Mutterschaft, Frausein und Körperlichkeiten
Die bärtige FrauAlex ist Lehrerin und Mutter einer einjährigen Tochter. Als ihre Mutter sich das Bein bricht, reist sie übers Wochenende von Leipzig alleine ins kleine, bayerische Heimatdorf, dem sie damals so unbedingt ...
Alex ist Lehrerin und Mutter einer einjährigen Tochter. Als ihre Mutter sich das Bein bricht, reist sie übers Wochenende von Leipzig alleine ins kleine, bayerische Heimatdorf, dem sie damals so unbedingt entfliehen wollte. Gemeinsam mit ihrer älteren, kinderlosen Schwester Lena wollen sie das Schlafzimmer der Mutter ins Erdgeschoss verlegen. Es ist das erste Mal, dass Alex so lange von ihrem Kind getrennt ist. Obwohl sie sich gefreut hatte, mal wieder alleine zu sein, fühlt sie sich einsam und merkt, wie stark und körperlich die Verbindung zu ihrem Kind ist, das sie gerade erst abgestillt hat. Diese Gefühle führen dazu, dass sie sich mit ihren Lebensentscheidungen, ihrem Körper und ihrer Sozialisierung beschäftigt.
"Sie fragt sich, warum sie unbedingt ein Kind wollte und es ihr Herz bestimmt gebrochen hätte, keines zu bekommen.
Ein Wunsch ist ein Wunsch ist ein Wunsch.
War ihr Wunsch nicht einfach das Ergebnis ihrer Sozialisierung als Frau? Oder stand er mit ihrer Mutter in Verbindung? Weil ihr Muttersein sie definierte? Sie diese Identität hochhielt und an sie weitergab?"
"Sie ist keine entspannte Frau. Wie hätte sie es auch sein können, es gibt keine Vorbilder für Sie. Sie kennt nur Frauen, die durchhalten, die die Erschöpfung ignorieren."
"Wie soll sie diese ständigen körperlichen Veränderungen verarbeiten? Jeden Tag ist sie eine andere."
"Doch sie musste schnell lernen, dass die Zahl auf der Waage nicht viel bedeutete. Obwohl sie identisch mit der vor der Schwangerschaft war, passte Alex nicht mehr in ihre alten Hosen. Die Knöpfe wollten nicht zugehen, und manche Hosen konnte sie nicht einmal über die Waden ziehen. Es war okay. Ihr Körper würde nicht wieder derselbe sein. Er veränderte sich ständig. Ihr war nur etwas anderes erzählt worden. Ihr war erzählt worden, dass sie den jungen, dünnen Körper, den sie vor der Geburt hatte, behalten müsste, um etwas wert zu sein; online war sie von dünnen, weißen Frauen umgeben und im Rückbildungskurs hatte sie das Gefühl, die Frauen, die gerade aus dem Wochenbett kamen, beäugten gegenseitig ihre weichen Körper.
Doch je älter sie wurde, desto egaler wurde der Körper ihr."
"Ganz von den Schönheitsnormen würde sie sich jedoch nie befreien können, das wusste sie. Früher war sie immer ein wenig dünner als Lena gewesen, inzwischen war es umgekehrt, und sie spürte den prüfenden Blick ihrer Mutter auf ihrem Körper."
„Die bärtige Frau“ beleuchtet verschiedene Facetten des Frauseins, von Mutterschaft, von sozialer und religlöser Prägung und des gesellschaftlichen Einflusses auf den weiblichen Körper. Die Autorin beschreibt detailliert die Auseinandersetzung mit Schönheitsnormen und körperlichen Veränderungen durch Schwangerschaft, Mutterschaft und Älterwerden.
"Das hätte ich gern früher gewusst, war der Satz, den sie am häufigsten dachte."
Sprachlich ist das Buch sehr direkt und authentisch; eher wie eine nüchterne Bestandsaufnahme. Das kann teilweise irritierend sein, ist andererseits aber stimmig und thematisch passend. Es ist kein Wohlfühlroman, aber ich fand das Buch sehr lesenswert.
Es hat mich auch neugierig auf Bettina Wilperts vielgelobten Debütroman „Nichts, was uns passiert“ gemacht.