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Veröffentlicht am 12.02.2026

Abgründige Kurzgeschichte: Was ist wahr?

Wer bist du?
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Bei der Ich-Erzählerin, die seit dem Tod ihres Mannes alleine lebt, steht eines Tages ein Mädchen vor der Tür, mit einem 1000-Schilling-Schein in der Hand und einer fadenscheinigen Geschichte. Die beiden ...

Bei der Ich-Erzählerin, die seit dem Tod ihres Mannes alleine lebt, steht eines Tages ein Mädchen vor der Tür, mit einem 1000-Schilling-Schein in der Hand und einer fadenscheinigen Geschichte. Die beiden verbringen einen Nachmittag miteinander:

„‘Magst du eine heiße Schokolade?’, fragte ich. ‘Wir trinken eine heiße Schokolade, und dann überlegen wir, was zu tun ist.’
Zögernd ging sie mir nach.
In der Küche fragte sie: ‘Was ist eine heiße Schokolade? Ist das so etwas wie Kakao, nur ein anderes Wort?’
‘O nein’, sagte ich. ‘Es ist tatsächlich etwas Ähnliches, aber doch etwas ganz anderes.’
‘Wie soll das stimmen können’, sagte sie, und ich schämte mich.
Ich schämte mich doppelt. Erstens wegen meiner kokett umständlichen Ausdrucksweise – ‘etwas Ähnliches, aber doch etwas ganz anderes’ –, zweitens schämte ich mich, weil ich auf einmal die Unterlegene war. Ich muss das präziser sagen: Auf einmal war sie die Erwachsene und ich das Kind. Als wollte sie zu mir sagen: Drück dich gefälligst verständlich aus! Ich bemühte mich, vor ihr einen guten Eindruck zu machen. Sie bemühte sich nicht. Ist Ihnen das schon einmal passiert? Dass Sie vor einem Kind einen guten Eindruck machen wollten? Wie wenn man von jemandem etwas erwartet. Was erwartete ich von diesem Kind? Doch nichts.“

Sie schickt das Mädchen schließlich nach Hause mit dem Versprechen, das Geld für sie im Garten unter einem Stein zu deponieren.
Kurz darauf wird das Mädchen vermisst und nie gefunden. Die Erzählerin sucht genauso vergeblich nach ihr wie die Polizei; vergessen kann sie das Kind nicht: „Man hat sie nie gefunden. Ich habe immer an sie gedacht: Jetzt müsste sie zehn sein, jetzt fünfzehn, jetzt zwanzig …“

Aber:
„Dann geschah das Unglaubliche. Eine junge Frau, genaues Alter ungewiss, Mitte zwanzig oder so, dunkle Haare, schattige Augen, etwas übergewichtig, klingelte an meiner Tür. Sie schlüpfte an mir vorbei ins Haus, stand im Dunkeln, weil bei mir alle Fenster und Türen hin zum Hellen geschlossen und mit dicken Vorhängen bedeckt sind.
»Erinnern Sie sich?«, fragte sie und fasste mich am Arm: »Ich bin es. Ein kurzer Besuch. Darf ich? Nur ein kurzer Besuch. Die Freundschaft.«
Sie war es. Es war meine Michaela »Michi« Beer! Die Haare hatte sie dunkel gefärbt. Aber die rote Strähne war da.“

Die Frau zieht bei der Ich-Erzählerin ein, doch nach und nach kommen ihr Zweifel, ob es sich bei der Frau wirklich um das Mädchen von damals handelt ...

Ich hatte bisher noch nichts von Monika Helfer gelesen. Sprachlich hat mir diese kurze, abgründige Erzählung sehr gut gefallen. Es bleiben am Ende einige Fragen offen uns lassen viel Raum für eigene Interpretationen.

„Von dem, was einer ist. Nicht viel mehr sieht jeder im andern, als er selber ist. Ich war die Dumme und habe in ihr die Dumme gesehen. Nun sehe ich in ihr die Lügnerin.
Ich glaubte ihr kein Wort. Das ist eine Redewendung. Kann doch nie die volle Wahrheit sein, denkt der Mensch.“

Eine interessante Leseerfahrung - Vielen Dank an den Kiepenheuer & Witsch Verlag und an NetGalley für das Rezensionsexemplar!

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Veröffentlicht am 12.02.2026

Der maßgebliche Motor für Veränderungen ist unser Begehren: Feministische Denkanstöße 3,5⭐️

Postpatriarchales Chaos und wie wir mit Feminismus die Freiheit erobern
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Nach Antje Schrupps Ansicht ist das Patriarchat längst vorbei und wir leben in einer Art „postpatriarchalem Chaos“. Daher müssen feministische Strategien überdacht werden, um gegen den aktuellen Trend ...

Nach Antje Schrupps Ansicht ist das Patriarchat längst vorbei und wir leben in einer Art „postpatriarchalem Chaos“. Daher müssen feministische Strategien überdacht werden, um gegen den aktuellen Trend des „Rechts“ der Stärkeren, Gewalt und ökonomischer Überlegenheit anzugehen.

„Damit verbunden ist ein Perspektivenwechsel für feministische Anliegen: Wir kämpfen nicht für das, was uns vermeintlich zusteht, sondern für das, was wir wollen, was uns am Herzen liegt. Der dystopischen Welt der Chaoten, die auf Machtkämpfen, Ausbeutung und Egoismus beruht, setzen wir nicht etwa eine bessere Welt entgegen, sondern eine andere. Eine, die uns besser gefällt. Unsere Welt. Unsere Utopie. Eine Welt, so wie wir sie uns vorstellen. Wir halten uns nicht damit auf, zu beweisen, dass wir recht haben, denn das interessiert sowieso niemanden. Erst recht entschuldigen und rechtfertigen wir uns nicht für unsere Wünsche und Sehnsüchte. Sondern wir tun konsequent das, was wir für richtig halten; jeder im Rahmen der eigenen Möglichkeiten, so gut wir eben können. Weil wir wissen: ‚Es rettet uns kein höh’res Wesen, kein Gott, kein Kaiser noch Tribun. Uns aus dem Elend zu erlösen, können wir nur selber tun!‘ Feministischer Aktivismus bekommt auf diese Weise einen anderen Fokus: Er richtet sich nicht an die Machthaber, von denen wir Hilfe und Unterstützung erhoffen, sondern an Mitstreiterinnen und Verbündete, von denen wir glauben und denen wir zutrauen, gemeinsame Anliegen und Ziele voranzubringen. Das können sehr wohl auch Politikerinnen oder andere Personen in Machtpositionen sein – umso besser, denn sie haben Optionen und Möglichkeiten, die uns anderen fehlen. Aber es ist nicht das Amt, das sie zu möglichen Verbündeten macht, sondern ihr persönliches Begehren und die Beziehungen, die uns mit ihnen verbinden. Wir springen nicht auf Themen auf, die andere setzen und die wir mit unseren empörten Kommentaren nur verstärken würden, sondern wir priorisieren das, was uns interessiert.“

Die Autorin zitiert interessante Personen und argumentiert klug; auch wenn ich sagen muss, dass ich der ihr dennoch nicht in allen Punkten zustimme, z.B. was das Kapitel über Begehren angeht.

Teilweise war mir das Buch etwas zu theoretisch und trocken, insgesamt konnte ich jedoch einige interessante Denkanstöße mitnehmen.

„‘Nimm, was du kriegen kannst, und gib nichts zurück‘ – diese Lebensmaxime von Piratenkapitän Jack Sparrow im Spielfilm Fluch der Karibik bringt das Motto dieser neuen Zeit genau auf den Punkt: Wir haben es heute nicht mehr mit Patriarchen zu tun, sondern mit Piraten. Autokraten, die andere Länder überfallen, Tech-Milliardäre im Stil von ‚Move fast and break things‘, Medien, die für mehr Klicks Lügen erzählen: Im postpatriarchalen Chaos ist Skrupellosigkeit eine Tugend. Traditionen gelten für Piraten nicht. Auch keine patriarchalen.
Wenn wir in diesem Chaos unsere Freiheit erobern wollen – und das bedeutet, die Freiheit aller Menschen, denn Freiheit gibt es entweder für alle oder für niemanden –, sind wir dabei auf uns selbst gestellt. Niemand sonst wird das für uns erledigen.“

Um etwas zu verändern, müssen wir alle die Initiative ergreifen, im Kleinen wie im Großen.

„Es gibt Initiativen, denen wir uns anschließen, Bücher, die wir lesen, Ideen, die wir teilen und weiterdenken können, Projekte, in die wir unsere eigenen Ressourcen und Möglichkeiten einbringen können. Es kommt nicht darauf an, wie viel oder wie wenig das ist. Es kommt darauf an, dass wir damit beginnen. Und diesen Weg konsequent gehen, so weit es eben in unseren Kräften steht und uns nicht überfordert. Die wichtigsten politischen Verhandlungen führen wir womöglich nicht mit unseren politischen Gegner
innen, sondern mit uns selbst: Was ist mir was wert? Was kann und will ich tun? Wo bin ich bereit, mich unbeliebt zu machen? Kann ich über meinen Schatten springen, um dieses Bündnis einzugehen?
Der maßgebliche Motor für Veränderungen ist unser Begehren. Unsere wichtigsten Ressourcen sind die Aufmerksamkeit, die wir der Welt, den Menschen, den Ereignissen widmen, die wichtig sind. Die Klarheit, mit der wir sehen, was notwendig ist, um gutes Leben für alle auf dieser Welt zu ermöglichen. Unsere Beziehungen, unsere Entschlossenheit, unser Einfallsreichtum.“

Vielen Dank an den Aufbau Verlag und an NetGalley für das Rezensionsexemplar! 📚💚

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Veröffentlicht am 11.02.2026

Verzweiflung zwischen Aktendeckeln: Berührender, hochaktueller Roman

Walküre
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„Walküre“ von Daniel Zipfel ist ein anspruchsvoller Gegenwartsroman, der mich von Anfang an in den Bann gezogen hat. Die Geschichte spielt 2015, inmitten der chaotischen Fluchtbewegung. Der Protagonist ...

„Walküre“ von Daniel Zipfel ist ein anspruchsvoller Gegenwartsroman, der mich von Anfang an in den Bann gezogen hat. Die Geschichte spielt 2015, inmitten der chaotischen Fluchtbewegung. Der Protagonist Benjamin, beruflich Jurist in einer Asylrechtsberatung, holt gerade seine energische, aber leicht demente Oma aus Deutschland nach Wien; sie ist die titelgebende „Walküre“ mit einer fragwürdigen politischen Vergangenheit. Ben ist geschieden, hatte kürzlich eine Auszeit wegen psychischer Überlastung. Auch aktuell kann er sich schwer abgrenzen von den Schicksalen seiner Klienten.

„Die Schlaflosigkeit war furchtbar. Müde zu sein, todmüde, trotzdem nur dazuliegen, sich von einer Seite auf die andere zu wälzen und keinen Schlaf zu finden, an die Decke zu starren und auf die Wand, auf die Dunkelheit vor und hinter den Augen. Und gleichzeitig die Angst davor, einzuschlafen. Im Schlaf, im Traum kam nämlich alles zurück, aber unkontrolliert, ungefiltert, und man hatte nicht einmal die Mauern der Vernunft zwischen sich und all den Dämonen, die ungehindert losstürzten. Während des Krankenstands war es besser geworden mit dem Schlafen, da waren die Geschichten der Klienten weit weg, all die toten Verwandten, die detaillierten Schilderungen und die Foltergutachten.
‚Abgrenzungsproblematik‘ hatte es die Teamleiterin genannt. Ich müsse an der professionellen Distanz arbeiten, alles andere beeinträchtige, verunmögliche meine Tätigkeit als Berater.
‚Wir tanzen alle am Abgrund“, hatte Milena gesagt.“

Dem ehemaligen Dolmetscher seines Vereins, einem Syrer, werden Kriegsverbrechen vorgeworfen, was seinen Aufenthaltsstatus gefährdet. Ben möchte ihm helfen, gerät aber in ein moralisches Dilemma. Sein Klient versteht sich bestens mit seiner immer pflegebedürftiger werdenden Oma, für die es keinen Platz im Heim gibt. Kann Ben belastende Wahrheiten verschweigen?

Gleichzeitig muss Ben sich mit seiner eigenen Familiengeschichte auseinandersetzen. Es wurde nie geredet über das Leben seiner Großeltern damals im Nationalsozialismus, und das Schweigen setzt sich bis in die Gegenwart fort: „‘Es wundert mich nicht, dass in deiner Familie über so etwas nicht geredet wird.“ […] „Das ganze Schweigen. Hinter Schweigen gibt es immer noch mehr, immer etwas, was dahintersteckt. Wie bei den Antragstellern.“

Man merkt, dass der Autor selbst einen juristischen Hintergrund im Bereich Asylrecht hat; einerseits kam das dem Roman zugute, andererseits sind manche rechtliche Passagen für Leser*innen ohne Vorwissen schwer zu erschließen. Dennoch sie die bürokratischen Vorgänge sowie die (leider immer noch aktuellen) Missstände und Überlastungen im Asylsystem schmerzhaft authentisch dargestellt. „All ihre Verzweiflung, die Angst und die Emotionen wurden hier zwischen Kartondeckel gefügt.“

„Walküre“ ist ein berührender, kluger Roman über Verantwortung, Schuld und familiäre Altlasten, der sicher noch lange in mir nachhallen wird.
Daniel Zipfel schafft es, bei diesen ernsten Themen Tiefgang mit Leichtigkeit zu kombinieren, auch wenn das Lesen stellenweise wirklich weh tut, gerade auch bei den Passagen aus der Vergangenheit.

Von mir bekommt „Walküre“ eine ganz klare Leseempfehlung!

Vielen Dank an den Leykam Verlag und an NetGalley für das Rezensionsexemplar!

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Veröffentlicht am 11.02.2026

Was ist ein gutes Leben?

Das gute Leben
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Christina erbt das Haus ihrer Oma Anni. In dieses kleine Dorf bei Nürnberg kam Anni damals Mitte der 60er Jahre aus Rumänien, zog erst alleine ihre Tochter Helene und dann ihre Enkeltochter Christina auf, ...

Christina erbt das Haus ihrer Oma Anni. In dieses kleine Dorf bei Nürnberg kam Anni damals Mitte der 60er Jahre aus Rumänien, zog erst alleine ihre Tochter Helene und dann ihre Enkeltochter Christina auf, nachdem Helene sie verließ und in die USA zog. Ihren Lebensunterhalt verdiente Anni beim Quelle-Versand, packte Pakete, die ins damalige Wirtschaftswunderland verschickt wurden. Anni hatte immer von einem „guten Leben“ geträumt, aber Arbeit und Erziehung ihrer Enkeltochter verlangten ihr viel ab. Dazu kamen die Reisen zu ihrer Mutter nach Rumänien. Kurz vor der Rente wird Anni entlassen, ein harter Schlag für sie:

"In zwei Jahren wollte Anni ihren Renteneintritt feiern. Sowie die anderen vor ihr wollte sie Sekt trinken, ein Geschenk und eine Karte und Umarmungen entgegennehmen, eine Urkunde von der Quelle kriegen. Stattdessen kriegt sie jetzt einen Arschtritt. Personalabbau. Und sie ist eine von denen, die abgebaut werden."

Nach Annis Tod erinnert sich Christina an Annis Leben und ihre eigene Kindheit. Sie schafft es nicht, Annis Haus leer zu räumen, zu sehr ist es voll mit Erinnerungen.

Hm, ich hatte sehr hohe Erwartungen an diesen Roman, der mich inhaltlich eigentlich stark angesprochen hatte. Der Schreibstil von Nadine Schneider ist auch ganz gut, nur die fehlende direkte Rede ist teilweise anstrengend zu lesen.

Leider plätschert die Geschichte etwas ereignislos dahin. Die verschiedenen Erzählstränge und Zeitebenen fand ich recht gelungen, auch die Geschichte rund um die „Quelle“ war interessant, aber insgesamt bliebt der Roman leider hinter meinen Erwartungen zurück. Man hätte aus diesem vielversprechend klingenden Plot mehr rausholen können.

Dennoch vielen Dank an den S. Fischer Verlag und an Vorablesen für das Rezensionsexemplar.

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Veröffentlicht am 10.02.2026

Fragezeichen und Widersprüche

Heim holen
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Lina, ein Kind der 1990er Jahre, blickt als junge Frau zurück auf ihre Kindheit. Sie wuchs auf in einwer Welt aus alten Traditionen, in einer donauschwäbischen Gemeinschaft, die sich damals in Salzburg ...

Lina, ein Kind der 1990er Jahre, blickt als junge Frau zurück auf ihre Kindheit. Sie wuchs auf in einwer Welt aus alten Traditionen, in einer donauschwäbischen Gemeinschaft, die sich damals in Salzburg angesiedelt hatte, als sie vertrieben wurden. Zwar erinnert sich Lina gerne an Feierlichkeiten und die schönen Trachten, doch: „Mein Wissen über die Donauschwaben besteht vor allem aus Fragezeichen, Widersprüchen und Dingen, die sich mir entziehen.“

Als Lina erfährt, dass ihr Opa ein Mitglied bei der SS war, ist das ein Schock für sie.

„Nein, nicht Wehrmacht, Lina“, sagt meine Mutter und schüttelt ihren Kopf, „bei der SS war der Opa, das waren sie alle aus Semlin, soweit ich weiß. Aber was das genau war, du, keine Ahnung.“
Bei der SS.
Die Worte stoßen etwas an in mir, machen eine Reihe von Bildern, von Fragen, von Ausrufezeichen auf. Mir wird plötzlich klar, dass dies das erste Mal ist, dass ich nach dem „Im-Krieg-gewesen“-Sein meines Großvaters frage. Dass ich diese diffuse Beschreibung bisher einfach hingenommen habe, ohne an Unterscheidungen zu denken, was ein „Im Krieg-gewesen“-Sein zu dieser Zeit bedeutet haben kann.
[....]
„Und“, frage ich etwas zögerlich weiter, fühle mich plötzlich weniger souverän, „wie war das so von der Überzeugung her, also, gab es da schon einen Glauben an Hitler-Deutschland oder wie war das?“
Meine Mutter und ich sehen uns an und wissen in dem Moment beide, dass in meiner Frage ein „War der Opa ein Nazi?“ steckt, das ich versuche, auf diese Art abzufedern, ungelenk.
„Na ja, du, da hat man ja gar nicht so viel gewusst damals, dort in Belgrad. Also man hat sich halt entschieden: als Deutscher für das deutsche Heer. Und nachdem sie eben vorher schon so diskriminiert wurden dort …“

Im Zwiespalt zwischen der Liebe zu ihren verstorbenen Großeltern und ihrer eigenen Politisierung macht sie sich auf die Suche nach Antworten. Ihre Recherche bringt sie bis nach Belgrad. Und die Konfrontation mit ihrer Mutter wird zu einer schweren Belastungsprobe ... doch Lina will nicht aufgeben.

„Heim holen“ behandelt ein sehr emotionsbeladenes Thema, das ich sehr spannend finde. Daher war ich etwas enttäuscht, dass der Erzählstil etwas distanziert ist. Auch Lina selbst blieb etwas schwammig für mich als Mensch. Das Ende des Buchs war ebenfalls recht nüchtern. Ich hätte hier etwas anderes erwartet. Für mich war „Heim holen“ ein thematisch interessanter Debütroman, dessen Umsetzung mich leider nicht ganz abholen konnte.

Vielen Dank an den Residenz Verlag und an NetGalley für dieses Rezensionsexemplar! 📚💚

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