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Veröffentlicht am 25.06.2023

gute Fortsetzung mit Turbulenzen und Wendungen

Dark Sigils – Wie die Dunkelheit befiehlt
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Zweiter Band: Vorwissen zum Lesen des Bandes erforderlich. Meine Rezension kann kleine Spoiler in Bezug auf den Auftakt enthalten.

Seitdem Rayne erfahren hat, dass sie Trägerin eines Dark Sigils ist, ...

Zweiter Band: Vorwissen zum Lesen des Bandes erforderlich. Meine Rezension kann kleine Spoiler in Bezug auf den Auftakt enthalten.

Seitdem Rayne erfahren hat, dass sie Trägerin eines Dark Sigils ist, hat sich ihr Leben komplett gewandelt. Mit dem Sigil sind Pflichten verbunden, die sie alles andere als frei in ihren Entscheidungen machen. Außerdem ist eine Liebesbeziehung unter den Trägern verboten, die Blutlinien müssen rein bleiben. Alles nicht leicht zu ertragen für die Jugendliche, die ihr gesamtes Leben lang für Freiheit und Selbstbestimmung gekämpft hat, um sich ihren bisherigen Fesseln zu entledigen. Rayne sieht die einzige Möglichkeit, wieder mehr Freiheit zu erlangen, darin, sich der Rebellengruppe anzuschließen – problematisch, da diese und die Träger der Dark Sigils auf verschiedenen Seiten stehen. Für Rayne ändert sich erneut viel und sie kann sich gar nich sicher sein, ob ihr Weg wirklich erfolgreich sein wird. Gibt es das geheimnisvolle achte Sigil wirklich? Kann es ihr dabei helfen, sich ihre Träume zu erfüllen? Gibt es Konsequenzen, von denen bisher niemand etwas ahnt? Fragen über Fragen und kaum abschätzbare Risiken überschatten die Suche, die dann auch ziemlich anders verläuft, als Rayne gehofft hätte.

Zu Beginn des Buches gibt es eine ganz kurze Zusammenfassung einiger wichtiger Ereignisse aus dem Auftakt, die dabei helfen kann, kleine Erinnerungslücken aufzufüllen und gut wieder in die Handlung und die Welt reinzufinden. Sollte man den Auftakt nicht kennen, wird es aber wohl eher schwierig, allein daraus alle Informationen zu ziehen, die man benötigt um die Dynamik zwischen den Figuren zu verstehen und die Zusammenhänge und Entwicklungen innerhalb der Welt nachvollziehen zu können.
Es gibt dann im Verlauf des Buches hier und da noch mal kleine Hinweise und Rückblicke, diese nehmen aus meiner Sicht auch nicht zu viel Raum ein.

Das Ende des Auftaktbandes hat schon vermuten lassen, worum es im zweiten Buch gehen wird und dass der Fokus vermutlich auf einem Aspekt liegen wird, den ich in der Intensität nicht unbedingt gebraucht hätte. Es ist sicher nachvollziehbar und auch passend für ein Jugendbuch, ich denke nur, es gibt so viele Facetten in der Welt, so viel Potenzial und Dinge, die man ebenfalls in den Mittelpunkt hätte rücken können, dass es nicht unbedingt nötig wäre, so viel Raum im Buch dafür zu „reservieren“.
So kam es also nicht unerwartet, dass man sich viel mit der Liebesbeziehung beschäftigen wird, die nicht sein darf und den daraus resultierenden negativen Emotionen bei Ray. Die Gefühle von ihr und Adam spielen über den gesamten Verlauf des Buches eine Rolle, wenn auch immer mal mit etwas anderer Gewichtung und auch Veränderungen in dem, was genau sie da fühlen. Umso weiter die Geschichte voranschreitet, umso mehr andere Themen kommen dann aber auch mit dazu, es wird stellenweise sehr spannend, turbulent und dramatisch. Es müssen Entscheidungen getroffen werden, die nicht immer leicht fallen, besonders wenn man die Anzeichen dafür ignorieren muss, dass man besser nicht weiter machen sollte.
Es gab zwischendurch neue Schauplätze, die ich sehr interessant fand und die ein bisschen was Neues zu der Welt zeigten. Manche der Entwicklungen haben sich angedeutet und waren erwartbar, andere Wendungen waren überraschend und haben den weiteren Handlungsverlauf in eine andere Richtung laufen lassen. Stolpersteine, das Auftauchen von immer mehr Chaosmagie, Verluste in den eigenen Reihen, kleine Kämpfe, für die Figuren unerwartete Mitwirkung von Personen und Prophezeiungen sorgen für Spannung und Tempo innerhalb der Geschichte. Oft bleibt nicht viel Zeit, um Luft zu holen oder zu regenerieren.

Der Schreibstil der Autorin ist mitnehmend und flüssig zu lesen. Nach einem etwas ruhigeren Einstieg, nimmt das Buch dann an Fahrt auf und es geschehen im Verlauf immer wieder Dinge, die die Charaktere vor neue Probleme und Herausforderungen stellen. An vielen Stellen mochte ich die Atmosphäre im Buch richtig gern. Vor allem die düstere Chaosmagie, die manches überschattet und zeitweise sehr bedrohlich ist, sorgt für eine spannungsgeladene Atmosphäre, die ich sehr mochte.
Der Hauptteil des Buches wird aus der Ich-Perspektive von Rayne geschildert, so dass man wieder intensive Einblicke in die Gedanken- und Gefühlswelt der Protagonistin bekommt und mitverfolgen kann, wie sich ihre Hoffnungen und Sorgen so entwickeln. Man kann schon eine gewisse Weiterentwicklung bei ihr feststellen, viele Facetten, die sie bereits im ersten Band gezeigt hat, findet man hier aber wieder. Manchmal ist sie immer noch recht naiv, auch weil ihr teilweise Wissen fehlt und sie sehr bedacht ist, auf ihre eigenen Wünsche. Nicht unverständlich für eine Siebzehnjähirge, aber das große Ganze ist eben viel umfassender, als das, was sie sich so erhofft. Die Gesamtauswirkung auf die Welt kam mir manchmal in den Überlegungen der Figuren auch etwas zu kurz, obwohl zwischendurch ja doch erkennbar ist, dass es eben Bedrohungen gibt, die man nicht außer Acht lassen sollte.
Zwischendurch gibt es dann kleine Einschübe, die in die Vergangenheit gehen und die Elterngeneration der aktuellen Träger begleitet. Damit erhält man Eindrücke von der damaligen Situation, die zum Teil ausschlaggebend gewesen ist, für die Entwicklungen, die dann folgten. Die Mischung hat mir gut gefallen, zwischendurch hätte ich aber auch gern Abschnitte mit Adam gehabt, damit man auch ihn noch besser kennenlernen könnte und mehr von den Dark Sigil Trägern mitbekommen hätte, als Rayne nicht mit dabei war. Über den Verlauf des Buches erfährt man von Adam auch das eine oder andere, vor allem durch die spezielle Verbindung, die zwischen ihm und Rayne herrscht. Das macht ihn auf jeden Fall greifbarer, aber nicht komplett transparent. Zwischendurch gingen mir einige seiner Wandlungen in seinen Gedanken und Entscheidungen ein wenig zu schnell, wenn man bedenkt, wie vehement er sich vorher dagegen gestellt hat. Natürlich gibt es einige Entwicklungen, die das beeinflussen, dennoch empfand ich es teilweise als etwas zu schnell und zu extrem.

Am Ende gehen ich auf jeden Fall gespannt auf den Abschluss der Trilogie aus dem Buch. Es wird auch angedeutet, was einen im Abschluss erwarten könnte. Sicherlich wird es aber noch einiges mehr geben, als das, was hier schon geteasert wird, so war es jetzt im zweiten Band ja auch mit den turbulenten Entwicklungen und Wendungen. Allerdings muss ich auch sagen, dass ich mir doch eine andere Lösung für das Problem gewünscht hätte, dass sie da angehen müssen. Zu sagen, es ist jetzt eine eher klassische Entwicklung trifft den Kern wohl nicht unbedingt, aber es hätte einfach auch andere Varianten gegeben, als immer alles auf einen Charakter zu fokussieren, vorallem wenn klar ist, dass das weitere Schwierigkeiten mit sich bringen wird.

Fazit

Eine größtenteils spannende, turbulente Fortsetzung, die einen noch tiefer in die Welt eintauchen lässt, weitere Schauplätze präsentiert, mit einigen Wendungen für Überraschungen sorgt und neugierig auf den Ausgang der Reihe macht. Mir persönlich war der Fokus etwas zu sehr auf der Liebesbeziehung, allerdings hatte ich das nach dem ersten Band bereits erwartet, das deutet sich dort schon an. Anderes bleibt dagegen dann etwas sehr im Hintergrund. Trotzdem insgesamt eine gelungene Mischung, mit vielen interessanten und überzeugenden Elementen.

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Veröffentlicht am 25.06.2023

sommerlich-leichte Jugendliebesgeschichte

Sunkissed
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Für Avery und ihre Schwester Lauren ist es nichts Neues mit ihrer Familie in den Sommerferien in ein Resort zu fahren. Dieses Mal ist es allerdings nicht am Strand sondern mitten im Wald, in der Nähe von ...

Für Avery und ihre Schwester Lauren ist es nichts Neues mit ihrer Familie in den Sommerferien in ein Resort zu fahren. Dieses Mal ist es allerdings nicht am Strand sondern mitten im Wald, in der Nähe von einem See. Ziemlich idyllisch und ziemlich frei von Internet. Für Avery eine mittlere Katastrophe. Nicht unbedingt um den Kontakt zur Außenwelt zu halten, sondern viel mehr weil sie an die ganze Musik, die sie in ihren Playlists gespeichert hat, nicht drankommt.
Dafür ist die Ausstattung des Camps sonst eher luxuriös und lässt nicht viele Wünsche übrig. Die Familien haben ihre eigenen, gut eingerichteten Hütten, es gibt viele Möglichkeiten für Aktivitäten, verschiedene Programmpunkte, an denen man teilnehmen kann und sogar eine Band beim Abendessen. Ebendiese Band weckt Averys Aufmerksamkeit und Neugier. Nicht, weil sie so unglaublich spielen, wenn die Leute vertieft in ihre Mahlzeiten sind, sondern eher wegen dem, was sie bei ihren privaten Bandproben spielen und weil ihr Brooks, eines der Bandmitglieder, ins Auge sticht. Doch dem Personal ist es verboten, sich intensiver auf die Gäste einzulassen. Und trotzdem treffen die beiden immer wieder aufeinander und beschließen, sich gegenseitig auf ihren Wegen zu unterstützen.

„Sunkissed“ ist eine sommerlich-leichte, musikgeprägte Jugendliebesgeschichte, die viel Spaß beim Lesen gemacht hat. Insgesamt eher unaufgeregt, über weite Strecken recht ruhig in der Handlung, aber trotzdem schön zu verfolgen, wie Protagonistin Avery ihren Sommer verlebt, was sie Neues probiert und welche Mauern sie niederreißt bzw. überwindet. Es gibt nicht so viele Überraschungen, die Handlung ist recht gradlinig und vorhersehbar, hier und da mal ein kleines Missverständnis oder Minidrama, ein bisschen Versteckspiel, damit nicht rauskommt, dass Avery und ihre Schwester viel beim Personal abhängen, aber ansonsten viel Fokus auf die Figuren, ihre Gedanken und Gefühle.
Besonders viel erfährt man aufgrund der Ich-Perspektive von Avery. Die Siebzehnjähirge steht kurz vor ihrem letzten Highschool-Jahr, da geht es jetzt nicht nur um Spaß im Resort, sondern auch um Zukunftspläne, die noch mal ein wenig ins Wanken zu geraten scheinen. Durch die detaillierten Einblicke in ihre Gedanken- und Gefühlswelt kann man die Protagonistin ziemlich gut einschätzen und ihre Reaktionen nachvollziehen. Avery steht nicht so gern im Mittelpunkt, sie ist nicht so extrovertiert, wie ihre jüngere Schwester Lauren, insgesamt ruhiger und besonnenen. Sie mag es am liebsten, wenn es keine Konflikte gibt und passt ihr Verhalten oft entsprechend an, um keine unliebsamen Situationen heraufzubeschwören. Aber Avery nimmt auch nicht alles einfach hin, ohne dass es ihr etwas ausmachen würde. Manchmal sind es vielleicht nur kleine Auslöser, die sie verletzen oder nachdenklich machen, meistens konnte ich es aber trotzdem verstehen. Avery macht die Dinge allerdings dann lieber erst mal mit sich aus, als drüber zu reden, was es für andere manchmal schwer macht. Im Laufe des Sommers wird sie aber offener und mutiger, sowohl in dem Punkt, aber auch wenn es darum geht, Komfortzonen zu verlassen, Ängste zu überwinden und neue Dinge auszuprobieren. Brooks und sie haben sich zusammengetan, um neue Erfahrungen zu machen, sich gegenseitig zu helfen und zu unterstützen. Verlieben stand ursprünglich nicht auf dem Plan, das gab es dann gratis obendrauf. Im Verlauf des Buches kann man auch bei dem Camp-Musiker dann hinter die Fassade blicken und einige persönliche Dinge erfahren.
Auch wenn hauptsächlich Avery und Brooks im Fokus der Geschichte stehen, bekommt man auch kleine Informationen zu den anderen Charakteren, es werden neue Freundschaften geschlossen und es gab auch ein paar schöne Schwesternmomente, die mir gut gefallen haben. Der Schreibstil ist mitnehmend, leichtgängig und geprägt von den vielfältigen Emotionen, die ebenso in der Luft liegen wie die Musik, die ein großes Thema ist. Immer wieder gibt es auch schöne Dialoge, in denen die eine oder andere tolle Botschaft mitschwingt. Es war schön zu verfolgen, wie Avery ein wenig aus sich herausgeht, wie sie sich mehr traut, zu den Dingen steht, die sie denkt und will, ohne dass sie dabei von einem Tag auf den anderen eine völlig neue Person wird.

Fazit

Eine süße, sommerliche Liebesgeschichte, die mir von der Dynamik und dem Aufbau gut gefallen hat. Auch wenn die Geschichte eher ruhig und unaufgeregt daherkommt, fühlte ich mich gut mitgenommen und habe mich in dem idyllischen Setting im Camp wohlgefühlt. Eine große Portion Musik, ein bisschen Mut, eine Spur Neuanfang, ein wenig Herausforderung, eine Prise Ängste überwinden, gepaart mit einer Ladung Freundschaft, Zusammenhalt, Schwesternpower und ganz viel Gefühl.

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Veröffentlicht am 07.06.2023

emotional, vielschichtige Charaktere

The Last Piece of His Heart
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Dritter Band: In jedem Band der Reihe steht ein anderes Pärchen im Mittelpunkt. Es ist nicht zwingend notwendig, die anderen Bücher zu kennen, um der Handlung folgen zu können. Die anderen Figuren spielen ...

Dritter Band: In jedem Band der Reihe steht ein anderes Pärchen im Mittelpunkt. Es ist nicht zwingend notwendig, die anderen Bücher zu kennen, um der Handlung folgen zu können. Die anderen Figuren spielen aber alle ebenfalls eine Rolle, da sie zu Beginn der Geschichten gemeinsam zur Schule gehen und teilweise gut befreundet sind. Damit gibt es natürlich immer wieder Querverbindungen, die Handlungen der anderen Bände laufen teilweise parallel zu dem, was man im jeweiligen Band dann liest. Man sollte die Bücher aus meiner Sicht zumindest nicht in der falschen Reihenfolge lesen, da man sich sonst doch das eine oder andere vorwegnehmen könnte.

Shiloh ist taff, selbstbewusst und lässt sich nicht so schnell was vormachen. Nach außen hin wirkt sie gefestigt, sicher und innerlich gefestigt. Auch für ihre Zukunft hat sie einen klaren Weg vor Augen: sie möchte ihr eigenes Schmuckgeschäft haben. Doch in Shiloh ist längst nicht alles so gut sortiert und stark, wie sie nach außen hin präsentiert. Sie kämpft um die Aufmerksamkeit und Liebe ihrer Mutter, schon immer. Es würde ihr die Welt bedeuten, wenn ihre Mum sie nicht so abweisen würde.
Rein optisch ist Ronan eher Typ Bad Boy. Seine eindrucksvolle Erscheinungen wird durch die zahlreichen Tatöwierungen noch unterstützt, aber auch sein oft finsterer Blick trägt dazu bei. Der Kern der Finsternis in ihm liegt in seiner Kindheit begraben. Und auch die Zeit danach war nicht übermäßig mit Sonnenschein gefüllt. Ronan hat Ziele, Wünsche und doch verliert er immer wieder den Glauben an sich und die Hoffnung. Angst und Wut übermannen ihn, er hält andere auf Abstand, auch Shiloh, obwohl sie ihm nicht wieder aus dem Kopf geht und er nichts lieber will, sie sie glücklich machen zu können. Aber könnte er das, wo er sie doch eigentlich eher in Gefahr bringt?

Ich kannte die beiden Protagonisten schon aus den anderen Büchern der Reihe. Shiloh ist die beste Freundin von Violet, Protagonistin aus Band eins, und tauchte sowohl dort als auch im zweiten Buch am Rande immer wieder mit auf. Einen Teil ihrer Geschichte kennt man daher natürlich bereits, hier geht es jetzt aber noch viel mehr in die Tiefe. Ronan ist einer der lost boys und gemeinsam mit Miller und Holden sitzt er oft am Strand vor „ihrer Hütte“. Da diese Szenen in den anderen Bänden immer wieder auftauchen, weiß man auch von ihm schon einiges und die Offenbarungen hier, sind nicht alle überraschend, auch von ihm bekommt man jetzt aber sehr viel tiefgründigere Einblicke und vor allem stehen eben auch die Entwicklungen zwischen den beiden Protagonisten im Mittelpunkt der Handlung.

Das Buch enthält die beiden Ich-Perspektiven von Shiloh und Ronan wodurch man sehr detaillierte Einblicke in ihre Gedanken- und Gefühlswelten bekommt. Es gibt ganz unterschiedliche Gründe, aus denen sie Protagonisten zwischenzeitlich aufgewühlt, verzweifelt oder hoffnungsvoll sind. Nach und nach bekommt man ein gutes Gespür für die beiden als Einzelpersonen, aber auch für das, was sich da zwischen ihnen entwickelt, was sie zunächst jedoch nicht so zulassen wollen.
Shiloh ist eher die stille Kämpferin. Nach außen hin wirkt sie stark, mutig und wild entschlossen ihren eigenen Laden zu eröffnen. Dafür schiebt sie neben der Schule Nachtschichten in ihrer kleinen Werkstatt, versucht sich ein kleines Startkapital zu erarbeiten und ihre Werke bekannter zu machen. Sie ist eine gute Zuhörerin, redet selbst über sich jedoch nicht so gern. Hilfe anzunehmen, fällt ihr eher schwer, sie will es allein schaffen, andere stolz machen, zeigen, dass sie es kann. Besonders ihrer Mutter will sie zeigen, dass es kein Fehler war, sie zu bekommen. Sie bemüht sich verzweifelt um die Aufmerksamkeit ihrer Mum, scheitert jedoch immer wieder. Einer der Punkte, der Shiloh wirklich beschäftigt und fertig macht. Im Verlauf bekommt man dazu dann auch tiefere Einblicke und kann das besser einordnen. Wirklich überrascht hat es mich nicht, es hat aber manches erklärt. Ich mochte Shiloh sehr. Auch wenn sie sich selbst manchmal nicht so ist, empfand ich sie wirklich als starke Figur, auch wenn sie andere nicht so leicht in ihr Herz lässt und auch nur wenig über sich preisgeben möchte, um sich nicht angreifbar zu machen. Sie hat so viele tolle Eigenschaften, auch wenn sie sie nicht jedem zeigt. Sie ist kreativ, mitfühlend, sorgt sich um die, die ihr wichtig sind, ist loyal… Und doch ist sie eben keine Überfliegerin, bei der alles gut läuft und die nie Ängste hat. Sie hat verschiedene Facetten und ist vielschichtig. Ganz ähnlich wie Ronan.
Ronan ist eher düster und unnahbar. Wenn man weiß, was er hinter sich hat, dann kann man das auch irgendwie verstehen. Er hat kräftige Mauern um sich errichtet, um nicht auch noch das letzte Stück seiner Seele zerbrechen zu lassen. Dadurch wirkt er manchmal kalt, abweisend und feindselig. Er ist aber viel vielseitiger als das Bild, das man zuerst von ihm gewinnt, glauben machen mag. Wenn ihm jemand am Herzen liegt, tut er viel, damit es diesen Menschen gut geht, damit sie in Sicherheit sind, auch wenn das heißt, sich selbst und die eigenen Bedürfnisse zurück zu stellen. Er hat ein Versprechen gegeben, das er verzweifelt versucht zu halten, auch wenn ihm dabei viele Steine in den Weg gelegt werden und er immer wieder zu scheitern droht. Er kämpft- viel. An verschiedenen Fronten, mit verschiedenen Dämonen. Und doch wird immer wieder deutlich, was für ein warmherziger Mensch er ist. Aber es macht ihm auch Angst, wenn andere seine Mauern durchbrechen, gut zu ihm sind, für ihn da sein wollen…

Der Schreibstil vom Emma Scott ist mitnehmend und gefühlsgeladen. Im Buch sind zahlreiche unterschiedliche Emotionen verarbeitet, die sehr gut transportiert werden. Manchmal sind sie ganz offen kommuniziert, manchmal schwingen sie eher zwischen den Zeilen mit. Es ist insgesamt sehr emotional, sowohl aufwühlend als auch mit positiveren Gefühlen.
Beide Charaktere haben so ihre Päckchen zu tragen, die an vielen Stellen im Buch eine Rolle spielen, die irgendwann auch aufgearbeitet und angegangen werden, auf ganz unterschiedliche Art und Weise. Es gibt eine ziemliche Achterbahnfahrt an Gefühlen, Hochs und Tiefschläge, neue Sorgen, neue Hoffnungen. Durch die Perspektivwechsel bekommt man von Ronan und Shiloh viel mit, auch was sie über den jeweils anderen denken und was sie für Gefühle auslösen. So kann man auch ihre Motivationen, Hoffnungen und auch die teilweise herrschende Vorsicht und Zurückhaltung gut nachvollziehen.
Mir hat die Dynamik zwischen den beiden gut gefallen. Wodurch beide Figuren so facettenreich sind und sie so tiefgründig beschrieben werden, kann man intensiv mit ihnen mitfühlen und miterleben, wie Mauern bröckeln, wie sie gegenseitig beim anderen Erfolge erzielen, selbst wenn sich Türen dann auch noch mal schließen. Sie gehen sich unter die Haut, sie berühren sich. Und das geht weit über die körperliche Anziehung, die ohne Frage auch da ist, hinaus. Szenen, in denen sie dieser Anziehung nachgeben, sind ebenfalls im Buch enthalten.
Mir hat Ronan vielleicht sogar noch ein wenig besser gefallen, weil er düsterer und noch vielschichtiger ist. Sein Weg hat mich einfach noch etwas mehr berührt. Die Mischung aus unbeholfen, unerfahren, wild entschlossen, rau, tiefgründig, liebevoll, beschützend und kämpferisch, gepaart mit einen Problemen, der Wut, die immer mal rausbricht, seiner Hoffnung und Verzweiflung, hat mich einfach sehr mitgenommen.
Aus meiner Sicht hätte man um Shilohs Vergangenheit nicht so lange ein Geheimnis machen müssen, für mich war es nicht mehr wirklich überraschend, was da kommt. Natürlich ohne Frage schlimm, aber wodurch es sich etwas zog in der Geschichte, hat es auch ein bisschen die Wirkung für mich verloren. Andere Dinge in der Geschichte haben mich dann aber durchaus überrascht und noch mal zu Wendungen geführt, die ich so nicht habe kommen sehen.

Holden, Miller, Violet und River spielen immer wieder in der Handlung eine Rolle. Ihre Geschichten verlaufen ja parallel zu den Ereignissen bei Shiloh und Ronan. Das wird aber nicht zu intensiv eingeflochten, teilweise treffen die Figuren sich aber natürlich oder man bekommt mit, wie sie sich Gedanken machen. Kennt man die anderen Bücher, kann man das gut einordnen. Einiges wirkt dadurch natürlich auch mal wiederholend. Neben den bereits bekannten Charakteren tauchen auch noch ein paar andere mit auf, hauptsächlich aus dem direkten Umfeld von Ronan und Shiloh, die vorher keine so große Rolle spielten. Besonders ins Herz geschlossen hab ich Bibi, bei der Shiloh aufgewachsen ist. Obwohl ihre Augen inzwischen sehr schlecht sind, sieht sie so viel und hat ein untrügbares Gespür für Shiloh entwickelt.
Fazit

Eine sehr schöne, tiefgründige, emotional aufwühlende Geschichte mit zwei facettenreichen Charakteren, die mit so manchen Dingen zu kämpfen haben. Stellenweise ist es schon eher bedrückend und düster, aber es gibt auch sehr wärmende, positive Passagen. Eine ziemliche Achterbahnfahrt an Gefühlen und Ereignissen, bei der nicht alles überraschend kommt, mich manches aber schon eher unvorbereitet getroffen hat. Mir hat die Dynamik zwischen den Figuren gefallen, wie sie ihren Weg finden, auch mal in Sackgassen landen, Umwege gehen müssen und trotzdem nie ganz aufgeben.

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Veröffentlicht am 27.05.2023

spannender Dilogieauftakt, komplexe Welt

SOL. Das Spiel der Zehn
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Seitdem sich die Sonnengottheit Sol geopfert hat, finden alle zehn Jahre die Sonnenspiele in Reino del Sol statt, um die Energie der Sonnensteine neu aufzuladen und damit die Welt vor dem Bösen zu schützen. ...

Seitdem sich die Sonnengottheit Sol geopfert hat, finden alle zehn Jahre die Sonnenspiele in Reino del Sol statt, um die Energie der Sonnensteine neu aufzuladen und damit die Welt vor dem Bösen zu schützen. Dabei treten zehn Nachfahren der Gottwesen in verschiedenen Prüfungen gegeneinander an, um herauszufinden, wer als nächster das Licht der Sonne in die einzelnen Städte bringen wird. Es geht allerdings nicht nur um Ruhm und Ehre bei den Herausforderungen. Wer auf dem letzten Platz landet, wird das nächste Opfer für den Schutz der Welt.
Als Teo bei der Auswahlzeremonie als einer der zehn Teilnehmenden für die Spiele ausgesucht wird, kann er es kaum fassen. Als Nachfahre einer Jade Gottheit wurde er nicht auf die Prüfungen vorbereitet und weiß nicht, was ihn erwarten wird. Gemeinsam mit seiner besten Freundin Niya, die auf der Akademie der Golds war, um für die Spiele und das Leben als Heldenhafte ausgebildet zu werden, und Xio, einem stillen Dreizehnjährigen, der ebenso wie Teo nicht weiß, was auf ihn zukommt, versucht Teo so gut wie möglich durch die Prüfungen zu kommen. Seine Strategie ist dabei eine andere, als die der Golds, was ihn immer wieder anecken lässt. Das ist allerdings nicht das größte Problem, das sich auftun wird…

Der Einstieg ins Buch ist mir nicht ganz leicht gefallen. Den Prolog habe ich zwei Mal gelesen, um die Ursprünge der Gottwesen (Golds, Jades, Obsidians) und der göttlichen Nachfahren und was sie ausmacht auch wirklich zu verinnerlichen. Es gibt besonders zu Beginn sehr viele Namen, die man erst mal alle sortieren, auseinanderhalten und miteinander in Verbindung bringen muss. Da wäre eine Übersicht der Gottwesen und ihrer Nachkommen sehr hilfreich gewesen, um zwischendurch noch mal nachzuschauen, wer zu wem gehört und auch wofür sie verantwortlich sind. Mit der Zeit wurde es etwas besser, auch weil der Fokus dann konzentrierter auf die Teilnehmenden der Sonnenspiele war und ich die Charaktere und ihre Herkunft dann auf dem Schirm hatte. Die Welt ist recht komplex, eine Mischung aus modern und altertümlich, interessant gestaltet und ich mochte auch die ganzen unterschiedlichen Fähigkeiten der Gottwesen und Halbgötter, die aus ihrem Zuständigkeitsbereich resultieren. Jede göttliche Familie hat eine Glyphe und einen Ort, der ihnen unterstellt ist. Im Laufe des Buches besucht man verschiedene dieser Orte und lernt damit unterschiedliche Schauplätze kennen, die alle ihre Eigenarten haben. Mit einer Übersichtskarte wäre es auch hier noch leichter gewesen, die Reiseroute der Spiele nachzuvollziehen, aber da die Städte ja nach und nach wechselten, konnte man dem auch so folgen.
Etwas schade fand ich, dass es einige spanische(?) Ausdrücke im Buch gibt, die nicht so richtig erläutert werden. Teilweise gibt es Erklärungen und Übersetzungen, manchmal direkt nach dem Wort, manchmal dann auch im Satz danach, damit klar wird, was gemeint ist. an einige Stellen wurde es jedoch nicht wirklich aufgelöst. Dabei ging es Hauptsächlich um Lebensmittel, was mich nicht so sehr störte, bei anderen Bezeichnungen stört es dann schon mehr den Lesefluss, der grobe Sinn hat sich aber erschlossen.

Es gibt im Buch zahlreiche queere Charaktere, ohne dass das extra thematisiert wird. Zumindest nicht in dem Sinne, dass es ein Problem darstellt. Es gibt zwar eine Stelle, an der das Thema Transsexualität etwas ausführlicher eingebunden ist, eigentlich geht es dabei aber mehr darum, herauszufinden, wer man selbst wirklich ist und wie man sich definiert und nicht so sehr ums queer sein an sich. Ich empfand das als sehr angenehm, weil es eben einfach als normal angesehen wurde. Einige der Figuren waren auch mit dem Neopronomen „sier“ und den dazugehörigen Formen eingebunden. Daran musste ich mich beim Lesen etwas gewöhnen, aber nicht, weil mich nonbinäre Charaktere stören, sondern weil es einfach noch ungewohnt ist. Der Cast ist sehr divers angelegt und auch von den charakterlichen Eigenschaften bieten die Figuren eine große Vielseitigkeit, was es immer wieder abwechslungsreich macht und zusätzlich Potenzial für Auseinandersetzungen bietet.

Der personale Erzähler beschränkt sich innerhalb der Geschichte auf Teo, wodurch man ihn am intensivsten kennenlernt und viel von seinen Gedanken und seiner Entwicklung mitbekommt. Mit im Fokus stehen immer wieder Niya, Xio und auch Aurelio, ein weiterer Gold, den Teo schon seit Kindertagen kennt, zu dem er zwischendurch jedoch den Kontakt verloren hatte.
Die Jades, zu denen Teo gehört, sind viel näher am Volk dran, haben einen guten Kontakt zu den Bewohnern der Stadt und sind von außen betrachtet nicht so abgehoben, wie viele der Golds. Ihre Fähigkeiten sind häufig nützlich, jedoch nicht so spektakulär und mächtig, wie die der Golds. Manchmal hadert Teo ein wenig mit seinem Schicksal und der Ungerechtigkeit, dass er nicht auf die Akademie der Golds gehen durfte. Auf der Akademie werden die Halbgötter sowohl auf die Sonnenspiele als auch auf das Leben als Heldenhafte vorbereitet. Die Golds sollen ihre Fähigkeiten nutzen, um anderen zu helfen, große Aufgaben zu erledigen, Katastrophen abzuwenden, eben alles, was so anfällt und wofür sie nützlich sind. Dafür werden sie vom Volk gefeiert, viel private Zeit bleibt ihnen jedoch oft nicht.
Teo, 17, ist nicht so hochgewachsen und kräftig, wie viele der Golds, für die Menschen, die ihm wichtig sind, würde er durchs Feuer gehen, er wirkt manchmal etwas zerstreut, was aber auch daran liegt, dass ihn die neue Situation immer wieder überfordert und aus dem Konzept bringt. Im Verlauf des Buches muss er auch über sich selbst noch Dinge lernen, Aspekte annehmen und sich damit auseinandersetzen, was daraus resultiert, was ich eine schöne Entwicklung fand. Während der Prüfungen hat er deutlich mehr Skrupel, als andere. Ihm ist es wichtig, dass Niya und Xio ebenfalls gut durchkommen, nicht nur dass er selbst ganz vorn landet.
Niya ist eine interessante Figur, die mich immer wieder zum Schmunzeln brachte. Sie ist eine imposante Erscheinung, groß und muskulös, allerdings oft eher plump, nicht besonders feinfühlig und hat oft auch nicht so das Gespür dafür, wenn Zurückhaltung gut wäre. Sie ist sehr direkt, manchmal etwas verplant, aber irgendwie total liebenswert. Teo und sie sind sehr verschieden, gemeinsam mochte ich sie aber total gern.
Xio ist erst 13, klein, eher unauffällig und ziemlich verunsichert durch die Teilnahme an den Sonnenspielen. Niya und Teo haben es sich zur Aufgabe gemacht, ihn zu beschützen und ihm zu helfen, damit er durch die Herausforderungen kommt.
Aurelio ist einer der Golds, hat starke Fähigkeiten, wirkt oft sehr ernst, unnahbar und ist nicht so leicht zu durchschauen. Von ihm erfährt man im Verlauf dann aber auch noch etwas mehr, wodurch er greifbarer wird. Auch wenn man vielleicht nicht jede Aktion gutheißen will, so konnte ich sein Verhalten doch dann viel besser verstehen.
Rundrum gibt es noch viele weitere Charaktere, einige spielen eine größere Rolle, besonders die anderen Teilnehmenden an den Sonnenspielen, andere bleiben eher im Hintergrund. Für mich waren diese vier aber die, um die es sich hauptsächlich drehte. Es war interessant zu sehen, wie sie sich geschlagen haben und wie sie mit den Resultaten der Prüfungen umgegangen sind.

Nachdem ich mich im Buch und der Welt eingefunden hatte, hat sich die Geschichte flüssig lesen lassen. Es gab ruhigere Phasen mit Gesprächen und Charakterentwicklung, aber auch viele spannende und teilweise turbulentere Momente. Umso weiter man vorankommt, umso fesselnder wird die Handlung dann auch. Ein besonderes Augenmerk lag auf den einzelnen Prüfungen bei den Sonnenspielen. Die Aufgaben waren vielseitig angelegt, die Teilnehmenden mussten sich immer wieder anderen Herausforderungen stellen, für die sie teilweise auch ihre Fähigkeiten gut durchdacht einsetzen mussten. Die Beschreibungen waren hier mitnehmend und detailreich, so dass man sich die Szenen gut vorstellen konnte. Manchmal wurde es ziemlich gefährlich, bei anderen Prüfungen ging es eher um strategisches Denken. Hier konnte man die Charaktere gut kennenlernen und einen Eindruck von ihren Gaben erhalten. Es zeigte auch die Komplexität und den Facettenreichtum innerhalb des Buches schön. Es gab immer wieder Neues zu entdecken und zwischendurch gab es auch ein paar kleine Überraschungen. Andere Entwicklungen waren erwartbarer, aber nicht alles am Handlungsverlauf habe ich kommen sehen. Hier und da gab es kleine Elemente, die mich nicht komplett überzeugt haben, insgesamt wurde ich aber wirklich gut unterhalten. An der einen oder anderen Stelle schwingt auch eine gewisse Gesellschaftskritik mit, was gut in die Geschichte eingeflochten war. Ich bin auf jeden Fall auch gespannt, wie es sich im zweiten Band dann entwickeln wird. Eine Richtung, worum es geht, wird hier auf jeden Fall schon angedeutet und die Ausgangssituation bringt einiges an Potential mit sich.
Fazit

Ein spannender, abwechslungsreicher Dilogieauftakt in einer cool aufgebauten, facettenreichen Welt. Die Fähigkeiten der einzelnen Gottwesen waren sehr vielfältig und wurden auf verschiedene Weise eingebunden, was es immer wieder interessant machte und auch zu kleinen Wendungen führte. Die Kombination aus den zahlreichen diversen Charakteren, Fantasyelementen, Spannung, Freundschaft, aufkeimenden Gefühlen, die aber nicht zu sehr in den Mittelpunkt rückten und den immer wieder neuen Herausforderungen bei den Prüfungen hat mir gut gefallen. Durch den Teaser auf Band zwei bin ich auf jeden Fall neugierig geworden.

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Veröffentlicht am 23.05.2023

unheimliche Atmosphäre in den Bergen

Wolfskinder
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Jakobsleiter ist ein einsamer Ort in den Bergen, der von den Stadtmenschen kritisch beäugt wird. Die Leute, die dort in völliger Abgeschiedenheit der modernen Welt leben, werden als seltsam und sonderbar ...

Jakobsleiter ist ein einsamer Ort in den Bergen, der von den Stadtmenschen kritisch beäugt wird. Die Leute, die dort in völliger Abgeschiedenheit der modernen Welt leben, werden als seltsam und sonderbar empfunden. Man geht ihnen aus dem Weg, soweit man kann. So gut wie niemand verirrt sich so weit hoch in die Berge, um sich Jakobsleiter selbst anzuschauen. Und wenn sich die Bewohner der abgelegenen Gemeinde in die Stadt trauen, müssen sie mit schiefen Blicken und Anfeindungen rechnen. Als das Misstrauen gegenüber Jakobsleiter größer wird, wird der Sechzehnjährige Jesse sogar brutal angegriffen. Von seiner Sorge um die verschwundene Rebekka will von den Stadtmenschen auch niemand so richtig etwas wissen. Schließlich ist es kein Wunder, wenn man aus dieser seltsamen Bergregion entfliehen möchte. Allerdings verschwinden in der Gegend immer wieder junge Frauen. Ein Zufall?
Auch Smilla, die aktuell ein Volontariat bei der Zeitung macht, hat ihre Verbindung mit den Bergen, denn vor 10 Jahren verschwand ihre beste Freundin Juli. Sie versucht weiter Spuren zu finden und ungewöhnlichen Ereignissen miteinander zu verknüpfen. Bei ihren Recherchen stößt Smilla dann auch auf etwas, was bisher unter den Teppich gekehrt wurde. Eine bewusste Entscheidung oder ist es in Vergessenheit geraten? Ihre Entdeckung könnte alles ändern und bringt düstere Dinge ans Tageslicht.

Das Buch beginnt mit einem spannenden Prolog, der gleichzeitig einiges an Fragen aufwirft und für eine unheimliche Atmosphäre sorgt. Was es damit auf sich hat, erfährt man dann im Verlauf der Handlung. Und auch wenn man es dann nicht das erste Mal erlebt, verliert es nichts von seinem Schrecken. Es ist jedoch nicht durchweg so furchterregend und bedrohlich. Das Buch lebt eher von einer unterschwelligen Spannung und nicht von blutiger Brutalität. Ich mochte die erzeugte Atmosphäre und auch die Wechsel in der Stimmung. Immer wieder gab es Situationen, die schon ziemlich unheimlich waren und eine Gänsehaut erzeugten. Besonders zum Ende hin wird es dann auch noch mal etwas turbulenter und dramatischer.

Die Geschichte wird aus verschiedenen Ich-Perspektiven geschildert. Zu Beginn der Kapitel steht der Name der Figur, die man begleiten wird, so dass man sich gut orientieren kann. Zunächst hatte ich befürchtet, dass es vielleicht etwas viel werden könnte, mit den Perspektiven, aber insgesamt mochte ich das Zusammenspiel und den Wechsel zwischen den einzelnen Charakteren sehr gern. Man bekommt einen guten Blick auf die Handlungsstränge, die alle in gewisser Weise miteinander zu tun haben. Am meisten begleitet man den Jugendlichen Jesse und die Neunjährige Edith, die beide in der kleinen Gemeinschaft Jakobsleiter auf dem Berg leben. Darüber hinaus gibt es Passagen mit Rebekka, Mitschülerin und Freundin von Jesse, ebenfalls aus Jakobsleiter, und dem Priester der Dorfgemeinschaft, bei dem schnell klar wird, dass er seine ganz eigenen Absichten verfolgt. Zwischendurch erhält man dann noch Einblicke in das Leben von Smilla, die nicht auf dem Berg wohnt und die eine ganz andere Motivation antreibt, sich mit dem Ort auseinanderzusetzen. Smilla hat in der Handlung einiges vorangetrieben durch ihre hartnäckigen Recherchen, zwischendurch bekommt man jedoch auch das Gefühl, sie könnte sich in dem einen oder anderen Punkt verrennen, nur um ihr Hoffnung aufrechtzuerhalten, Juli nach all den Jahren wiederzufinden.

Der Schreibstil ist flüssig, mitnehmend und atmosphärisch. An die Perspektivwechsel habe ich mich schnell gewöhnt und es war auch immer wieder interessant, die unterschiedlichen Charaktere zu begleiten, weil man neben der allgemeinen Handlung auch von ihren Eigenarten noch was mitbekommt. Besonders faszinierend fand ich Edith. Sie ist noch sehr jung, wirkt etwas verwildert und hat einen außergewöhnlichen Blick auf die Welt, der ohne Zweifel durch ihre Erziehung und ihre Lebensweise geprägt ist. Und obwohl manches wirklich etwas schräg anmutet, gab es auch Gedankengänge von ihr, die ich wirklich sehr beeindruckend fand. Aber auch Jesse habe ich sehr gern begleitet. Obwohl auch er in Jakobsleiter aufgewachsen ist, wirkt er nicht so fernab der Zivilisation wie Edith. Trotzdem gibt es immer wieder Dinge, die er nicht weiß oder nicht kennt, weil es in seiner Berggemeinschaft keine Relevanz hat. Für Jesse ändert sich vieles durch die Offenbarungen, die es im Verlauf gibt. Sein sicherer Hafen wird ziemlich aufgerüttelt, er muss manches verarbeiten und ich konnte gut verstehen, dass er auch nicht alles sofort glauben und begreifen konnte.
Jede Perspektive hat ihre eigenen Schwerpunkte und erzeugt damit auch eine unterschiedliche Stimmung innerhalb der Gesamthandlung. Alles hat jedoch miteinander zu tun und auch Smillas Perspektive vermischt sich immer mehr mit denen der anderen.

Stück für Stück wird die Handlung komplexer und man erhält weitere Puzzleteile, die sich ins Gesamtbild einfügen. Dabei gibt es immer wieder auch Wendungen und kleine Überraschungen, die für eine neue Dynamik innerhalb der Geschichte sorgen. Andere Dinge kündigen sich über die Zeit recht deutlich an und haben mich dann weniger überrascht. So war auch eine der „Enthüllungen“ am Ende nicht mehr wirklich überraschend, obwohl es mit der Verwirrung die darum gestiftet wird, trotzdem gut gemacht war.
Fazit

Ein atmosphärischer, mitnehmender Thriller, der eher durch die unterschwellige Spannung, die Andeutungen und Verflechtungen im Verlauf der Geschichte punktet und nicht so sehr mit Brutalität oder blutigen Szenen. Es gibt aber immer wieder auch Passagen, die Gänsehaut verursachen und eine unheimliche Atmosphäre nachklingen lassen. Besonders durch die neunjährige Edith schwingt auch eine poetische Note mit, wenn es manchmal auch etwas schräg anmuten mag. Nicht alle Offenbarungen kamen überraschend, insgesamt fühlte ich mich aber wirklich gut mitgenommen und unterhalten.

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