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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 13.05.2026

Schräg, wild, witzig

Hope Joanna
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„Gimme hope, Jo’anna
Hope, Jo’anna
Gimme hope, Jo’anna
’Fore the morning come”
— Eddy Grant

Schon der Name der Hauptfigur sorgt dafür, dass man beim Lesen ständig den Ohrwurm von Eddy Grants Song im Kopf ...

„Gimme hope, Jo’anna
Hope, Jo’anna
Gimme hope, Jo’anna
’Fore the morning come”
— Eddy Grant

Schon der Name der Hauptfigur sorgt dafür, dass man beim Lesen ständig den Ohrwurm von Eddy Grants Song im Kopf hat – was erstaunlich gut zur Stimmung des Buches passt.

Der Schreibstil ist angenehm berlinerisch-locker und dadurch sehr unterhaltsam. Besonders die Dialoge wirken lebendig und authentisch. Ein schönes Beispiel dafür ist der Satz:

„Hammse dir mit Ata das Gehirn geschrubbt?“ (S. 200)

Allein die Erwähnung von ATA dürfte heute schon nostalgische Gefühle auslösen – wer kennt dieses Scheuerpulver überhaupt noch?

Inhaltlich wird die Geschichte zunehmend skurriler. Morde, Darknet und Geheimorden kommen ins Spiel, wobei das Buch seine eigene Absurdität durchaus selbst kommentiert:

„Und jetzt auch noch Morde. Dazu Darknet, Geheimorden. Nee, das ist dann doch alles ein bisschen wild.“ (S. 175)

Genau das beschreibt den Roman eigentlich perfekt. Die Handlung erinnert stellenweise fast an einen humorvollen Indiana Jones-Abenteuertrip – allerdings ohne echten Thriller- oder Krimianspruch.

Fazit

Hope Joanna bietet leichte, seichte und sehr amüsante Unterhaltung. Kein spannender Krimi und kein düsterer Thriller, sondern vielmehr eine lustig-skurrile Geschichte mit viel Berliner Charme und schrägem Humor. Wer Horst Evers’ lockeren Stil mag, wird hier gut unterhalten.

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Veröffentlicht am 28.04.2026

Perfektion mit Rissen

Yesteryear
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Yesteryear von Caro Claire Burke ist ein außergewöhnliches Buch, das mich auf eine Weise überrascht hat, mit der ich nicht gerechnet hatte. Schon nach den ersten Kapiteln war ich tief in der ...

Yesteryear von Caro Claire Burke ist ein außergewöhnliches Buch, das mich auf eine Weise überrascht hat, mit der ich nicht gerechnet hatte. Schon nach den ersten Kapiteln war ich tief in der Geschichte gefangen und konnte kaum das Ende abwarten. Die Autorin schafft es, eine intensive Atmosphäre aufzubauen und Themen anzusprechen, die zugleich faszinierend und verstörend sind.

Besonders eindrucksvoll ist der Blick auf das Konzept der sogenannten „Tradwife“ und die damit verbundenen gesellschaftlichen Spannungen. Ein prägnantes Beispiel dafür ist die Passage:
»Trad ist die Kurzform für traditional. Manche Leute würden Ehefrauen wie mich so bezeichnen. Wir führen ja auch eine traditionelle Ehe.«
Mit »manche Leute« meinte ich die Wütenden Weiber. Sie waren es, die mich Tradwife nannten, die das Trad ausspuckten, als stünde es für etwas Schlimmes, als wäre traditionell in der Welt normaldenkender Menschen nichts Gutes. (S. 19)

Hier zeigt sich bereits früh, wie geschickt Burke gesellschaftliche Zuschreibungen und persönliche Wahrnehmung miteinander verwebt. Die Hauptfigur bewegt sich in einer scheinbar perfekten Welt, die jedoch zunehmend Risse bekommt. Diese Ambivalenz wird auch in folgendem Zitat deutlich:
„Manchmal wurde mir fast schlecht, wenn ich darüber nachdachte, wie perfekt mein Leben war und wie gut mir alles gelang.“ (S. 373)

Gerade diese unterschwellige Unruhe macht den Reiz des Buches aus und treibt die Handlung immer weiter voran. Man fiebert mit, stellt Fragen und beginnt, die Realität der Protagonistin zu hinterfragen.

Trotz der starken Spannung und der gelungenen thematischen Umsetzung hat mich das Ende allerdings etwas zwiegespalten zurückgelassen. Es kam überraschend abrupt und konnte mich nicht gänzlich überzeugen. Nach dem intensiven Aufbau hätte ich mir einen runderen, vielleicht auch mutigeren Abschluss gewünscht.

Insgesamt bleibt Yesteryear jedoch ein packendes und ungewöhnliches Werk, das noch lange nachwirkt und zum Nachdenken anregt – auch wenn es am Schluss nicht ganz das einlöst, was es zuvor verspricht.

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Veröffentlicht am 20.04.2026

Leises Highlight

Schlaf
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Honor Jones gelingt mit „Schlaf“ ein leiser, eindringlicher Roman, der lange nachhallt. Im Zentrum steht das fragile Geflecht zwischen Mutter und Tochter – eine Beziehung, die zugleich Nähe ...



Honor Jones gelingt mit „Schlaf“ ein leiser, eindringlicher Roman, der lange nachhallt. Im Zentrum steht das fragile Geflecht zwischen Mutter und Tochter – eine Beziehung, die zugleich Nähe verspricht und Distanz erzeugt. Es ist eine Geschichte über das Aufwachsen mit unausgesprochenen Spannungen, über Verletzungen, die nie offen benannt werden, und über die Frage, wie sehr uns unsere frühesten Bindungen formen.

Besonders eindrucksvoll ist die Art, wie Jones innere Zustände sichtbar macht. Ihre Sprache ist klar und fein gearbeitet, zugleich von einer stillen, fast schwebenden Traurigkeit durchzogen. Sie schreibt so zugänglich, dass man mühelos in die Handlung eintaucht, fordert dabei aber immer wieder dazu auf, zwischen den Zeilen zu lesen und über das Gesagte hinauszudenken.

Ein prägnanter Moment findet sich früh im Buch:
„Sie fragte sich oft: Was war der Sinn ihres Daseins? Sie war zehn Jahre alt.“ (S. 28)
Dieses Zitat bringt die existenzielle Schwere auf den Punkt, die wie ein leiser Unterton die gesamte Erzählung begleitet. Es zeigt, wie früh Zweifel und Unsicherheit in einem Kind wachsen können, wenn emotionale Orientierung fehlt.

Der Roman stellt dabei eine unbequeme Frage: Was geschieht, wenn ausgerechnet die Person, die Sicherheit und Halt geben sollte, nicht erreichbar ist? Jones beschreibt eindringlich, wie sich daraus ein innerer Raum aus Sehnsucht, Enttäuschung und unausgesprochenen Vorwürfen entwickelt – Gefühle, die oft ein Leben lang nachwirken.

Schlaf ist kein lautes Buch, sondern eines, das sich vorsichtig entfaltet. Gerade in dieser Zurückhaltung liegt seine Stärke. Es ist ein sensibles, klug beobachtetes Porträt familiärer Verbindungen – und der Spuren, die sie in uns hinterlassen.

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Veröffentlicht am 23.03.2026

Stark begonnen, schwer zu folgen

Die Geister von La Spezia
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Ein interessantes Buchcover und eine vielversprechende Inhaltsangabe wecken zunächst hohe Erwartungen an diesen Roman. Tatsächlich handelt es sich auch um ein außergewöhnliches Werk, das sich ...

Ein interessantes Buchcover und eine vielversprechende Inhaltsangabe wecken zunächst hohe Erwartungen an diesen Roman. Tatsächlich handelt es sich auch um ein außergewöhnliches Werk, das sich deutlich von klassischer Erzählstruktur und gängigen Genre-Konventionen abhebt. Oliver Plaschka verfolgt einen ungewöhnlichen Schreibstil, der stellenweise poetisch und atmosphärisch dicht wirkt, gleichzeitig aber auch fordernd für die Lesenden ist.

Gerade diese Besonderheit wird jedoch schnell zur Herausforderung: Die Geschichte erscheint über weite Strecken verwirrend und schwer greifbar. Es fehlt ein klar erkennbarer roter Faden, der durch die Handlung führt. Dadurch wird es zunehmend schwierig, der Story zu folgen oder eine emotionale Verbindung zu den Figuren aufzubauen. Einzelne Szenen wirken zwar interessant und geheimnisvoll, fügen sich jedoch nicht zu einem stimmigen Gesamtbild zusammen.

Während manche Leserinnen und Leser gerade die Komplexität und Offenheit des Romans schätzen könnten, führt sie in diesem Fall eher dazu, dass die Handlung nicht wirklich nachvollziehbar bleibt. Das nimmt dem Buch einen Teil seines Potenzials, denn die Grundidee wirkt durchaus spannend und originell.

Insgesamt ist Die Geister von La Spezia ein mutiger, aber auch anspruchsvoller Roman, der nicht leicht zugänglich ist. Wer Freude an experimenteller Literatur hat, könnte hier dennoch auf seine Kosten kommen – für alle anderen bleibt die Geschichte jedoch eher schwer verständlich und wenig greifbar.

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Veröffentlicht am 08.03.2026

Mixtape-Kindheit

Mit beiden Händen den Himmel stützen
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„Es sind die Achtzigerjahre, und überall wird geraucht.“ (S. 64)

Mit diesem Satz bringt Lilli Tollkien sofort die Atmosphäre ihres Romans Mit beiden Händen den Himmel stützen auf den Punkt: ...


„Es sind die Achtzigerjahre, und überall wird geraucht.“ (S. 64)

Mit diesem Satz bringt Lilli Tollkien sofort die Atmosphäre ihres Romans Mit beiden Händen den Himmel stützen auf den Punkt: eine Zeit voller Freiheit, Exzess und Grenzenlosigkeit – aber auch voller Gefahren für diejenigen, die darin aufwachsen müssen.

Im Zentrum der Geschichte steht die kleine Lale, die in einer Männerkommune groß wird. Umgeben von Drogen, anarchistischen Idealen und einem Lebensstil, der sich bewusst gegen bürgerliche Regeln stellt, versucht sie, in einer Welt zu überleben, die für ein Kind kaum Halt bietet. Was für die Erwachsenen Freiheit bedeutet, wird für Lale oft zu Unsicherheit und Bedrohung. Besonders erschütternd sind die Momente, in denen sexuelle Übergriffe angedeutet oder thematisiert werden – Situationen, in denen deutlich wird, wie schutzlos ein Kind in einem scheinbar grenzenlosen Umfeld sein kann.

Tollkien erzählt diese Geschichte nicht nur als nüchterne Erinnerung, sondern als emotional aufgeladene Collage aus Momenten und Stimmungen. Das Buch wirkt dabei fast wie eine Playlist der Achtzigerjahre: Jedes Erlebnis, jede Erinnerung scheint von einem Song begleitet zu werden. Musik wird zum Soundtrack der Kindheit – mal tröstend, mal ironisch, mal schmerzhaft passend. Dadurch entsteht eine besondere Erzählstruktur, in der persönliche Erinnerungen, Popkultur und Zeitgeschichte ineinandergreifen.

Gerade dieser Kontrast macht den Roman so eindringlich: Während die Musik der Achtziger für viele ein Gefühl von Nostalgie und Freiheit hervorruft, zeigt Tollkien die Schattenseiten dieser Zeit. Hinter den rebellischen Idealen der Erwachsenen verbirgt sich eine Realität, in der ein Kind lernen muss, stark zu sein, um nicht unterzugehen.

„Mit beiden Händen den Himmel stützen“ ist damit weit mehr als eine nostalgische Rückschau auf die Achtzigerjahre. Es ist eine intensive, teilweise schmerzhafte Auseinandersetzung mit Kindheit, Erinnerung und der Frage, wie viel Freiheit eine Gesellschaft verträgt, ohne ihre Schwächsten aus dem Blick zu verlieren.

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