Wunderschön und abgründig – In Monika Helfers Novelle erzählen zwei Frauen um ihr Leben. Denn wer erzählt, hat Macht.
Monika Helfers meisterhafte Geschichte über die Begegnung zwischen zwei Frauen erzählt von Nähe und Einsamkeit, Liebe und Lebenslügen, von Angst – und von der Macht des Erzählens selbst.
Eines Tages steht ein Mädchen vor der Tür der Erzählerin, mit einem 1000-Schilling-Schein in der Hand und einer unglaubwürdigen Geschichte dazu. Als das Mädchen wenig später vermisst wird, sucht die Erzählerin vergeblich nach ihr. Jahre später taucht eine junge Frau auf, die behauptet, das Mädchen von damals zu sein, und die sich in ihr Leben drängt. Die Beziehung der beiden Frauen wird zu einem lauernden Tanz, bei dem jede die andere belügt – oder nicht? Wer erzählt wem was? Wer ist wer?
Monika Helfers Geschichte ist ein doppelbödiges Spiel, spannend und abgründig bis zum Schluss. Kat Menschik hat sie mit beunruhigend schwebenden, irisierenden Bildern versehen. Ein großes Lesevergnügen!
Monika Helfers Bücher sind meistens ziemlich kurz. In diesem Fall würde ich eher von Erzählung sprechen. Eine Erzählung, die von Kat Menschiks hellen, farbigen Illustrationen ergänzt ist. Eine gelungene ...
Monika Helfers Bücher sind meistens ziemlich kurz. In diesem Fall würde ich eher von Erzählung sprechen. Eine Erzählung, die von Kat Menschiks hellen, farbigen Illustrationen ergänzt ist. Eine gelungene Kollaboration, schon die zweite zwischen der Autorin und der Künstlerin.
Monika Helfer hat oft autobiografisch über ihre Familie geschrieben (Die Bagage, Vati, Löwenherz). In dieser Erzählung gibt sie aber vorgeblich das wieder, was ihr eine Frau erzählt hat. Es ist die Geschichte einer Begegnung und einer Wiederbegegnung viele Jahre später. Es ist eine rätselhafte Geschichte, die offensichtliche Lücken hat, da die Erzählerin nicht ganz glaubhaft ist.
Monika Helfer hat das geschickt gemacht. So denkt man noch lange an diese Geschichte.
WER BIST DU?
Monika Helfer
Illustriert von Kat Menschik - Band 21 der Lieblingsbuchreihe
Ein neunjähriges Mädchen klingelt an der Tür einer Frau und behauptet, einen 1000-Schilling-Schein direkt vor ...
WER BIST DU?
Monika Helfer
Illustriert von Kat Menschik - Band 21 der Lieblingsbuchreihe
Ein neunjähriges Mädchen klingelt an der Tür einer Frau und behauptet, einen 1000-Schilling-Schein direkt vor deren Haustür gefunden zu haben. Ob der Schein ihr gehöre? Die Frau verneint, lädt das Mädchen jedoch auf eine heiße Schokolade ein. Gemeinsam beschließen sie, den großen Schein zu wechseln und das Geld in einem Versteck auf dem Grundstück der Frau zu deponieren. Sollte das Mädchen einmal Geld benötigen, dürfe es sich jederzeit daraus bedienen.
Doch es kommt anders als geplant: Kurz darauf wird das Mädchen als vermisst gemeldet, und auch das Geld ist aus dem Versteck verschwunden. Wochen vergehen, ohne dass das Kind gefunden wird. Die Frau kann nicht aufhören, an das Mädchen zu denken. Immer neue Szenarien gehen ihr durch den Kopf, was geschehen sein könnte, bis sie schließlich selbst Nachforschungen anstellt.
Was für ein kleines, feines Buch mit gerade einmal 90 Seiten! Monika Helfer gelingt es meisterhaft, Zweifel zu säen. Mit jeder Seite stellt man sich mehr die Frage, wem man in dieser Geschichte eigentlich glauben kann. Für mich war dieses Buch eine echte Lesepraline – klein, fein und voller Nachhall.
Abgerundet wird die Erzählung durch die wunderschönen Illustrationen von Kat Menschik. Wie die anderen Bände der Lieblingsbuchreihe aus dem Galiani Verlag ist auch dieses Buch ein kleines Schmuckstück.
4/5
Diese Novelle hat mich in einen Raum zwischen Nähe und Geheimnis gezogen, in dem ich die Protagonistinnen atmen hören konnte, ihre Unsicherheiten, ihre Sehnsucht nach Wahrheit und die leise Furcht vor ...
Diese Novelle hat mich in einen Raum zwischen Nähe und Geheimnis gezogen, in dem ich die Protagonistinnen atmen hören konnte, ihre Unsicherheiten, ihre Sehnsucht nach Wahrheit und die leise Furcht vor der eigenen Verletzlichkeit. Beim Lesen hallte das Gefühl nach, beobachtet zu werden, während ich zugleich Zeugin eines lauernden Tanzes aus Wahrheit und Lüge, Verlangen und Abwehr wurde. Helfers Sprache ist scharf wie ein Blick, verletzlich wie ein Herz, das sich nicht mehr hinter Ausreden verbergen kann. Die Begegnung zwischen der Erzählerin und dem Mädchen – später dann der vermeintlichen Frau von damals – hat mich immer wieder innehalten lassen, weil jede Aussage wie ein feines Spiel von Licht und Schatten wirkt. Ich habe mitgefiebert, habe gezweifelt an dem, was gesagt wurde, und habe gespürt, wie die Macht des Erzählens meine eigene Wahrnehmung befragt hat.
Die Illustrationen von Kat Menschik schwingen wie leise, irisierende Nebel durch die Kapitel und geben jedem Satz noch eine unausgesprochene Tiefe, als schauten sie hinter die Oberfläche der Worte. Besonders hat mich berührt, wie dieses Buch die Einsamkeit in all ihren Facetten spiegelt – nicht nur im Anderen, sondern in mir selbst. Es ist eine Reise in die Unwägbarkeit menschlicher Beziehungen, die mich emotional mitgenommen und lange nachklingen lassen hat, was Wahrheit bedeutet und wie sie sich im Spiegel anderer Formen kann. Nur manchmal habe ich mir ein kräftigeres Ende gewünscht, weil die Leere am Schluss so dicht war, dass ich kurz nach Atem ringen musste, bevor ich das Buch zuklappte.
Sprachlich kunstvoll, psychologisch fein gewebt, ein Leseerlebnis, das ich nicht so schnell vergesse.
Bei der Ich-Erzählerin, die seit dem Tod ihres Mannes alleine lebt, steht eines Tages ein Mädchen vor der Tür, mit einem 1000-Schilling-Schein in der Hand und einer fadenscheinigen Geschichte. Die beiden ...
Bei der Ich-Erzählerin, die seit dem Tod ihres Mannes alleine lebt, steht eines Tages ein Mädchen vor der Tür, mit einem 1000-Schilling-Schein in der Hand und einer fadenscheinigen Geschichte. Die beiden verbringen einen Nachmittag miteinander:
„‘Magst du eine heiße Schokolade?’, fragte ich. ‘Wir trinken eine heiße Schokolade, und dann überlegen wir, was zu tun ist.’
Zögernd ging sie mir nach.
In der Küche fragte sie: ‘Was ist eine heiße Schokolade? Ist das so etwas wie Kakao, nur ein anderes Wort?’
‘O nein’, sagte ich. ‘Es ist tatsächlich etwas Ähnliches, aber doch etwas ganz anderes.’
‘Wie soll das stimmen können’, sagte sie, und ich schämte mich.
Ich schämte mich doppelt. Erstens wegen meiner kokett umständlichen Ausdrucksweise – ‘etwas Ähnliches, aber doch etwas ganz anderes’ –, zweitens schämte ich mich, weil ich auf einmal die Unterlegene war. Ich muss das präziser sagen: Auf einmal war sie die Erwachsene und ich das Kind. Als wollte sie zu mir sagen: Drück dich gefälligst verständlich aus! Ich bemühte mich, vor ihr einen guten Eindruck zu machen. Sie bemühte sich nicht. Ist Ihnen das schon einmal passiert? Dass Sie vor einem Kind einen guten Eindruck machen wollten? Wie wenn man von jemandem etwas erwartet. Was erwartete ich von diesem Kind? Doch nichts.“
Sie schickt das Mädchen schließlich nach Hause mit dem Versprechen, das Geld für sie im Garten unter einem Stein zu deponieren.
Kurz darauf wird das Mädchen vermisst und nie gefunden. Die Erzählerin sucht genauso vergeblich nach ihr wie die Polizei; vergessen kann sie das Kind nicht: „Man hat sie nie gefunden. Ich habe immer an sie gedacht: Jetzt müsste sie zehn sein, jetzt fünfzehn, jetzt zwanzig …“
Aber:
„Dann geschah das Unglaubliche. Eine junge Frau, genaues Alter ungewiss, Mitte zwanzig oder so, dunkle Haare, schattige Augen, etwas übergewichtig, klingelte an meiner Tür. Sie schlüpfte an mir vorbei ins Haus, stand im Dunkeln, weil bei mir alle Fenster und Türen hin zum Hellen geschlossen und mit dicken Vorhängen bedeckt sind.
»Erinnern Sie sich?«, fragte sie und fasste mich am Arm: »Ich bin es. Ein kurzer Besuch. Darf ich? Nur ein kurzer Besuch. Die Freundschaft.«
Sie war es. Es war meine Michaela »Michi« Beer! Die Haare hatte sie dunkel gefärbt. Aber die rote Strähne war da.“
Die Frau zieht bei der Ich-Erzählerin ein, doch nach und nach kommen ihr Zweifel, ob es sich bei der Frau wirklich um das Mädchen von damals handelt ...
Ich hatte bisher noch nichts von Monika Helfer gelesen. Sprachlich hat mir diese kurze, abgründige Erzählung sehr gut gefallen. Es bleiben am Ende einige Fragen offen uns lassen viel Raum für eigene Interpretationen.
„Von dem, was einer ist. Nicht viel mehr sieht jeder im andern, als er selber ist. Ich war die Dumme und habe in ihr die Dumme gesehen. Nun sehe ich in ihr die Lügnerin.
Ich glaubte ihr kein Wort. Das ist eine Redewendung. Kann doch nie die volle Wahrheit sein, denkt der Mensch.“
Eine interessante Leseerfahrung - Vielen Dank an den Kiepenheuer & Witsch Verlag und an NetGalley für das Rezensionsexemplar!