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Veröffentlicht am 03.06.2023

Mörderische Hochzeit

Akte Nordsee - Der Teufelshof
2

Nein, diese Hochzeit ist nicht der schönste Tag im Leben des norddeutschen Jung-Landwirts Henning und seiner aus Lettland stammenden Frau Anna: Eine Nachbarin findet Hennings Eltern erschossen im Schlafzimmer, ...

Nein, diese Hochzeit ist nicht der schönste Tag im Leben des norddeutschen Jung-Landwirts Henning und seiner aus Lettland stammenden Frau Anna: Eine Nachbarin findet Hennings Eltern erschossen im Schlafzimmer, Henning ist schwerverletzt, Anna hat sich in einer Scheune versteckt. Was steht hinter den Morden in der Hochzeitsnacht? Fentje Jacobsen, deren Großeltern einen Schafbauernhof gleich in der Nacbarschaft betreiben, kennt Henning nicht nur aus ihrer Schulzeit, sie ist auch Anwältin und wird gebeten, Henning zu vertreten. Denn die Polizei sieht in dem Hoferben keineswegs nur das Opfer, sondern auch einen möglichen Verdächtigen in Eva Almstädts Kriminalroman "Akte Nordsee. Der Teufelshof".

Almstätt lässt Fentje Jacobsen mit diesem Buch bereits zum zweiten Mal ermitteln. Fentje ist eine eher untypische Juristin, muss sie sich ihre Zeit schließlich zwischen den Bedürfnissen ihrer Klienten und denen mutterloser Lämmer aufteilen - die Großeltern sind in die Jahre gekomme, da muss auch auf dem Bauernhof mit angepackt werden. An dem professionellen Engagement der Anwältin, die als Einheimische auf der Halbinsel Eiderstedt bestens vernetzt ist, ändert das nichts.

Henning ist allerdings nicht der Einzige, der anwaltliche Hilfe benötigt. Auch Anna gilt als tatverdächtige, hat sie doch das Drama als einzige unbeschadet überlebt - und angeblich vergessen, das Handy mitzunehmne. Warum hat die junge Frau, deren Schwiegereltern mit der Ehe nicht einverstanden gewesne sein sollen, nicht schon früher versucht, Hilfe zu holen? Auf diese Fragen will die Polizei Antworten.

Einer, der Anna eine solche Tat keinesfalls zutraut, ist der Journalist Niklas John, der bereits im ersten Buch der "Akte Nordsee" mit Fentje an der Aufklärung eines Falles arbeitete. Diesmal hat er ein ganz persönliches Motiv, denn Anna war die erste große Liebe seines Lebens. Nun gibt er den Ritter in schimmender Rüstung.

Eva Almstädt spart nicht mit Andeutungen und Motiven sonstiger Beteiligter: Hennings Bruder und seine geldgierige Frau könnten doch ebenfalls ein Interesse am Erbe haben. Dann ist da Annas windiger Ex-Mann, vorbestraft wegen Betrugs. Oder hatte die vor wenigen Monaten verstorbene Dorfhebamme auf dem Totenbett Hennings Mutter ein Geheimnis verraten, für das jemand morden würde? Manche der Verdächtigen sind so unsympathisch und haben so triftige Motive, dass man beim Lesen abwinkt: die können´s nicht sein, schließlich werden sie schon in der ersten Buchhälfte in den Blickpunkt gerückt - und welcher Krimi-Autor macht das schon? Oder ist es gerade deshalb der Trick?

Almstädt lässt ihre Leser*innen jedenfalls eine ganze Weile rätseln und spart auch nicht mit ein paar dramatischen Momenten, obwohl dank kuscheliger Lämmer, Salzwiesen und kauziger Dorfbewohner durchaus auch Cozy-Potential in ihren Eiderstedt-Büchern steckt. Auch die wechselhafte Beziehung zwischen Fentje und Niklas hat sicher noch Potentials für weitere Bücher. "Der Teufelshof" ist spannend, gut lesbar, mit sympathischen Protagonisten. Und wer die Gegend um Sankt Peter-Ording mag, kommt auf jeden Fall auf seine Kosten.

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  • Spannung
Veröffentlicht am 30.05.2023

Kommerz, Archäologie und Rache

Kretische Nacht
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Die Serie von Nikos Milonas (ein weiterer Fall von einem deutschen Autor, der mit seinem Pseudonym einen Landsmann von Schauplatz seiner Romana vorgaukelt, in diesem Fall nicht Frankreich, Portugal oder ...

Die Serie von Nikos Milonas (ein weiterer Fall von einem deutschen Autor, der mit seinem Pseudonym einen Landsmann von Schauplatz seiner Romana vorgaukelt, in diesem Fall nicht Frankreich, Portugal oder Italien, sondern eben Griechenland) um den griechischen Kriminalkommissar Michalis Charisteas kannte ich bisher nicht. Es machte aber trotzdem nichts, mit dem bereits fünften Band "Kretische Nacht" einzusteigen. Denn erstens hat der Autor ein breites Personenverzeichnis vorangestellt und zweitens erschließt sich das Bezieuhngsgefüge recht schnell. Zudem ist das Privatleben des Kommissars ständig in die Handlung eingewoben, das macht den Einstieg leicht.

Leicht hat es unterdessen Charisteas nicht gerade. Da will er die Beziehung zu seiner deutschen Freundin auf eine neue Ebene hieven, hat heimlich Verlobungsringe gekauft - doch mit Heimlichkeiten ist das auf Kreta so eine Sache, vor allem angesichts des sechsten Sinns seiner Mutter und seiner Schwester für solche Geheimnisse. Kein Wunder, dass Charisteas beim Essen im Familienrestaurant angesichts vieler neugieriger Fragen schon mal der Hunger vergeht. Aber auch wieder ganz praktisch, wenn er zu einem Unfall-, möglicherweise auch Tatort gerufen wird:

Ein Boot mit drei Menschen an Bord ist an einen Felsen gefahren und explodiert, es gab drei Tote. Der Sohn des Bootsbesitzers glaubt an einen Anschlag. Doch er war nicht an Bord, wohl aber seine Verlobte, sein bester Freund und eine weitere Frau. Falls es ein Anschlag war, wem galt er - der Hoteiliersfamilie des Bootseigners, oder den tatsächlichen Opfern? Die Befragung von Zeugen und Hinterbliebenen ist mühsam, vor allem der Hotelierssohn entzieht sich immer wieder Befragungen. Als Sympathieträger kommt er auch nicht rüber - doch reicht das für einen Verdacht?

Der Hotelier hatte zudem zahlreiche Neider, der Ortspolizist scheint auf eigene Faust ermitteln zu wollen und den Kripo-Kollegen aus Chania einiges zu verschweigen, dafür mischt sich der Kriminaldirektor höchstselbst in die Ermittlungen ein - kein Zweifel, Charisteas hätte es lieber unkomplizierter. Als wäre es nicht noch schwierig genug, muss er sich auch noch mit einer übereifrig-aggressiven Archäologin herumschlagen und eine Vendetta verhindern. Da wäre es schon schwierig, eine romantische Verlobung zu planen, wenn die Geliebte nicht ständig von Tagung zu Tagung jetten müsste!

Nebenbei gibt es folkloristisch-kulinarische Einlagen, als Gastronomensohn weiß Charisteas gutes Essen zu wünschen. Manches ist recht stereotypisierend, aber bei Kreta-Urlaubern dürfte gerade dies vielleicht auch auf Gegenliebe stoßen. Ein nicht zu kuscheliger Urlaubskrimi, der sich am Ende durchaus schlüssig auflöst. Ob Charisteas dazu kommt, die Frage aller Fragen zu stellen, wird hier natürlich nicht verraten.

Ein Kreta-Krimi, der beim Lesen auch immer wieder Hunger macht und die Sehnsucht nach Meer und dem Geruch blühender Kräuter weckt.

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Veröffentlicht am 17.05.2023

Männliche Selbsterkenntnisse und #MeToo

Noch wach?
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Der Hype um "Noch wach?" von Benjamin von Stuckrad-Barre war schon vor dem Erscheinungsdatum groß. Schließlich stand der Autor schon vor Monaten in der Diskussion um die "Causa Reichelt" als Empfänger ...

Der Hype um "Noch wach?" von Benjamin von Stuckrad-Barre war schon vor dem Erscheinungsdatum groß. Schließlich stand der Autor schon vor Monaten in der Diskussion um die "Causa Reichelt" als Empfänger von Textnachrichten des Springer-Chefs Döpfner. Dass er dann einen Roman schrieb, in dem es um toxische Männlichkeit, Sex mit abhängig Beschäftigten und Karriere gegen Bettgeschichten ging, ließ natürlich an gewisse Vorgänge erinnern, in denen ganz konkrete Vorwürfe gegen eine ganz gewisse Person erhoben wurden. Ein Schlüsselroman also?

Vermutlich nicht zuletzt aus Erwägungen vor womöglich teuren und langwierigen Rechtsstreiten schrieb der Autor vorneweg, es handele sich um eine fiktive Geschichte, die von realen Ereignissen inspiriert worden sei. Immerhin, der Name Harvey Weinstein - ein Teil der Handlung spielt in Los Angeles - steht im Text. Vermutlich, weil der Mann erstens verurteilt ist und zweitens das Buch nicht lesen dürfte. Da steht Anwaltspost eher nicht ins Haus.

Ganz anders, wenn es um den Ich-Erzähler geht, seinen guten Freund, CEO eines Medienunternehmens, und einen gewissen Chefredakteur, von dessen Art und politischer Einstellung der Erzähler noch nie viel gehalten hat, doch als er von einer jungen Journalistin über das toxische Verhältnis zwischen ihr und dem Chefredakteur erfährt, glaubt er, etwas unternehmen zu müssen. Denn (anders als der Erzähler ist frau nicht sonderlich erstaunt, das zu hören): Der Alpha-Mann an der Senderspitze hat schon des öfteren junge Mitarbeiterinnen avancieren lassen. Frauenförderung ist ja löblich, wenn aber Praktikantinnen und Berufsanfängerinnen ohne Erfahrung Moderatorenjobs oder eigene Sendungen bekommen, fällt das auf. Wenn sie allesamt jung, blond, hübsch und vorzugsweise langbeinig sind, erst recht. Ach ja, im Bett lief da auch was, ihnen wurde suggeriert, es sei echte Liebe, nur die jeweilige Favoritin könne ihn verstehen und seine wunde Seele heilen....

Bis es dann eben vorbei war und die steile schnelle Karriere ebenso schnell wieder stockte.

Als der Erzähler von diesen Vorgängen hört, ist er traurig und empört. So etwas darf es doch nicht geben, und das im 21. Jahrhundert! (Wie gesagt, die meisten Frauen, nicht nur in den Medien, wären vermutlich weit weniger überrascht) Wie er versucht, seinen Buddy, den CEO, von der Schändlichkeit des Chefredakteurs zu überzeugen und sich immer mehr für und mit der Gruppe betroffener Frauen engagiert, darum geht es in dem Buch, das also kein Schlüsselroman ist. Wer die Vorgänge um die Causa Reichelt verfolgt hat, wird von der Entwicklung der Handlung dennoch nicht überrascht werden.

Dass sich der Erzähler als Ally versteht und den Frauen helfen will, ist in diesem locker (gewissermaßen für einen Liegestuhlplatz am Pool ideal) geschriebenen Roman mit dem Spagat zwischen Hollywood und Berlin, zwischen Filmindustrie und Medienwelt, durchaus sympathisch. Doch ach, es geht immer nur um die Kerle. Die Frauen, von der Whistleblowerin (in der gleichen Selbsthilfegruppe wie der Erzähler) vielleicht mal abgesehen, bleiben blass. Und der Erzähler leidet mindestens ebenso wegen seiner nun auf die Probe gestellten Freundschaft mit dem CEO, mit dem ihn Gespräche, durchgemachte Nächte und männerbündische Expeditionen verbiden, wie unter der Ausnutzung junger Frauen durch ihren obersten Chef.

Eben jene Freundschaft, die langjährigen Verbindungen zu dem Haus - das bleibt ebenso wenig hinterfragt, wie die übrigen Geschädigten des Systems. Denn ja, die jungen Frauen sind in eine emotionale Achterbahn geraten, ausgenutzt worden in einer ungleichen Beziehung - aber vorübergehend haben sie auch davon profitiert (und deshalb auch nicht klare Kante gegen Schlüpfrigkeiten und Übergriffigkeit gezeigt). Das bedeutete aber auch, dass anderen Frauen (oder auch Männern) trotz beruflicher Qualifikation und Erfahrung die gleichen schnellen Schritte auf der Erfolgsleiter verwehrt blieben.

Wirklich entlarvend ist "Noch wach?" nicht, die ausführliche moralische Empörung des Erzählers ist auch irgendwann ausgereizt. Ja, ist klar, er will einer von den Guten sein. Es hätte ihm (und dem Autor) aber nicht geschadet, die eigene Rolle stärker zu reflektieren und zu hinterfragen. Und den Frauen das Wort zu geben.

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Veröffentlicht am 17.05.2023

Tod einer Saxofonistin

Todesschlag
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Ex-Journalistin Agnes Tveit ist seit ihrem ersten Auftritt in Randi Fuglehaugs "Todesfall" unter die Buchautorinnen gegangen. Die dramatischen Erlebnisse um das Sportfest in ihrer westnorwegischen Heimatstadt ...

Ex-Journalistin Agnes Tveit ist seit ihrem ersten Auftritt in Randi Fuglehaugs "Todesfall" unter die Buchautorinnen gegangen. Die dramatischen Erlebnisse um das Sportfest in ihrer westnorwegischen Heimatstadt Voss hat sie zu einem True Crime-Buch verarbeitet, nun soll sie eine Biografie über die ebenfalls aus Voss stammende Saxofonistin Marta Tverberg schreiben. Zu der exzentrischen Jazzerin hat sie ein ambivalentes Verhältnis: Sie bewundert die Lebensleistung der Frau, kann sich mit ihrer oft barschen und arroganten Art nicht anfreunden. Doch dann stirbt Marta während des Voss Jazz Festival nach einer Wutrede gegen Jugendkult und Männerbünde in der Musikindustrie während ihres Auftritts. Ist damit auch die Biografie gestorben?

Die Tatsache, dass auch ein anwesender Medizinstudent nach seinen Wiederbelebungsmaßnahmen und Mund-zu-Mund-Beatmung zusammenbricht und wenig später stirbt, nährt die Vermutung, dass hier nicht etwa ein plötzlicher Herztod eintrat. Tveits Verlag frohlockt: Ein True Crime würde sich ja schon besser verkaufen....

Agnes beginnt auf eigene Faust zu recherchieren, bekommt von ihrem Jugendfreund Viktor, praktischerweise bei der örtlichen Polizei, ein paar exklusive Hinweise. Da Voss ein kleiner Ort ist und die Musikszene überschaubar, trifft Agnes bei ihren Ermittlungen immer wieder auf Menschen, die sie aus der eigenen Jugend kennt, oder mit denen ihre Eltern aufgewachsen sind. Das macht es sowohl einfacher als auch komplizierter, die Wahrheit herauszufinden.

Die Autorin führt ihre Leser dabei immer wieder auf falsche Fährten, die zunächst schlüssig erscheinen und spart nicht an Verdächtigen und Motiven. Die Schilderung der Kleinstadt am Gletscher, die Osterrituale auf der Skihütte, das - mal abgesehen von Morden - beschauliche Miteinander haben mir gut gefallen.

Wie bereits im ersten Buch ist Agnes Tveit ein Charakter, mit dem ich nicht wirklich warm werde. Dass sie sich nie entscheiden kann, welchen Mann sie nun eigentlich will und mit wem sie doch nicht kann, ist für eine Frau ihres Alters ein wenig irritierend. Ihre Angewohnheit, sich wiederholt in Lebensgefahr zu bringen, ohne zumindest ein Backup zu haben, soll vielleicht die Spannung steigern, hat bei mir aber eher die Wirkung, der Figur jegliche Lernfähigkeit und Einsicht in eigene Fehler abzusprechen.

Die Auflösung des Plots ist nach allerlei Hakenschlagen mit wieder entlasteten Verdächtigen für den Leser nicht mehr ganz so überraschend wie für Agnes. Ein weiterer Band der Serie und noch mehr amouröse Verwicklungen stehen zum Ende des Buches ebenfalls in Aussicht. Für mich ist "Todesschlag" eines der Bücher, die mich mit einem "sowohl, als auch" Gefühl zurücklassen. Vieles fand ich gelungen, anderes stieß zumindest bei mir auf wenig Gegenliebe. Agnes Tveit habe ich auch weiterhin nicht ins Herz geschlossen, auf Voss werde ich mich auch im nächsten Band freuen.

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Veröffentlicht am 16.05.2023

Unternehmertum in Afrika

Jenseits von Europa
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Die europäischen Narrative von Afrika sind sehr häufig ziemlich eindimensional: Entweder ist da das Herz der Dunkelheit - Hunger, Krisen, Konflikte, Armut und Aids, die geballte Häufung von Negativschlagzeilen ...

Die europäischen Narrative von Afrika sind sehr häufig ziemlich eindimensional: Entweder ist da das Herz der Dunkelheit - Hunger, Krisen, Konflikte, Armut und Aids, die geballte Häufung von Negativschlagzeilen und Verzweiflung. Ein hoffnungsloser Fall, buchstäblich. Oder aber das Traumparadie der Strände und Safariurlauber. Beeindruckende Landschaften, große Weite, wilde Tiere, out of Africa Idylle. Die Menschen der bereisten Länder sind entweder dienstbares Personal, folkloristisches Beiwerk (Massai, hüpfend in roten Shukas) oder Empfänger milder Gaben - manche Urlauber bringen gerne einen Koffer Altkleider sowie Sammlungen von Bonbons und Kugelschreibern unter die Leute, stets überzeugt, dass sie damit Leben verbessern.

Insofern ist es ausgesprochen positiv zu sehen, dass das Journalistenduo Sophia Bogner und Paul Hertzberg mit dem Buch "Jenseits von Europa" solchen Klischeevorstellungen den Kampf ansagt. Das Buch ist eine Sammlung von Reportagen, die sie im Laufe von etwa vier Jahren bei wiederholten Reisen nach Afrika recherchiert haben. Es geht darum, die Stereotype gegen den Strich zu bürsten. Hier werden nicht rote Erde und Dornakazien oder Elefanten vor dem Hintergrund des Kilimanjaro besungen, es geht um Innovation, um Aufschwung, um die rasant zunehmende Mittelschicht. Es geht um ehrgeizige und gut gebildete Afrikanerinnen mit ihren Vorstellungen, wie sie ihre Zukunft gestalten wollen.

Im Mittelpunkt stehen meist Unternehmerinnen und Unternehmer, die digitale Wirtschaft, aber auch Konzepte, die sich etwa den Herausforderungen zur Verbesserung der Infrastrukur auf dem riesigen Kontinent stellen. Dabei sind die beiden nah dran an ihren Protagonisten, gelegentlich zu nah, als das zu genau nachgefragt wird. Hier ist denn auch ein Schwachpunkt des Buches: Junge vermutlich hippe deutsche Journalisten befragen junge hippe afrikanische Unternehmer. Die gibt es natürlich - aber so bleibt sehr viel ausgeklammert. Man bewegt sich überwiegend in urbanem Umfeld. Die Herausforderungen des ländlichen Raumes, die Tatsache, dass die Gesellschaften eher konservativ geprägt sind und längst nicht alles in dem Tempo läuft, das junge ambitionierte Träger des Wandels anstreben - davon ist kaum die Rede. Auch Korruption und überbordende staatliche Bürokratie werden nur angerissen.

Ich denke, viele dieser Lücken haben auch damit zu tun, dass die Autoren immer nur für Geschichten nach Afrika gereist sind und dort nicht durchgehend für längere Zeit gelebt haben. Da taucht man dann doch anders in das Leben ein, Zwar stammt Bogners Mutter aus Äthiopien, aber die Unternehmertochter war immer nur besuchsweise in dem Land.

Fazit: Ein anderer, positiver Blick auf das Afrika der Chancen und Möglichkeiten. Es bleiben Lücken, aber ohne Schwarzseherei und rosarote Brille eine interessante Darstellung von afrikanischen Macher
innen und Unternehmerinitiativen.