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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 26.04.2022

Raffiniert konstruierter "Roman im Roman"

Der Tote aus Zimmer 12
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Der moderne englische Kriminalroman, wie u. a. von Agatha Christie perfekt in Szene gesetzt, wird durch den Autor Anthony Horowitz ins Extreme geführt, und zwar auf exzellente und faszinierende Weise. ...


Der moderne englische Kriminalroman, wie u. a. von Agatha Christie perfekt in Szene gesetzt, wird durch den Autor Anthony Horowitz ins Extreme geführt, und zwar auf exzellente und faszinierende Weise. 600 Seiten pure Lesefreude bietet das vorliegende Buch für den, der Spaß an den raffinierten Wegen langsam-schleichender Aufklärung hat.

Susan Ryeland lebt mit ihrem Lebensgefährten auf Kreta und führt ein kleines Hotel, der Alltag ist voll von viel anstrengender Arbeit und wenig Ertrag. Gelegentlich denkt sie mit Sehnsucht zurück an ihr Leben in London mit und für Bücher als Lektorin. Der überraschende Besuch des Ehepaares Treheme mit der Bitte, bei der Suche nach der verschwundenen Tochter Cecily zu helfen, kommt ihr deshalb gerade recht. Möglicherweise ist eine Spur zu finden in dem Roman „Atticus unterwegs“, den Susan seinerzeit lektoriert hatte. Zusätzlich werden ihr 10.000 Pfund angeboten, Geld, das das Hotel dringend benötigt. Susan nimmt den Auftrag an, fährt nach England und gerät in einen Wirrwarr von Lügen und lebensgefährlichen Intrigen.

Das Raffinierte an diesem im klassischen Whodonit-Stil geschriebenen Kriminalroman ist, dass ein fiktiver Kriminalroman Wege zur Aufklärung des tatsächlich geschehenen Verbrechens auf versteckte Weise enthalten soll. Dieser fiktive Roman ist komplett abgedruckt. Man liest also sozusagen einen „Roman im Roman“ und versucht dabei, selbst auf die Lösung zu kommen, woran ich übrigens kläglich scheiterte. Anstrengend und verwirrend war für mich die Herausforderung, aus zwei Romanen die Protagonisten auseinander zu halten. Auch störten mich mitunter die längeren Einschübe von Mail- und Telefonat-Verläufen. Die Spannung bleibt über beide Romane hinweg relativ gleich und mäßig hoch. Die lebendige Erzählweise macht dies jedoch mehr als wett, denn ich hatte bei der Lektüre insgesamt gesehen ganz großes Vergnügen. Schon allein die wunderbar eindrücklich-lebendige Sprache des Autors ist ein Genuss. Sätze wie „mit der Nagelschere zurechtgeschnitten“ oder wenn Kräne dem „Gerippe der Stadt das Fleisch von den Knochen reißen“ zeigen die bildliche Sprachkraft des Autors. Mit allergrößter Raffinesse werden zwei Kriminalromane auserzählt und letztlich miteinander so verwoben, dass Anagramme und andere Entsprechungen auf äußerst komplizierte Weise zur Aufklärung führen.

Fazit: Ein raffiniert konstruierter Kriminalroman im klassischen Whodunit-Stil – ein Lesevergnügen für alle, die gerne an verschlungenen Ermittlungswegen mittüfteln mögen.

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Veröffentlicht am 20.04.2022

Ein sozialkritischer Kriminalroman, hart und farbig

Die Knochenleser
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Einen Kriminalroman zu lesen, der in einer exotischen Gegend spielt, ist sehr reizvoll, keine Frage. Und so ist eine der besonderen Stärken des Buches, dass der Autor, der in der Karibik geboren ist und ...


Einen Kriminalroman zu lesen, der in einer exotischen Gegend spielt, ist sehr reizvoll, keine Frage. Und so ist eine der besonderen Stärken des Buches, dass der Autor, der in der Karibik geboren ist und heute in England lebt, das Umfeld der Handlung, die auf einer Insel in den Kleinen Antillen spielt, sehr genau trifft. Misslungen ist meiner Meinung nach jedoch, den Slang der Einheimischen ins Deutsche zu „übersetzen“. Das wirkt gekünstelt bis unfreiwillig komisch und behindert das ansonsten sehr flüssige Lesen.

Worum es geht: Auf einer Insel der Kleinen Antillen lebt der junge Digger in hoffnungsloser Armut. Detective Superintendent Chilman erkennt jedoch die Intelligenz und Wachheit dieses jungen Mannes und wirbt ihn für die Polizeiarbeit an. Digger sieht dies trotz aller inneren Widerstände als Chance, um nach seiner verschollenen Mutter zu suchen. Gesetzesferne Methoden sind üblich. Doch Digger geht seinen Weg, wird ausgebildet zum außerordentlich fähigen Forensiker und kommt bei seinen Ermittlungen zusammen mit Miss Stanislaus, der Tochter von Chilman, bis an seine äußersten Grenzen.

Gut liest sich der Kriminalroman, abgesehen von den verunglückten Slang-Übersetzungen. Geschrieben ist er in einer bildhaft-intensiven Sprache, voller Farben und Gerüche, aber auch mit lethargischen Bildern von verletzten Seelen. Es fehlt zwar an einem sich steigernden Spannungsbogen, doch die Welt, in der sich die Polizeiarbeit abspielt, ist eine solch grausame, sexistische, männerdominierte Welt voll von Mord und Totschlag, Machtmisbrauch, Korruption, Terror, Pädophilie und fanatisch-religiösen Auswüchsen, dass man als Leser schaudert. Jacob Ross zeichnet ein gesellschaftskritisches Bild weit, weit weg von der Postkarten-Urlaubs-Idylle der Karibik, wie wir sie kennen. Dies macht meines Erachtens die besondere Qualität des Kriminalromans aus. Irgendwie tröstlich, den Entwicklungsweg von Digger aus diesem Sumpf heraus hin zu einem glühenden Verfechter von Gerechtigkeit zu verfolgen.

Fazit: Ein sozialkritischer Kriminalroman, der uns den Postkartenkitsch der Karibik in unseren Köpfen gründlich vermiest.

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Veröffentlicht am 18.04.2022

Solide, fesselnd, unterhaltsam

Lost
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Die Autorin spricht es in ihrer Danksagung selbst an: „Das schwere zweite Buch.“ Sie berichtet über ihre Unsicherheiten, ob es ihr ein zweites Mal gelingen könnte, Verlag und Leserschaft zu beeindrucken. ...


Die Autorin spricht es in ihrer Danksagung selbst an: „Das schwere zweite Buch.“ Sie berichtet über ihre Unsicherheiten, ob es ihr ein zweites Mal gelingen könnte, Verlag und Leserschaft zu beeindrucken. Verständlich. Und ich kann allen Lesewilligen raten, unbedingt Band 1 „Mind Games“ vorab zu lesen, damit es ihnen nicht ergeht wie mir, die ich Band 1 nicht kenne und deshalb keinen Vergleich anstellen kann. Zwar werden zu Anfang des 2. Bandes etliche Informationen über den ersten Fall der beiden Ermittler Bloom und Jameson eingestreut, aber sie sind nicht ausreichend, um die tiefgreifenden Differenzen zwischen den Beiden vollständig zu verstehen oder gar das überraschende Auftauchen einer Person aus dieser Vergangenheit im neuen Fall und die gesamte Tragweite dessen einordnen zu können.

Kurz zum Inhalt: Eine Gala auf einer Militärbasis, auf der eine schwere Bombenexplosion mit wenigen Verletzten und Toten das Fest beendet. Captain Harry Peterson wird erst wenige Tage nach diesem Vorfall in einer weiter entfernten Klinik aufgefunden – ohne jegliche Erinnerung an das Geschehen. Schlimmer noch, es fehlen ihm vollständig die Erinnerungen an die vier letzten Jahre. Profilerin Dr. Augusta Bloom wird gebeten, der Sache auf den Grund zu gehen. Was war Zufall, was war Absicht?

Leicht und flüssig zu lesen ist dieser grundsolide geschriebene Psychothriller. Die meist kurzen Kapitel einschließlich der eingestreuten Rückblenden halten den Spannungspegel gleichmäßig hoch. Kurzweilig und abwechslungsreich in gemäßigtem Tempo wird erzählt.. Dass die Autorin Psychologin bzw. Psychotherapeutin ist, kann man spüren, denn sie beschreibt klug und differenzierend die für die Handlung wichtigen Personen, wobei sie ihr Augenmerk eher auf die Interaktionen zwischen den Akteuren legt, weniger auf individuell persönliche, mehr in die Tiefe gehende Beobachtungen. Auf die geschilderten militärischen Details hätte ich verzichten können, insbesondere da sie meines Erachtens für die Handlung nicht relevant waren. Mit meinen eigenen Vermutungen lag ich nicht richtig, doch trotz einiger überraschender Elemente zog sich das Ende zu lange hin. Es fügt sich zwar alles folgerichtig zusammen, aber die Autorin benötigt gleich mehrere Kapitel, um die Schlüssigkeit der Geschehnisse zu erläutern.

Fazit: Solide, fesselnd, unterhaltsam – aber bitte Band 1 zuerst lesen!

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Veröffentlicht am 12.04.2022

Eine Thriller-Reihe mit Suchtpotenzial

Die Rezeptur: Thriller
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Catherine Shepherd macht mit ihren Thrillern süchtig. Und glücklicherweise schafft sie es immer und immer wieder, mir neuen „Stoff zu besorgen“, sodass keine Entzugserscheinungen auftreten. Die Autorin ...


Catherine Shepherd macht mit ihren Thrillern süchtig. Und glücklicherweise schafft sie es immer und immer wieder, mir neuen „Stoff zu besorgen“, sodass keine Entzugserscheinungen auftreten. Die Autorin ist einfach nur zu bewundern, wie es ihr gelingt, bei jedem Thriller aufs Neue den Leser zu täuschen, hinters Licht zu führen, in die Irre zu leiten und sich mit einem völlig unerwarteten, überraschenden Ende ins Fäustchen zu lachen.

Im nunmehr 12. Zons-Thriller gibt es wieder zwei Zeitebenen, 500 Jahre auseinander, die der Leser parallel zueinander verfolgen kann. In der Gegenwart lernen wir Mara kennen, deren Vater, ein renommierter Arzt und Schönheitschirurg, in einer Badewanne voller übel riechenden Wassers tot aufgefunden wird. Auf dem Badezimmerspiegel steht „Vitam aeternam“.
Im Jahr 1503 kommen im Franziskanerkloster kurz nacheinander zwei Mönche zu Tode. Beide wurden vergiftet, und bei beiden finden sich Schriftstücke, die auf verschlüsselte Weise zu einer geheimen Rezeptur hinführen sollen.
In beiden Zeitebenen geht es um Klärung der Todesfälle, um geheime Rezepturen und um die Jagd nach dem ewigen Leben. Spuren werden verfolgt und wieder verworfen. Der Leser vermutet dies und erwartet jenes. Und doch kommt es anders…

Spannend ist dieser Thriller, wie auch gar nicht anders erwartet. Leicht lesbar, unterhaltsam, gut recherchiert, lebendig-kurzweilig erzählt, die Kapitelenden mit fiesen Cliffhangern versehen und mit einem Ende, das man nicht vermutet hätte. Also alles so großartig wie immer. Und doch erging es mir bei diesem Buch zum ersten Mal anders als sonst. Diese Figur der Mara ging mir derart auf die Nerven, dass es meine Lesefreude trübte. Sie war meines Erachtens in ihrem Wahn, dass ihre Nase zu groß sei, schlichtweg überzeichnet, denn wieder und wieder wurde auf diesen „Makel“ hingewiesen und das Thema damit überstrapaziert. Das nervt! Ansonsten perfektes Lesefutter wie immer.

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Veröffentlicht am 12.04.2022

Einfach nur schlecht

Stille Befreiung
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Petra Hammesfahr habe ich vor Jahren sehr gerne gelesen. Insofern freute ich mich über diesen neuen Roman von ihr. Und war entsetzt, was die Autorin da ihren Lesern vorsetzt. Über solch einen schlechten ...


Petra Hammesfahr habe ich vor Jahren sehr gerne gelesen. Insofern freute ich mich über diesen neuen Roman von ihr. Und war entsetzt, was die Autorin da ihren Lesern vorsetzt. Über solch einen schlechten Roman mag ich nur in Kürze berichten.

Zum Inhalt: Sandra, 18, verliebt sich in Ronnie, einen Mann, der alles reparieren kann. Sie heiratet ihn trotz aller Warnungen und landet in einer Bruchbude, in der sie mit einer irren Schwiegermutter zusammen leben muss. Tochter Josie wird geboren. Sandra verharrt im Elend. Erst als sie als Pflegerin für die schwerstbehinderte Rebekka engagiert wird, glaubt sie, Hoffnung schöpfen zu können. Doch weit gefehlt…

Was die Autorin zweifelsfrei kann, ist, eine Stimmung immanenter Bedrohung aufzubauen, in die man als Leser sofort hineingezogen wird. Die dadurch erzeugte Spannung, verbunden mit etlichen Szenen mit Schockwirkung, ziehen sich durch das gesamte Buch. Insofern lässt sich der Roman schnell und leicht lesen.
Doch wehe, man beginnt beim Lesen, das Gehirn einzuschalten und die Handlung zu hinterfragen! Soviel gesammelten psychologischen Unsinn habe ich wahrlich schon lange nicht mehr gelesen. Die Protagonisten sind entweder so naiv und dumm, dass es weh tut, oder so irre, dass sie gar nicht mehr frei herumlaufen dürften oder Lügner und Blender – die Charaktere sind allesamt so simpel klischeehaft oberflächlich angelegt, dass man nur noch den Kopf schütteln kann. Psychologisch feine Entwicklungen und Differenzierungen gibt es an keiner einzigen Stelle des Buches. Wenn es der Fortgang der Handlung verlangt, wird von jetzt auf gleich aus dem tatenlosen, unfähigen „Hascherl“ eine engagierte und tüchtige Pflegerin. Und zur Quintessenz, wen wundert’s, führen die reichlich geschilderten Vergewaltigungsszenen zur Erkenntnis, dass Frauen (immer) Opfer sind und Männer (immer) Täter.
Solche Romane gab es früher für 80 Pfennig im Heftchenformat.



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