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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 08.03.2026

Mixtape-Kindheit

Mit beiden Händen den Himmel stützen
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„Es sind die Achtzigerjahre, und überall wird geraucht.“ (S. 64)

Mit diesem Satz bringt Lilli Tollkien sofort die Atmosphäre ihres Romans Mit beiden Händen den Himmel stützen auf den Punkt: ...


„Es sind die Achtzigerjahre, und überall wird geraucht.“ (S. 64)

Mit diesem Satz bringt Lilli Tollkien sofort die Atmosphäre ihres Romans Mit beiden Händen den Himmel stützen auf den Punkt: eine Zeit voller Freiheit, Exzess und Grenzenlosigkeit – aber auch voller Gefahren für diejenigen, die darin aufwachsen müssen.

Im Zentrum der Geschichte steht die kleine Lale, die in einer Männerkommune groß wird. Umgeben von Drogen, anarchistischen Idealen und einem Lebensstil, der sich bewusst gegen bürgerliche Regeln stellt, versucht sie, in einer Welt zu überleben, die für ein Kind kaum Halt bietet. Was für die Erwachsenen Freiheit bedeutet, wird für Lale oft zu Unsicherheit und Bedrohung. Besonders erschütternd sind die Momente, in denen sexuelle Übergriffe angedeutet oder thematisiert werden – Situationen, in denen deutlich wird, wie schutzlos ein Kind in einem scheinbar grenzenlosen Umfeld sein kann.

Tollkien erzählt diese Geschichte nicht nur als nüchterne Erinnerung, sondern als emotional aufgeladene Collage aus Momenten und Stimmungen. Das Buch wirkt dabei fast wie eine Playlist der Achtzigerjahre: Jedes Erlebnis, jede Erinnerung scheint von einem Song begleitet zu werden. Musik wird zum Soundtrack der Kindheit – mal tröstend, mal ironisch, mal schmerzhaft passend. Dadurch entsteht eine besondere Erzählstruktur, in der persönliche Erinnerungen, Popkultur und Zeitgeschichte ineinandergreifen.

Gerade dieser Kontrast macht den Roman so eindringlich: Während die Musik der Achtziger für viele ein Gefühl von Nostalgie und Freiheit hervorruft, zeigt Tollkien die Schattenseiten dieser Zeit. Hinter den rebellischen Idealen der Erwachsenen verbirgt sich eine Realität, in der ein Kind lernen muss, stark zu sein, um nicht unterzugehen.

„Mit beiden Händen den Himmel stützen“ ist damit weit mehr als eine nostalgische Rückschau auf die Achtzigerjahre. Es ist eine intensive, teilweise schmerzhafte Auseinandersetzung mit Kindheit, Erinnerung und der Frage, wie viel Freiheit eine Gesellschaft verträgt, ohne ihre Schwächsten aus dem Blick zu verlieren.

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Veröffentlicht am 08.02.2026

Eigenheim mit Nebenwirkungen

Tödliches Angebot
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Marisa Kashino liefert mit „Tödliches Angebot“ einen Thriller, der sich leise anschleicht und am Ende gnadenlos zupackt. Der rasante Schreibstil sorgt dafür, dass man schnell in die Geschichte ...

Marisa Kashino liefert mit „Tödliches Angebot“ einen Thriller, der sich leise anschleicht und am Ende gnadenlos zupackt. Der rasante Schreibstil sorgt dafür, dass man schnell in die Geschichte hineingezogen wird, während der schwarze Humor immer wieder überraschende, fast bissige Akzente setzt.

Im Mittelpunkt steht eine Protagonistin, deren manischer Wahn, ihr absolutes Traumhaus um jeden Preis zu bekommen, zunehmend außer Kontrolle gerät. Ihre Gedankenwelt ist intensiv, teils verstörend und gleichzeitig faszinierend – man spürt förmlich, wie sich Realität und Obsession immer weiter vermischen. Aussagen wie „Du liebe Zeit, muss ich denn wirklich immer die gesamte Denkarbeit übernehmen?“ oder „Wie so oft werde ich diejenige sein, die eine Lösung finden muss.“ unterstreichen ihre innere Getriebenheit und ihren zunehmenden Kontrollzwang.

Die Spannung baut sich eher subtil auf, doch zum Schluss nimmt die Handlung deutlich an Tempo und Intensität zu. Ab diesem Punkt konnte ich das Buch klar als Psychothriller einordnen: düster, nervenaufreibend und psychologisch clever konstruiert. Gerade das Finale hat mich gefesselt und die vorherige Entwicklung konsequent auf den Punkt gebracht.

„Tödliches Angebot“ ist ein Thriller für Leserinnen und Leser, die psychologische Abgründe, schwarzen Humor und eine außergewöhnliche, nicht immer sympathische Hauptfigur schätzen – mit einem Ende, das nachhaltig Eindruck hinterlässt.

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Veröffentlicht am 16.01.2026

Leise, stark, bewegend

Niemands Töchter
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Aufmerksam geworden bin ich auf Niemands Töchter durch das wunderschöne Buchcover. Doch vor allem der tief emotionale Inhalt hat mich berührt und mir zugleich schöne wie auch traurige Lesestunden ...

Aufmerksam geworden bin ich auf Niemands Töchter durch das wunderschöne Buchcover. Doch vor allem der tief emotionale Inhalt hat mich berührt und mir zugleich schöne wie auch traurige Lesestunden geschenkt. Im Mittelpunkt stehen vier Frauen – Marie, Gabriele, Alma und Isabell –, deren Lebensgeschichten sensibel und eindrucksvoll erzählt werden.

Die Autorin schreibt feinfühlig und nah an ihren Figuren, sodass man ihre Gedanken, Zweifel und Sehnsüchte gut nachvollziehen kann. Themen wie Zugehörigkeit, Familie und Identität ziehen sich berührend durch den Roman. Besonders schön ist die dem Buch beigefügte Playlist, die die Stimmung der Geschichte wunderbar aufgreift und das Leseerlebnis auf eine besondere Weise vertieft.

Ein bewegender Roman mit starken Frauenfiguren, der lange nachhallt und sehr empfehlenswert ist.

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Veröffentlicht am 09.01.2026

Spannender Ansatz mit Schwächen

Blutwild
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Der Klappentext von Blutwild verspricht einen rasanten, spannungsgeladenen Thriller mit hohem Tempo und nervenaufreibenden Momenten. Diese Erwartung wird in Ansätzen zwar bedient, insgesamt konnte ...

Der Klappentext von Blutwild verspricht einen rasanten, spannungsgeladenen Thriller mit hohem Tempo und nervenaufreibenden Momenten. Diese Erwartung wird in Ansätzen zwar bedient, insgesamt konnte mich das Buch jedoch nicht vollständig überzeugen.

Besonders der Zugang zur Hauptfigur Anka fiel mir schwer. Trotz ihrer zentralen Rolle blieb sie für mich emotional distanziert, sodass es mir nicht gelungen ist, eine echte Verbindung zu ihr aufzubauen. Ihre Handlungen und Reaktionen wirkten auf mich teilweise wenig nachvollziehbar, was das Mitfiebern erheblich erschwert hat.

Die Grundidee der Geschichte ist interessant und bietet durchaus Potenzial für Spannung. Allerdings leidet der Lesegenuss darunter, dass die Identifikation mit der Protagonistin kaum gelingt. Gerade in einem Thriller, der stark von emotionaler Nähe und innerer Spannung lebt, ist dies ein entscheidender Faktor.

Insgesamt ist Blutwild ein Roman mit einer vielversprechenden Ausgangslage, der jedoch hinter den Erwartungen zurückbleibt, die der Klappentext weckt – zumindest für Leserinnen und Leser, die großen Wert auf eine überzeugende Hauptfigur legen.

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Veröffentlicht am 27.12.2025

Ein Nein, das bleibt

Hazel sagt Nein
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Hazel sagt Nein schildert das Schicksal eines jungen Mädchens, das den Mut findet, sich einem massiven Machtmissbrauch zu widersetzen. Als der Schuldirektor sie bewusst ins Visier nimmt und seine ...

Hazel sagt Nein schildert das Schicksal eines jungen Mädchens, das den Mut findet, sich einem massiven Machtmissbrauch zu widersetzen. Als der Schuldirektor sie bewusst ins Visier nimmt und seine sexuellen Übergriffe ohne jede Verschleierung äußert, steht Hazel vor einer entscheidenden Situation. Sie trifft eine klare Wahl – und setzt eine unmissverständliche Grenze, indem sie Nein sagt.

„Damit stieß Hazel einen dunklen Laut aus, der aus ihrem
tiefsten Innern kam. Ein erstaunliches Brüllen.
Nein. NEIIIIIIIN.
Nein!
»Nein«, sagte sie. Verdammte Scheiße, niemals.
Und damit stand sie auf und rannte, als wäre der Teufel hin-
ter ihr her.“ (S. 43)

Die Geschichte wird jedoch nicht nur aus Hazels Perspektive erzählt, sondern aus den Blickwinkeln aller Familienmitglieder. Dadurch entsteht ein vielschichtiges Bild davon, wie ein solches Ereignis nicht nur das direkte Opfer, sondern das gesamte familiäre Umfeld erschüttert. Jede Figur verarbeitet das Geschehene auf ihre eigene Weise, was der Geschichte zusätzliche Tiefe verleiht.

Thematisch greift der Roman zahlreiche hochaktuelle und gesellschaftlich relevante Aspekte auf: #MeToo, Machtmissbrauch, Hassbotschaften, Feminismus, Antisemitismus, Medienmechanismen und moralische Schuld. Besonders eindrücklich ist dabei die Wut über bestehende Strukturen, die Täter oft schützen:

„wie beschissen die Welt ist und wie diese Männer mit ihrem miesen Verhalten durchkommen,“ (S. 219)

Kritisch anzumerken ist der teilweise sehr lockere Schreibstil, der dem ernsten Thema nicht immer gerecht wird. In manchen Momenten wirkt die Sprache fast zu leicht, was die Schwere der geschilderten Ereignisse etwas abschwächt.

Fazit:
Durch die Erzählweise aus verschiedenen Blickwinkeln der einzelnen Familienmitglieder erhält man einen umfassenden Überblick über die Auswirkungen von Machtmissbrauch und sexualisierter Gewalt. Hazel sagt Nein ist ein Buch zur richtigen Zeit – es regt zum Nachdenken und Diskutieren an, liefert wichtigen Gesprächsstoff und ist zugleich Literatur mit Haltung. Besonders für junge Leserinnen kann es bestärkend wirken und Mut machen, die eigene Stimme zu erheben.

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