabriela Wiener lebt mit dieser Vergangenheit, die tief in ihrem Geist und Körper eingeschrieben ist. Sie begibt sich auf Spurensuche. Selbst inzwischen in Spanien lebend, reist sie aus Anlass des Todes ihres Vaters zu ihrer Mutter nach Peru, begibt sich dort in Identitäten und Parallelen, welche über Raum und Zeit hinweg ihre Familie zu durchdringen scheinen. Das Doppelleben ihres Vaters mit zwei Beziehungen, Haushalten und Kindern erscheint dabei als eine Widerspiegelung des Lebens des Deutschlehrers Charles Wiener, des großen Abenteurers und Entdeckers, der Frau und Kind in Peru zurückgelassen hat.
Und auch Gabriela Wieners eigene Beziehungsgeschichte ist von Treulosigkeit und dem Priorisieren ihrer eigenen Bedürfnisse geprägt. Mit ihrem Mann lateinamerikanischer Herkunft und einer gebürtigen Spanierin in einer Lebens- und Hausgemeinschaft hat sie zahlreiche sexuelle Affairen und Seitensprünge und ist gequält von ihrer eigenen Untreue und Eifersucht in ihrer Partnerschaft. Ihre Suche nach Identität, Herkunft und Zugehörigkeit wird zu einer Belastung für alle Beteiligten und stellt das Beziehungsmodell zunehmend in Frage – sowie auch ihre Verwandtschaft mit Charles Wiener plötzlich nicht mehr gesichert scheint.
Gabriela Wieners autobiographischer Roman ist auch für ihre Leser*innen ein Reisen, Erfahren und Entdecken von Ungeahntem und Ungesagtem, von Schwere und Schrecken, von Dunklem in der Geschichte und Wegen aus dieser Schuld und Vergangenheit hinaus. Und sie ist ein Mahnen vor einer Überlegenheit und Vorherrschaft im Denken, dem Setzen von Normen und Werten und einem Eurozentrismus in der Begegnung von Menschen, Völkern und Kulturen.

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Veröffentlicht am 10.02.2025

Ein ganz großer Roman und Pageturner zugleich

In ihrem Haus
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Lieblingsbuch! Ein neuer all time favourite! So viel, intensiv, so stark habe ich „In ihrem Haus“ niemals erwarten können. Und wurde dann so überrascht und belohnt. Mit 24 Stunden Dauerlesen. Mehreren ...

Lieblingsbuch! Ein neuer all time favourite! So viel, intensiv, so stark habe ich „In ihrem Haus“ niemals erwarten können. Und wurde dann so überrascht und belohnt. Mit 24 Stunden Dauerlesen. Mehreren für mich vollkommen unerwarteten Wendungen. Und einer Geschichte ebenso stark wie ihre Aussagen. Ich mag es gar nicht aus der Hand legen.
Um meine Emotionen aber zu zügeln und damit in Worte zu fassen: Die Geschichte hat alles, was sie unvergesslich macht. Sie mit Bedeutung auflädt und doch zugleich flüssig und so willig zu lesen macht. Und sie tatsächlich einen Pageturner sein lässt. Mit dieser wunderbaren Sprache, dieser Tiefe und auch der Schwere und Traurigkeit, die in ihr stecken. Und die sich in all ihrer Tragik und Dramatik unaufhaltsam entwickeln.
Wie eine Knospe, die sich nach und nach öffnet, zeigen sich auch die verschiedenen Ebenen, Schattierungen, die Vielschichtigkeit in Handlung und Sujet. Wir befinden uns in den Niederlanden der 60er-Jahre, auf dem Land, in einem abgelegenen Haus. Isabel lebt seit dem Tode ihrer Mutter hier allein, zurückgezogen, sich selbst, ihren Abläufen und Eigenheiten genügend. Zu ihren beiden Brüdern hat sie lockeren Kontakt, jeder mit seinem eigenen Leben beschäftigt. Doch all dies ändert sich, als Leo seine Kurzzeitfreundin Eva für mehrere Wochen bei ihr einquartiert. Denn Eva ist nicht, was sie scheint, setzt Dinge in Gang, legt Wurzeln frei. Und lässt alte und neue Geheimnisse ans Tageslicht kommen.
Und was wir dann als Leser erblicken, ist groß, gewaltig und von einer Tragweite, die eine gesamte Nation umspannt. Und es ist so raffiniert in der Geschichte verwoben, in dieser angelegt und doch ein großes Staunen als es sich aus dieser entwickelt, dass es eine große Meisterschaft darstellt. Und bei aller Trauer, Ohnmacht und Wut auf jeder Seite, in jeder Zeile eine Freude des Entdeckens, des Entfaltens der einzelnen Blütenblätter. Und der Grund, warum „In ihrem Haus“ nun der neue große Roman für mich ist.

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Veröffentlicht am 08.02.2025

Gegen das Vergessen – und für einen großen Autor

Daniel Kehlmann über Leo Perutz
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Eine Schatztruhe! Eine Wunderbox. Eine Entdeckungsreise. All dies ist das kleine Büchlein für mich, dessen Seiten Kehlmann mit so viel Reichtum zu füllen vermag. Denn es ist Leo Perutz , den uns der Bestsellerautor ...

Eine Schatztruhe! Eine Wunderbox. Eine Entdeckungsreise. All dies ist das kleine Büchlein für mich, dessen Seiten Kehlmann mit so viel Reichtum zu füllen vermag. Denn es ist Leo Perutz , den uns der Bestsellerautor hier vorstellt, dessen Werk für ihn prägend und wegbereitend war. Und der zu den größten Romanciers seiner Zeit gehörte. Gehören sollte.
Weltruhm haben Leo Perutz und seine Erzählungen, Novellen und Romane nicht erlangt. Und nicht nur das: Bekanntheit, Anerkennung und Auseinandersetzung mit seinem umfangreichen Werk haben weder zu Lebzeiten des jüdischen Autors noch nach seinem Tode in dem Maße stattgefunden, wie es verdient, ja folgerichtig gewesen wäre. Davon ist Kehlmann überzeugt und in bester Gesellschaft zahlreicher Perutz-Verehrerinnen. Den Wunsch, dies zu ändern, können wir aus jedem Wort, auf jeder Seite und zwischen den Zeilen seiner intelligenten und unterhaltsam aufbereiteten Betrachtung herauslesen. Und uns von seiner Begeisterungen mitreißen lassen.
Mit Kehlmann entdecken wir Erzählungen wie „Herr, erbarme dich meiner“, „Der Tag ohne Abend“ und den Roman „St. Petri – Schnee“. Doch Kernstück seiner Zusammenstellung bildet nach Kehlmanns eigener Aussage Perutz‘ bester Roman „Nachts unter der steinernen Brücke“. Und ja, Kehlmanns Zusammenfassung, Interpretationen und vor allem Verknüpfungen machen sprach- und atemlos, lassen staunen und den Wunsch entstehen, selbst sofort zu diesem Werk ungewöhnlichen Aufbaus und komplexer, raffinierter und hoch durchdachter Struktur zu greifen.
Ich selbst hatte das Glück, im Rahmen meines Studiums Perutz, sein Schreiben und Werk kennenlernen zu dürfen. Und leider auch den Umstand, in wieweit und bis heute die Rezeptionsgeschichte jüdischer Autor
innen eine Geschichte voller Repressalien, Diskriminierungen und Negierungen war und ist. Großer Dank gebührt daher Kehlmann für dieses Buch gegen das Vergessen und für das Sichtbarmachen eines großen Schriftstellers und seines Werks.

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Veröffentlicht am 02.02.2025

Spuk, rachsüchtige Geister und ein Haus, das niemals schläft

Geister in Blackwood House
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Gänsehaut. Atemlose Spannung und meine Kuscheldecke, die ich bis zum Kinn hochgezogen habe. Das Buch hat alles, was es braucht, um mich glücklich zu machen! Und mich über viele, viele Stunden am Stück ...

Gänsehaut. Atemlose Spannung und meine Kuscheldecke, die ich bis zum Kinn hochgezogen habe. Das Buch hat alles, was es braucht, um mich glücklich zu machen! Und mich über viele, viele Stunden am Stück in sich hineinzusaugen. Zu verschlingen. Gefangen zu nehmen. So wie es Mara mit Blackwood House ergangen ist…
Und dabei war das heruntergekommene, herrschaftliche Haus für Mara Liebe auf den ersten Blick. Trotz all der Stimmen, die sie vor dem Anwesen gewarnt haben. Denn Morde sind in diesem geschehen. Blutige, bestialische, scheinbar unzählige Todesfälle. Und diese haben ihre Spuren in den zahlreichen Zimmern, Fluren, in den Wänden und im Boden hinterlassen – und Blackwood House zu einem Spukhaus gemacht. Das hungrig ist. Und auf sein nächstes Opfer wartet.
Doch Mara ist als Tochter aus einem spiritistischen Elternhaus inzwischen Rationalistin. Abgehärtet und unerschrocken. Und aufgeklärt, wie sie glaubt. Auf das Gerede der Leute gibt sie keinen Deut und vertraut lieber auf ihr Bauchgefühl und ihre Zuneigung, die sie sofort dem alten Gemäuer gegenüber empfunden hat. Ihr Freund Neil ist dabei nicht ganz so abgeklärt und vor allem besorgt um seine Freundin. Aus welchem Grunde Mara die ersten unheimlichen Geschehnisse auch vor ihm geheim zu halten versucht. Doch schon bald sind es nicht mehr nur der Schaukelstuhl, der sich wie von selbst bewegt, und die Schritte auf dem Dachboden, die sich nicht erklären lassen…
Und was dann folgt ist eine sich schnell steigernde Abfolge von Spuk, rachsüchtigen Geistern und sehr realen Bedrohungen. Und vor allem: ganz großartiges Horrorkino! Für den Kopf und für meine Gänsehaut. In einem sehr klassischen Genreaufbau. Ganz so wie ich es liebe und schätze. Und es süchtig macht.

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