Profilbild von downey_jr

downey_jr

Lesejury Star
online

downey_jr ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit downey_jr über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 14.07.2025

Mein drittes Buch dieser Autorin: Konnte mich leider nicht überzeugen

Wo der Wolf lauert
0

„Wo der Wolf lauert“ von Ayelet Gundar-Goshen ist mein drittes Buch dieser Autorin, doch leider fand ich es auch am schwächsten.
Zuvor hatte ich "Löwen wecken" und "Ungebetene Gäste" gelesen, diese fand ...

„Wo der Wolf lauert“ von Ayelet Gundar-Goshen ist mein drittes Buch dieser Autorin, doch leider fand ich es auch am schwächsten.
Zuvor hatte ich "Löwen wecken" und "Ungebetene Gäste" gelesen, diese fand ich deutlich besser (wenn ich auch da jeweils einige Kritikpunkte hatte).
Die Autorin folgt in ihren Romanen offenbar immer einem ganz bestimmten Skript; thematisch geht es fast immer um Schuld/Verantwortung, Rassismus/Antisemitismus und ähnliche gesellschaftskritische Themen, was ich grundsätzlich sehr gut finde. Auch ihr sehr guter Schreibstil gehört zu den Stärken der Autorin.
Die Schwächen bei all ihren bisher gelesenen Büchern waren meiner Meinung nach, dass sie sich viel zu oft in Nebensächlichkeiten verliert, die an der eigentlichen Story vorbeigehen und das ganze unnötig in die Länge ziehen. Auch die Enden ihrer Bücher fand ich bisher nie wirklich befriedigend, doch dieses Buch war insgesamt am schwächsten; die Geschichte nicht wirklich überzeugend und schlüssig.

Hier geht es um die jüdischstämmige Familie Schuster, Lilach (genannt Lila), ihren Ehemann Michael und ihren Sohn Adam.
Der Ehemann ist erfolgreich, sie haben ein Haus mit Pool in Silicon Valley, sind privilegiert und wohlhabend; alles könnte bestens sein.
Als bei einem Attentat auf die Synagoge der jüdischen Gemeinde ein Mädchen stirbt, ist die Gemeinde in Aufruhr und Lila in Sorge um ihre Familie. Sie überredet Adam, einen Selbstverteidigungskurs zu machen.
Adam will erst nicht, ist dann jedoch plötzlich sehr begeistert vom Kurs sowie dem Kursleiter Uri, einem ehemaligen israelischen Elitesoldaten. Lila ist skeptisch, doch Michael findet es gut, wünscht er sich doch einen "stärkeren", wehrhaften Sohn.
Als auf einer Party ein Mitschüler ihres Sohnes Adam stirbt, verhält Adam sich merkwürdig und Lila wittert Gefahr.... Wie gut kennt sie ihren Sohn wirklich?
Es kommt ans Licht, das Adam in der Schule gemobbt wurde, vor allem von Jamal Jones - dem Jungen, der auf der Party starb.
Die Lage spitzt sich zu - mehr möchte ich nicht verraten, um nicht zu spoilern.
Die Geschichte ist geschrieben wie ein Krimi, in dem vor allem anfangs viel passiert, doch vieles wird nur angedeutet, vor allem Adams vermeintliche Schuld.
So richtig überzeugen konnten mich leider weder die Charaktere noch die Geschichte, die teils zäh und unnötig in die Länge gezogen war. Daher kann ich diesen Roman nicht wirklich weiterempfehlen.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 14.07.2025

Herkunft, jüdische Identität und Familie

Juli, August, September
0

Die Ich-Erzählerin Lou in Olga Grjasnowas Roman „Juli, August, September“ lebt mit ihrem zweiten Ehemann Sergej, einem erfolgreichen Pianisten, und ihrer gemeinsamen fünfjährigen Tochter Lou in Berlin. ...

Die Ich-Erzählerin Lou in Olga Grjasnowas Roman „Juli, August, September“ lebt mit ihrem zweiten Ehemann Sergej, einem erfolgreichen Pianisten, und ihrer gemeinsamen fünfjährigen Tochter Lou in Berlin. Lous Mutter lebt ebenfalls in Deutschland, der Rest der großen Familie ist nach Israel ausgewandert und führt dort ein privilegiertes Leben, während Lous Mutter in Deutschland gerade so mit einer mickrigen Rente zurechtkommt.

"Ich schaute mir den Körper meiner Mutter an - er war ganz anders als die Körper der anderen Frauen hier, müder, unförmiger. Mit einer riesigen Narbe auf dem Bauch und einer auf dem rechten Oberarm. Es war ein Körper, der von einem anderen Leben erzählte. Einem Leben, das durch Arbeit und Krankheit gekennzeichnet war, einem Leben ohne Filler, kosmetische Behandlung und Kompromisse. Ich fühle mich schuldig, dass mein Leben so bequem war."

Sergej ist viel unterwegs und Lou zweifelt immer öfter an ihrer Beziehung.
Beide sind russisch-stämmige Juden, aber im Alltag spielt ihr Glaube eigentlich keine Rolle.

"Die meisten meiner Verwandten achteten penibel auf eine jüdische Partnerwahl. Für mich war es das jüdische Paradoxon: Es war verboten, zu missionieren, es gab keine Pilgerstätten, und nicht einmal die Konvertiten wurden mit offenen Armen empfangen - aber die Nachkommen mussten jüdisch sein, wobei keiner genau wusste, was das eigentlich hieß, und so stützen wir uns alle auf die halachischen Regeln. Wir alle hatten den Eintrag "Jude" in unserer Geburtsurkunde oder in unseren Pässen gehabt, aber es gab kaum Traditionen, die übrig geblieben wären. Unser Judentum war eine kulturelle Performance, und selbst die war nicht besonders gut. Allerdings waren wir die einzigen die sich dafür rechtfertigen mussten."

Lou überlegt, ob sie ihrer Tochter mehr von ihrer jüdischen Identität näher bringen soll; ihr Mann Sergej tut dies mit einem Witz ab: „Juden haben keine Wurzeln, Juden haben Beine.“

Doch Lou kann nicht aufhören, über ihre Herkunft und ihre Identität nachzudenken.

"Es war das erste Mal, dass ich hörte, wie Rosa sich mit einer Herkunft identifizierte, und dass es die deutsche wahr, versetzte mir einen Stich. Aber was hatte ich erwartet? Immerhin war ich diejenige gewesen, die zusammengezuckt war, als Rosa vor zwei Monaten im Schwimmbad einem unbekannten Mädchen erzählt hatte, sie sei jüdisch. Als Kind sollte ich nie sagen, dass ich jüdisch bin. Es war eine Vorsichtsmaßnahme, die sich aus der Erfahrung meiner Eltern ergab. Ich wollte etwas Besseres für meine Tochter, doch während sie wie selbstverständlich mit Wildfremden darüber sprach, krampfte sich in mir alles zusammen. Wir hatten ihr nicht einmal beigebracht, wie man sich selbst schützt."

Während Sergej mal wieder auf Konzertreise geht, fliegt Lou gemeinsam mit Rosa und ihrer Mutter nach Gran Canaria, wo der 90. Geburtstag ihrer Tante Maya gefeiert wird. Dort trifft der komplette ex-sowjetische Clan aus Israel zusammen, was für Lou alles andere als einfach ist.

"Meine Familie kam mir vor wie ein schlecht übersetztes Buch: Zu meinen Verwandten hatte ich keine Rechte Bindung und wusste nur grob darüber bescheid, wer sie waren, was sie taten oder worüber sie sprachen. Sie hingegen schienen alles über mich zu wissen."

Während des Aufenthalts auf Gran Canaria flammen auch alte Konflikte zwischen Lous Mutter und deren Tante Maya wieder auf. Denn Mayas Anekdoten aus der Kindheit und Jugend in der Sowjetunion weichen stark von den Erzählungen der verstorbenen Großmutter Rosa (nach der auch Lous Tochter Rosa benannt wurde) ab.

„Maya war die letzte Zeugin, und sie veränderte die Geschichte vom Überleben nach ihren Bedürfnissen. …Sie manipulierte die Erinnerung und war doch zugleich die Einzige, die sich überhaupt noch erinnern konnte.“

Um Antworten auf ihre Fragen zu finden, schickt Lou Rosa mit ihrer Mutter nach Deutschland zurück und reist selbst ihrer Großtante Maya nach Israel hinterher ...

Eigentlich hat mit der Roman über Herkunft und (jüdische) Identätit sehr gut gefallen; ich mag Olga Grjasnowas Schreibstil sehr. Nur mit dem Ende bin ich leider nicht glücklich ... Nicht falsch verstehen, ich mag „offene Enden“ aller Art grundsätzlich schon – aber bei diesem Roman lässt es mich ein wenig ratlos zurück. Das Buch endet einfach - aber ich weiß nicht so recht, was die Autorin damit sagen will. Schade, ansonsten war es wirklich gut; nur der Schluss ist leider unbefriedigend.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 14.07.2025

Herkunft, jüdische Identität und Familie

Juli, August, September
0

Die Ich-Erzählerin Lou in Olga Grjasnowas Roman „Juli, August, September“ lebt mit ihrem zweiten Ehemann Sergej, einem erfolgreichen Pianisten, und ihrer gemeinsamen fünfjährigen Tochter Lou in Berlin. ...

Die Ich-Erzählerin Lou in Olga Grjasnowas Roman „Juli, August, September“ lebt mit ihrem zweiten Ehemann Sergej, einem erfolgreichen Pianisten, und ihrer gemeinsamen fünfjährigen Tochter Lou in Berlin. Lous Mutter lebt ebenfalls in Deutschland, der Rest der großen Familie ist nach Israel ausgewandert und führt dort ein privilegiertes Leben, während Lous Mutter in Deutschland gerade so mit einer mickrigen Rente zurechtkommt.

"Ich schaute mir den Körper meiner Mutter an - er war ganz anders als die Körper der anderen Frauen hier, müder, unförmiger. Mit einer riesigen Narbe auf dem Bauch und einer auf dem rechten Oberarm. Es war ein Körper, der von einem anderen Leben erzählte. Einem Leben, das durch Arbeit und Krankheit gekennzeichnet war, einem Leben ohne Filler, kosmetische Behandlung und Kompromisse. Ich fühle mich schuldig, dass mein Leben so bequem war."

Sergej ist viel unterwegs und Lou zweifelt immer öfter an ihrer Beziehung.
Beide sind russisch-stämmige Juden, aber im Alltag spielt ihr Glaube eigentlich keine Rolle.

"Die meisten meiner Verwandten achteten penibel auf eine jüdische Partnerwahl. Für mich war es das jüdische Paradoxon: Es war verboten, zu missionieren, es gab keine Pilgerstätten, und nicht einmal die Konvertiten wurden mit offenen Armen empfangen - aber die Nachkommen mussten jüdisch sein, wobei keiner genau wusste, was das eigentlich hieß, und so stützen wir uns alle auf die halachischen Regeln. Wir alle hatten den Eintrag "Jude" in unserer Geburtsurkunde oder in unseren Pässen gehabt, aber es gab kaum Traditionen, die übrig geblieben wären. Unser Judentum war eine kulturelle Performance, und selbst die war nicht besonders gut. Allerdings waren wir die einzigen die sich dafür rechtfertigen mussten."

Lou überlegt, ob sie ihrer Tochter mehr von ihrer jüdischen Identität näher bringen soll; ihr Mann Sergej tut dies mit einem Witz ab: „Juden haben keine Wurzeln, Juden haben Beine.“

Doch Lou kann nicht aufhören, über ihre Herkunft und ihre Identität nachzudenken.

"Es war das erste Mal, dass ich hörte, wie Rosa sich mit einer Herkunft identifizierte, und dass es die deutsche wahr, versetzte mir einen Stich. Aber was hatte ich erwartet? Immerhin war ich diejenige gewesen, die zusammengezuckt war, als Rosa vor zwei Monaten im Schwimmbad einem unbekannten Mädchen erzählt hatte, sie sei jüdisch. Als Kind sollte ich nie sagen, dass ich jüdisch bin. Es war eine Vorsichtsmaßnahme, die sich aus der Erfahrung meiner Eltern ergab. Ich wollte etwas Besseres für meine Tochter, doch während sie wie selbstverständlich mit Wildfremden darüber sprach, krampfte sich in mir alles zusammen. Wir hatten ihr nicht einmal beigebracht, wie man sich selbst schützt."

Während Sergej mal wieder auf Konzertreise geht, fliegt Lou gemeinsam mit Rosa und ihrer Mutter nach Gran Canaria, wo der 90. Geburtstag ihrer Tante Maya gefeiert wird. Dort trifft der komplette ex-sowjetische Clan aus Israel zusammen, was für Lou alles andere als einfach ist.

"Meine Familie kam mir vor wie ein schlecht übersetztes Buch: Zu meinen Verwandten hatte ich keine Rechte Bindung und wusste nur grob darüber bescheid, wer sie waren, was sie taten oder worüber sie sprachen. Sie hingegen schienen alles über mich zu wissen."

Während des Aufenthalts auf Gran Canaria flammen auch alte Konflikte zwischen Lous Mutter und deren Tante Maya wieder auf. Denn Mayas Anekdoten aus der Kindheit und Jugend in der Sowjetunion weichen stark von den Erzählungen der verstorbenen Großmutter Rosa (nach der auch Lous Tochter Rosa benannt wurde) ab.

„Maya war die letzte Zeugin, und sie veränderte die Geschichte vom Überleben nach ihren Bedürfnissen. …Sie manipulierte die Erinnerung und war doch zugleich die Einzige, die sich überhaupt noch erinnern konnte.“

Um Antworten auf ihre Fragen zu finden, schickt Lou Rosa mit ihrer Mutter nach Deutschland zurück und reist selbst ihrer Großtante Maya nach Israel hinterher ...

Eigentlich hat mit der Roman über Herkunft und (jüdische) Identätit sehr gut gefallen; ich mag Olga Grjasnowas Schreibstil sehr. Nur mit dem Ende bin ich leider nicht glücklich ... Nicht falsch verstehen, ich mag „offene Enden“ aller Art grundsätzlich schon – aber bei diesem Roman lässt es mich ein wenig ratlos zurück. Das Buch endet einfach - aber ich weiß nicht so recht, was die Autorin damit sagen will. Schade, ansonsten war es wirklich gut; nur der Schluss ist leider unbefriedigend.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 14.07.2025

Herkunft, jüdische Identität und Familie

Juli, August, September
0

Die Ich-Erzählerin Lou in Olga Grjasnowas Roman „Juli, August, September“ lebt mit ihrem zweiten Ehemann Sergej, einem erfolgreichen Pianisten, und ihrer gemeinsamen fünfjährigen Tochter Lou in Berlin. ...

Die Ich-Erzählerin Lou in Olga Grjasnowas Roman „Juli, August, September“ lebt mit ihrem zweiten Ehemann Sergej, einem erfolgreichen Pianisten, und ihrer gemeinsamen fünfjährigen Tochter Lou in Berlin. Lous Mutter lebt ebenfalls in Deutschland, der Rest der großen Familie ist nach Israel ausgewandert und führt dort ein privilegiertes Leben, während Lous Mutter in Deutschland gerade so mit einer mickrigen Rente zurechtkommt.

"Ich schaute mir den Körper meiner Mutter an - er war ganz anders als die Körper der anderen Frauen hier, müder, unförmiger. Mit einer riesigen Narbe auf dem Bauch und einer auf dem rechten Oberarm. Es war ein Körper, der von einem anderen Leben erzählte. Einem Leben, das durch Arbeit und Krankheit gekennzeichnet war, einem Leben ohne Filler, kosmetische Behandlung und Kompromisse. Ich fühle mich schuldig, dass mein Leben so bequem war."

Sergej ist viel unterwegs und Lou zweifelt immer öfter an ihrer Beziehung.
Beide sind russisch-stämmige Juden, aber im Alltag spielt ihr Glaube eigentlich keine Rolle.

"Die meisten meiner Verwandten achteten penibel auf eine jüdische Partnerwahl. Für mich war es das jüdische Paradoxon: Es war verboten, zu missionieren, es gab keine Pilgerstätten, und nicht einmal die Konvertiten wurden mit offenen Armen empfangen - aber die Nachkommen mussten jüdisch sein, wobei keiner genau wusste, was das eigentlich hieß, und so stützen wir uns alle auf die halachischen Regeln. Wir alle hatten den Eintrag "Jude" in unserer Geburtsurkunde oder in unseren Pässen gehabt, aber es gab kaum Traditionen, die übrig geblieben wären. Unser Judentum war eine kulturelle Performance, und selbst die war nicht besonders gut. Allerdings waren wir die einzigen die sich dafür rechtfertigen mussten."

Lou überlegt, ob sie ihrer Tochter mehr von ihrer jüdischen Identität näher bringen soll; ihr Mann Sergej tut dies mit einem Witz ab: „Juden haben keine Wurzeln, Juden haben Beine.“

Doch Lou kann nicht aufhören, über ihre Herkunft und ihre Identität nachzudenken.

"Es war das erste Mal, dass ich hörte, wie Rosa sich mit einer Herkunft identifizierte, und dass es die deutsche wahr, versetzte mir einen Stich. Aber was hatte ich erwartet? Immerhin war ich diejenige gewesen, die zusammengezuckt war, als Rosa vor zwei Monaten im Schwimmbad einem unbekannten Mädchen erzählt hatte, sie sei jüdisch. Als Kind sollte ich nie sagen, dass ich jüdisch bin. Es war eine Vorsichtsmaßnahme, die sich aus der Erfahrung meiner Eltern ergab. Ich wollte etwas Besseres für meine Tochter, doch während sie wie selbstverständlich mit Wildfremden darüber sprach, krampfte sich in mir alles zusammen. Wir hatten ihr nicht einmal beigebracht, wie man sich selbst schützt."

Während Sergej mal wieder auf Konzertreise geht, fliegt Lou gemeinsam mit Rosa und ihrer Mutter nach Gran Canaria, wo der 90. Geburtstag ihrer Tante Maya gefeiert wird. Dort trifft der komplette ex-sowjetische Clan aus Israel zusammen, was für Lou alles andere als einfach ist.

"Meine Familie kam mir vor wie ein schlecht übersetztes Buch: Zu meinen Verwandten hatte ich keine Rechte Bindung und wusste nur grob darüber bescheid, wer sie waren, was sie taten oder worüber sie sprachen. Sie hingegen schienen alles über mich zu wissen."

Während des Aufenthalts auf Gran Canaria flammen auch alte Konflikte zwischen Lous Mutter und deren Tante Maya wieder auf. Denn Mayas Anekdoten aus der Kindheit und Jugend in der Sowjetunion weichen stark von den Erzählungen der verstorbenen Großmutter Rosa (nach der auch Lous Tochter Rosa benannt wurde) ab.

„Maya war die letzte Zeugin, und sie veränderte die Geschichte vom Überleben nach ihren Bedürfnissen. …Sie manipulierte die Erinnerung und war doch zugleich die Einzige, die sich überhaupt noch erinnern konnte.“

Um Antworten auf ihre Fragen zu finden, schickt Lou Rosa mit ihrer Mutter nach Deutschland zurück und reist selbst ihrer Großtante Maya nach Israel hinterher ...

Eigentlich hat mit der Roman über Herkunft und (jüdische) Identätit sehr gut gefallen; ich mag Olga Grjasnowas Schreibstil sehr. Nur mit dem Ende bin ich leider nicht glücklich ... Nicht falsch verstehen, ich mag „offene Enden“ aller Art grundsätzlich schon – aber bei diesem Roman lässt es mich ein wenig ratlos zurück. Das Buch endet einfach - aber ich weiß nicht so recht, was die Autorin damit sagen will. Schade, ansonsten war es wirklich gut; nur der Schluss ist leider unbefriedigend.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 11.07.2025

Liebe ist ein „Tu-Wort“: Wichtiges feministisches Sachbuch

Kluft und Liebe
0

"Kluft und Liebe" von Josephine Apraku ist ein feministischer Aufruf, sich neu mit dem Thema „Liebe“ auseinanderzusetzen.
Die Autorin erklärt die Mechanismen von Liebe, Macht und Diskriminierung. Durch ...

"Kluft und Liebe" von Josephine Apraku ist ein feministischer Aufruf, sich neu mit dem Thema „Liebe“ auseinanderzusetzen.
Die Autorin erklärt die Mechanismen von Liebe, Macht und Diskriminierung. Durch eine sehr gelungene Mischung aus persönlichen Erlebnissen, Analysen und literarischen Texten ist das Buch sowohl gut verständlich als auch sehr umfassend.
Josephine Apraku zeigt auf, wie Liebesbeziehungen durch soziale Ungleichheiten geprägt werden; wie Rassismus, Behinderungen sowie patriarchal geprägte Strukturen und Verhaltensmuster unsere vermeintlich privaten, zwischenmenschlichen Beziehungen beeinflussen. Traditionelle Beziehungsnormen werden in Frage gestellt.

„Seyda Kurt macht einen wichtigen Punkt: Erzählungen über Liebe, die gesellschaftliche Vorstellungen noch immer maßgeblich prägen, sind nicht neutral. Repräsentationen von Liebe in medialen Darstellungen erfolgen noch immer vor allem aus einer mehrfach privilegierten Perspektive. Es ist meist eine weiße, bürgerliche, cis männliche, hetero und nicht behinderte Perspektive, die allerdings nicht transparent gemacht wird. Sie erscheint damit als neutral, als selbstverständlich und wird überhaupt erst dadurch zur Norm. Dabei ist, insbesondere weil die durch Machtstrukturen geschaffene Position nicht benannt wird, Unterdrückung immer Teil dieser Perspektive auf Liebe. Das macht etwas mit uns, nicht nur als Gesellschaft, sondern auch im Privaten. Schließlich sind es diese Darstellungen, die uns von Beginn an in unserem Leben begleiten, uns be¬einflussen, an denen wir uns orientieren und an denen wir gemessen werden. Mit diesen Repräsentationen von Liebe werden zeitgleich eine Norm sowie die Abweichung von dieser gebildet und damit der Rahmen dafür gesteckt, wen wir lieben sollten und wie. „

„Ein wesentlicher Bestandteil dieses Skripts, sprich unserer Sozialisierung, ist die Annahme, dass Menschen, alle Menschen, heterosexuell sind. Nur deshalb gibt es das gesellschaftliche Phänomen eines Coming-out überhaupt: Die Tatsache, dass Menschen preisgeben »müssen«, nicht heterosexuell zu sein, hängt exklusiv damit zusammen, dass wir in einer Gesellschaft leben, die Heterosexualität zur Norm macht und institutionalisiert hat. Kurz: Wer wir sein und wen wir begehren sollten, wird mit einer der ersten Aussagen über uns - etwa "Es ist ein Mädchen!" - bestimmt.“

„Die unendliche gesellschaftliche "Liebesgeschichte", die uns überall im Alltag begegnet - um nicht zu sagen: verfolgt -, funktioniert nach dieser simplen gleichbleibenden Formel: weiße, normschlanke, nicht be
hinderte cis Frau verliebt sich in ihr einzig angemessenes Gegenstück, den weißen, normschlanken und ebenfalls nicht be_behinderten cis Mann. Sie ist das Objekt seines Verlangens, das lernen beide von jungen Jahren an.“

„In einer kapitalistisch geprägten Gesellschaft wird uns überall suggeriert, dass die eine Sache mehr wert sei als die andere. Dieses Grundprinzip, das Teil der Basis von Unterdrückung ist, gilt auch für unsere Beziehungen: Die eine ist vermeintlich wichtiger als die andere. Verheiratet sein sticht "einfach zusammen sein", Liebesbeziehung sticht Freundinnenschaft, und die Länge einer Partnerinnenschaft gibt vermeintlich Auskunft über deren Qualität - kurz ist "schlecht", lang ist "gut "und "echte Liebe". Die unterschiedlichen Beziehungen, die uns durch unser Leben begleiten - das lernen wir -, sind nicht gleichwertig.“

„Denn nichts von alldem, wie wir Beziehungen denken, sie verstehen und uns in ihnen Verhalten, geschieht in einem Vakuum. Im Gegenteil, wir sind zutiefst beeinflusst von unserem Umfeld, von Vorstellungen, die nicht unsere eigenen sind. Um Beziehungen so auszuhandeln, dass sie für uns funktionieren, und sie gleichberechtigter zu gestalten, benötigen wir allerdings deutlich mehr Raum.“

Das Buch ist kein Ratgeber; es stellt vielmehr Fragen als dass es Antworten liefert.
Dennoch ist das Buch sehr wertvoll und tiefgründig und kann helfen, Machtgefälle zu überwinden und eine neue, bessere Art der Liebe zu ermöglichen.

Ich vergebe 5 von 5 Sternen für dieses wirklich berührende und kluge Buch.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere