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Veröffentlicht am 07.09.2025

Was kann die Geschichte einer Familie anhaben?!

Meine Mutter
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Meine Mutter ein Roman von Bettina Flitner

Sie ist es immer geblieben: Dieses zerbrechliche Mädchen, um das man sich kümmern musste. Die schmale Gestalt, die im Gegenlicht am Fenster stand und ins Nichts ...

Meine Mutter ein Roman von Bettina Flitner

Sie ist es immer geblieben: Dieses zerbrechliche Mädchen, um das man sich kümmern musste. Die schmale Gestalt, die im Gegenlicht am Fenster stand und ins Nichts schaute. Und plötzlich, mit einem Male, war sie dann wieder fröhlich, zu fröhlich. Zu wenig oder zu viel. Manchmal fast gleichzeitig. S.121

Dieser Roman beschreibt die Spurensuche einer Tochter und das Versöhnen mit der Mutter. Dabei beleuchtet die Autorin ihre eigene Familiengeschichte unter dem Aspekt von äußeren Einflüssen und geschichtlichen Gegebenheiten. Mit nüchternen und gleichzeitig eindringlichen, aufwühlenden Worten, gespickt mit sarkastischen sowie schwarzhumorigen Elementen berichtet Bettina Flitner von Gilas Schicksal, aus ihrem Leben mit ihren depressiven Stimmungen und letztendlich dem Suizid. Hierbei überschneiden sich tatsächliche Ereignisse und fiktionale Beschreibungen.

Die Mutter wächst behütet im heitige Polen auf. Dabei entsteht ein lebhaftes Bild der damaligen Zeit. Infolge der geschichtlichen Gegebenheiten flieht die Familie 1946 mit dem 9jährigen Mädchen aus Schlesien nach Celle. Es folgt, gezwungenermaßen, ein komplett anderes Leben. Diese Nachlast und Traumata wirken auf nachfolgenede Generationen. Eine Annäherung an dieses sensible Thema ist der Autorin gelungen. Anhand von Fotos, Erzählungen, Gesprächen, Dokumenten und das Aufsuchen der Orte ihrer Lieben versucht Bettina Flitner das Geschehene zu verstehen und zu verarbeiten. Ihre klare Sprache springt in der Zeit und versucht das Unfassbare zu begreifen. Eine Familiengeschichte und Vergangenheitsbewältigung, die sich sehr gut lesen lässt und noch lange zum Nachdenken anregt.

Fazit: Das vorliegende Buch ist eine Aufarbeitung der tragischen wiederkehrenden Selbsttötung innerhalb der Familie. So knüpft dieser Roman an „Meine Schwester“ an. Beide Erzählungen gehören zusammen und stehen doch für sich selbst.

Des Weiteren befasst sich die Autorin mit historischen Themen des 2. Weltkriegs und der Vertreibung.

Ich wollte diese Geschichte so gern lesen, da auch Teile meiner Familie in Ostpreußen und Schlesien verwurzelt sind. Und ich habe es nicht bereut, mich auf diese intelligente, anspruchsvolle, ehrliche, harte und gleichzeitig einfühlsame Erzählung eingelassen zu haben.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 07.09.2025

Was kann die Geschichte einer Familie anhaben?!

Meine Mutter
0

Meine Mutter ein Roman von Bettina Flitner

Sie ist es immer geblieben: Dieses zerbrechliche Mädchen, um das man sich kümmern musste. Die schmale Gestalt, die im Gegenlicht am Fenster stand und ins Nichts ...

Meine Mutter ein Roman von Bettina Flitner

Sie ist es immer geblieben: Dieses zerbrechliche Mädchen, um das man sich kümmern musste. Die schmale Gestalt, die im Gegenlicht am Fenster stand und ins Nichts schaute. Und plötzlich, mit einem Male, war sie dann wieder fröhlich, zu fröhlich. Zu wenig oder zu viel. Manchmal fast gleichzeitig. S.121

Dieser Roman beschreibt die Spurensuche einer Tochter und das Versöhnen mit der Mutter. Dabei beleuchtet die Autorin ihre eigene Familiengeschichte unter dem Aspekt von äußeren Einflüssen und geschichtlichen Gegebenheiten. Mit nüchternen und gleichzeitig eindringlichen, aufwühlenden Worten, gespickt mit sarkastischen sowie schwarzhumorigen Elementen berichtet Bettina Flitner von Gilas Schicksal, aus ihrem Leben mit ihren depressiven Stimmungen und letztendlich dem Suizid. Hierbei überschneiden sich tatsächliche Ereignisse und fiktionale Beschreibungen.

Die Mutter wächst behütet im heitige Polen auf. Dabei entsteht ein lebhaftes Bild der damaligen Zeit. Infolge der geschichtlichen Gegebenheiten flieht die Familie 1946 mit dem 9jährigen Mädchen aus Schlesien nach Celle. Es folgt, gezwungenermaßen, ein komplett anderes Leben. Diese Nachlast und Traumata wirken auf nachfolgenede Generationen. Eine Annäherung an dieses sensible Thema ist der Autorin gelungen. Anhand von Fotos, Erzählungen, Gesprächen, Dokumenten und das Aufsuchen der Orte ihrer Lieben versucht Bettina Flitner das Geschehene zu verstehen und zu verarbeiten. Ihre klare Sprache springt in der Zeit und versucht das Unfassbare zu begreifen. Eine Familiengeschichte und Vergangenheitsbewältigung, die sich sehr gut lesen lässt und noch lange zum Nachdenken anregt.

Fazit: Das vorliegende Buch ist eine Aufarbeitung der tragischen wiederkehrenden Selbsttötung innerhalb der Familie. So knüpft dieser Roman an „Meine Schwester“ an. Beide Erzählungen gehören zusammen und stehen doch für sich selbst.

Des Weiteren befasst sich die Autorin mit historischen Themen des 2. Weltkriegs und der Vertreibung.

Ich wollte diese Geschichte so gern lesen, da auch Teile meiner Familie in Ostpreußen und Schlesien verwurzelt sind. Und ich habe es nicht bereut, mich auf diese intelligente, anspruchsvolle, ehrliche, harte und gleichzeitig einfühlsame Erzählung eingelassen zu haben.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 07.09.2025

Minnesang und Kreuzzug

Das Lied des Vogelhändlers
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Das Lied des Vogelhändlers von Ralf H. Dorweiler

„Das ist also die Kunst der Dichter“, bemerkte Wigbert. „Ihr denkt euch ein Lied aus, das eine Geschichte erzählt, die aber noch mehr bedeutet.“
„Gute ...

Das Lied des Vogelhändlers von Ralf H. Dorweiler

„Das ist also die Kunst der Dichter“, bemerkte Wigbert. „Ihr denkt euch ein Lied aus, das eine Geschichte erzählt, die aber noch mehr bedeutet.“
„Gute Dichtung tut das, Vogelhändler. Aber es gibt auch einfache Lieder, die man so verstehen kann, wie sie geschrieben sind. Manchmal sind das gar die schwierigeren.“
„Wird man Euch auf Burg Hachberg mit eigenen Dichtungen hören?“
„Wenn man mich dazu auffordert, tue ich das gern“, sagte Walther. S.78/79

Der historische Abenteuerroman deckt zwei Zeitebenen ab. Beginnend im Jahr 1200 befinden sich der Vogelhändler Wigbert und sein Mündel Almut auf dem Weg zur Burg Hachberg. Die Söhne von Herman IV., Markgraf von Baden richten ein Turnier auf der Burg aus. Unter den geladenen Gästen befinden sich Anhänger des Gegenkönigs Otto IV. und ein intrigantes Spiel läuft im Hintergrund ab. Der Minnesänger Walther von der Vogelweide, als Gesandter König Philipps, kreuzt den Weg des Vogelhändlers und der Vogelsprache mächtigten Almut. Sie erklimmen zusammen das letzte Stück des Wegs zum gemeinsamen Ziel.

Im zweiten Erzählstrang entführt uns der Autor ins Jahr 1190 ins Heilige Land. Ein Kreuzzug unter Barbarossa zieht gen Osten. Franziska von Hellenau sowie eine handvoll Nonnen zu Kloster Bingen reisen mit ihnen. Hier entspinnen sich neben dem Kriegsgetümmel eine Intrige und eine Liebesgeschichte mit Folgen, die ihren Höhepunkt im Jahr 1200 im Markgräflichen Hof auf Burg Hachberg findet.

Diese lebendig geschriebene Geschichte hat mir außerordentlich lesenswerte Stunden beschert. Der Autor schreibt in gewöhnt lebhafter und anschaulicher, der Zeit entsprechender Sprache. Das ist wohl einer gelungenen Recherche und Ortskenntnis geschuldet. Wie gewohnt aus den Romanen des Autors entdeckt man die damaligen Tätigkeitsfelder neu und kann dabei den Standesdünkel wunderbar einordnen.
Des Weiteren lebt die Erzählung aus der Mischung historischer und fiktiver Personen. Besonders Franziska ist mir ans Herz gewachsen sowie Wigbert mit seiner besonnen Art. Zur Einornung der jeweiligen Handlung der historischen Persönlichkeiten sowie zum Nachschlagen steht ein Personenregister zum Anfang des Buches zur Verfügung.

Besonders gut gefallen haben mir die einleitenden Kapitelüberschriften mit Zitaten und historischen Worten. Dabei nimmt Ralf H. Dorweiler passend bezug auf die gefiederten Tiere. Jeweils ein Vogel steht im Mittelpunkt und bekommt im laufenden Text eine entsprechende Rolle. Auch hier lernt man Neues hinzu.

Das Nachwort mit interssanten Fakten rundet diesen Roman ab.

Fazit: Eine spannende Geschichte! Wie schon in vorangegangenen Romanen vernetzt der Autor historische Handwerke und tatsächliche Persönlichkeiten in seiner Erzählung. Der vorliegende Roman ist eine gekonnte Mischung aus Historie, Krimi, Abenteuer und Liebesgeschichte. Unbedingt empfehlenswert!

  • Einzelne Kategorien
  • Handlung
  • Erzählstil
  • Charaktere
  • Cover
  • Historisch
Veröffentlicht am 27.07.2025

Wiesenschwertlilien, Sumpfgladiatoren, Wiesenschnauzkraut und all die wilden Pflanzengeschöpfe...

Himmelerdenblau
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Himmelerdenblau von Romy Hausmann (Penguin Verlag)

„Ich möchte Liv Keller auch von ihr erzählen, von Julie, von Julie ganz besonders. Ich möchte, dass aus den Sätzen, die sie in ihrem Potcast über sie ...

Himmelerdenblau von Romy Hausmann (Penguin Verlag)

„Ich möchte Liv Keller auch von ihr erzählen, von Julie, von Julie ganz besonders. Ich möchte, dass aus den Sätzen, die sie in ihrem Potcast über sie formuliert hat, aus der Figur in ihrem Transkript, ein Mensch wird. Ich will, dass sie ihr Lachen hört, als wäre es echt, als stünde Julie direkt neben ihr. ...“ S. 75

Seit 20 Jahren ist Julie spurlos verschwunden. Als neue Spuren im Zuge eines Potcasts über sie auftauchen, beginnt ihr Vater Theo erneut nach seiner Tochter zu suchen. Zusammen mit Liv, die den Potcast mit ihrem Partner Phil leitet, ermitteln beide auf eigene Faust. Das gestaltet sich, durch Theos Krankheit, seine Vergesslichkeit und die daraus resultierenden spontanen Aktionen, oft schwierig. Geduld ist gefragt, bei Theo mit sich selbst und allen anderen, die mit ihm zusammen sind.
Doch die Suche wühlt alte Wunden wieder auf und setzt eine fatale Kettenreaktion in Gang. Denn nicht Julie allein ist das Opfer in diesem Roman von Romy Hausmann.

Die unterschiedlichen Protagonisten kämpfen mit mentalen und körperlichen Dämonen. Theos beginnende Demenz und das Vergessen treiben ihn an. Er weiss, dass ihm die Zeit davonläuft. Mit Theo hat die Autorin einen Akt des Verstehens geschaffen. Sie beschreibt diese Krankheit aus Theos Sicht so eindringlich, gefühlvoll, lebendig und verständlich, dass man nicht anders kann, als zu begreifen, was im Kopf ihres Protagonisten passiert. Alle Emotionen werden bedient und man fühlt einfach mit ihm. Theo Novak ist der traurige und doch hoffnungsvolle Star in Himmelerdenblau. Mit dieser einzigartigen Erzählkunst ist ihr ein großes Meisterstück gelungen.

Auch Sophia, Julies Schwester ist nie über den Verlust und das plötzliche Verschwinden ihrer Schwerster hinweggekommen. Und ebenso Liv schleppt ein großes Päckchen aus ihrer Kinder-und Jugendzeit mit sich herum. Die jeweils daraus resultierenden Folgen sind unterschwellig präsent und treten in getriggerten Situationen ans Tageslicht.

Mit dem Einbeziehen des Potcasts werden die Vor- und Nachteile dieses Formats und der Berichterstattung aufgezeigt. Schlimm, was schonungsloser Journalismus anrichten kann. Liv hinterfragt die ein odere andere Sequenz ihrer Arbeit und beginnt sich zunehmend in die Opfer sowie deren mutmaßliche Täter und die Angehörigen hineinzuversetzen. Sie ist eine absolut liebenswerte Protagonistin.

Durch den fesselnden Schreibstil versteht es die Autorin, mich als Leser zum Mitfiebern anzuregen und legt die ein oder andere falsche Fährte. Dies erhöht die Spannung und hält das Niveau auf einen anspruchsvollen Level. Da aus der Sichtweise der einzelnen Protagonisten erzählt wird, kann man sich intensiv in die jeweilige Figur hineinversetzen.

Fazit: Dieser Thriller musste erzählt werden und lag der Autorin mit Sicherheit sehr am Herzen. Überhaupt die Wahl des Titels, verflochten in der Geschichte, perfekt! Und am Ende eine leichte Enttäuschung, ich musste darüber nachdenken. Doch keineswegs, denn beim genaueren Betrachten könnte es so gewesen sein, erschreckend, eindeutig mit Spielraum für eigene Interpretationen.
Ich habe einen gelungenen Roman über die Folgen von fatalen Fehlentscheidungen, den Zusammenhalt und die Abgründe einer Familie sowie den Versuch gegen das Vergessen anzukämpfen gelesen. Danke Romy für dieses tolle Buch!

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Veröffentlicht am 30.06.2025

Niemand wird ihr glauben, zu verrückt und einfach genial!

Im Leben nebenan
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Im Leben nebenan ein Roman von Anne Sauer (dtv)

Was wäre wenn? Was wäre wenn, wenn es ein Leben parallel zum jetzigen eigenen gäbe? Toni: ihr Freund Jakob, eine kleine Wohnung, Workaholic, ohne Kind und ...

Im Leben nebenan ein Roman von Anne Sauer (dtv)

Was wäre wenn? Was wäre wenn, wenn es ein Leben parallel zum jetzigen eigenen gäbe? Toni: ihr Freund Jakob, eine kleine Wohnung, Workaholic, ohne Kind und Antonia: Ehemann Adam, ein Haus mit großer Küche, angrenzender Schwiegermutter und einem Kind. Zwei Entwürfe, die beide Male ihren Tribut zollen, körperlich, mental und gesellschaftlich. Welche Zweifel, Schwierigkeiten und Sehnsüchte entwickeln sich, wenn man im gewählten Lebensentwurf feststeckt. Kann man diesen revidieren, möchte man das und wenn ja, mit welchen Vorurteilen und Rollendenken hat man zu kämpfen? Kann man in eine selbstgewählte Rolle hineinwachsen? Welche Erwartungen müssen dabei erfüllt, welche Klischees bedient werden und wo bleiben, in diesem Fall, Antonia und Toni selbst?

Der Roman stellt sich auf die weibliche Seite, wertfrei, rein betrachtend und berauschend direkt erzählt.

Antonia schließt die Augen, atmet tief ein und wieder aus. Tief ein. Und aus. Wird ruhiger. Ist schon wieder und immer noch ganz am Anfang, als sie sich zu dem Baby nach unten beugt und flüstert: „Was machen wir den jetzt mit dieser Scheiße hier?“ Und von allen Dingen, die sie an diesem Tag für unwahr gehalten hat, gehört das kleine Babylächeln, das sich jetzt vor ihr ausbreitet, nicht dazu. Antonia lächelt hilflos zurück, kann gar nicht anders, außer über die rosa Zungenspitze zu schmunzeln, die ihr Hanna frech entgegenstreckt. S.69

Als sie hört, dass der Zug einfährt, löst sie sich von der Liste auf dem Bildschirm. Hat noch den Satz im Ohr, der vorhin fiel, leichtfertig in die Runde geworfen, gerichtet an niemand Bestimmtes: „Du wirst es sonst bereuen.“ Kinder zu bekommen, fragte sich Toni, oder keine bekommen zu wollen? S.167

Anne Sauer hat mich mit den Gedanken und Gefühlen der Protagonistin tief bewegt und zum Nachdenken gebracht. In ihrer sensiblen und gleichzeitig drastischen Sprache hat sie mich emotional gefesselt und direkt erreichen können.

Fazit. Ein Roman, der bewegt und nachhaltig in Erinnerung bleibt! Eine klare Leseempfehlung für diese herausragende Idee und gelungene Umsetzung.

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