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Veröffentlicht am 14.03.2021

Roman über Virginia Woolfs letzten Tage

Ach, Virginia
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Im Alter von 59 Jahren nahm die Schriftstellerin Viriginia Woolf sich das Leben. Michael Kumpfmüller lässt nun in seinem Buch "Ach, Virginia" die letzten Tage der Virginia Woolf lebendig werden. 

Kumpfmüller ...

Im Alter von 59 Jahren nahm die Schriftstellerin Viriginia Woolf sich das Leben. Michael Kumpfmüller lässt nun in seinem Buch "Ach, Virginia" die letzten Tage der Virginia Woolf lebendig werden. 

Kumpfmüller begibt sich dazu in die Gedanken- und Gefühlswelt Woolfs. Er wählt die Innensicht als erzählerisches Mittel, den Bewusstseinsstrom. Er umkreist dabei immer wieder die gleichen Gedanken und Gefühle der Schriftstellerin: ihre Selbstzweifel, die Angst, wahnsinnig zu werden, wieder in eine Anstalt zu müssen, ihr Unvermögen, zu schreiben. 

Wer sich von dem Buch erzählerisch nahegebrachte Informationen über Woolfs Bücher, ihre Erfolge, ihre neuen Ansätze des Erzählens erhofft, wird bitter enttäuscht. All das kommt in dem Buch nicht, allenfalls am Rande, vor. Kumpfmüller zeigt stattdessen eine Virginia Woolf, die - das dürfte es wohl am besten treffen - zutiefst selbstreferenziell ist. 

Deutlich wird dadurch einerseits Woolfs Stolz und Narzissmus, ihre Überheblichkeit im Wissen darüber, dass sie (und nur sie!) eine außerordentliche Schriftstellerin ist. Ebenso tritt aber auch ihre Brüchigkeit und Verletzlichkeit zutage, verbunden mit abgrundtiefen Selbstzweifeln und ebenso abgrundtiefer Angst. Allenfalls verschwommen ist die Wahrnehmung ihrer Umwelt. Der Leser ist mit hineingenommen, wenn sie sich fragt, ob sie gerade etwas laut gesagt hat oder nur gedacht hat, ob die Stimmen, die sie hört, real sind oder nicht. Und ja: der Leser spürt, wie groß ihre Angst sein muss, erneut psychotische Schübe zu haben, wieder in eine Anstalt zu müssen. 

Dieser schmale Grat zwischen Realität und Wahn macht den Leser zum Deuter. Spätestens die subjektive Sicht auf den Ehemann , auf Freundinnen und Freunde lassen den Deuter zum skeptischen Beobachter werden. Bei den vielen vielfältigen Wiederholungen des immer gleichen Themas ist es das, was einen Kumpfmüllers Buch nicht vorzeitig beiseite legen lässt. Man wird als Leser Teil dieser Welt. 

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Veröffentlicht am 04.03.2021

Ein Buch, das mich schnell in seinen Bann gezogen hat

In Kalabrien
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Claudio Bianchi ist die sympathische Hauptfigur von Peter S. Beagles unterhaltsamen Buch „In Kalabrien„, das ich für mich wiederentdeckt habe.

Claudio Bianchi ist ein Eigenbrötler. Zurückgezogen bewirtschaftet ...

Claudio Bianchi ist die sympathische Hauptfigur von Peter S. Beagles unterhaltsamen Buch „In Kalabrien„, das ich für mich wiederentdeckt habe.

Claudio Bianchi ist ein Eigenbrötler. Zurückgezogen bewirtschaftet er einen kleinen Hof in Kalabrien. Seine Mitmenschen hält er für Halsabschneider. Zu wenig zahlen sie für sein Gemüse, zu viel verlangen sie für den Zuchtbullen. Also lässt Bianchi eben seine Kühe nicht decken, also fährt er sein Gemüse eben zum übernächsten Markt – ach nein, das geht ja nicht. Dafür ist sein Auto viel zu alt… Also verkauft er sein Gemüse notgedrungen doch dem geizigen Händler vor Ort. Aber natürlich tut er dies nicht ohne ihn bei jeder Lieferung darauf hinzuweisen, was für ein Geizkragen er doch sei.

Seine Frau hat den mürrischen alten Mann längst verlassen. Deutlich besser versteht sich Bianchi mit seinen Tieren: den Kühen, Katzen und vor allem dem Ziegenbock. Mit ihnen spricht er – sie kennt er. Nur mit dem Postboten, der fast jeden Tag den mühsamen Weg zum Hof macht, um doch nur Werbung zu bringen, unterhält sich Bianchi gerne. Die beiden wissen sich zu nehmen. Trotzdem: Von seinen Gedichten, die Bianchi schreibt, hat er ihm noch keines vorgelesen.

In diese Welt bricht nun ganz unvermittelt ein Einhorn. Warum es ausgerechnet den Weg zu ihm findet: Bianchi weiß es nicht. Unbeholfen bietet er ihm seinen Schutz an. Doch braucht das Einhorn den überhaupt? Bald schon wird klar: Es braucht mehr Schutz als Bianchi ihm wohl geben kann. Denn nicht nur Horden von Journalisten machen sich auf den Weg, auch die kalabrische Mafia interessiert sich für das Einhorn. Allerdings muss ich gestehen, dass mich die sehr platte Darstellung der Mafia – „das Monster“ – und der Schluss nicht überzeugt haben.

Das Einhorn bildet allerdings nicht das erzählerische Zentrum des Buches. Es ist eher wenig, was man über es selbst erfährt. Vieles, ja das meiste, bleibt geheimnisvoll. Im Zentrum der Handlung steht vielmehr Claudio Bianchi und sein Leben, das nun völlig auf den Kopf gestellt ist. Wäre da nicht die Schwester des Postboten, die sich für Bianchi zu interessieren beginnt – wer weiß, was alles Schlimmes hätte passieren können!

Das Buch – es ist schnell gelesen – hat mich sofort in seinen Bann gezogen. Der ironische Erzähler, die fühlbare Atmosphäre, all das bereitet großen Lesegenuss.

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Veröffentlicht am 30.01.2021

Zwei Brüder, zwei Könige

Ihr Königreich
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Jo Nesbøs Buch „Ihr Königreich“ hat mich sehr zwiegespalten zurückgelassen. Es ist streckenweise sehr spannend, die Landschaft sehr überzeugend beschrieben – wie auch die Menschen, die ebenso karg wie ...

Jo Nesbøs Buch „Ihr Königreich“ hat mich sehr zwiegespalten zurückgelassen. Es ist streckenweise sehr spannend, die Landschaft sehr überzeugend beschrieben – wie auch die Menschen, die ebenso karg wie die Landschaft zu sein scheinen.

Dennoch: Die Geschichte um die beiden Brüder Roy und Carl Opgard hat mich nicht gefesselt. Die Beziehung der beiden Brüder hätte dies hergegeben. Carl kehrt aus Kanada zurück, verheiratet und erfolgreich. Mitten in den norwegischen Bergen will er nun ein Hotel erbauen. Sein Bruder weiß nicht, was er von der Rückkehr halten soll. Denn darüber, was er im fernen Kanada gemacht hat, gibt es wilde Spekulationen.

Doch das Verhältnis der beiden Brüder bleibt im Unklaren. Nur, wenn es auf die Probe gestellt wird, kommt Spannung in die Handlung hinein. So sind es auch die überraschenden Wendungen, von denen der Roman lebt.

Mir sind beim Lesen die meisten Figuren des Romans fremd geblieben – allen voran Roy, aus dessen Sicht die Handlung erzählt wird. Aber auch die Nebenfiguren, die immer wieder auftauchen wie etwa die Tankstellenmitarbeiter, haben für mich beim Lesen kaum Gestalt angenommen.

Worauf der Roman mit seiner Vielzahl an Morden hinaus will, ist mir nicht klargeworden. Er ist weder grotesk angelegt noch will er die Psyche eines Mörders erklären. Für bloße Unterhaltung wiederum werden die Morde deutlich zu brutal erzählt.

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Veröffentlicht am 09.01.2021

Mikrokosmos der Randständigen

Malé
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Mit „Malé“ hat Roman Ehrlich einen dystopischen Roman geschrieben, der die Welt der Aussteiger, Abenteurer und Glückssucher in den Blick nimmt.

Eigentlich passiert nichts in dieser Stadt. Malé, die Hauptstadt ...

Mit „Malé“ hat Roman Ehrlich einen dystopischen Roman geschrieben, der die Welt der Aussteiger, Abenteurer und Glückssucher in den Blick nimmt.

Eigentlich passiert nichts in dieser Stadt. Malé, die Hauptstadt der Malediven, ist dem Untergang geweiht. Die Bemühungen, die Insel vor dem steigenden Meeresspiegel zu schützen, sind gescheitert. Es leben nicht mehr viele Menschen auf dieser im Meer versinkenden Insel.

Nach einem Umsturz haben „die Eigentlichen“ die Macht übernommen. Sie residieren in einem früheren Kreuzfahrtschiff und auf sie und ihre gelegentlichen Lieferungen sind die Bewohner angewiesen. Die Inselbewohner treffen sich dagegen in der Kneipe „Hühnersultan“. Und hier kommt es zu herrlich irrwitzigen Dialogen – etwa darüber, was Kunst vermag. Das waren Buchstellen, um deretwillen ich „Malé“ schätzen gelernt habe.

Ansonsten habe ich mich bei „Malé“ immer wieder gefragt, warum ich noch weiterlese. Zu chaotisch sind die Personenverhältnisse, zu verworren und undurchschaubar die Handlung (so man überhaupt von einer Handlung sprechen kann), zu sperrig die Sprache.

Als sperrig erweist sich vor allem der Satzbau. Ehrlich liebt die Schachtelsätze. Beispiel gefällig? Ein Satz aus dem Buch will ich zitieren:

Selbst in den Augenblicken,
in denen die Sonne hinter den schwer dahintreibenden Wolken verschwindet,
das Leuchten der schmutzigen Scheiben weggedimmt wird,
steht Frances Ford in einem lichten, hellblauen Rechteck,
im verwaisten Frühstücksraum des Royal Ramaan Residence Hotels,
in der sogenannten Daisy Street,
in einem Viertel,
das die neuen Bewohner der Stadt als Stearson Patch bezeichnen,
benannt wahrscheinlich im Andenken an einen der frühen Pioniere,
die sich hier nach dem völligen Zusammenbruch der Inselrepublik als Erste angesiedelt haben
und denen die bereits bestehenden Namen der Orte nichts bedeuten
oder einfach zum ständigen Aussprechen zu kompliziert waren.

Manchmal sind solche Satzknäuel ja schön, z.B. wenn es ihnen gelingt, eine Stimmung einzufangen. Manchmal sind sie aber – wie hier – einfach nur nervig.

Genauso erging es mir auch mit manchen Handlungssträngen des Romans. Da wird am Anfang von einem Gefesselten gesprochen, da gibt es eine verschwundene Frau, nach der der Vater sucht – weil er (zu Recht? zu Unrecht?) nicht wahrhaben will, dass sie tot ist. Dann gibt es noch einen verschwundenen Lyriker und eine amerikanische Literaturwissenschaftlerin, die nach ihm sucht. All diese Handlungsstränge tauchen irgendwann wieder auf, weitergeführt werden sie allerdings kaum. Alles bleibt vage, ungeklärt. Dann, wenn man sich am Mikrokosmos der Randständigen sattgelesen hat, stört einen das doch ganz gewaltig.

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Veröffentlicht am 08.01.2021

Brüche im Leben

Wenn es dunkel wird
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Menschen, die in ihrem Leben etwas begegnet, das sie dann aus der Bahn wirft: das ist das wiederkehrende Thema in Peter Stamms neuem Erzählband „Wenn es dunkel wird„. Elf Erzählungen sind in dem kleinen ...

Menschen, die in ihrem Leben etwas begegnet, das sie dann aus der Bahn wirft: das ist das wiederkehrende Thema in Peter Stamms neuem Erzählband „Wenn es dunkel wird„. Elf Erzählungen sind in dem kleinen Bändchen versammelt.

Elf Erzählungen, die rund um unfreiwillige Brüche im Leben kreisen, hinter all denen sich aber letztlich doch der unausgesprochene Wunsch verbirgt, dass sich etwas im Leben ändern müsse. „Er selbst schien für dieses Leben verloren zu sein“, heißt es etwa in der ersten Erzählung, die von einem Lehrling handelt, der sich monatelang auf einen Banküberfall vorbereitet.

Viele der Erzählungen macht aus, dass ihr Ende offen bleibt. Wird der Lehrling die Bank überfallen? Kommt es tatsächlich zum Tête-à-tête zwischen Angestellter und Chef – oder ist es nur ein Wunschdenken, das zu dem äußerst schnulzigen Ende der Geschichte führt? Wer ist überhaupt real in der Geschichte „Wenn es dunkel wird“ ?

Für meinen Geschmack sind dabei manche der Geschichten etwas arg kitschig geraten oder schrammt gerade so mithilfe der Mehrdeutigkeit am Schnulzigen vorbei. So etwa die „Frau im grünen Mantel“, aber auch „Sabrina“, die sich immer mehr mit einem Kunstwerk identifiziert, das sie selbst darstellt, und – allen voran – „Der erste Schnee“, eine grausig schnulzige Geschichte um „das schönste Weihnachtsgeschenk, das Georg mir jemals gemacht hat“. Naja.

Mein Favorit ist die Geschichte „Supermond“, in der ein Angestellter, der kurz vor der Pensionierung steht, sich immer überflüssiger fühlt und nicht nur unsichtbar wird, sondern auch langsam verschwindet. Hier zieht Peter Stamm das Absurd-Groteske von Anfang an durch, wo es sonst nur Teil einer Geschichte ist.

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