Mixtape-Kindheit
Mit beiden Händen den Himmel stützen
„Es sind die Achtzigerjahre, und überall wird geraucht.“ (S. 64)
Mit diesem Satz bringt Lilli Tollkien sofort die Atmosphäre ihres Romans Mit beiden Händen den Himmel stützen auf den Punkt: ...
„Es sind die Achtzigerjahre, und überall wird geraucht.“ (S. 64)
Mit diesem Satz bringt Lilli Tollkien sofort die Atmosphäre ihres Romans Mit beiden Händen den Himmel stützen auf den Punkt: eine Zeit voller Freiheit, Exzess und Grenzenlosigkeit – aber auch voller Gefahren für diejenigen, die darin aufwachsen müssen.
Im Zentrum der Geschichte steht die kleine Lale, die in einer Männerkommune groß wird. Umgeben von Drogen, anarchistischen Idealen und einem Lebensstil, der sich bewusst gegen bürgerliche Regeln stellt, versucht sie, in einer Welt zu überleben, die für ein Kind kaum Halt bietet. Was für die Erwachsenen Freiheit bedeutet, wird für Lale oft zu Unsicherheit und Bedrohung. Besonders erschütternd sind die Momente, in denen sexuelle Übergriffe angedeutet oder thematisiert werden – Situationen, in denen deutlich wird, wie schutzlos ein Kind in einem scheinbar grenzenlosen Umfeld sein kann.
Tollkien erzählt diese Geschichte nicht nur als nüchterne Erinnerung, sondern als emotional aufgeladene Collage aus Momenten und Stimmungen. Das Buch wirkt dabei fast wie eine Playlist der Achtzigerjahre: Jedes Erlebnis, jede Erinnerung scheint von einem Song begleitet zu werden. Musik wird zum Soundtrack der Kindheit – mal tröstend, mal ironisch, mal schmerzhaft passend. Dadurch entsteht eine besondere Erzählstruktur, in der persönliche Erinnerungen, Popkultur und Zeitgeschichte ineinandergreifen.
Gerade dieser Kontrast macht den Roman so eindringlich: Während die Musik der Achtziger für viele ein Gefühl von Nostalgie und Freiheit hervorruft, zeigt Tollkien die Schattenseiten dieser Zeit. Hinter den rebellischen Idealen der Erwachsenen verbirgt sich eine Realität, in der ein Kind lernen muss, stark zu sein, um nicht unterzugehen.
„Mit beiden Händen den Himmel stützen“ ist damit weit mehr als eine nostalgische Rückschau auf die Achtzigerjahre. Es ist eine intensive, teilweise schmerzhafte Auseinandersetzung mit Kindheit, Erinnerung und der Frage, wie viel Freiheit eine Gesellschaft verträgt, ohne ihre Schwächsten aus dem Blick zu verlieren.