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Veröffentlicht am 08.03.2026

Anhalten und kurz mal überlegen, was man wirklich will

Einatmen. Ausatmen.
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Einatmen Ausatmen ein Roman von Maxim Leo (Kiepenheuer & Witsch)

Später konnte sie sich nicht mehr an jede Einzelheit erinnern, was aber nicht schlimm war, weil ein Gefühl übrig blieb, das warm und beruhigend ...

Einatmen Ausatmen ein Roman von Maxim Leo (Kiepenheuer & Witsch)

Später konnte sie sich nicht mehr an jede Einzelheit erinnern, was aber nicht schlimm war, weil ein Gefühl übrig blieb, das warm und beruhigend war und alles andere überstrahlte. Dieses Gefühl war wichtiger als jede Erinnerung. Es war das, was immer bleiben würde, was sie von nun an mit ihrer Familie verband. S. 116

Maxim Leo hat einen modernen Roman geschrieben, der in die heutige Zeit passt. Marlene Buchholz ist das Aushängeschild einer erfolgreichen, zielstrebigen Generation. Eine Managerin, die sich nach außen unnahbar gibt und sozial eine Niete ist. Ihr gegenüber steht Alex Grow, der sich seinerseits gefühlsbetont, wissend und einfühlsam verkauft. Doch sein Nervenkostüm ist alles andere als stabil. Er steckt fest, mitten im Leben und in seiner Acadamy im Brandenburger Schloss, mit der er nicht weiß, wie es weitergehen soll. Bei seinem Achtsamkeitstraining gibt er sich souverän, doch sein Inneres spricht Bände.
Das klingt nach einem vielversprechendem Plot mit guten Aussichten auf ein Happy End. Weit gefehlt. Hier wird diskutiert, interpretiert und nach der Sinnhaftigkeit des Daseins gesucht. Dabei gehen die Hauptcharaktere abenteuerliche Konstellationen ein und wundersame Nebensächlichkeiten spielen plötzlich eine tragende Rolle. Der zumeist lustige Text mit einem Hang zum Tiefsinnigen driftet in Klischees und Fantasien ab. Interessant, wenn man sich darauf einlässt. Mir hat der Roman trotzdem gefallen. Der gewöhnt flüssige, detailreiche und anschauliche Schreibstil des Autors unterstreichen meinen Eindruck. Die Erzählung lebt von den facettenreichen Figuren, die unbekannte Seiten an sich entdecken. Die Frage nach dem Sinn des Lebens und die Reflektion der eigenen Lebensweise steht hier im Mittelpunkt. Denn für Veränderungen ist es nie zu spät. Diese Erkenntnis gewährt uns der Autor bei der Beleuchtung ernstzunehmender Themen. Nachdenklich, humorvoll und etwas absurd, aber es ist trotzdem eine schöne Geschichte! Gute Unterhaltung, kurzweilig erzählt.

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Veröffentlicht am 08.03.2026

Die Last der Verantwortung

Immergrün
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Immergrün ein Roman von Ruth Olshan (Bastei Lübbe AG Pfaueninsel Verlagsgesellschaft)

Diese Feierlichkeit verflog mit jedem Kilometer meiner Fahrt, weil ich mich erinnerte, weil ich mich in Gedanken verstrickte ...

Immergrün ein Roman von Ruth Olshan (Bastei Lübbe AG Pfaueninsel Verlagsgesellschaft)

Diese Feierlichkeit verflog mit jedem Kilometer meiner Fahrt, weil ich mich erinnerte, weil ich mich in Gedanken verstrickte und weil ich wütend darüber war. Dass die Welt so tat, als sei nichts gewesen, als sei meine Mutter nicht gestorben, als hätte ich mit ihrem Tod meine Vergangenheit nicht verloren. Die Autobahn war schuld. Sie führte mich in diese meine tobende Innenwelt. S.37

Ruth Olshan erzählt von einer Odyssee, die die Protagonisten, als Baby, von Moskau über Israel und in späteren Jahren nach Deutschland führt. Mit den Urnen ihrer Mutter und Großmutter kommt sie endlich in der Litauen an und der Kreis schließt sich in dieser, ihrer verloren Heimat. Drei Generationen im Überlebenskampf zwischen Sprachbarrieren, Bürokratie, Religion und Kultur. Die Autorin erzählt vorrangig von ihrer kleinen Familie, ihrer Mutter, ihrem Vater und sich selbst. Sie beschreibt in einem gut geschrieben Text von den Schwierigkeiten, Streitereien der Eltern und der wachsenden Problembewältigung eines Teenagers sowie in späteren Jahren, die einer jungen Frau. Diese geht ihren Weg, trotz der Bürde vergangener und präsenter Generationen, einem Zwiespalt des Glaubens und einem allem Gerecht werden Wollen und Müssen. Sie muss zeitig Verantwortung übernehmen aus der Not heraus und aus Schwäche sowie Desinteresse ihrer Lieben. Dennoch fühlt sich allein. Oder gerade deswegen, als die Frauen aus ihrem Leben scheiden.
Die verschiedenen Figuren platzieren sich in der Geschichte unterschiedlichster Staaten, arrangieren sich und passen sich an; manche schaffen es besser, andere schlechter. Das ist wohl auch Charaktersache und tragend in der Erzählung.

Fazit: Ich habe ein sehr bewegendes Buch gelesen. Es animiert den Leser zu einem anderen Blickwinkel, heraus aus der Komfortzone und hinein in ein anderes, fremdes Leben. Trotz der zahlreichen Wiederholungen und den intensiven Beschreibungen mancher Szenen habe ich diesen Roman sehr gern gelesen und kann ihn uneingeschränkt weiterempfehlen. Die Autorin offenbart ihr Inneres und das sollte man würdigen und ernst nehmen.

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Veröffentlicht am 16.11.2025

Die Verantwortung der Eltern, die Antwort: Liebe

Ich hab dich ganz genauso lieb
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Ich hab dich ganz genauso lieb ein Kinderbuch von Keira Knightley (Schneiderbuch-HarperCollins)

Sie schleicht auf Zehenspitzen rein
und küsst mich auf mein Haar.

Sagt „Meine Große, schlaf jetzt ein“
und ...

Ich hab dich ganz genauso lieb ein Kinderbuch von Keira Knightley (Schneiderbuch-HarperCollins)

Sie schleicht auf Zehenspitzen rein
und küsst mich auf mein Haar.

Sagt „Meine Große, schlaf jetzt ein“
und lässt ein Briefchen da.

Die ganze Welt gerät ins Wanken mit der Ankündigung von weiterm Nachwuchs. Nicht nur auf die Eltern, sonder auch auf die älteren Kinder stürzen Freude und Bedenken gleichzeitig ein. Man muss sich als Familie und einzelnes Familienmitglied innerhalb der kleinen Gemeinschaft neu finden und gerade für das Geschwisterkind kann das eine enorme Herausforderung sein. Liebe, Freude, Erwartungen, Eifersucht und Wut konkurieren miteinander und können die Gefühlswelt ganz schön durcheinander bringen. Wir Eltern und Erwachsene sind da, um dem kleinen Menschen zu helfen, seinen Platz im Familiengefüge zu finden. Das Bewustsein, dass die Liebe nicht geteil wird, sondern stärker als zu vor werden kann, erklärt die Autorin in ihrem inspirierenden Buch. Die wundervollen, zarten und zugleich ausdrucksvollen Zeichnungen und der fantasiereiche Text inspierieren zu einer Traumreise. Kinder und erwachsene Leser sowie Vorleser können immer und immer wieder Kleinigkeiten und Neues darin entdecken. Die Abbildungen und Farben spiegeln die jeweilige Stimmung wieder. Der Text ist aus der Sicht und Stimmung des Kindes geschrieben und darf, für mich, kindlich emotional sein. Das positive Ende, gemeinsame Fazit und die Botschaft, die diese Kinderbuch beschreiben, finde ich sehr wichtig und brillant umgesetzt!

Fazit: Ich hätte mir vor sechzehn Jahren solch ein wundervolles Buch zur Unterstützung gewünscht, um meiner Tochter begreiflich machen zu können, dass die Ankunft ihres Bruders bei Weitem nicht so dramatisch ist, wie sie sich das vorgestellt hat.
Zu den kritischen Stimmen möchte ich gern noch etwas anfügen; oft sind wir Erwachsenen diejenigen, die beurteilen und werten, Kinder dagegen sehen mit anderen Augen und sind neugierig. Daher, gebt diesem zauberhaften Buch eine Chance und versucht die Botschaft zu verstehen. Ich empfehle diese Erzählung uneingeschränkt und hoffe auf weitere Lektüre der Autorin.

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Veröffentlicht am 16.11.2025

Zeitgeschehen

Wenn die Sonne untergeht
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Wenn die Sonne untergeht von Florian Illies (S.Fischer Verlag)

So erleichtert ist Thomas Mann, dass er in Frankreich nach drei Wochen wieder sein Lieblingskind Elisabeth in die Arme schließen kann, dass ...

Wenn die Sonne untergeht von Florian Illies (S.Fischer Verlag)

So erleichtert ist Thomas Mann, dass er in Frankreich nach drei Wochen wieder sein Lieblingskind Elisabeth in die Arme schließen kann, dass er ihr abends, als sich ein prächtiger Regenbogenüber die Bucht von Le Lavandou spannt, den Schluss des Rheingolds von Wagner vorsingt. Wenn ihm seine Medi so ergriffen zuhört, können ihm die 43 Unterzeichner des Protests der Richard-Wagner-Stadt München doch glatt gestohlen bleiben. S.120

Florian Illies gibt Einblicke in die Familiengeschichte und die Beziehungen der Familie Mann und deren Freunde und Bekannten. Er verbindet die privaten Erlebnisse der Manns mit dem Zeitgeschehen. Hierbei erschweren die hiesigen Herrschenden und die jüdische Abstammung seiner Frau die Rückkehr ins alltägliche Leben. So landen Thomas Mann, seine Frau Katja und die sechs Kinder im Sommer 1933 am französischen Mittelmeer in Sanara-sur-Mer. Die Lage in Deutschland wird immer prekärer und so bleibt die Familie erst im Hotel und bezieht dann ein Haus. Das Ehepaar erlebt in diesem Sommer Zweisamkeit, einen strukturierten Alltag und intellektuelle Gespräche sowie einen regen Austausch mit Freunden.
Die Erzählung erscheint wie eine Sammlung von Momenteufnahmen aus der genannten Zeit. So zeichnet der Autor ein lebediges und vielschichtiges Bild. Er fängt die kleinen, unscheinbaren Momente des Alltags ein und verleiht ihnen Bedeutung. Man rückt der Familie Mann ein Stück näher und somit ist der Leser hautnah dabei, wenn Illies von individuellen Erfahrungen und Beobachtungen der Protagonisten erzählt. Die Figuren sind authentisch gezeichnet und Illies spart nicht mit ehrlichen Worten. So bekommt der ein oder andere, sein mit Augenzwinkern versehenes, Fett weg, doch ohne jemals beleidigend oder bloßtellend zu wirken. Der faktenbasierte, teils fiktive Text trägt tiefsinnige Gedanken und läd ebenso zum Schmunzeln ein.
Doch nicht nur die Details des Alltags stechen ins Auge, vielmehr fängt der Autor die Stimmung der damaligen Zeit sowie die Empfindungen und Meinung der Künstler und Intellektuellen ein. Illies schreibt von Sehnsucht, Heimatverbundenheit, denn zeifelsohne ist das hier kein normaler Urlaub, sondern eine, irgendwie den Umständen geschuldete, gefühlt erzwungen verbrachte Freizeit.

Gefallen hat mir das Kapitel „Danach“, in dem man etwas über den weiteren Werdegang und die Schicksale der Familienmitglieder und Freunde erfährt. Auch der Stammbaum am Ende des Buches erweist sich als hilfreich. Die Aufmachung finde ich sehr gelungen.

Fazit: Ein sehr schöner Roman, poetisch, ehrlich, intellektuell; ich habe ihn sehr gern gelesen!

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Veröffentlicht am 12.10.2025

Damenrunde in Aufarbeitungslaune

Damentour
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Damentour von Theres Roth-Hunkeler
„Hast du schon erzählt, unterbrach sie Claudia und zu Louise gewandt sagte sie: Hörst du bloß nicht mehr gut oder haperts auch bei deinem Gedächtnis? Als Louise nicht ...

Damentour von Theres Roth-Hunkeler
„Hast du schon erzählt, unterbrach sie Claudia und zu Louise gewandt sagte sie: Hörst du bloß nicht mehr gut oder haperts auch bei deinem Gedächtnis? Als Louise nicht reagierte auf die Provokation, erzählte Vera weiter:... S.86
Mir ist es schwer gefallen in diese Geschichte hineinzukommen, nein falsch, in diese vielleicht gut gemeinte „Damenwelt“ einzutauchen.
Ruth und Anna laden sich ihre „Auftaktfrauen“: Vera, Hella, Claudia, Louise und Mathilde auf das mondäne Anwesen von Ruth zu ihrem „Damenprogramm“, übrigens oft erwähnt und der Bedeutung zuliebe kursiv geschrieben, ein. Gestelzt gehen die Frauen der Frage nach dem Alter und dem Altern auf den Grund ohne in richtige Tiefen abzutauchen. Es kommt kein richtiger Schwung auf bei dem die stereotypischen Frauenbilder ihre Vergangenheit, Rollenbilder und Zukunftsaussichten hinterfragen. Krampfhaft versuchen sie etwas herbeizureden, suchen die Verantwortlichkeit für ihr Leben bei anderen Personen, direkte Gespräche von oben herab, andererseits interessante Thesen, die es gelohnt hätten, näher beleuchtet zu werden.
Anfänglich täuschte mich „Damentour“ mit einem edlen Cover und einem interessanten Klappentext. Doch im Laufe der Geschichte geht die Autorin Themen provokant an und enttäuschte mich mit der ein oder anderen Aussage und Ansicht. Dann schreibt Theres Roth-Hunkeler so weise Worte, dass ich mich darin verlieren kann und ehrlich nachdenklich gestimmt bin. Das Extrem und dieser Zwiespalt in diesem Buch verwirren mich und lassen mich zu dem Schluss kommen, dass ich den Text und auch so manche Protagonistin nicht wirklich mag.
Fazit: Geschmäcker gehen auseinander und nicht jedem kann alles gefallen. Doch ich habe im Nachgang „Damenprogramm“ aus der Feder der Autorin gelesen und fand die vorangestellte Geschichte wesentlich tiefer und besser erzählt. Diese Geschichte steht sehr gut auf eigenen Beinen, eine Fortsetzung in Form von „Damentour“ hätte es für mich nicht gebraucht.

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