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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 20.04.2026

Leises Highlight

Schlaf
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Honor Jones gelingt mit „Schlaf“ ein leiser, eindringlicher Roman, der lange nachhallt. Im Zentrum steht das fragile Geflecht zwischen Mutter und Tochter – eine Beziehung, die zugleich Nähe ...



Honor Jones gelingt mit „Schlaf“ ein leiser, eindringlicher Roman, der lange nachhallt. Im Zentrum steht das fragile Geflecht zwischen Mutter und Tochter – eine Beziehung, die zugleich Nähe verspricht und Distanz erzeugt. Es ist eine Geschichte über das Aufwachsen mit unausgesprochenen Spannungen, über Verletzungen, die nie offen benannt werden, und über die Frage, wie sehr uns unsere frühesten Bindungen formen.

Besonders eindrucksvoll ist die Art, wie Jones innere Zustände sichtbar macht. Ihre Sprache ist klar und fein gearbeitet, zugleich von einer stillen, fast schwebenden Traurigkeit durchzogen. Sie schreibt so zugänglich, dass man mühelos in die Handlung eintaucht, fordert dabei aber immer wieder dazu auf, zwischen den Zeilen zu lesen und über das Gesagte hinauszudenken.

Ein prägnanter Moment findet sich früh im Buch:
„Sie fragte sich oft: Was war der Sinn ihres Daseins? Sie war zehn Jahre alt.“ (S. 28)
Dieses Zitat bringt die existenzielle Schwere auf den Punkt, die wie ein leiser Unterton die gesamte Erzählung begleitet. Es zeigt, wie früh Zweifel und Unsicherheit in einem Kind wachsen können, wenn emotionale Orientierung fehlt.

Der Roman stellt dabei eine unbequeme Frage: Was geschieht, wenn ausgerechnet die Person, die Sicherheit und Halt geben sollte, nicht erreichbar ist? Jones beschreibt eindringlich, wie sich daraus ein innerer Raum aus Sehnsucht, Enttäuschung und unausgesprochenen Vorwürfen entwickelt – Gefühle, die oft ein Leben lang nachwirken.

Schlaf ist kein lautes Buch, sondern eines, das sich vorsichtig entfaltet. Gerade in dieser Zurückhaltung liegt seine Stärke. Es ist ein sensibles, klug beobachtetes Porträt familiärer Verbindungen – und der Spuren, die sie in uns hinterlassen.

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Veröffentlicht am 23.03.2026

Stark begonnen, schwer zu folgen

Die Geister von La Spezia
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Ein interessantes Buchcover und eine vielversprechende Inhaltsangabe wecken zunächst hohe Erwartungen an diesen Roman. Tatsächlich handelt es sich auch um ein außergewöhnliches Werk, das sich ...

Ein interessantes Buchcover und eine vielversprechende Inhaltsangabe wecken zunächst hohe Erwartungen an diesen Roman. Tatsächlich handelt es sich auch um ein außergewöhnliches Werk, das sich deutlich von klassischer Erzählstruktur und gängigen Genre-Konventionen abhebt. Oliver Plaschka verfolgt einen ungewöhnlichen Schreibstil, der stellenweise poetisch und atmosphärisch dicht wirkt, gleichzeitig aber auch fordernd für die Lesenden ist.

Gerade diese Besonderheit wird jedoch schnell zur Herausforderung: Die Geschichte erscheint über weite Strecken verwirrend und schwer greifbar. Es fehlt ein klar erkennbarer roter Faden, der durch die Handlung führt. Dadurch wird es zunehmend schwierig, der Story zu folgen oder eine emotionale Verbindung zu den Figuren aufzubauen. Einzelne Szenen wirken zwar interessant und geheimnisvoll, fügen sich jedoch nicht zu einem stimmigen Gesamtbild zusammen.

Während manche Leserinnen und Leser gerade die Komplexität und Offenheit des Romans schätzen könnten, führt sie in diesem Fall eher dazu, dass die Handlung nicht wirklich nachvollziehbar bleibt. Das nimmt dem Buch einen Teil seines Potenzials, denn die Grundidee wirkt durchaus spannend und originell.

Insgesamt ist Die Geister von La Spezia ein mutiger, aber auch anspruchsvoller Roman, der nicht leicht zugänglich ist. Wer Freude an experimenteller Literatur hat, könnte hier dennoch auf seine Kosten kommen – für alle anderen bleibt die Geschichte jedoch eher schwer verständlich und wenig greifbar.

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Veröffentlicht am 08.03.2026

Mixtape-Kindheit

Mit beiden Händen den Himmel stützen
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„Es sind die Achtzigerjahre, und überall wird geraucht.“ (S. 64)

Mit diesem Satz bringt Lilli Tollkien sofort die Atmosphäre ihres Romans Mit beiden Händen den Himmel stützen auf den Punkt: ...


„Es sind die Achtzigerjahre, und überall wird geraucht.“ (S. 64)

Mit diesem Satz bringt Lilli Tollkien sofort die Atmosphäre ihres Romans Mit beiden Händen den Himmel stützen auf den Punkt: eine Zeit voller Freiheit, Exzess und Grenzenlosigkeit – aber auch voller Gefahren für diejenigen, die darin aufwachsen müssen.

Im Zentrum der Geschichte steht die kleine Lale, die in einer Männerkommune groß wird. Umgeben von Drogen, anarchistischen Idealen und einem Lebensstil, der sich bewusst gegen bürgerliche Regeln stellt, versucht sie, in einer Welt zu überleben, die für ein Kind kaum Halt bietet. Was für die Erwachsenen Freiheit bedeutet, wird für Lale oft zu Unsicherheit und Bedrohung. Besonders erschütternd sind die Momente, in denen sexuelle Übergriffe angedeutet oder thematisiert werden – Situationen, in denen deutlich wird, wie schutzlos ein Kind in einem scheinbar grenzenlosen Umfeld sein kann.

Tollkien erzählt diese Geschichte nicht nur als nüchterne Erinnerung, sondern als emotional aufgeladene Collage aus Momenten und Stimmungen. Das Buch wirkt dabei fast wie eine Playlist der Achtzigerjahre: Jedes Erlebnis, jede Erinnerung scheint von einem Song begleitet zu werden. Musik wird zum Soundtrack der Kindheit – mal tröstend, mal ironisch, mal schmerzhaft passend. Dadurch entsteht eine besondere Erzählstruktur, in der persönliche Erinnerungen, Popkultur und Zeitgeschichte ineinandergreifen.

Gerade dieser Kontrast macht den Roman so eindringlich: Während die Musik der Achtziger für viele ein Gefühl von Nostalgie und Freiheit hervorruft, zeigt Tollkien die Schattenseiten dieser Zeit. Hinter den rebellischen Idealen der Erwachsenen verbirgt sich eine Realität, in der ein Kind lernen muss, stark zu sein, um nicht unterzugehen.

„Mit beiden Händen den Himmel stützen“ ist damit weit mehr als eine nostalgische Rückschau auf die Achtzigerjahre. Es ist eine intensive, teilweise schmerzhafte Auseinandersetzung mit Kindheit, Erinnerung und der Frage, wie viel Freiheit eine Gesellschaft verträgt, ohne ihre Schwächsten aus dem Blick zu verlieren.

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Veröffentlicht am 08.02.2026

Eigenheim mit Nebenwirkungen

Tödliches Angebot
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Marisa Kashino liefert mit „Tödliches Angebot“ einen Thriller, der sich leise anschleicht und am Ende gnadenlos zupackt. Der rasante Schreibstil sorgt dafür, dass man schnell in die Geschichte ...

Marisa Kashino liefert mit „Tödliches Angebot“ einen Thriller, der sich leise anschleicht und am Ende gnadenlos zupackt. Der rasante Schreibstil sorgt dafür, dass man schnell in die Geschichte hineingezogen wird, während der schwarze Humor immer wieder überraschende, fast bissige Akzente setzt.

Im Mittelpunkt steht eine Protagonistin, deren manischer Wahn, ihr absolutes Traumhaus um jeden Preis zu bekommen, zunehmend außer Kontrolle gerät. Ihre Gedankenwelt ist intensiv, teils verstörend und gleichzeitig faszinierend – man spürt förmlich, wie sich Realität und Obsession immer weiter vermischen. Aussagen wie „Du liebe Zeit, muss ich denn wirklich immer die gesamte Denkarbeit übernehmen?“ oder „Wie so oft werde ich diejenige sein, die eine Lösung finden muss.“ unterstreichen ihre innere Getriebenheit und ihren zunehmenden Kontrollzwang.

Die Spannung baut sich eher subtil auf, doch zum Schluss nimmt die Handlung deutlich an Tempo und Intensität zu. Ab diesem Punkt konnte ich das Buch klar als Psychothriller einordnen: düster, nervenaufreibend und psychologisch clever konstruiert. Gerade das Finale hat mich gefesselt und die vorherige Entwicklung konsequent auf den Punkt gebracht.

„Tödliches Angebot“ ist ein Thriller für Leserinnen und Leser, die psychologische Abgründe, schwarzen Humor und eine außergewöhnliche, nicht immer sympathische Hauptfigur schätzen – mit einem Ende, das nachhaltig Eindruck hinterlässt.

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Veröffentlicht am 16.01.2026

Leise, stark, bewegend

Niemands Töchter
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Aufmerksam geworden bin ich auf Niemands Töchter durch das wunderschöne Buchcover. Doch vor allem der tief emotionale Inhalt hat mich berührt und mir zugleich schöne wie auch traurige Lesestunden ...

Aufmerksam geworden bin ich auf Niemands Töchter durch das wunderschöne Buchcover. Doch vor allem der tief emotionale Inhalt hat mich berührt und mir zugleich schöne wie auch traurige Lesestunden geschenkt. Im Mittelpunkt stehen vier Frauen – Marie, Gabriele, Alma und Isabell –, deren Lebensgeschichten sensibel und eindrucksvoll erzählt werden.

Die Autorin schreibt feinfühlig und nah an ihren Figuren, sodass man ihre Gedanken, Zweifel und Sehnsüchte gut nachvollziehen kann. Themen wie Zugehörigkeit, Familie und Identität ziehen sich berührend durch den Roman. Besonders schön ist die dem Buch beigefügte Playlist, die die Stimmung der Geschichte wunderbar aufgreift und das Leseerlebnis auf eine besondere Weise vertieft.

Ein bewegender Roman mit starken Frauenfiguren, der lange nachhallt und sehr empfehlenswert ist.

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