Platzhalter für Profilbild

lesestoff3inge

aktives Lesejury-Mitglied
offline

lesestoff3inge ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit lesestoff3inge über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 19.08.2025

Ein guter gesellschaftskritischer Roman

Die Ferien
0

Ein wunderbares Feriencover, aber keine klassische Feriengeschichte, sondern eine gesellschaftskritische Satire ist dieser Roman von Weike Wang. Für Nate und Keru werden die Ferien zum Stressfaktor, aber ...

Ein wunderbares Feriencover, aber keine klassische Feriengeschichte, sondern eine gesellschaftskritische Satire ist dieser Roman von Weike Wang. Für Nate und Keru werden die Ferien zum Stressfaktor, aber so ist das vielleicht auch, wenn man die Eltern einlädt ???
Die beiden haben sich an der Universität kennengelernt und geheiratet. Nate stammt aus einer weißen Arbeiterfamilie (Trump-Anhänger). Nate wird Wissenschaftler mit dem Forschungsschwerpunkt Fruchtfliegen. Keru arbeitet als Unternehmensberaterin. Sie ist mit sechs Jahren mit ihren Eltern aus China in Amerika eingewandert. Nate und Keru führen ein glückliches Leben in New York, Kinder sind nicht vorgesehen, dafür haben sie die Hirtenhündin Mantou.
Zu ihren Eltern haben beide einen distanzierten Kontakt, doch nach der Pandemie haben sie vielleicht ein schlechtes Gewissen und laden ihre Eltern nacheinander zu einem gemeinsamen Urlaub am Meer ein. Und hier wird die Geschichte richtig lustig. Die chinesischen Eltern sind extrem überkorrekt und ängstlich. Sie wollen das Haus nicht verlassen und erwarten eine klinisch saubere Umgebung. Selbst der Hund muss sich die Pfoten vor der Haustür spülen lassen. Und dann das ewige Thema mit den Enkelkindern. Die amerikanische Familie ist zwar locker, aber ebenso engstirnig und rassistisch. Im zweiten Teil kommt noch eine extrem übergriffige Nachbarfamilie mit Kindern ins Boot, die das Paar als Dinky bezeichnet (Double income no kids). Vor allem Keru ist verärgert darüber, dass ihr Lebenskonzept, kinderlos zu bleiben, von der Gesellschaft nicht akzeptiert wird. Und dann taucht plötzlich Nates Bruder mit seiner Freundin auf.
Mir hat die kluge Auseinandersetzung mit Kultur, Identität und Liebe gefallen. Es werden unbequeme Fragen gestellt. Der Roman folgt ihren Wegen durch Konflikte, Missverständnisse und kleinen Alltagsmomenten. Die Geschichte ist kein klassischer Roman, sondern zeigt, was passiert, wenn Vorurteile sichtbar werden und überwunden werden müssen. Es gibt keinen Spannungsbogen im eigentlichen Sinne. Die Sprache ist nüchtern, die Figuren sind vielschichtig. Keru wird nicht als „chinesische Kultur“, Nate nicht als „der Westen“ reduziert; beide werden als komplexe Individuen gezeigt, deren Wünsche und Ängste sich mit ihren Identitäten verankern. Der Humor ist manchmal sehr scharf und dann wieder heilend.
Mir hat dieser gesellschaftskritische Roman gut gefallen und ich empfehle ihn gerne weiter.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 05.08.2025

Potsdamer Konferenz 1945

Schwestern des brennenden Himmels
0

„Du musst dir vorstellen, was diese Menschen mit den Juden gemacht haben. Das unermessliche Leid, das sie ihnen zugefügt haben. Alle, die du hier siehst – alles nur Schlächter.“ (S.49)
„Schwestern des ...

„Du musst dir vorstellen, was diese Menschen mit den Juden gemacht haben. Das unermessliche Leid, das sie ihnen zugefügt haben. Alle, die du hier siehst – alles nur Schlächter.“ (S.49)
„Schwestern des brennenden Himmels“ ist ein packender historischer Roman, der im Jahr 1945 in Potsdam spielt – am Ende des Zweiten Weltkriegs, während die Alliierten über das Schicksal Deutschlands verhandeln. Im Mittelpunkt steht die 23-jährige Ann, die fließend Englisch und Deutsch spricht. Ihre Herkunft ist ein Geheimnis, denn sie ist 1934 mit ihren Eltern nach London geflohen. Während des Krieges war sie Flakhelferin, jetzt ist sie im britischen Frauenkorps ATS und kümmert sich um die Unterkünfte der Konferenzteilnehmer. Doch ihre Gedanken kreisen auch um ihre verschollene Verwandtschaft in Potsdam, das russisch besetzt ist. Mit einem Passierschein, den sie nur schwer bekommt, versucht sie, ihre Familie zu finden. Als sie den amerikanischen Soldaten Jackson kennenlernt, entwickelt sich eine besondere Verbindung – doch Ann hält ihre wahre Identität bis zum Schluss geheim.
Hanna Caspian verwebt geschickt Fiktion und historische Fakten: Vergewaltigungen, Depressionen, Lebensmittelknappheit, Schwarzmarkt, die Bilder der befreiten Konzentrationslager und die erschütternden Szenen aus den Waggons voller Leichen. Es ist verständlich, warum die Deutschen damals als Monster gesehen wurden. Der Roman macht die historischen Ereignisse lebendig und zeigt gleichzeitig die persönlichen Schicksale von Ann und Jackson, ihre Gefühle und Konflikte.
Ein absolut empfehlenswerter Roman für alle, die spannende Geschichte mit tiefgründigen Charakteren lieben.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 05.08.2025

Eine Mutter verlässt ihre Kinder

In den Augen meiner Mutter
0


„Wir können nicht anders, als den ausgetretenen Pfaden zu folgen, selbst wenn es uns klar ist, dass sie im Unheil enden.“ (S.114)
Nancy ist Mutter von zwei Kindern, Georgie und Dan, aber sie ist keine ...


„Wir können nicht anders, als den ausgetretenen Pfaden zu folgen, selbst wenn es uns klar ist, dass sie im Unheil enden.“ (S.114)
Nancy ist Mutter von zwei Kindern, Georgie und Dan, aber sie ist keine glückliche Mutter. Und der Ehemann arbeitet die ganze Zeit und möchte doch nur eine glückliche Familie. Das Drama einer dysfunktionalen Familie wird mit jeder Seite in diesem Roman deutlicher. In einem zweiten Erzählstrang wird die Geschichte der hochschwangeren Tochter Georgia (der Ehemann ist auf einer Geschäftsreise) erzählt, die in den sozialen Medien ein Bild ihrer seit 20 Jahren verschwundenen Mutter sieht. Sie ruft ihren Bruder Dan an, mit dem sie seit ein paar Jahren in einem schwierigen emotionalen Verhältnis steht und die beiden begeben sich auf einen spannenden Roadtrip. Es ist eine Reise in die schottischen Highlands und in die 80iger Jahre, wobei wir nach und nach erfahren, warum Nancy ihre Familie verlassen hat. Die Autorin beschreibt die Auswirkungen von Lügen und Geheimnissen auf die ganze Familie und deren Wechselwirkungen. Die Gedanken und Gefühle der einzelnen Protagonisten werden so authentisch beschrieben, dass sie sehr gut nachvollziehbar sind. Ich bin nur so durch die Seiten geflogen, weil ich auch unbedingt wissen wollte, warum Nancy ihre Kinder verlassen hat.
Eine sehr emotionale und spannende Geschichte, die zum Nachdenken anregt. Warum wird eine Frau, die ihre Kinder verlässt, immer noch kritischer behandelt als ein Mann?
Ich habe diesen tiefgründigen Roman sehr gerne gelesen und empfehle "In den Augen meiner Mutter" unbedingt weiter.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 13.07.2025

WACHSEN UND DAS ALTE ABSTREIFEN

Die Hummerfrauen
0

Wer das Meer liebt, wird auch dieses Buch lieben, denn der Roman spielt in dem fiktiven Ort Stone Harbor in Main/USA und die Haupteinnahmequelle dort ist der Hummerfang. Zentrale Figuren sind drei Frauen. ...

Wer das Meer liebt, wird auch dieses Buch lieben, denn der Roman spielt in dem fiktiven Ort Stone Harbor in Main/USA und die Haupteinnahmequelle dort ist der Hummerfang. Zentrale Figuren sind drei Frauen. Anne ist 72 Jahre alt und eine erfahrene Hummerfischerin, die mit einem blauen Hummer namens Mr Darcy zusammenlebt. Mr. Darcy ist ein wenig gewöhnungsbedürftig, aber eine sehr schöne Metapher dafür, zu wachsen und das Alte abzustreifen. Und wie schön ist erst der Schutzumschlag: Darunter befindet sich der äußerst seltene blauen Hummer. Dann gibt es noch die Freundin Julie, 54 Jahre alt, die auch auf einem Hummerboot arbeitet. Schließlich kommt noch die 28jährige Mina dazu, die von einem Fischer am Strand gefunden wird und bei Anna unterkommt. Alle drei Frauen haben eine leidvolle Geschichte zu verarbeiten und eine Sehnsucht in sich, die sie mit der harten Arbeit auf dem Meer, dem Hummerfang und ihrer Freundschaft bewältigen. Und obwohl das Leben in Stone Harbor sehr mühselig ist, bleiben die drei Frauen dort. „Es gab aber auch niemanden, der wirklich wegwollte aus diesem Blau und dem Glitzern des Meeres an guten Tagen, aus der feuchten, salzigen Luft, die sich wie ein Pflaster auf ihre Wunden und Wahrheiten legte, die einige unter ihnen am liebsten versteckt hätten.“ (S.8) Nach und nach erfährt man die Geschichte der drei Frauen, Liebe und Verlust, einem tödlichen Bootsunfall, eine alkoholkranke Mutter, einen Motorradunfall. Aber der Sommer, das Meer und auch ein bisschen Mr. Darcy helfen die Trauer zu überwinden und an einen Neuanfang zu glauben.
Beatrix Gerstenberger erzählt die Geschichte sehr langsam und eindringlich mit vielen Beschreibungen der Landschaft und des Meeres. Ann, Julie und Mina lernen entgegen der Meinung der traditionellen Fischer das Hummerfischen sehr gut und für alle drei spielt das Meer eine immer wichtigere Rolle.
Die raue Ostseeküste und das glitzernde Meer. Der perfekte Leseeinstieg in die Sommerferien.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 29.12.2021

Trügerische Nachbarschaftsidylle

Die Bosheit
0

74/11/5: Matthias Edwardson: Die Bosheit. München 2021, 444 Seiten


Mikael und seine Familie freuen sich auf einen Neuanfang in einer kleinen Wohnsiedlung mit freundlichen Nachbarn. Doch ist die Nachbarschaft ...

74/11/5: Matthias Edwardson: Die Bosheit. München 2021, 444 Seiten


Mikael und seine Familie freuen sich auf einen Neuanfang in einer kleinen Wohnsiedlung mit freundlichen Nachbarn. Doch ist die Nachbarschaft wirklich so harmonisch wie es scheint? Spätestens als seine Frau Bianca mit dem Auto in der Siedlung angefahren wird, hat Mikael den Verdacht, dass es kein zufälliges Unglück ist.

Mein Leseeindruck:

Obwohl Mikael, seine Frau Bianca und ihre zwei Kinder sich fest vorgenommen haben, keine engen Nachbarschaftsverbindungen einzugehen, lernen sie doch nach und nach die Nachbarn kennen und werden auch zu Festen eingeladen. Und natürlich sprechen die Nachbarn auch übereinander und dann wandelt sich die harmonische Atmosphäre in immer größere Bosheiten. Spannend wird der Roman durch die wechselnden Perspektiven und die gut nachvollziehbaren Charaktere mit ihren Geheimnissen. Die Kapitel sind kurz und knackig und die Handlung hat einen kontinuierlichen Spannungsbogen mit alltäglichen Gruselgeschichten. Spannend fand ich auch den Wechsel von Gegenwart und Vergangenheit.

Fazit:
Ein schnell zu lesender psychologischer Spannungsroman mit überraschendem Ende. Meine Empfehlung mit 5 Sternen.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere