Profilbild von downey_jr

downey_jr

Lesejury Star
offline

downey_jr ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit downey_jr über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 19.01.2026

Ein Nein und seine Folgen: Spannender Plot, Umsetzung nur teils gelungen

Hazel sagt Nein
8

Hazel sagt nein von Jessica Berger Gross kommt vom Cover her sehr unauffällig daher, doch der Plot hat es wirklich in sich.

Die 18-Jährige Hazel Blum freut sich auf eine großartige Zukunft. Ihre Familie ...

Hazel sagt nein von Jessica Berger Gross kommt vom Cover her sehr unauffällig daher, doch der Plot hat es wirklich in sich.

Die 18-Jährige Hazel Blum freut sich auf eine großartige Zukunft. Ihre Familie ist gerade von New York ins beschauliche Riverburg gezogen, auch um ihren Traum von einer Zukunft an einem Liberal Arts College und einer Karriere als Schriftstellerin zu ermöglichen. Ihr Vater hat eine Professur dort angenommen, die einige finanzielle Annehmlichkeiten bietet.
Doch gleich an ihrem ersten Tag an der neuen Highschool ändert sich Hazels Leben auf völlig unerwartete Art und Weise:

"Manche Leute [....] behaupten, dass sich innerhalb eines Augenblicks alles ändern kann. Nach Hazels (zugegeben begrenzter) Erfahrung stimmte das nicht. Veränderung, ob politische oder private, dauerte ewig, und allgemein kam nicht viel dabei herum. Wir schleppen uns voran wie Raupen, bis wir unter dem Stiefel des Patriarchats und der Hausarbeit zermalmt werden. Erst an einem Morgen in Maine, am ersten Tag ihres letzten Schuljahres an der Highschool von Riverburg, erkannte Hazel, wie naiv sie gewesen war. Selbstverständlich konnte sich von einem auf den anderen Moment alles ändern. Nur bei ihr das bis dahin noch nicht passiert."

Hazel kann es nicht fassen, als der Schuldirektor sie in sein Büro rufen lässt und ihr eröffnet, dass er sich jedes Jahr eine Schülerin der Abschlussklasse für eine s*xuelle Beziehung aussucht - und dieses Jahr ist sie seine Auserwählte. Doch womit der Direktor nicht gerechnet hat: Hazel sagt Nein!

Doch damit ist es leider nicht getan:
"Als Hazel zum Direktor Nein sagte, hatte sie geglaubt, die Demütigung wäre damit vorbei. Doch jetzt wurde ihr klar, dass diese womöglich erst begann."

Hazels Reaktion setzt eine Reihe von Ereignissen in Gang, die nicht nur ihr Leben und das ihrer Familie, sonder auch der ganzen Stadt auf den Kopf stellen.


Der Schreibstil ist ein recht gelungener Mix aus ernsthaft und unterhaltsam; dennoch fehlte es mir stellenweise etwas an Tiefe.

Hazels Entwicklung gefiel mir insgesamt recht gut, vor allem gegen Ende hin:
"Dad [...] trank auf ihre 'erstaunliche Leistung'.
Nur, dass nicht sie das geschafft hatte. Überhaupt nicht. Sondern er, Dick White. Denn Hazel wusste, und ihren Eltern musste das auch klar sein, außer sie machten sich etwas vor - und wahrscheinlich war es der ganzen Welt klar -, dass Hazel ein paar (absolut beschissene) schreckliche Minuten ihres Lebens genommen und ausgepresst hatte wie ihre Mutter ihre morgendliche Grapefruit. Bis auf die Schale. Sie hatte es nicht aus eigener Kraft ans Vassar geschafft. Sie hatte die Hilfe des Schuldirektors gebraucht.
Denn wer hätte sie gewollt, wenn White sie nicht gewollt hätte?"

Dass Hazel am Ende so klarsichtig und stark ist, ihr Leben wieder selbst in die Hand zu nehmen, fand ich einen gelungenden Abschluss.

"Aber ich verstehe das nicht. Warum willst du dein Buch nicht mehr schreiben?"
" ich sage nicht, dass ich nie eins schreibe. Vielleicht später mal einen Roman ich weiß es nicht!
[...]
Ich schätze, ich ... ich fühle mich dafür noch zu jung. So was passiert immer noch ständig, wisst ihr? Und ich will nicht darüber definiert werden. Über White. Ich denke, ich kann so viel anderes sagen, aber ich weiß eigentlich noch nicht, wie ich es sagen soll."

Mit dem (mangelnden) Handeln ihrer Eltern konnte ich mich dagegen (selbst Mutter) nicht so ganz anfreunden; den kleinen Bruder Wolf fand ich dagegen sehr sympathisch.

Insgesamt wurden meine (zugegebenermaßen sehr hohen!) Erwartungen an die Ausarbeitung der spannend klingenden Ausgangssituation leider nicht ganz erfüllt. Ich hätte mir etwas mehr „Schlagkraft“ gewünscht; vieles verlief mir insgesamt zu glatt.
Ich vergebe final 3,5 von 5 Sternen.

Vielen Dank an den Lübbe Verlag und an www.lesejury.de für dieses Rezensionsexemplar!

  • Einzelne Kategorien
  • Handlung
  • Erzählstil
  • Charaktere
  • Cover
  • Atmosphäre
Veröffentlicht am 17.01.2026

Zwischen tödlicher Diagnose und Sehnsucht nach Liebe

Pizza Orlando
0

Auf den Roman „Pizza Orlando“ von Clara Umbach war ich sehr gespannt, da der Klappentext so vielversprechend klang:
Clara und Nina, die sich schon seit ihrer Jugend kenne, treffen sich als Erwachsene ...

Auf den Roman „Pizza Orlando“ von Clara Umbach war ich sehr gespannt, da der Klappentext so vielversprechend klang:
Clara und Nina, die sich schon seit ihrer Jugend kenne, treffen sich als Erwachsene wieder. Da leidet Nina bereits unter den ersten Symptomen der unheilbaren Huntington-Krankheit, an der auch ihre Mutter starb, als Nina gerade 20 war. Nina und Clara verlieben sich und beginnen eine stürmische Liebesbeziehung, trotz der Diagnose und der Entfernung ihrer Wohnorte Berlin bzw. Hamburg. Mit Chatnachrichten halten sie die Beziehung aufrecht – oder versuchen es zumindest, denn Clara hat ihre eigenen Probleme als alleinerziehende Mutter mit Geldnöten, während Nina nicht ans Sterben denken will. Können die beiden eine gemeinsame Zukunft haben?

Leider fand ich gerade die Teile, die in Chatnachrichten-Form waren, sehr anstrengend zu lesen, und sie machten den größten Teil des Romans aus. Es ist so sehr schwer, der Geschichte zu folgen, es kommt kein wirklicher Lesefluss auf.
Die Abschnitte in Fließtext sind meiner Meinung nach deutlich gelungener und haben mir besser gefallen.

„Die Idee der Krankheit greift der Krankheit vor und wirft einen Schatten, lange bevor die eigentlichen Symptome einsetzen.
Nach dem Gentest, den du mit Anfang zwanzig durchführen ließest, entschiedest du dich jahrelang dagegen, das Ergebnis abzuholen. Du warst sechsundzwanzig, als du es schließlich doch wissen wolltest. »Ach du Scheiße«, sagte die Ärztin, als sie den Briefumschlag öffnete. Deine Notizen aus diesen Tagen gabst du mir in Form einer weiteren Liste:
[...]
In den folgenden Jahren bemühtest du dich, intensiver denn je, um die Aufrechterhaltung einer Identität. Weiter arbeiten, jetzt erst recht. Du begannst einen Masterstudiengang, gingst auf Veranstaltungen, knüpftest Kontakte. Rückblickend sagtest du, der Wunsch eines Klassenaufstiegs sei nie stärker gewesen als zu dieser Zeit. Der Literaturbetrieb schien dir das richtige Vehikel dafür zu sein, Professionalität ein Anker, den du ins Leben warfst. Etwas, das ich von dir übernommen habe, ist die positive Verwendung des Wortes professionell in allen möglichen Situationen, die eigentlich nichts mit einer Berufswelt zu tun haben. Professionalität als höchstes Kompliment.“

Doch auch insgesamt hatte ich an dieses emotionale und schwere Thema höhere (oder vielleicht einfach andere?) Erwartungen. Für mich las sich das alles sehr distanziert, mir fehlte hier die Tiefe, die Protagonistinnen blieben sehr distanziert für mich. Auch der Schreibstil war einfach so gar nicht mein Fall, leider.

Obwohl ich das Thema ansich sehr interessant fand, konnte mich dieses Buch leider nicht überzeugen und ich vergebe wohlwollende 2 von 5 Sternen, würde das Buch aber nicht weiterempfehlen.

Vielen Dank an den ecco Verlag und an NetGalley für das Rezensionsexemplar!

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 14.01.2026

Half his age: Schonungslos, direkt und ehrlich

Half His Age
0

Das Cover des Romans „Half his age“ von Jennette McCurdy polarisiert sicher, doch der Inhalt hat mich neugierig gemacht: Die 17jährige Waldo ist ein Kind der Unterschicht und sie hat ihren Platz in der ...

Das Cover des Romans „Half his age“ von Jennette McCurdy polarisiert sicher, doch der Inhalt hat mich neugierig gemacht: Die 17jährige Waldo ist ein Kind der Unterschicht und sie hat ihren Platz in der Gesellschaft noch nicht so recht gefunden. Ihre alleinerziehende Mutter ist kaum zuhause, sondern rennt irgendwelchen Männern hinterher. Währenddessen ist Waldo auf sich gestellt, muss neben der Schule noch jobben, um Geld zu verdienen. Und sie füllt ihr Leben mit bedeutungslosem Sex mit Gleichaltrigen und Onlineshopping.

„Natürlich weiß ich, dass man mit einem Rouge sein Leben nicht umkrempeln kann, aber trotzdem ist es schön, in den drei Tagen Lieferzeit daran zu glauben. Es ist schön, daran zu glauben, dass nur ein Rouge-Stift den Unterschied ausmacht zwischen Margot Robbie und mir. Es ist schön, an Versprechen zu glauben, auch wenn es bloß leere sind.“

Doch dann verliebt sie sich unsterblich in Mr. Korgy, ihren Lehrer für kreatives Schreiben. Der ist zwar nicht wirklich attraktiv und zudem verheiratet mit Kind, doch Waldo ist sich sicher: Nur mit ihm kann sie glücklich werden!
Wir sind bei Waldos heimlicher Affäre zu Mr. Korgy hautnah dabei, besonders die Einblicke in ihr Innenleben fand ich hier sehr gelungen. Die expliziten Schilderungen, was Waldos Körperlichkeiten und Gefühle angeht, mag nicht jedem behagen; aber gerade die brutale Ehrlichkeit empfand ich als eine Stärke des Romans.

„Er war von meinen Texten, die ich über meine Herkunft geschrieben habe, beeindruckt, aber es wirklich mit eigenen Augen zu sehen, ist eine andere Sache. Die Leute haben nämlich Angst, dass die Armut auf sie abfärben könnte. Und der schlechte Geschmack, der dazugehört. Sie lesen lieber ein Buch darüber. Oder gucken einen Film, in dem Jennifer Lawrence so tut, als wäre sie arm, während ihr Achthundert-Dollar-Highlighter in den Nahaufnahmen schimmert. Aber sie wollen nicht wissen, wie es tatsächlich ist, oder dem auf eine echte Art nahe kommen. Außer vielleicht mit einem Scheck über ein- oder zweitausend Dollar, den sie um die Feiertage herum an die Heilsarmee oder ans Rote Kreuz ausstellen. Aber setzt man sich der Armut damit überhaupt aus? Oder ist das nur wieder eine Art, sich noch mehr davon zu distanzieren?“

Mir hat Jennette McCurdys Roman über Klassenunterschiede und Armut, Liebe und Begehren, Sex, Konsum, Wut und Macht insgesamt sehr gut gefallen. Ihr Schreibstil ist schmerzhaft ehrlich und schonungslos direkt. Derb, aber nicht zu heftig. Es kamen alle Emotionen sehr gut rüber, es war mal lustig, aber auch erstaunlich tiefgründig.
Vor allem Waldo als Protagonistin mit all ihrer Direktheit fand ich sehr sympathisch. Auch die Beziehung zu ihrer Mutter und deren Verhalten war gut dargestellt; nur Mr. Korgy blieb als Charakter (vor allem anfangs) ein wenig blass für mich.
Waldos Wandlung im Laufe der Geschichte fand ich aber sehr gelungen und das Ende stimmig.

„Ich will, dass die Wut in mir hochkocht. Dass sie mich dazu bringt, ihre Schmuckschale an die Wand zu werfen und sie zur Rede zu stellen. Sie zu fragen, wie lange sie mich schon anlügt. Und sich selbst. Zu fragen, wann sie aufgehört hat, zu den Meetings zu gehen. Oder ob sie immer noch hingeht und sich zweiteilt wie Jekyll and Hyde. Ich will schreien. Oder heulen. Aber stattdessen starre ich sie bloß an, und dann werde ich von etwas Unbeschreiblichem überschwemmt.
Einer Welle der Erkenntnis. Des Friedens. Der Freiheit. Diese Art von Frieden und Freiheit, die sich nur einstellt, wenn man keine Erwartungen mehr an jemanden hat. Wenn man die Version einer Person, die man unbedingt haben wollte, die man gebraucht hätte, loslässt, und sobald man das loslässt, verschwindet auch all der Groll, der damit verbunden war.“

Vielen Dank an den Blumenbar Verlag und an NetGalley für das Rezensionsexemplar!

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 14.01.2026

Ernährung bewusst umstellen statt Diäten

Die Ernährungs-Docs – Gesund abnehmen mit der Anti-Entzündungs-Formel
0

In „Die Ernährungs-Docs – Gesund abnehmen mit der Anti-Entzündungs-Formel“ von Matthias Riedl, Viola Andresen, Silja Schäfer und Jörn Klasen geht es nicht um Diäten!
Das Sachbuch informiert vielmehr darüber, ...

In „Die Ernährungs-Docs – Gesund abnehmen mit der Anti-Entzündungs-Formel“ von Matthias Riedl, Viola Andresen, Silja Schäfer und Jörn Klasen geht es nicht um Diäten!
Das Sachbuch informiert vielmehr darüber, dass hinter zu vielen Kilos oft nicht mangelnde Disziplin, sondern um sogenannte „stille Entzündungen“ im Körper stecken. Diese können große Schäden anrichten, Krankheiten verursachen – und eben auch Sättigungshormone schwächen und Heißhunger fördern.

Für alle, die sich mit dem Thema Ernährung oder auch „stille Entzündungen“ schon beschäftigt haben, bietet das Buch jetzt nicht unbedingt sehr viel Neues. Im ersten Teil ist dieses Sachwissen jedoch sehr übersichtlich und hilfreich zusammengefasst. Dies kann auch neue Motivation und Klarheit bringen, wie man zu mehr Wohlbefinden und Gesundheit finden kann. Ich fand diesen Teil also insgesamt sehr informativ und hilfreich.

Auch der Rezeptteil gefällt mir gut, da sind viele sehr kreative und lecker aussehende Rezepte enthalten (vom Frühstück über Mittag-/Abendessen bis hin zu kleineren Gerichten), von denen ich sicher die meisten mal ausprobieren werde. Mein einziger Kritikpunkt ist, dass die Rezepte mit Familie/Kindern im Alltag mit Berufstätigkeit etc. sicher nicht einfach umsetzbar sind. Hier muss man sicherlich ein bisschen planen und improvisieren, denke ich.

Insgesamt jedoch ein sehr hilfreiches und übersichtliches Buch, dem ich 4 von 5 Sternen vergebe.

Vielen Dank an die ZS Edel Verlagsgruppe und an NetGalley für das Rezensionsexemplar!

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 09.01.2026

Routine ist eine Erinnerung ohne Gefühl: (Wort)starker Debütroman

Die Routinen
0

„Die Routinen“ von Son Lewandowski erzählt die Geschichte der Leistungsturnerin Amik. Hautnah erleben wir ihren Alltag mit, die Wettkämpfe, das Training, den Druck.

„Der Tag war vier, der Tag war acht, ...

„Die Routinen“ von Son Lewandowski erzählt die Geschichte der Leistungsturnerin Amik. Hautnah erleben wir ihren Alltag mit, die Wettkämpfe, das Training, den Druck.

„Der Tag war vier, der Tag war acht, der Tag war zwölf Stunden alt und ich lief durch eine Gegenwart, die sich bewusstlos spreizte. Ich konnte die Schnelligkeit der Schnelligkeit in meinem Anlauf fühlen, die Höhe der Höhe in meinem Sprung spüren, die Stille der Stille in meinem Körper hören, wenn er sich im Flug um sich selbst drehte. In dieser Zeit ohne Zeit hielt ich mich auf, war noch ohne Publikum, war für mich, obwohl mir alle zuschauen konnten.
In meinem Turnanzug blieb der Atem flach. Der enge Elasthanstoff zeigte jeden Zug und mit dem ersten Publikum lernte ich den Bauch auch beim Einatmen nach innen zu ziehen. Meine Handinnenflächen fraßen Kreide, damit ich nicht abrutschte, damit ich lange an der Stange blieb. Der Holm saß mir gleich unter dem Beckenknochen, und wenn ich nicht richtig stützte, hockte ich danach eine Weile gekrümmt am Hallenrand, den Unterleib in den Händen, und lernte daraus.
Ich weiß nicht mehr, wie viel Zeit vergangen war, wie groß ich war und wie klein. Ich weiß mich nicht mehr. Alle Erinnerung, die ich habe, ist die Konzentration.“

Schonungslos zeigt die Autorin auf, wie die Kehrseite hinter den Medaillen aussieht:
„Wir sind eine wahre Begebenheit und das ist einer unserer Erzähler, der uns zu einem zarten Mythos macht, der alles Staunen in uns steckt, bis ein Stöhnen herauskommt. Aufregend sein, schon als Kind. Ein Talent sein, als wäre die Leistung unser Wesen und der Erfolg nur eine logische Konsequenz. Und niemand zählt, wie viele Stunden in der Woche wir trainieren, weil wir Sensationen sind. Ein Erzählen, das nur gafft.“

„Sie sagen Mädels zu uns, wir sind Maschinen. Sie sagen Mädels zu uns, was sollen wir dagegen sagen? Wir sind Kinder, werden Kinder bleiben, und wenn wir uns wehren, holen sie ein neues Kind, das so lange Kind bleiben muss, wie es kann. Was sollen wir tun, außer zu turnen? Wir haben den Protest nie gelernt, denn so waghalsig unsere Körper auch aufgezogen werden, so zurückhaltend wächst der Rest. Wir haben das durchgestreckte Stehen gelernt, aber wir sollen nicht wissen, was eine eigene Haltung ist. Und wir wehren uns nicht, denn das Gegenteil von Protest ist die Praxis, das eingespielte Tun als erste und letzte Sicherheit, die Wiederholung, die jedes Handeln in einen Nutzen glättet, always thinking about our routines.“

Gleichzeitig verwebt die Autorin auf sehr gekonnte Art und Weise Geschichten berühmter Turnerinnen sowie den größten Missbrauchsskandal der Sportgeschichte in ihren Roman. Nach und nach fließen sie in Amiks Geschichte mit ein.

„Béla und Márta Károlyi trainieren die Turnerinnen nach Montreal weiter, zwingen sie weiter zu hungern, erniedrigen und schlagen sie. Ihr Erfolg gibt ihnen das Recht.
Die Begabung in einen Anzug stellen, dass sie Geschäft wird. Das Talent spreizen, bis es weit auseinandergeht und alle Wünsche dazwischen passen. Pokale in Kinderzimmern.“

Sprachlich ist „Die Routinen“ wirklich anspruchsvoll; es ist sicher kein Buch zum schnell „weglesen“.
Doch wenn man sich die Zeit nimmt, den Worten nachzuspüren, entfalten die Sätze eine Tiefe und Vielschichtigkeit, die ich beeindruckend fand.

„Und hier lernte ich ein zweites Schweigen, das Schweigen, das sich erinnerte, das Schweigen, das uns nicht trennte, das Schweigen, mit dem ich ein Zeichen gab.
Den Schmerz üben, sechzig Sekunden. Eine Pose in die Sprache setzen.“

Manchmal waren es auch nur kurze Sätze zwischendrin, wie z.B. „Anerkennung ist eine entfernte Umarmung.“, „Mit einer Begabung aufwachsen, die man halten muss wie ein Versprechen.“ oder „Je leichter wir sind, desto wertvoller werden wir. Eine Rechnung, an der etwas nicht stimmen kann.“, die mich sehr berührten und die noch lange nachhallten.

„Die Routinen“ ist ein wirklich außergewöhnliches Buch; kraftvoll und intensiv; und eine Geschichte, die wehtut beim Lesen bzw. viele Geschichten zu einer zusammengefügt. Für mich eine großartige Leistung von Son Lewandowski - und vor allem literatisch ein wahres Highlight!

Ich vergebe hier 5 Sterne und eine unbedingte Leseempfehlung für alle, die anspruchsvolle Romane mögen.

Vielen Dank an den Klett-Cotta Verlag und an NetGalley für dieses Rezensionsexemplar!

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere